Arm und reich – wie unfair ist die Welt?

Wer mir auch auf twitter folgt, der mag schon bemerkt haben, dass ich nicht direkt Fan von Statistiken zur Ungleichverteilung insb. von der OXFAM-Studie bin. Das hat einerseits damit zu tun, dass ich die Studie für methodisch fragwürdig halte. Die Messung von Vermögen ist relativ schwierig. Aber es gibt auch inhaltlich Kritik. Ich finde es sehr wichtig, ein Gefühl dafür zu haben, wie ungleich sich die ökonomischen Ausstattungen auf die Menschen verteilen. Mich stören allerdings oft die Argumente, die damit verbunden werden. Es fängt schon damit an, dass Einkommensungleichheit und Vermögensungleichheit quasi austauschbar genutzt werden. Die OXFAM-Studie z.B. erfasst Vermögen, und dies wäre, dem Titel nach auch der Auftrag eines Armuts- und Reichtumsberichts, dieser erfasst allerdings auf der Reichtumsseite vor allem Einkommen (weil Vermögen halt total schwer zu messen sind). Überhaupt wird Ungleichheit oft mit Einkommen argumentiert, bspw. das viel gerühmte Maß, wieviele Jahre ein Arbeiter arbeiten müsste für ein Managergehalt. Das ist natürlich beeindruckend, wenn da eine Zahl jenseits der 3000 steht – allein es sagt relativ wenig darüber ob der Arbeiter arm oder der Manager reich ist – denn Reichtum und Armut sind Bestandsmaße, die sich an Vermögen/Schulden, nicht an Einkommen messen, das eine Flussgröße darstellt.

Begriffliches Fachchinesisch mag man da einwenden, wenn der Manager 3000 mal mehr verdient als der Arbeiter ist das ungerecht, fertig. Und wenn die reichsten 10 Leute soviel besitzen wie die ärmsten 10 Millionen (Zahlen hier aus der Luft gegriffen) dann ist das auch ungerecht. Ja. Ist es. Aber das Zitieren solcher riesigen Unterschiede läuft vollkommen am eigentlichen Problem vorbei, in meinen Augen trägt es sogar dazu bei, dass die Gesellschaft sich nicht einer gerechteren Verteilung verpflichtet sieht. Und das ist mein Haupt-Kritikpunkt an der OXFAM-Studie und allen methodisch ähnlich gelagerten. Indem die Ungleichverteilung auf den Vergleich Superreiche gegen Superarme zugespitzt wird, indem die Einkommen des Top-Perzentils oder sogar der Top 0,1% mit denen des untersten Dezils o.ä. verglichen werden, werden all diejenigen aus der Verantwortung entlassen, denen es – nach allen Maßstäben des Wohlstands – auch ziemlich gut geht. Uns. Uns westlichen Mittelschicht-Akademikern in prinzipieller materieller Sorglosigkeit. Denn wenn es ja die Superreichen sind, die schon den ganzen Kuchen für sich haben, dann muss ich ja nix abgeben, oder? Nur sehr selten wird berichtet, wo genau die Armutslinie und das Medianeinkommen denn so liegen. Da würde sich manch einer doch wundern, dass er/sie schon deutlich über Medianeinkommen verdient, wo er/sie doch höchstens untere Mittelschicht ist und überhaupt man hört doch, gerade der Mittelschicht gehe es ja schlecht, die stehe ja kurz vor der Ausrottung. Nein! Es geht uns gut. Uns Mittelschicht im innerdeutschen Vergleich, uns Deutschen im europäischen Vergleich, uns Europäern im weltweiten Vergleich. Nicht nur die Donald Trumps, Bill Gates, Gebrüder Aldi und Spitzensportler profitieren von der Armut der Ärmsten, sondern wir alle. Es mag sein, dass die Einkommensverteilung derzeit innerhalb der Industrienationen latent ungleicher wird. Aber sie ist immernoch recht komfortabel fair im Vergleich mit der Einkommensverteilung in der Welt und mit der, der unsere eigenen Vorfahren ausgesetzt waren.

Daher: ein kurzer Blick in die Geschichte und die Welt.

Einkommens- und Vermögensungleichheit war immer ein Teil der menschlichen Gesellschaften seit wir sesshaft geworden sind. Das hat einerseits damit zu tun, dass wir quasi schon immer das Erben als Instrument der Vermögensweitergabe kannten, das fast automatisch zu einer Akkumulation des Reichtums in einer kleinen Elite führt und dass das ökonomische Schaffen schon immer auf der Bereitstellung von nicht nur Arbeit sondern auch Kapital beruhte und Kapital knapper war und ist als Arbeit. (Hierzu empfehlenswert die Folgen zur Entstehung des Kapitalismus beim Podcast „Kapitalismus mal anders“). Die Akkumulation von Reichtum unter Ausbeutung der Ärmsten war sowohl in den frühen Hochkulturen als auch im Mittelalter allgegenwärtig. Dabei war das römische Reich latent etwas fairer als sowohl Ägypten als auch das europäische Mittelalter, allerdings nur insofern als es eine gewisse Grundsicherung durch Nahrungszuweisungen gibt und als die meisten „Daten“ zu Vermögen im römischen Reich nur römische Bürger erfassen und die Ärmsten der römischen Gesellschaft natürlich Sklaven ohne Bürgerrechte waren. Ansonsten galt in Rom wie im mittelalterlichen England: eine verschwindend kleine Elite besaß alles und der Rest besaß nichts. Eine Tendenz zu etwas mehr Gleichverteilung ließ sich erst mit Etablierung eines Bürgertums erkennen, allerdings war es auch hier noch so, dass die bürgerliche Schicht klein und die bäuerliche Schicht riesig war, was sich nahtlos in die Industrialisierung übertrug. Nun war halt der Reichtum nicht mehr auf Adel und Klerus sondern auf Großindustrielle konzentriert und wuchs im Wesentlichen auf Kosten der Arbeiter anstatt, wie bisher, auf Kosten der Bauern. Aus Vermögenssicht entspricht dies sogar einer Verschlechterung der Verteilung, da in der vorindustriellen Zeit freie Bauern zwar wenig Einkommen generierten, aber zumindest Besitzer der eigenen Produktionsmittel waren, während die Industrialisierung dazu führte, dass Arbeiter nur noch ihre Arbeitskraft nicht jedoch auch das Kapital besaßen, das in Gänze in Händen weniger lag.

Auftritt: Gewerkschaften. Erst mit Entstehung des Gewerkschaftswesens, der SPD und der Verbreitung sozialistischer Ideen wurde wieder eine Grundsicherung eingeführt (die es im römischen Reich schonmal in Ansätzen gab), es entstand die Idee der Absicherung für Einkommensausfälle und der Umverteilung mittels Steuern und Transfers. Und somit sehen wir: frühestens das zwanzigste Jahrhundert brachte uns erstmals eine als gerechter zu bezeichnende Verteilung von Vermögen und Einkommen. Wesentlich sogar erst die Nachkriegszeit, in der es einfach so verdammt gut lief, dass es leicht war, in großem Umfang umzuverteilen. Es gab nicht viele Rentner (die waren praktischerweise im Krieg gefallen oder so krank durch die Produktionsbedingungen, dass sie nur wenige Jahre der Rente erlebten), so dass aus moderaten Beiträgen eine auskömmliche Rente zu finanzieren war. Hohe Steuern konnten durchgesetzt werden, weil die Gewinne in den Jahren des Wirtschaftswunders sprudelten. Und die Sozialkassen schwammen im Geld, da nur wenige Arbeitslose zu versorgen waren (hohe Arbeitsnachfrage, geringe Erwerbsbeteiligung der Frauen).

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Quelle: de.wikipedia.org/wiki/Datei:Lorenzkurve_Deutschland.jpg

Aber, auch der schönste Boom ist mal vorbei und entsprechend begann das Sozialsystem zu bröckeln, die Arbeitslosigkeit stieg, die Einkommen sanken. Das Ganze wurde natürlich verschärft dadurch, dass das Kapital sich produktivere Einsatzorte suchte und die Industrieproduktion sich nach Asien, Südamerika und in den geöffnete Ostblock verlagerte. Das hat nicht nur Job-Verluste nach sich gezogen, sondern auch bewirkt, dass der Zugriff auf das Kapital für den Staat sehr viel schwerer wurde und Instrumente wie Vermögenssteuer und Steuer auf Kapital weitgehend zahnlos wurden. Indes hat sich unser Lebensstandard durch diese Entwicklung keinesfalls verschlechtert. Das Pro-Kopf-Einkommen und der Pro-Kopf-Konsum liegen in Westdeutschland heute preisbereinigt um ca. das fünffache höher als in den 1950er Jahren. Auch in Ostdeutschland ist seit 1991 das Einkommen immerhin um etwa ein Fünftel angestiegen. Gleichzeitig ist die durchschnittliche Lebenserwartung massiv angestiegen, auch die Kaufkraft der Einkommen ist heute viel höher. Für den gleichen Warenkorb, für den ein Arbeiter 1950 eine Stunde arbeiten musste, arbeitet ein Arbeiter 2008 nur noch 11 Minuten.

Allerdings flacht der positive Trend in der Einkommensentwicklung ab. Was vollkommen normal ist, kein Land kann auf ewig mit Raten von jenseits der 5% wachsen, denn wer soll denn all das produzierte kaufen? Wir haben nur 24 Stunden am Tag und durchschnittlich 80 Jahre an Lebenserwartung, um auch wieder zu konsumieren, was wir erwirtschaften. Solang Mangel an allem herrscht, wie nach dem Krieg, wächst die Nachfrage. Eine Gesellschaft, die schon alles hat, kann sich nicht selbst immer dicker füttern. Und die Auslandsnachfrage, die Deutschland ohnehin schon seit Jahrzehnten über Wasser hält, kommt auch irgendwann an ihre Grenzen.

Und damit kommen wir zum zweiten wichtigen Vergleich: es geht uns nicht nur historisch gut, sondern auch gemessen am Rest der Welt.

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Quelle: https://commons.wikimedia.org/wiki/File:2013_Gross_National_Income_GNI_per_capita_Purchasing_Power_Parity_PPP_per_World_Bank,_India_compared.svg

Genau genommen leben wir vom Konsum des Rests der Welt und leisten uns unseren verschwenderischen Konsum aufgrund der geringen Einkommen im Rest der Welt. Schon im europäischen Vergleich sind wir zwar nicht – wie wir es bestimmt alle gern wären – die Spitzenreiter, aber belegen eine komfortable Position im oberen Drittel der Verteilung der Nettohaushaltseinkommen. In der Welt liegt wiederum Europa neben den USA an der Spitze und nach unten ist das ganze quasi offen ins Bodenlose. Die deutschen Einkommen sind außerdem gleicher verteilt als im Schnitt des Euroraums, im europäischen Vergleich liegen wir im Mittelfeld, das oberste Quintil der deutschen Einkommen ist etwa 4,5 mal so hoch wie das unterste Quintil, verglichen mit dem gerechtesten Land Norwegen, das ein Verhältnis von 3,2 aufweist und dem ungerechtesten Land Lettland, das ein Verhältnis von 7,3 hat. Ich möchte keinesfalls den Eindruck erwecken, dass es Armen in Deutschland zu gut gehe. Es ist bedenklich und erschreckend, dass in bestimmten Gruppen, ganz besonders unter den Alleinerziehenden das Armutsrisiko so hoch ist.

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Quelle: http://www.destatis.de/DE/ZahlenFakten/GesellschaftStaat/EinkommenKonsumLebensbedingungen/EinkommenEinnahmenAusgaben/EinkommenEinnahmenAusgaben.html

Allerdings bringt es auch hier nichts mit dem Finger auf die 1% Reichen zu zeigen. Viel eher muss man sich fragen, wie ein Sozial- und Steuersystem gestaltet sein sollte, um das Armutsrisiko zu senken. Und das bedeutet im Kontext der Alleinerziehenden vielleicht nicht steuerfinanzierte Transfers sondern gute flexible Betreuungsangebote, finanzierbarer Wohnraum, bessere Absicherung gegen Altersarmut. Und solche Umstrukturierungen müssten alle mittragen. Nicht nur die Superreichen.

Und was entsetzlich vielen, auch gebildeten, nicht bewusst ist, Armut ist aus ökonomischer Sicht ein relatives Konzept. Die Armutslinie orientiert sich am Medianeinkommen. In Deutschland gilt als arm, wer unter 40% des Medianeinkommens hat (das sind derzeit etwa 700€/Monat). Diese Art Armut zu messen ist auch vollkommen richtig. Allerdings mag dadurch in Vergessenheit geraten, dass ein armer Mensch in Deutschland pro Monat weit mehr Einkommen hat, als ein armer Mensch in Afrika (bspw. liegt die Armutsgrenze in Namibia derzeit bei 35€/Monat). Anders kann ich mir zumindest nicht erklären, dass auch durchaus gebildete Menschen sehr überrascht reagieren, wenn sie z.B. bei einer Reise nach Afrika damit konfrontiert werden, wie wenig vergleichbar die Lebensverhältnisse z.B. der Mittelschicht dort und hier sind. Und ich finde, genau diese Unterschiede müssen wir uns vor Augen führen. Ein recht einprägsamer Weg, dies zu tun sind z.B. Fotoprojekte wie dieses, die durchschnittliche Familien rund um die Welt mit all ihrem Besitz zeigen. Denn da wird dann schnell deutlich, was Unterschiede im Lebensstandard bedeuten. Hat die Familie z.B. ein Fortbewegungsmittel? Gibt es Bücher? Spielsachen?

Und berücksichtigt man dann noch, dass wir von genau diesen Unterschieden massiv profitieren. Denn nur solang der Lebensstandard in Afrika derart niedrig ist, können wir tropische Früchte, Kakao und Kaffee zu erschwinglichen Preisen kaufen und dabei noch etliche Zwischenhandelsstufen mit alimentieren. Nur solang einer Familie in Bangladesh nur ein Fahrrad für alle zur Verfügung steht, können wir T-Shirts für 10€ kaufen und dabei der Verkäuferin Mindestlohn garantieren und dem Konzern einen satten Gewinn. Dass bei uns überhaupt jemand sich das immense Konsumlevel, die Verschwendung und die geplante Obsoleszenz von einem durchschnittlichen Einkommen leisten kann, liegt daran, dass für so gut wie keines seiner Konsumgüter ein Lohn gezahlt wurde, der hier auch nur erwähnenswert wäre.

Und das ist in meinen Augen wichtiger als die Frage das BIP wievieler kleiner Entwicklungsländer Bill Gates verdient oder Neymar als Ablöse wert ist. Denn mit dem Finger auf Superreiche zu zeigen ist so unendlich viel einfacher, als selbst seinen Konsum einzuschränken und dafür z.B. nur noch Fair Trade zu kaufen.

Gibt es weibliche Ökonomie?

Schon seit der Existenz dieses Blogs umkreise ich die Frage, ob ich wohl mal etwas über feministische Ökonomik schreiben sollte. Ich bin in dem Thema extrem gespalten und scheue auch ein wenig das dünne Eis. Allerdings tauchen immer wieder so kleine Anlässe auf, die ich nicht einfach wegignorieren will. So zum Beispiel ganz akut die vorletzte Folge des Lila-Podcast in der die Frage anklang, ob eine höhere Repräsentanz von Frauen in Führungsposition auch einen weiblicheren Führungsstil mit sich bringt. (Personal note: I doubt)

Wie ist das also mit den Frauen und der Ökonomie? Machen wir der Einfachheit halber eine Unterteilung in zwei Felder: 1. Die Berücksichtigung von Frauen/Feminismus in der ökonomischen Theorie sowie 2. die Rolle von Frauen in der Ausgestaltung des Wirtschaftslebens  – auch wenn beide Felder nicht ganz klar zu trennen sind.

Man liest im Allgemeinen in Wirtschaftsmedien, Wirtschaftsblogs, Wirtschaftszeitungen usw. wenig über und wenig von Frauen. Viele Ökonominnen finden auch, man lese in wirtschaftswissenschaftlicher Fachliteratur zu wenig über Frauen. Ohnehin liest man in wirtschaftswissenschaftlicher Fachliteratur zu wenig von Frauen, da Frauen unter den Spitzenforschern des Gebietes eher selten sind. Es gibt z.B. noch weniger Frauen, die einen Nobelpreis für Wirtschaftswissenschaften bekommen haben, als in Physik. (Fairerweise sei dazugesagt, dass der Preis in Physik schon erheblich länger vergeben wird als der in Wirtschaft) Es ist also klar, dass die Stimme von Frauen nicht unbedingt prägend in die ökonomische Theorie und ökonomische Analyse eingegangen ist. Dieser Umstand wird in schöner Regelmäßigkeit auch von namhaften Ökonomen kritisiert (bspw. hat der Entwicklungsökonom Owen Barder die Initiative #nomaleonlypanels ins Leben gerufen, die männliche Wissenschaftler dazu auffordert ein Versprechen abzulegen, nicht in reinen Männerpodien zu sprechen und der sich mittlerweile über 1000 Wissenschaftler angeschlossen haben.) Dennoch ist hier noch viel zu tun, denn z.B. der Weltbank stand bisher, ebenso wie der Bank für Internationalen Zahlungsausgleich, der EZB und der Bundesbank noch nie eine Frau vor. Und dass Deutschland im Jahr 2017 erstmals eine Wirtschaftsministerin hat, die auch mehr so aus Verlegenheit ins Amt kam, das ist jetzt auch nicht gerade ruhmreich.

Eine Variante dieses Kritikpunktes wird auch aus der Strömung der sog. feministischen Ökonomik (Link zu Wikipedia, englischsprachig) vorgebracht. Die feministische Ökonomik als tatsächliche Bewegung gibt es vor allem im englischsprachigen Raum. Feministische Ökonomik beschreibt sich selbst als Untergruppierung der sog. heterodoxen Ökonomie und positioniert sich deutlich in Gegensatz zum akademischen Mainstream der Zunft. Die feministische Ökonomik vertritt den Standpunkt, dass die Unterrepräsentanz von Frauen in der ökonomischen Zunft auch zu einer Vernachlässigung weiblicher Sichtweisen und Themen in der ökonomischen Theorie geführt hat. Das Selbstverständnis der feministischen Ökonomik lässt sich sehr schön aus diesem Artikel in der SZ herauslesen. Und gleichzeitig zeigt auch dieser Artikel schon gut auf, welche Bauchschmerzen ich im Bezug auf die feministische Ökonomik habe: Argumente wie „Und wer hat eigentlich Adam Smith den Haushalt gemacht?“ vernachlässigen den wirtschaftshistorischen Hintergrund der Entstehung ökonomischer Theorie und sind daher für mich nur Scheinargumente. (Zudem deutet dieses spezielle Argument auch deutlich auf eine mangelnde Auseinandersetzung mit Adam Smiths Werk hin, denn er hat sich keinesfalls nur mit Produktivität und Kostenrationalisierung beschäftigt, ein Großteil seiner (übrigens auch eher sozialphilosophischen als ökonomischen) Gedanken beschäftigt sich mit der Interaktion von Individuen in der Gesellschaft, der Familie, den Netzwerken, denen ein Mensch angehört und der moralischen Seite des ökonomischen Handelns.) Auch kann die Tatsache, dass es keine Massen von Lehrstühlen und Publikationen speziell für feministische Ökonomik gibt, noch nicht als Indiz gewertet werden, dass keine Auseinandersetzung mit den Themen geschieht. Ich allein kenne persönlich mehrere Ökonominnen und Ökonomen, die sich mit ganz originär solchen Themen in ihrer Forschung beschäftigen, wie etwa die Auswirkung des Familienstatus auf die Gesundheit von Männern und Frauen, die Verteilung der Hoheit über Geld zwischen Mann und Frau im Haushalt oder die Bedeutung des Bildungsabschlusses der Mutter für den sozio-ökonomischen Erfolg der Kinder, auch die Entscheidung über Fertilität und die ökonomischen Auswirkungen sind wirklich breit erforscht. Nur würde niemand dieser Forscherinnen und Forscher sich als feministische/r Ökonom/in verstehen oder selbst vorstellen. Diese Menschen ordnen sich dem inhaltlichen Themenfeld zu, in dem sie arbeiten, also eben Gesundheitsökonomik, Wohlfahrtsökonomik, Bildungsökonomik, etc. Das heißt aber nicht, dass ihre Arbeiten die Frauen außer acht lassen. Gerade als Entwicklungsökonomin fühle ich mich von der These, die Rolle der Frau werde nicht ökonomisch erforscht ganz massiv böse angegangen. In der Entwicklungsökonomik wird schon seit mehr als 20 Jahren sehr intensiv gerade die Rolle der Frau für ökonomische Entwicklung beleuchtet. Die Differenzierung von Datensätzen nach Geschlecht ist Standard (übrigens auch in allen anderen Disziplinen, die mit Individualdaten arbeiten) und Entwicklungsökonomen werden nicht müde zu betonen, dass die Bildung, Alphabetisierung und ökonomische Stärkung von Frauen das entscheidende Moment für die Entwicklung ist. Man kann wirtschaftliche Entwicklung nicht ohne Teilhabe von Frauen denken und das tut auch niemand. Aber natürlich wird deshalb auch nicht jeder Entwicklungsökonom sich der Strömung der feministischen Ökonomik zuordnen. (Und das Journal for feminist economics würde übrigens all die erwähnten Arbeiten auch ablehnen, das aber nur mal am Rande). Und dann finde ich es außerdem grundfalsch, bestimmte Themen wie Pflege, unbezahlte Arbeit, demographische Fragen usw. als Themen der feministischen Ökonomik zu deklarieren und damit ja irgendwie auch als Frauenthemen. Damit tun wir uns doch keinen Gefallen, denn eigentlich wollen wir doch, dass diese Themen als Themen wahrgenommen werden, die alle angehen.

Zuletzt noch ein Wort über die unsägliche Diskussion zum BIP in dem Artikel: Ja, das BIP enthält nur zu einem sehr kleinen Anteil die geleistete unbezahlte Arbeit, und ja, diese Arbeit wird zu einem großen Teil von Frauen geleistet. Aber das BIP enthält auch haufenweise andere Dinge nicht. Schwarzarbeit z.B. Und kriminelle Tätigkeiten. Und nicht-materielle Werte wie Bildung. Das BIP ist einfach nur ein einzelnes und durchaus beschränktes Maß, niemand sagt, das BIP sei das nonplusultra, es ist aber halt das was man unkompliziert, auch bei schlechter Datenlage irgendwie erhoben kriegt. Deshalb wird es oft herangezogen. Das kann man kritisieren, und das wird auch kritisiert, aber ehrlich, da ist Diskriminierung mal zur Abwechslung nicht so sehr das Problem. Damit genug zu Frauen in der Ökonomik.

Nun zur Frage der Beteiligung von Frauen an der Gestaltung der Wirtschaft. Hier und dort hört man aus feministischen Kreisen die These, dass eine größere Rolle von Frauen in Führungspositionen der Wirtschaft zu einer Änderung der Funktionsweise der Wirtschaft an sich führen würde. Also dass Frauen anders führen, anders wirtschaften würden, als Männer. Und – das schwingt implizit mit – dass eine von Frauen geführte Wirtschaft besser, im Sinne von menschenfreundlicher, familienfreundlicher, weniger ellbogenlastig wäre. Well, I doubt. Ich finde es in hohem Maße wichtig, eine gleichwertige Beteiligung von Frauen in allen Ebenen der Gesellschaft zu erreichen. Es ist für mich selbstverständlich, dass die Führungsebene von Wirtschaft und Politik die Breite der Gesellschaft repräsentieren sollte. Dass also genausoviele Frauen wie Männer in die Politik und genausoviele Frauen wie Männer in die Führungsetagen von DAX-Konzernen und auf die Lehrstühle unserer Universitäten gehören. Es sollten aber übrigens auch relativ zum Anteil an der Gesellschaft Homosexuelle vertreten sein, und das ethnische Mischungsverhältnis einer Gesellschaft repräsentiert sein. Niemand sollte aufgrund seines Geschlechtes, seiner sexuellen Orientierung, seiner Religion oder der Herkunft seiner Familie davon ausgeschlossen sein, unsere Wirtschaft und Gesellschaft mitzuprägen. Das teile ich, voll und ganz. ABER. Ich denke nicht, dass eine Frau einen Dax-Konzern anders führen würde als ein Mann. Dass Brokerinnen die Finanzkrise weniger befeuert hätten, als es die Broker taten. Dass Frauen an der Spitze von Geheimdiensten keine bösen Verbrechen anordnen würden. Deshalb, weil jede Frau in einer Spitzenposition auch ein Produkt des jeweiligen Umfeldes ist. Soland DAX-Konzerne gewinnorientiert sind und im z.T. harten Wettbewerb mit anderen Unternehmen weltweit agieren, werden sich als erfolgreiche Leitungen solche Menschen erweisen, die eine gewisse Ellbogenmentalität beweisen. Solange das Finanzsystem vorrangig den schnellen Gewinn belohnt und keinen Anreiz schafft, nachhaltig zu denken, werde solche Menschen in diesem System arbeiten, die auf den schnellen Gewinn aus sind. Solang Geheimdienste die Drecksarbeit für die Regierung machen, werden Menschen beim Geheimdienst arbeiten, die nichts gegen schmutzige Hände haben. Und da ich keinesfalls unterstellen kann und möchte, dass Frauen nicht genauso gut egoistische Arschlöcher sein können wie Männer, kann ich nicht sehen, wie das Geschlecht allein da irgendwas besser machen sollte. Und die Frauen, die wir bisher in Führungspositionen sahen und sehen, wie etwa Christine Lagarde, Margaret Thatcher oder Sheryl Sandberg, bestätigen mich da eher in meiner Meinung.

Der Schlüssel zu einem faireren, gerechteren Wirtschaften liegt in meinen Augen darin, die richtigen Anreize zu setzen. Anreize die nachhaltiges Verhalten belohnen und kurzfristige Gewinnoptimierung bestrafen. Und wo das System das aus sich heraus scheinbar nicht hinkriegt, ist es die Aufgabe der Gesetzgebung dies zu tun sofern es gesellschaftlicher Konsens ist, dass das gewünscht ist. Und damit die Gesetzgebung das tut, müssen wir die richtigen Leute in die richtigen Positionen wählen. Und wenn es da keine richtigen Leute gibt, dann müssen wir es wohl selbst machen. Und zwar Männer und Frauen.

Zwischenruf*: Leseempfehlung ZBW-Wirtschaftsthema-Reihe

Als ich gerade auf twitter das aktuelle „Wirtschaftsthema“ der ZBW weiterempfahl, fiel mir auf, dass ich die Reihe generell empfehlen könnte und dies tue ich hiermit:

Die Zentralbibliothek für Wirtschaftswissenschaften veröffentlicht im monatlichen Rhythmus eine Leseliste/kuratierte Materialsammlung zu aktuellen Wirtschaftsthemen auf ihrer Website. Dort werden dann zu gerade diskutierten wirtschaftlichen Themen ökonomische wissenschaftliche Beiträge zusammengestellt. Die Themen in letzter Zeit waren z.b. Bedingungsloses Grundeinkommen (Dez), Kinderarmut (Nov), Brexit (Juni) oder TTIP (April). Die Zusammenstellung umfasst meist ein breites Meinungsspektrum, die Mehrheit der Quellen sind Arbeitspapiere in deutscher Sprache, die frei zugänglich sind und das ganze wird gerahmt von einer kurzen Einführung und einer Tweet-Sammlung zum Thema (was jetzt meist nicht besonders erhellend ist, aber wohl dokumentieren soll, dass es sich tatsächlich um aktuell diskutierte Themen handelt.) Ich habe diese Materialsammlungen oft an Studierende empfohlen und möchte diese ausdrückliche Empfehlung auch hier weitergeben, denn man findet dort (noch ) gut lesbares aber eben nicht medial aufbereitetes Expertenwissen in einem Umfang den man dann nebenbei in dem einen Monat auch noch bewältigen kann.

Außerdem ist die zbw ganz generell eine tolle Einrichtung, die das studieren und forschen in den Wirtschaftswissenschaften ganz erheblich erleichtert und die eins der schönsten Bibliotheksgebäude an einer der schönsten Stellen von Deutschland hat.

*Die Kategorie „Zwischenruf“ ist hiermit neu geschaffen für kurze Texte, die mir schnell mal so einfallen und die nicht im Entwurfsordner verschimmeln sollen.

Wie funktioniert Geld?

Ich lehrte nun mehrere Jahre Makroökonomik I im Grundstudium. 3/4 der anwesenden Studierenden studierte nicht VWL, viele studierten Wirtschaft auf Lehramt, Wirtschaftsinformatik oder Wirtschaftsmathematik, die Veranstaltung war für sie nur lästige Pflicht, nichts was sie später brauchen würden, die Inhalte stießen selten auf echtes Interesse. Eine Vorlesung allerdings rief stets geradezu emotionale Stürme hervor, ich hatte auf einmal die Aufmerksamkeit der Anwesenden und im Anschluss eine große Menge an Fragen aus dem Auditorium. Das war stets die Vorlesung zum Geldmarkt. Ich kann sogar den Moment festmachen, an dem auf einmal alle lauschten. Es war genau dann, wenn ich sagte, dass der Reservesatz der Banken im europäischen Währungssystem bei 2% liegt. Also dass die Banken im Umfang von 2% der Sichtguthaben auf ihren Konten wiederum Sichtguthaben bei der Zentralbank halten müssen. Daraufhin kam zuverlässig die Frage:

„Wie hoch ist der Reservesatz der Zentralbank?“

Und auf meine Antwort hin „es gibt keinen Mindestreservesatz für die Zentralbank“ sah man förmlich die Grundfesten des ökonomischen Verständnisses aus den Köpfen purzeln.

Denn es stellte sich die Erkenntnis ein: „Mein Geld liegt nicht irgendwo nochmal als Gegenwert in Gold. Auch nicht ein nennenswerter Bruchteil davon. Das Geld ist eigentlich nichts wert.“ Und das hat die Studierenden tatsächlich sehr getroffen. Das hätten sie nicht erwartet.

Ich bin eigentlich nicht so besonders an Geldpolitik interessiert. Irgendwann im Studium habe ich das natürlich mal gelernt und es natürlich in groben Grundzügen im Grundstudium gelehrt, aber ich kann nicht recht nachvollziehen, dass Menschen sich nennenswert länger mit Geld beschäftigen und finde sogenannte realwirtschaftliche Themen (also letztlich alles was sich mit dem Austausch und der Produktion von Waren und Dienstleistungen beschäftigt) sehr viel spannender. Gerade deshalb hat mich diese Reaktion immer so enorm überrascht. Dachten diese knapp 500 Menschen dort vor mir tatsächlich bisher, sie hätten jederzeit die Möglichkeit ihr Geld in Gold oder zumindest Dollar oder sowas umzutauschen? Gingen sie davon aus, dass Geldwertstabilität über ein hohes Ausmaß an Absicherung funktioniere? Dachten sie, Geld könne nicht funktionieren, wenn es nicht durch hohe Einlagen abgesichert sei? Ich war verblüfft. Und deshalb gibt es jetzt hier einen sehr kleinen Einblick in die Funktionsweise von modernem Geld.

Warum wir Geld brauchen dürfte den meisten klar sein. Ökonomen nennen traditionell drei Funktionen von Geld: Recheneinheit, Tauschmittel, Wertaufbewahrung. D.h. Geld ermöglicht eine arbeitsteilige Wirtschaft, weil es uns von dem Aufwand enthebt stets das was wir produzieren direkt gegen das was wir benötigen zu tauschen. Es bietet uns einen eindeutigen Umrechnungskurs aller Güter und Dienstleistungen miteinander. Und es stellt sicher, dass wir den Zeitpunkt des Verkaufs vom Zeitpunkt des Kaufs von Gütern trennen können. Einfaches Beispiel: Ich produziere akademische Verwaltung. Ohne Geld, müsste ich diese direkt gegen das was ich so brauche, also Essen, Wohnen, Nähmaterialien usw. tauschen. Schon das würde schwer, denn weder meine Vermieterin noch mein Nähsupply-Dealer sehen vermutlich ein, wozu sie akademische Verwaltung so dringend brauchen sollten. Wir hätten außerdem ein Problem bei der Umrechnung. Denn ich würde ja z.B. meiner Vermieterin sagen, dass das Bewohnen der Wohnung etwa einen halben Monat akademische Verwaltungsleistung wert ist und sie wüsste aber nicht, was akademische Verwaltungsleistung wiederum in Dingen wert ist, die sie so braucht. Außerdem kann es ja durchaus sein, dass gar nicht immer genau dann auch Dinge kaufen will, wenn ich gerade etwas produziert habe. Nähsupplys will ich in der Regel z.B. immer genau dann kaufen, wenn ich gerade nichts produziere. Ich denke, das Problem wurde hinreichend klar. Geld erlaubt uns, diese Prozesse zu entkoppeln und deshalb sind die Menschen quasi sofort als sie begannen, sich zu spezialisieren auch auf die Idee gekommen, ein Zahlungsmittel zu nutzen. Lange Zeit allerdings hatte das Zahlungsmittel selbst einen Wert. D.h. es wurden Perlen, wertvolle Steine und Metalle als Zahlungsmittel verwendet. Auch noch, als es schon zentralisierte Zahlungsmittel gab, also mit den ersten Hochkulturen, waren diese hauptsächlich genausoviel Wert, wie ihr Nennwert. Also bspw. hatten Münzen genau den Wert, den ihr Gewicht in Metall als Veräußerungsgewinn versprach. Die Aufgabe der zentralen Behörde mit Münzrecht war dann, sicherzustellen, dass dies auch tatsächlich der Fall war und nicht z.B. Münzen zu leicht waren oder mit minderwertigerem Metall versetzt. D.h. es galt das, was meine Studierenden scheinbar auch von modernem Geld erwarteten, man hatte jederzeit den Wert des Geldes in der Tasche und wenn man dafür nichts hätte kaufen können, hätte man es einschmelzen und das Metall veräußern können.

Diese Eigenschaft, nämlich einen Warenwert zu haben, hat modernes Geld nicht. Schon mit der Einführung von Wechseln, also dem ersten Papiergeld, ging der Wert des Geldes als Ware verloren. Und dies nicht, weil die Leute dumm waren, sich nun Papier statt Kupfer, Silber oder Gold unterjubeln zu lassen, sondern weil sie schlau und lernfähig waren. Es ist sehr kompliziert, größere Geldbeträge in Metall mit sich herumzuschleppen. Man läuft Gefahr bestohlen zu werden, wenn man eine große Geldbörse hat und man hat Ausgaben – sogenannte Transaktionskosten – die durch den Transport und die Aufbewahrung des recht platzintensiven und schweren Metallgeldes entstehen. Durch die Einführung von Papiergeld konnte die Identität von Geldwert und Materialwert abgeschafft und damit der Handel deutlich vereinfacht werden. Sehr lange Zeit allerdings passierte das vollkommen ohne dass der Staat hieran nennenswert beteiligt war. Die ersten Papiergeldformen beruhten auf Zahlungsversprechen von Händlern untereinander, später gab es private Bankhäuser, die Geld und Edelmetalle aufbewahrten und dafür Wechsel ausstellten. Die erste Notenbank der Welt war die „Stockholms Banco“, die dadurch entstand, dass Schweden aus Goldmangel das Metallgeld auf Kupfer umgestellt hatte, dieses Kupfergeld war aber (aufgrund des geringeren Metallwertes) so schwer und unhandlich, dass die Stockholms Banco diese Kupferplatten ein lagerte und im Gegenwert einen Kreditbrief ausgab. Das war im 17. Jahrhundert und gilt als die Geburt des Notenbank-Wesens. Es sollte noch bis ins 20. Jahrhundert dauern, bis die Deckung durch Edelmetalle aufgeweicht und schließlich aufgegeben wurde.

Modernes Geld ist, in aller Regel, sog. Fiat-Geld. D.h. es wird allein durch Beschluss des jeweiligen Staates ein gesetzliches Zahlungsmittel, eine Anerkennung als Zahlungsmittel speist sich aus dem Vertrauen in den jeweiligen Staat, nicht durch irgendeinen daran geknüpften Gegenwert. Fiat-Geld hat keine Umtauschmöglichkeit in andere Wertgegenstände.  Es besteht nur ein Anrecht, Münzen und Scheine in Buchgeld oder umgekehrt zu tauschen. Übrigens sind auch die Münzen, die heute im Umlauf sind, bei weitem nicht mehr ihren Nennwert in Metall wert. Der Warenwert der Münzen liegt wesentlich unter dem Nennwert. Und – galt früher „hartes Geld“ im Zweifel als das überlegene Zahlungsmittel, so ist im Eurosystem Münzgeld nur ein eingeschränktes Zahlungsmittel, Händler können die Annahme von über 200 Euro in Münzen ablehnen. Auch die D-Mark war übrigens bereits eine Fiat-Währung und nicht durch Edelmetalle gedeckt.

Die Zentralbank, die in Euroland durch die Notenbanken der einzelnen Euroländer repräsentiert wird, hat das alleinige Notenmonopol, die Münzen werden von den jeweiligen Finanzministerien geprägt und dann durch die Notenbanken ausgegeben. Die Banknotenausgabe erfolgt allein nachfragegesteuert, d.h. wenn die Geschäftsbanken eine höhere Bargeldnachfrage beobachten, dann nehmen sie einen höheren Kredit bei der Zentralbank auf und die Zentralbank schickt ihnen im Gegenwert Banknoten, nehmen sie viele Banknoten entgegen, die sie nicht benötigen, zahlen sie damit ihre Kredite bei der Zentralbank zurück (normalerweise inkl. eines Zinses). D.h. die Mär von der Zentralbank, die die Notenpresse anwirft ist – zumindest bisher – im Euro-Kontext Unsinn, die Zentralbank bringt nicht von sich aus mehr Banknoten in Umlauf.

Geld ist aber nicht nur Bargeld. Im Gegenteil, ein Großteil des umlaufenden Geldes ist kein Bargeld – sondern Buchgeld, auch Giralgeld genannt. Und dieses Geld – und da liegt wohl die Haupterkenntnis, die meine Studierenden so baff machte – wird von Geschäftsbanken (und anderen Finanzinstitutionen) geschaffen. Geschäftsbanken machen Geld. Und zwar nicht im Auftrag der Zentralbank, sondern aus eigenem geschäftlichem Antrieb heraus. Das war schon so, lange bevor es überhaupt Zentralbanken gab, denn schon im Mittelalter vergaben Privatbanken Kredite gegen Bürgschaft oder Sicherheit und schufen damit Geld. Sichteinlagen, also alle sofort verfügbaren Anlagen bei Geschäftsbanken und anderen Finanzinstitutionen, werden als Geld gewertet, weil sie ähnlich schnell verfügbar, beliebig klein teilbar und allgemein anerkannt sind, wie Bargeld. D.h. Giralgeld (Buchgeld) erfüllt alle Eigenschaften des Geldes und Funktionen des Geldes, und der einzige Umstand, der es von modernem Bargeld unterscheidet ist, dass es allein in Büchern der Banken, bzw. heute auf Computern der Banken existiert. Buchgeld ist ein Zahlungsversprechen der Bank. Sie verspricht in Höhe unserer Sichteinlagen Bargeld auszuzahlen oder Zahlungen an Dritte vorzunehmen. Da allerdings niemals alles Geld gleichzeitig abgehoben oder überwiesen wird, haben die Banken eben nicht den Gegenwert aller Konten selbst irgendwo in Bargeld oder besser noch in Gold rumlagern, mitnichten, sie haben genau so viel Bargeld vorrätig, wie sie denken an einem normalen Geschäftstag ausschütten zu müssen, und das ist nur ein kleiner Bruchteil ihrer Verbindlichkeiten in Buchgeld. Im Eurosystem und in den meisten anderen Geldsystemen mit Zentralbank gibt es zudem eine Reservehaltungsverpflichtung der Banken, dies ist der Anteil an den gesamten Sichteinlagen, die eine Bank emittiert, den sie wiederum als Guthaben bei der Zentralbank haben muss. Dieser Reservehaltungssatz lag im Euroraum bei 2% und er wurde 2012 auf 1% gesenkt.

So, jetzt die zentrale Frage: Wie schöpft eine Bank Geld?

Geldschöpfung funktioniert auf zwei Arten und Weisen: 1.) Ankauf von Wertgegenständen: Ein Kunde verkauft einer Bank etwas, z.B. Bargeld oder Wertpapiere und die Bank schreibt dem Kunden den entsprechenden Betrag auf seinem Konto gut. Schwupps Giralgeld da, das es vorher noch nicht gab. 2.) Kreditvergabe: Ein Kunde nimmt bei einer Bank einen Kredit auf, die Bank schreibt dem Kunden das Geld auf seinem Konto gut. Schwupps, da ist das Geld, das es vorher noch nicht gab. Aber, aber, sagen die Studierenden und die Leser, wo nimmt die Bank das Geld denn her? Das hat sie doch vorher eingenommen? Nein, hat sie nicht. Die Bank verspricht nur, ihr zur Verfügung gestelltes Giralgeld jederzeit in Bargeld auszuzahlen, wenn das gewünscht wird. Aber sie muss immer nur das einnehmen, was zu einem bestimmten Zeitpunkt abgehoben wird. D.h. wenn alle Leute Millionen auf ihren Girokonten haben, aber nur 200 € pro Woche ausgeben, dann muss die Bank auch nur die 200€ pro Woche wieder irgendwoher eingenommen haben. Im Normalfall wird aber ja, wie bereits oben gesagt, nur ein Bruchteil des Geldumlaufes in Bargeld getätigt und entsprechend muss die Bank auch nur einen Bruchteil ihrer Sichteinlagen sofort auszahlen können. Der Rest der Zahlungen wird per direktem Zahlungsverkehr, also Überweisung, getätigt. Und dafür muss die Bank nur die notwendigen Giralgeldeinnahmen haben. In der Regel werden Überweisungen dadurch durchgeführt, dass die Banken einander Kredit gewähren und am Ende des Geschäftstages die gewährten Kredite gegeneinander aufrechnen. Sollte dann noch ein Differenzbetrag verbleiben, so kann dieser entweder in einen längerdauernden Kredit zwischen Banken umgewandelt werden (gegen Zinsen) oder durch einen Kredit bei der Zentralbank kompensiert werden (gegen – Achtung – Leitzins).

Ja und warum bitte funktioniert das?

In einem gesunden Bankwesen funktioniert dieses Geldsystem sehr gut. Deshalb, weil die Banken nur Kredite gewähren, wenn sie relativ sicher davon ausgehen können, dass der Kredit zurückgezahlt wird und sie somit ihre laufenden Verpflichtungen in kommenden Perioden aus der Tilgung auf die Geldschöpfung der Vergangenheit refinanzieren kann. Zudem müssen Banken für neu vergebene Kredite ja 1% des Gegenwertes als Guthaben bei der Zentralbank halten, würde eine Bank nun sehr sehr sehr viele Kredite vergeben, würde die Zentralbank ihr keinen Kredit mehr gewähren und damit den Geldschöpfungshahn zudrehen. Und zudem würde eine Bank, die übermäßig viele Kredite gewährt auch ständig hohe Verbindlichkeiten gegenüber anderen Banken haben, weil ihre Kunden ja sehr viel mehr überweisen als empfangen würden, so dass die anderen Banken der betreffenden Bank nicht mehr oder nur gegen hohe Zinsen weiterhin Geld leihen würden. Auch in diesem Fall müsste die Bank fürchten, ihre Zahlungsfähigkeit zu verlieren und deshalb ihre Kreditvergabe drosseln.

Hier sieht man, ganz nebenher auch schon einen der vielen Gründe, warum Zinsen eigentlich gar nicht so böses Teufelszeug sind. Sie stellen einerseits sicher, dass die Bank eine Einnahmequelle hat, aus der sie Zahlungsverpflichtungen nachkommen kann und sorgen gleichzeitig dafür, dass übermäßige Geldschöpfung unrentabel ist.

Ja wozu soll denn Geld gut sein, wenn es ja irgendwie eigentlich gar nichts wert ist? Bereichern sich da nicht die Banken an uns und wir haben de facto nichts?

Erinnern wir uns an die Funktionen des Geldes: Tauschmittel, Recheneinheit, Wertaufbewahrung. Es geht bei Geld nicht darum, einen Wertgegenstand zu besitzen. Es geht darum, ein Vehikel zu haben, dass Tauschen umstands-, orts- und zeitpunktunabhängig möglich macht. Die Funktionen des Geldes sind eigentlich virtuell. Geld dient nur der Vereinfachung der arbeitsteilligen Wirtschaftsweise. Und es hat sich, weitgehend losgelöst von staatlichem Tun, so effizient wie möglich entwickelt. D.h. seine Produktion birgt kaum Kosten, seine Aufbewahrung ebenso und es ist sehr viel umfänglicher als Zahlungsmittel anerkannt als zu seinen Anfängen. Es ist schlicht egal, ob das Geld einen Wert hat, solang sichergestellt ist, dass es wiederum gegen Dinge mit Wert getauscht werden kann, wann immer man will. Und das ist – in der Regel und im Normalfall – im Eurosystem und in den meisten anderen industriestaatlichen Notenbanksystemen so.

Nachbemerkung 1: Die Geschichte hat darüberhinaus gezeigt, dass eine hohe Absicherung, selbst eine vollständige Deckung nicht vor Geldwertverlust schützen, denn wo ein Wille ist, sich am Geldmonopol zu bereichern, da ist auch ein Weg. – Hierzu womöglich wann anders mehr.

Nachbemerkung 2: Es gibt ein paar Ökonomen, die sich vehement für eine Wiedereinführung des Gold-Standards oder eine andere Form von Vollgeld aussprechen. Sie sind eine sehr kleine Minderheit. Bei großem Interesse würde ich versuchen, die Argumente zu verstehen und dazu was nachzuschieben.

Nachbemerkung 3: Giralgeld ist übrigens kein gesetzliches Zahlungsmittel. Wir glauben nur Geschäftsbanken mehr als anderen Leuten, die virtuelles Geld herstellen. Das kann sich jederzeit ändern. Z.B. macht Payback ziemlich stark in Geldschöpfung, ebenso wie Miles&More. Denn sowohl Meilen als auch Payback-Punkte sind, bei genauer Betrachtung, Geld. Sogar neu geschöpftes Geld. Da wird sich zukünftig noch was tun.

Cliffhanger: Dies ist des Basiswissens erster Teil, es wird noch einiger Erklärungen zu Geldpolitik bedürfen, schlussendlich läuft dieser Erzählstrang aber auf „ist die Geldpolitik am Ende?“ hinaus.

Empfehlenswertes zum Weiterlesen:

Sehr viel ausführlicher und sehr gut aufbereitet kann man das Ganze nachlesen im „Schülerbuch Geld und Geldpolitik“ der Deutschen Bundesbank, das es frei zum download gibt.

Etwas dichter, bezogen auf das Pfund und auf englisch: Bank of England: Money in the modern economy – an introduction. In: quartely bulletin 1/2014 und Bank of England: Money creation in the modern economy. In: quarterly bulletin 1/2014.