Flexible Ausgestaltung der Arbeit – ein paar Überlegungen

Ich bin derzeit im Mutterschutz und meine Arbeitgeberin sucht eine Vertretung für meine Elternzeit. Aufgrund verschiedener Umstände ist sie damit eher spät dran, so dass ich höchstens 10 Monate von 12 (inkl Mutterschutz) vertreten werden werde. Das ist für alle Beteiligten sehr ärgerlich, weil ich mein Aufgabengebiet weitgehend allein bearbeite. Somit bleibt derzeit Arbeit liegen und meine Vertretung wird sich ohne meine Unterstützung einarbeiten müssen. Ich habe ein bisschen gegrübelt, wie sich das hätte verhindern lassen können und bin darüber zu Überlegungen zur Gestaltung von modernen Arbeitsplätzen ganz allgemein gekommen:

Viele Elternteile, Väter wie Mütter, sehen sich heute in der Situation, das sie gern weiter einem verantwortlichen Job nachgehen würden, auch wenn sie – kleine – Kinder haben, ihnen aber recht klar gesagt wird: in Teilzeit geht das nicht. Ich kenne Menschen, bei denen selbst eine Reduktion auf 80% der Arbeitszeit dazu geführt hätte, dass ihnen Führungsverantwortung wieder entzogen worden wäre. Mütter werden oft -widerrechtlich – vor die Wahl gestellt 50% in einer weniger interessanten Aufgabe oder 100% im alten Job. Andere Lösungen wie etwa 65 oder 75% stehen nicht zur Debatte. Auch eine Elternzeit von mehr als zwei Monaten gilt in vielen Fällen als Garant für Nachteile im Job im Nachgang. Nachteile, die Frauen mehrheitlich dann in Kauf nehmen und die Männer mehrheitlich dazu zu bewegen scheinen, dann eben nur kurz in Elternzeit zu gehen.

Das Bedürfnis, die Wochenarbeitszeit zu reduzieren oder längere Auszeiten nehmen zu können ist aber keinesfalls auf Eltern beschränkt. Eine moderne Arbeitsumgebung sollte jeder/m Arbeitnehmer/in möglich machen, selbst Herr/in über seine/ihre Aufteilung von Arbeit und Freizeit zu sein. 

Die absehbare stärkere Automatisierung und zunehmende Digitalisierung legt außerdem nahe, dass wir zukünftig eher ein Überangebot an Arbeitskraft haben werden und dass die Arbeit noch weniger als bisher zwangsläufig ab einer festen Arbeitsstätte wird stattfinden müssen. Eine Flexibilisierung der Arbeitszeit und des Arbeitsortes würde also auch im Sinne der Arbeitgeber und des gesellschaftlichen Friedens sein.

Wie aber sollte das vonstatten gehen, wenn ja offenbar der/die einzelne so unverzichtbar ist  oder die Arbeitsabläufe so unflexibel, dass außer den Varianten „Mehr als Vollzeit, am besten immer am festen Arbeitsplatz“ und „50% an 5 Tagen a 4 Stunden und nur bei Zuarbeit, keinesfalls mit Verantwortung“ keine Ausgestaltung denkbar ist? 

Ich glaube, das Problem hängt viel damit zusammen, wie wir Arbeit und Aufgaben organisieren. Denn tatsächlich, dass ich jetzt nicht im Büro bin führt dazu, dass meine Arbeit nicht gemacht wird. Dass ich in einen Job mit Verantwortung werde zurückkehren können, auch in Teilzeit, habe ich dem Umstand zu verdanken, dass ich im öffentlichen Dienst tätig bin und dass meine Vorgesetzten mich außerordentlich zu schätzen wissen. Ich kenne auch im direkten Umfeld im öffentlichen Dienst Frauen, denen nach der Rückkehr aus der Elternzeit eine zugesagte Beförderung versagt wurde, selbst bei Rückkehr in 100%. Auch bei meinem Mann wird die Elternzeit dazu führen, dass seine Arbeit nicht adäquat fortgeführt werden wird. Für uns beide wird das bedeuten, dass wir einerseits in der Elternzeit nicht 100% raus sein werden, sondern mal schnell Mails checken, ein kurzes Telefonat und ähnliches werden vermutlich sein müssen, um unser „Hoheitswissen“ abzurufen. 

Wie könnte das besser laufen?

Ich denke, wir müssen Arbeitsplätze und Aufgabengebiete flexibler, komplementärer, weniger monolithisch sehen. Als ich meine Stelle angetreten bin, war sie mit 100% ausgeschrieben und wurde mit mir zu 75% besetzt. Obwohl ich angeboten hatte, sie auch 50-50 mit einer zweiten Person zu teilen. Es war meiner Arbeitgeberin lieber, dass ich in 30 Stunden die Arbeit von 40 Stunden mache als die Aufgaben sinnvoll auf zwei Arbeitsplätze zu verteilen, die sich ergänzen. Das führte natürlich zu erheblichem Stress für mich und gleichzeitig dazu, dass jetzt eben auch eine Lücke entsteht, die so nicht da wäre, wären wir zu zweit. Das Gedankenspiel funktioniert aber auch für 100% Stellen. Wenn ein Mitarbeiter mit einem speziellen Aufgabengebiet aufgrund von Elternzeit, Krankheit, Sabbatical ausfällt, ist seine Arbeit vakant, eine Vertretung muss mühsam eingearbeitet werden, der Übergang ist ruckelig, ein Wiedereinstieg nur unflexibel und in exakt den selben Konditionen oder gar nicht möglich. Weil wir Personen und Aufgabengebiete deckungsgleich denken. Person A macht Aufgabe X, Person B macht Aufgabe Y usw. Was wäre aber nun, hätten A und B gemeinsam X und Y verantwortet. Dann könnte einer von beiden die Vertretung des anderen problemlos einarbeiten und ggf auch kurzfristig vertreten. Das Wissen um beide Aufgaben wäre zumindest passiv verfügbar, es würde immernoch die zeitliche Kapazität, nicht jedoch das Know-How fehlen. 

Natürlich, es gäbe Abstimmungsbedarf. Das muss man einkalkulieren. Es müsste manchmal womöglich mehr gesprochen werden. Aber vielleicht gewinnt man so gleichzeitig auch verschiedene Perspektiven auf ein Problem, entdeckt evtl. Fehler früher. Und womöglich, wie krass wäre das denn, hätte man gleich zwei motivierte und engagierte Mitarbeitende. 

Kann man ja mal drüber nachdenken. Meine Arbeitgeberin wird das müssen. Denn ich kehre zunächst mit 50% zurück, in ein dann womöglich sogar gewachsenes Aufgabengebiet, mit (Personal-)Verantwortung in dem ich glücklicherweise gut und schlecht zu ersetzen bin. Und ich teile das dann auch echt gern, allein machen will ich es aber nicht. Liegt dann halt an den Chefinnen und Chefs, ob sie mir eher eine/n Assistent/in oder eine/n Kollegin/en an die Seite stellen, nicht?

Arm und reich – wie unfair ist die Welt?

Wer mir auch auf twitter folgt, der mag schon bemerkt haben, dass ich nicht direkt Fan von Statistiken zur Ungleichverteilung insb. von der OXFAM-Studie bin. Das hat einerseits damit zu tun, dass ich die Studie für methodisch fragwürdig halte. Die Messung von Vermögen ist relativ schwierig. Aber es gibt auch inhaltlich Kritik. Ich finde es sehr wichtig, ein Gefühl dafür zu haben, wie ungleich sich die ökonomischen Ausstattungen auf die Menschen verteilen. Mich stören allerdings oft die Argumente, die damit verbunden werden. Es fängt schon damit an, dass Einkommensungleichheit und Vermögensungleichheit quasi austauschbar genutzt werden. Die OXFAM-Studie z.B. erfasst Vermögen, und dies wäre, dem Titel nach auch der Auftrag eines Armuts- und Reichtumsberichts, dieser erfasst allerdings auf der Reichtumsseite vor allem Einkommen (weil Vermögen halt total schwer zu messen sind). Überhaupt wird Ungleichheit oft mit Einkommen argumentiert, bspw. das viel gerühmte Maß, wieviele Jahre ein Arbeiter arbeiten müsste für ein Managergehalt. Das ist natürlich beeindruckend, wenn da eine Zahl jenseits der 3000 steht – allein es sagt relativ wenig darüber ob der Arbeiter arm oder der Manager reich ist – denn Reichtum und Armut sind Bestandsmaße, die sich an Vermögen/Schulden, nicht an Einkommen messen, das eine Flussgröße darstellt.

Begriffliches Fachchinesisch mag man da einwenden, wenn der Manager 3000 mal mehr verdient als der Arbeiter ist das ungerecht, fertig. Und wenn die reichsten 10 Leute soviel besitzen wie die ärmsten 10 Millionen (Zahlen hier aus der Luft gegriffen) dann ist das auch ungerecht. Ja. Ist es. Aber das Zitieren solcher riesigen Unterschiede läuft vollkommen am eigentlichen Problem vorbei, in meinen Augen trägt es sogar dazu bei, dass die Gesellschaft sich nicht einer gerechteren Verteilung verpflichtet sieht. Und das ist mein Haupt-Kritikpunkt an der OXFAM-Studie und allen methodisch ähnlich gelagerten. Indem die Ungleichverteilung auf den Vergleich Superreiche gegen Superarme zugespitzt wird, indem die Einkommen des Top-Perzentils oder sogar der Top 0,1% mit denen des untersten Dezils o.ä. verglichen werden, werden all diejenigen aus der Verantwortung entlassen, denen es – nach allen Maßstäben des Wohlstands – auch ziemlich gut geht. Uns. Uns westlichen Mittelschicht-Akademikern in prinzipieller materieller Sorglosigkeit. Denn wenn es ja die Superreichen sind, die schon den ganzen Kuchen für sich haben, dann muss ich ja nix abgeben, oder? Nur sehr selten wird berichtet, wo genau die Armutslinie und das Medianeinkommen denn so liegen. Da würde sich manch einer doch wundern, dass er/sie schon deutlich über Medianeinkommen verdient, wo er/sie doch höchstens untere Mittelschicht ist und überhaupt man hört doch, gerade der Mittelschicht gehe es ja schlecht, die stehe ja kurz vor der Ausrottung. Nein! Es geht uns gut. Uns Mittelschicht im innerdeutschen Vergleich, uns Deutschen im europäischen Vergleich, uns Europäern im weltweiten Vergleich. Nicht nur die Donald Trumps, Bill Gates, Gebrüder Aldi und Spitzensportler profitieren von der Armut der Ärmsten, sondern wir alle. Es mag sein, dass die Einkommensverteilung derzeit innerhalb der Industrienationen latent ungleicher wird. Aber sie ist immernoch recht komfortabel fair im Vergleich mit der Einkommensverteilung in der Welt und mit der, der unsere eigenen Vorfahren ausgesetzt waren.

Daher: ein kurzer Blick in die Geschichte und die Welt.

Einkommens- und Vermögensungleichheit war immer ein Teil der menschlichen Gesellschaften seit wir sesshaft geworden sind. Das hat einerseits damit zu tun, dass wir quasi schon immer das Erben als Instrument der Vermögensweitergabe kannten, das fast automatisch zu einer Akkumulation des Reichtums in einer kleinen Elite führt und dass das ökonomische Schaffen schon immer auf der Bereitstellung von nicht nur Arbeit sondern auch Kapital beruhte und Kapital knapper war und ist als Arbeit. (Hierzu empfehlenswert die Folgen zur Entstehung des Kapitalismus beim Podcast „Kapitalismus mal anders“). Die Akkumulation von Reichtum unter Ausbeutung der Ärmsten war sowohl in den frühen Hochkulturen als auch im Mittelalter allgegenwärtig. Dabei war das römische Reich latent etwas fairer als sowohl Ägypten als auch das europäische Mittelalter, allerdings nur insofern als es eine gewisse Grundsicherung durch Nahrungszuweisungen gibt und als die meisten „Daten“ zu Vermögen im römischen Reich nur römische Bürger erfassen und die Ärmsten der römischen Gesellschaft natürlich Sklaven ohne Bürgerrechte waren. Ansonsten galt in Rom wie im mittelalterlichen England: eine verschwindend kleine Elite besaß alles und der Rest besaß nichts. Eine Tendenz zu etwas mehr Gleichverteilung ließ sich erst mit Etablierung eines Bürgertums erkennen, allerdings war es auch hier noch so, dass die bürgerliche Schicht klein und die bäuerliche Schicht riesig war, was sich nahtlos in die Industrialisierung übertrug. Nun war halt der Reichtum nicht mehr auf Adel und Klerus sondern auf Großindustrielle konzentriert und wuchs im Wesentlichen auf Kosten der Arbeiter anstatt, wie bisher, auf Kosten der Bauern. Aus Vermögenssicht entspricht dies sogar einer Verschlechterung der Verteilung, da in der vorindustriellen Zeit freie Bauern zwar wenig Einkommen generierten, aber zumindest Besitzer der eigenen Produktionsmittel waren, während die Industrialisierung dazu führte, dass Arbeiter nur noch ihre Arbeitskraft nicht jedoch auch das Kapital besaßen, das in Gänze in Händen weniger lag.

Auftritt: Gewerkschaften. Erst mit Entstehung des Gewerkschaftswesens, der SPD und der Verbreitung sozialistischer Ideen wurde wieder eine Grundsicherung eingeführt (die es im römischen Reich schonmal in Ansätzen gab), es entstand die Idee der Absicherung für Einkommensausfälle und der Umverteilung mittels Steuern und Transfers. Und somit sehen wir: frühestens das zwanzigste Jahrhundert brachte uns erstmals eine als gerechter zu bezeichnende Verteilung von Vermögen und Einkommen. Wesentlich sogar erst die Nachkriegszeit, in der es einfach so verdammt gut lief, dass es leicht war, in großem Umfang umzuverteilen. Es gab nicht viele Rentner (die waren praktischerweise im Krieg gefallen oder so krank durch die Produktionsbedingungen, dass sie nur wenige Jahre der Rente erlebten), so dass aus moderaten Beiträgen eine auskömmliche Rente zu finanzieren war. Hohe Steuern konnten durchgesetzt werden, weil die Gewinne in den Jahren des Wirtschaftswunders sprudelten. Und die Sozialkassen schwammen im Geld, da nur wenige Arbeitslose zu versorgen waren (hohe Arbeitsnachfrage, geringe Erwerbsbeteiligung der Frauen).

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Quelle: de.wikipedia.org/wiki/Datei:Lorenzkurve_Deutschland.jpg

Aber, auch der schönste Boom ist mal vorbei und entsprechend begann das Sozialsystem zu bröckeln, die Arbeitslosigkeit stieg, die Einkommen sanken. Das Ganze wurde natürlich verschärft dadurch, dass das Kapital sich produktivere Einsatzorte suchte und die Industrieproduktion sich nach Asien, Südamerika und in den geöffnete Ostblock verlagerte. Das hat nicht nur Job-Verluste nach sich gezogen, sondern auch bewirkt, dass der Zugriff auf das Kapital für den Staat sehr viel schwerer wurde und Instrumente wie Vermögenssteuer und Steuer auf Kapital weitgehend zahnlos wurden. Indes hat sich unser Lebensstandard durch diese Entwicklung keinesfalls verschlechtert. Das Pro-Kopf-Einkommen und der Pro-Kopf-Konsum liegen in Westdeutschland heute preisbereinigt um ca. das fünffache höher als in den 1950er Jahren. Auch in Ostdeutschland ist seit 1991 das Einkommen immerhin um etwa ein Fünftel angestiegen. Gleichzeitig ist die durchschnittliche Lebenserwartung massiv angestiegen, auch die Kaufkraft der Einkommen ist heute viel höher. Für den gleichen Warenkorb, für den ein Arbeiter 1950 eine Stunde arbeiten musste, arbeitet ein Arbeiter 2008 nur noch 11 Minuten.

Allerdings flacht der positive Trend in der Einkommensentwicklung ab. Was vollkommen normal ist, kein Land kann auf ewig mit Raten von jenseits der 5% wachsen, denn wer soll denn all das produzierte kaufen? Wir haben nur 24 Stunden am Tag und durchschnittlich 80 Jahre an Lebenserwartung, um auch wieder zu konsumieren, was wir erwirtschaften. Solang Mangel an allem herrscht, wie nach dem Krieg, wächst die Nachfrage. Eine Gesellschaft, die schon alles hat, kann sich nicht selbst immer dicker füttern. Und die Auslandsnachfrage, die Deutschland ohnehin schon seit Jahrzehnten über Wasser hält, kommt auch irgendwann an ihre Grenzen.

Und damit kommen wir zum zweiten wichtigen Vergleich: es geht uns nicht nur historisch gut, sondern auch gemessen am Rest der Welt.

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Quelle: https://commons.wikimedia.org/wiki/File:2013_Gross_National_Income_GNI_per_capita_Purchasing_Power_Parity_PPP_per_World_Bank,_India_compared.svg

Genau genommen leben wir vom Konsum des Rests der Welt und leisten uns unseren verschwenderischen Konsum aufgrund der geringen Einkommen im Rest der Welt. Schon im europäischen Vergleich sind wir zwar nicht – wie wir es bestimmt alle gern wären – die Spitzenreiter, aber belegen eine komfortable Position im oberen Drittel der Verteilung der Nettohaushaltseinkommen. In der Welt liegt wiederum Europa neben den USA an der Spitze und nach unten ist das ganze quasi offen ins Bodenlose. Die deutschen Einkommen sind außerdem gleicher verteilt als im Schnitt des Euroraums, im europäischen Vergleich liegen wir im Mittelfeld, das oberste Quintil der deutschen Einkommen ist etwa 4,5 mal so hoch wie das unterste Quintil, verglichen mit dem gerechtesten Land Norwegen, das ein Verhältnis von 3,2 aufweist und dem ungerechtesten Land Lettland, das ein Verhältnis von 7,3 hat. Ich möchte keinesfalls den Eindruck erwecken, dass es Armen in Deutschland zu gut gehe. Es ist bedenklich und erschreckend, dass in bestimmten Gruppen, ganz besonders unter den Alleinerziehenden das Armutsrisiko so hoch ist.

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Quelle: http://www.destatis.de/DE/ZahlenFakten/GesellschaftStaat/EinkommenKonsumLebensbedingungen/EinkommenEinnahmenAusgaben/EinkommenEinnahmenAusgaben.html

Allerdings bringt es auch hier nichts mit dem Finger auf die 1% Reichen zu zeigen. Viel eher muss man sich fragen, wie ein Sozial- und Steuersystem gestaltet sein sollte, um das Armutsrisiko zu senken. Und das bedeutet im Kontext der Alleinerziehenden vielleicht nicht steuerfinanzierte Transfers sondern gute flexible Betreuungsangebote, finanzierbarer Wohnraum, bessere Absicherung gegen Altersarmut. Und solche Umstrukturierungen müssten alle mittragen. Nicht nur die Superreichen.

Und was entsetzlich vielen, auch gebildeten, nicht bewusst ist, Armut ist aus ökonomischer Sicht ein relatives Konzept. Die Armutslinie orientiert sich am Medianeinkommen. In Deutschland gilt als arm, wer unter 40% des Medianeinkommens hat (das sind derzeit etwa 700€/Monat). Diese Art Armut zu messen ist auch vollkommen richtig. Allerdings mag dadurch in Vergessenheit geraten, dass ein armer Mensch in Deutschland pro Monat weit mehr Einkommen hat, als ein armer Mensch in Afrika (bspw. liegt die Armutsgrenze in Namibia derzeit bei 35€/Monat). Anders kann ich mir zumindest nicht erklären, dass auch durchaus gebildete Menschen sehr überrascht reagieren, wenn sie z.B. bei einer Reise nach Afrika damit konfrontiert werden, wie wenig vergleichbar die Lebensverhältnisse z.B. der Mittelschicht dort und hier sind. Und ich finde, genau diese Unterschiede müssen wir uns vor Augen führen. Ein recht einprägsamer Weg, dies zu tun sind z.B. Fotoprojekte wie dieses, die durchschnittliche Familien rund um die Welt mit all ihrem Besitz zeigen. Denn da wird dann schnell deutlich, was Unterschiede im Lebensstandard bedeuten. Hat die Familie z.B. ein Fortbewegungsmittel? Gibt es Bücher? Spielsachen?

Und berücksichtigt man dann noch, dass wir von genau diesen Unterschieden massiv profitieren. Denn nur solang der Lebensstandard in Afrika derart niedrig ist, können wir tropische Früchte, Kakao und Kaffee zu erschwinglichen Preisen kaufen und dabei noch etliche Zwischenhandelsstufen mit alimentieren. Nur solang einer Familie in Bangladesh nur ein Fahrrad für alle zur Verfügung steht, können wir T-Shirts für 10€ kaufen und dabei der Verkäuferin Mindestlohn garantieren und dem Konzern einen satten Gewinn. Dass bei uns überhaupt jemand sich das immense Konsumlevel, die Verschwendung und die geplante Obsoleszenz von einem durchschnittlichen Einkommen leisten kann, liegt daran, dass für so gut wie keines seiner Konsumgüter ein Lohn gezahlt wurde, der hier auch nur erwähnenswert wäre.

Und das ist in meinen Augen wichtiger als die Frage das BIP wievieler kleiner Entwicklungsländer Bill Gates verdient oder Neymar als Ablöse wert ist. Denn mit dem Finger auf Superreiche zu zeigen ist so unendlich viel einfacher, als selbst seinen Konsum einzuschränken und dafür z.B. nur noch Fair Trade zu kaufen.

Schwarzarbeit in deutschen Haushalten – wiesu denn bluß?

Das IW hat vor zwei Wochen eine Studie zur Schwarzarbeit in deutschen Haushalten vorgelegt, die breit in der Presse rezipiert wurde (hier, hier, hier). Die Studie kommt zu dem wenig überraschenden Ergebnis, dass mindestens 75% der Haushaltshilfen in Deutschland nicht angemeldet sind. Und das trotz relativ einfachem Anmeldeverfahren für haushaltsnahe Dienstleistungen, Absetzbarkeit und und und. Dadurch entgeht dem Staat sehr viel Geld. Relativ schwammig verbleibt die Studie zu den Gründen dieses Phänomens. Bzw. werden Gründe genannt, diese sind aber scheinbar teilweise nur gemutmaßt nicht erforscht worden: im Großen und ganzen sei das Beschäftigen einer nicht angemeldeten Putzhilfe quasi das schweizer Bankkonto des kleinen Mannes. Und der Staat müsse daran arbeiten, dass Schwarzarbeit nicht als Kavaliersdelikt gelte. Es gäbe gar kein Unrechtsbewusstsein. Ich habe insgesamt die eine oder andere Anfrage zur Methodik der Studie. Die Abschätzung des Anteils der schwarz Beschäftigten Haushaltshilfen wird geschätzt basierend auf der sehr großen Differenz zwischen den Angaben über „beschäftigen Sie eine Haushaltshilfe?“im sozioökonomischen Panel (SOEP) sowie der Zahl der Minijobber und regulär Beschäftigten in Privathaushalten aus der Statistik der Bundesagentur für Arbeit. Dies vernachlässigt in meinen Augen 1. dass eine als Minijobberin angemeldete Haushaltshilfe in mehreren Haushalten tätig sein kann und oft wird (bei Mindestlohn und 4 Std/Woche verdiente sie nämlich nur ca. 200€ in einem einzelnen Haushalt) – auch ist mir 2. undurchsichtig wie Selbstständige und Beschäftigte bei Putzdienstleistern hier berücksichtigt sind, denn diese Arbeiten ja sowohl in Privathaushalten als auch in Firmen und das wird sicher nicht disaggregiert erfasst. Des Weiteren werden alle folgenden Auswertungen zu Akzeptanz, Sonstigem Beschäftigungsstatus, Gründen usw. basierend auf einer europäischen Befragung ausgewertet. Die einerseits alle Branchen (also auch das erheblich Schwarzarbeits-durchsetztere Baugewerbe) und andererseits alle EU-Länder umfasst. Und so bin ich doch skeptisch, dass man davon so einfach auf die Situation der Haushaltshilfen rückschließen kann. Und schließlich: die Studie schreibt zwar viel über Gründe, die zitierte Datenlage ist aber dünn und stützt nur teilweise die genannten Gründe (kein Unrechtsbewusstsein, geringere Kosten).

Nun. Das mit dem Unrechtsbewusstsein mag stimmen. Ich bin dann doch auch hin und wieder erstaunt, dass man bspw. in einem Raum voll Lehrer etliche findet, die nichts dabei finden, ihre Putzfrau schwarz zu beschäftigen, obwohl sie selbst aus Steuergeldern finanziert werden. Allerdings wird in der Studie selbst eine Umfrage zitiert nach der mindestens 2/3 der Deutschen Schwarzarbeit im Haushalt für nicht tragbar halten.

Was mir am allerdeutlichsten fehlt und als einzige Möglichkeit erscheint, das Problem anzugehen und sinnvolle Politikempfehlungen abgeben zu können ist eine Befragung von Haushalten und Putzhilfen, die folgende Fragrn klärt:

– Hat der Haushalt versucht eine legale Putzhilfe zu finden?

– Geschieht die Nicht-Anmeldung auf Wunsch der Haushaltshilfe oder des Haushaltes?

– Hat die Haushaltshilfe mehr als einen Putzjob?

– Hat die Haushaltshilfe noch einen Hauptjob?

Denn bevor man mit Schweizer Bankkonten vergleicht, sollte man sich den Markt mal genauer anschauen. Ich habe natürlich auch keine Erhebung gemacht, aber mir scheint es so, dass es für die Kategorie „Haushaltshilfe abhängig beschäftigt im Privathaushalt“ eigentlich kaum Angebot gibt. Es gibt schwarz arbeitende Puttzfrauen, die einen Stundensatz von 10-12 € die Stunde nehmen aber selbst wenn man die Sozialversicherungskosten noch oben drauf legen würde nicht bereit wären, angemeldet zu arbeiten. Dann gibt es wenige selbstständig tätige Putzhilfen. Und Dienstleister, die 16-20€/Std plus Anfahrt nehmen, oft sehr stark fluktuierendes Personal schicken und diesem dann aber nur den Mindestlohn zahlen und somit einen ca. 100% Aufschlag auf das Gehalt der Putzfrau einstreichen. Ich kenne viele Familien die sehr intensiv versucht haben, eine Haushaltshilfe zu finden, die als Minijobberin arbeiten will und keine gefunden haben.

Warum nur wollen denn die Haushaltshilfen schwarz arbeiten? Dazu sagt die Studie wenig. Für Schwarzarbeit insgesamt wird angegeben: keinen anderen regulären Job gefunden, das machen doch alle so und es profitieren doch beide davon. Ich halte das nicht für trivial auf die Haushaltshilfen übertragbar. Vielmehr ist die Realität doch: die meisten gehen entweder zusätzlich zu einem Hauptjob oder zusätzlich zu einem anderen 400€ Job putzen. Und sie haben mehr als einen Haushalt als Arbeitgeber. Das bedeutet, entweder müssen sie jeden Monat akribisch darauf achten in Summe nicht über 400€ Verdienst zu kommen, oder falls Sie darüber kommen oder noch einen anderen 400€-Job haben, müssen sie die Einnahmen versteuern und dann eine Steuererklärung machen, um vermutlich einen großen Teil der Steuern zurückzubekommen. Wir reden hier aber von Menschen, die so wenig mit dem Geld über die Runden kommen, dass sie zusätzlich noch putzen gehen. Da wiegen die Argumente „bezahlter Urlaub“, „Unfallversicherung“ und „soziale Absicherung“ sehr viel weniger als der Euro direkt in der Tasche und kurz danach an der Supermarktkasse. Da ist die Aussicht auf  eine evtl. Steuerrückerstattung nach gemachter Steuererklärung exakt nichts wert wenn ab dem 20. das Geld zum Essen kaufen knapp wird. Und da ist das exakte Plänen der aufsummierten Monatseinnahmen vielleicht auch einfach schon zu viel. Da hilft wenig, dass es für Haushalte sehr einfach ist, eine Haushaltshilfe anzumelden und von der Steuer abzusetzen, wenn dieses Ansinnen einfach an der Realität der Haushaltshilfe vorbei geht. Und wer dann nicht doppelt so viel für einen Dienstleister zahlen will, der beißt halt in den sauren Apfel.

Was wäre in diesem Szenario also die Politikempfehlung? Dafür sorgen, dass man in der Regel von einem Job leben kann. Für Geringverdiener den zweiten Job unbürokratischer machen. Beratung zu Zweit- und Nebenjobs anbieten. Vermittlung anbieten.

 

Zwischenruf*: Leseempfehlung ZBW-Wirtschaftsthema-Reihe

Als ich gerade auf twitter das aktuelle „Wirtschaftsthema“ der ZBW weiterempfahl, fiel mir auf, dass ich die Reihe generell empfehlen könnte und dies tue ich hiermit:

Die Zentralbibliothek für Wirtschaftswissenschaften veröffentlicht im monatlichen Rhythmus eine Leseliste/kuratierte Materialsammlung zu aktuellen Wirtschaftsthemen auf ihrer Website. Dort werden dann zu gerade diskutierten wirtschaftlichen Themen ökonomische wissenschaftliche Beiträge zusammengestellt. Die Themen in letzter Zeit waren z.b. Bedingungsloses Grundeinkommen (Dez), Kinderarmut (Nov), Brexit (Juni) oder TTIP (April). Die Zusammenstellung umfasst meist ein breites Meinungsspektrum, die Mehrheit der Quellen sind Arbeitspapiere in deutscher Sprache, die frei zugänglich sind und das ganze wird gerahmt von einer kurzen Einführung und einer Tweet-Sammlung zum Thema (was jetzt meist nicht besonders erhellend ist, aber wohl dokumentieren soll, dass es sich tatsächlich um aktuell diskutierte Themen handelt.) Ich habe diese Materialsammlungen oft an Studierende empfohlen und möchte diese ausdrückliche Empfehlung auch hier weitergeben, denn man findet dort (noch ) gut lesbares aber eben nicht medial aufbereitetes Expertenwissen in einem Umfang den man dann nebenbei in dem einen Monat auch noch bewältigen kann.

Außerdem ist die zbw ganz generell eine tolle Einrichtung, die das studieren und forschen in den Wirtschaftswissenschaften ganz erheblich erleichtert und die eins der schönsten Bibliotheksgebäude an einer der schönsten Stellen von Deutschland hat.

*Die Kategorie „Zwischenruf“ ist hiermit neu geschaffen für kurze Texte, die mir schnell mal so einfallen und die nicht im Entwurfsordner verschimmeln sollen.

Leserinnen fragen, Milchmädchen antwortet: Globale Ungleichheit

Heute schon wieder eine Antwort auf eine Leserinnenfrage, diesmal von @Vrouwelin, die mich auf Twitter fragte, was ich vom neuen Buch von Anthony Atkinson halte, bzw. von einem DerFreitag-Artikel über das Buch. Ich antwortete auf Twitter, dass ich das Buch nicht gelesen hätte, es aber schwierig fände, die Umsetzbarkeit der Thesen für ein Land zu berechnen, wenn wir in einer globalisierten Welt leben. Ich ergänzte zudem, dass ich es immer etwas schwierig finde, wenn in westlichen Ländern davon die Rede ist, dass die Ungleichheit zugenommen habe, wobei außer acht gelassen würde, dass die weltweite Ungleichheit abgenommen hat. Meine These war wörtlich: „Ich habe auch immer Probleme damit, wenn steigende Ungleichheit für Industrieländer diagnostiziert wird ohne zu beachten, dass die gefühlt größere Gleichheit in den 60ern mit weltweit größerer Ungleichheit einher ging. Viele linke Ökonomen lassen Entwicklungsländer außer acht. Das ist fatal, falsch und heute auch (zum Glück) nicht mehr realitätskompatibel.“ @Vrouwelin bat mich daraufhin um Literaturtipps zum Thema und dem möchte ich hiermit nachkommen. Da das vermutlich noch mehr Leute interessiert hier auf dem Blog anstatt per Twitter-Mention.

Zunächst nochmal vorab: Ich hab das Buch von Atkinson nicht gelesen. Aber Atkinson ist prinzipiell ein Mann von ökonomischem Verstand und es kann sehr gut sein, dass was in dem Buch steht Hand und Fuß hat. Es gäbe ganz sicher Dinge, die mutige Politiker umsetzen könnten, um die Einkommensschere in den westlichen Industrieländern zu verringern. Allerdings schlägt Atkinson unter anderem eine deutliche Erhöhung des Spitzensteuersatzes vor. Ob das gerecht ist sei dahingestellt (denn zumindest in Deutschland zahlen nicht nur Millionäre den Spitzensteuersatz), vor allem aber ist es in meinen Augen nicht umsetzbar. Nicht in einem einzelnen Land innerhalb einer Welt, die deutlich geringere Kapitalverkehrsbeschränkungen hat als vor 25 Jahren und in der Steuerflucht nach wie vor mehr als einfach möglich ist. Das war mein Spontankritikpunkt. Mein Grund-Ablehnungsgefühl rührt aber viel mehr daher, dass ich halt im Herzen Entwicklungsökonomin bin. Und Atkinson ist eben Sozialstaats-Spezialist. Er betrachtet den bröckelnden Sozialstaat in Westeuropa, so wie Piketty das kapitalistische System in den Industriestaaten betrachtet. Und Atkinson argumentiert, so zumindest der Artikel im Freitag, den ich ansonsten reichlich unspezifisch finde, dass die Entsozialstaatlichung in den 1980er Jahren Fahrt aufgenommen habe und man zum Zustand davor zurückmüsse. Und da muss ich ganz klar sagen: Dass es bei uns in den 60er und 70er Jahren ziemlich wirtschaftlich rosig und gefühlt gerechter zuging, das lag nicht nur an der deutlich sozialeren Marktwirtschaft. Es lag auch daran, dass nur ein sehr viel kleinerer und homogenerer Teil der Welt am globalen Einkommen teilhatte. Dass heute die sog. Arbeiterjobs wegfallen und schlecht bezahlt werden hat ziemlich viel damit zu tun, dass diese Jobs jetzt in anderen Teilen der Welt dazu beitragen dort das Einkommen zu erhöhen. Dabei läuft nicht alles rosig, gar keine Frage. Dennoch haben heute viel mehr Staaten nennenswert an Handel und Produktion teil. Und das hat auch zu Verringerung der Armut geführt, nicht nur in China. Auch in Bangladesh, in der Türkei, in Rumänien und Südafrika. Es gibt Gewinner und Verlierer, die Details sind kompliziert. Aber es bleibt: Ein Teil dessen, was wir hier gefühlt verloren haben, das haben nicht die bösen Kapitalisten, sondern das haben die Armen der Welt, die jetzt etwas weniger arm sind. Natürlich, long way to go, reich ist dadurch in Bangladesh noch lang nicht jeder, aber es geht irgendwie aufwärts. Was stimmt ist, dass die Armen in den Industrieländern mehr abgegeben haben, als die Reichen (die haben nix abgegeben). Dies nur zur Einordnung meiner Reflexabwehrhaltung. Nun zu Hintergrund-Lesestoff zur Einkommensverteilung weltweit (ohne Anspruch auf Vollständigkeit):

Die Diagnose,  dass die Ungleichheit in der Welt abgenommen hat, findet sich sehr akribisch belegt in diesem Aufsatz von Xavier Sala-i-Martin. Das Paper ist von 2002, die verwendeten Maße wurden aber für das vielfach neu aufgelegte Standardlehrbuch von Sala-i-Martin jeweils aktualisiert und bleiben, meiner Kenntnis nach, bis in die neuste Auflage von der Aussage her gleich.

Wer Zugriff zu wissenschaftlichem Content hinter hohen Paywalls (hier Wiley) hat, kann mit Hilfe dieser Datenbank auch selbst die Standardmaße für Ungleichheit über die Zeit berechnen und vergleichen.

Dass in den meisten westlichen Industriestaaten die Ungleichheit zugenommen hat, hat Atkinson sich natürlich nicht ausgedacht, das ist gut belegt, z.B. hier. Allerdings ist es auch hier kompliziert, denn die Heterogenität zwischen den Industrieländern ist dann doch erheblich.

Etwas weniger euphorisch (will sagen etwas weniger neoklassisch und wachstumsfokussiert) als Sala-i-Martin kommt auch dieser Aufsatz zu dem Schluss, dass zumindest einige Staaten im weltweiten Vergleich aufholen konnten, der Fokus hier liegt aber darauf, dass innerhalb der einzelnen Staaten und Regionen der Welt die Ungleichheit zunimmt.

Schauen wir auf Deutschland, zeigt dieser Artikel deutlich: Hier bei uns kann von einer steigenden Ungleichheit ab 1980 kaum die Rede sein, die deutsche Ungleichheit ist vorrangig in der Wiedervereinigung begründet.  Außerdem ist der Titel des Papers einfach so schön literarisch. Verbunden auch dieser Artikel, der Deutschland und die USA vergleicht.

Und wer nach all diesen Zahlen dann auch ein wenig die Gründe für Erfolg und Misserfolg in Sachen armutsreduzierendes Wachstum erlesen will, der könnte einen Blick in das ein oder andere Buch oder Paper von Daron Acemoglu werfen (insb. „Why nations fail“ sowie diesen kleinen feinen Seitenhieb gegen Thomas Piketty), die Fallstudien im Entwicklungsökonomik-Standardlehrbuch „Economic Development“ von Todaro/Smith lesen, oder „The Tyranny of Experts“ und „The Elusive Quest for Growth“ von William Easterly. Einen ganz kleinen Einstieg bietet z.B. auch dieser TEDx-Talk von James Robinson (dem Co-Autor von Acemoglu), der ein sehr guter Redner ist.

Hinweis: der Großteil der verlinkten Quellen ist auf englisch, das tut mir leid, denn ich versuche sonst deutsche Quellen zu verwenden, wenn möglich. Leider ist Entwicklungsökonomik aber ein Feld, das in Deutschland nahezu unsichtbar ist, die Bücher sind allerdings z.T. auch in deutscher Übersetzung erschienen. Leider befindet sich ein Großteil der Paper hinter den Paywalls von Wissenschaftsverlagen, wo ich konnte, habe ich Working Paper Versionen verlinkt, mit etwas googlen finden sich solche vielleicht auch noch für die anderen Paper.

 

Randnotiz der Woche: Gender-Renten-Gap-Kompensation in der Schweiz

Die Schweiz wird in Zukunft die aus dem unerklärten Teil des Gender Pay Gaps sich ergebende Rentenlücke von Frauen aus Steuermitteln kompensieren. Diese Nachricht erfuhr ich nicht in irgendeinem Wirtschaftsteil irgendeiner Zeitung. Sondern in diesem Artikel in Ökonomenstimme.  

Der Artikel selbst hat bei mir für eine gepflegte Portion Wut gesorgt. Die Argumentation „jaaaa, der unerklärte Teil lässt sich ja auf sozioökonomische Faktoren und spezifische Berufs-Erfahrung zurückführen“ ändert ja nix daran, dass offenbar genau die sozioökonomischen Faktoren nachteilig sind, die vor allem Frauen treffen. Und dass Frauen im Mittel weniger Jahre Berufserfahrung mitbringen liegt ja auch nicht daran, dass sie Frauen sind, sondern dass sie Care-Aufgaben übernommen haben oder aufgrund gesellschaftlicher Strukturen, die sich in steuerlichen Anreizen niedergeschlagen haben zugunsten der „Karriere“ ihres Mannes auf Vollzeit-Berufstätigkeit verzichtet haben. 
Und während es bei den heute Berufstätigen natürlich besser wäre das Steuersystem so zu gestalten, dass sich eine äquivalente Verteilung der gemeinsamen Arbeitszeit zwischen den Ehepartnern lohnt und auf eine Veränderung der Gesellschaftsstruktur hinzuwirken, so dass Care-Aufgaben nicht per default Frauen-Aufgaben sind und dass eine erfolgreiche Berufskarriere nicht impliziert, dass ein/e Partner/in „den Rücken frei hält“, so ist das für heutige Rentnerinnen eben keine Option mehr. 
Über Details der Kompensation in der Rente kann da gestritten werden und auch in welchen Fällen eine Kompensation sinnvoll ist, weil der Lohnausfall aufgrund einer gesellschaftlich wünschenswerten Aufgabe da ist. Aber die Lohnlücke, auch die unerklärte, zu nivellieren indem man sagt “ ja die haben halt einfach weniger gearbeitet“ ist etwa so durchdacht wie zu sagen „nein, Krankheiten braucht man nicht behandeln, wenn man weiß welcher Erreger sie auslöst“.