Economics 101: Wertschöpfung

Manchmal laufen Twitter-Diskussionen ja irgendwie aus der Zeichenbegrenzung heraus. So heute geschehen. Eigentlich drehte sich die Diskussion um einen Artikel zum Gender Pay Gap im FAZIT-Blog, der darauf abzielt, den durch Berufswahl zu erklärenden Teil des Gender Pay Gaps auseinander zu nehmen. Und sich mit der Frage beschäftigt, ob es frauentypische Berufswahl gibt.

Hier kam die Frage auf, warum denn eigentlich ausgerechnet die frauentypischen Berufe schlecht bezahlt werden, und wieso es denn nun die Lösung sein soll, dass alle Frauen in MINT-Berufe gehen, um die Gehaltslücke zu schließen.

Meine These aus der Hüfte dazu war

Hierzu erhielt ich die Antwort von @GabiausS

 

Und daraufhin entspann sich eine lange Diskussion darum, warum die Wertschöpfung im Care-Bereich geringer sein sollte als im Bereich anderer Dienstleistungen, es wurde richtig gefragt, warum z.B. in der Wissenschaft, die ja auch keinen direkten Mehrwert im Sinne von Gewinn abwirft, die gezahlten Gehälter wesentlich besser sind und das sogar obwohl es ein Überangebot an Wissenschaftler*innen gibt, während es einen Mangel an Pflegekräften gibt.

Nun. Ich möchte das hier kurz mal definitorisch aufdröseln, obwohl – so glaube ich – alle Beteiligten in der Diskussion am Ende prinzipiell das gleiche meinen.

Buchhalterisch bezeichnet die Wertschöpfung in der Produktion eines Endproduktes, den Anteil am Gesamterlös des Endproduktes, der auf den Einsatz von Arbeit und Kapital entfällt. Das heißt: Gesamterlös des Endproduktes abzüglich aller Kosten für Vorprodukte und Abschreibungen = Wertschöpfung. Diese stellt dann den Kuchen, der auf Entlohnung der Arbeitskräfte und des Kapitals aufgeteilt wird. In vielen Branchen drehen sich Tarifverhandlungen in erster Linie darum, wie der Kuchen anteilig auf Arbetitnehmer und Arbeitgeber (=Kapitaleigner) aufgeteilt wird. Also wieviel des geschaffenen Mehrwertes die Arbeitnehmer als Gehalt erhalten und wieviel als Gewinn an den oder die Eigentümer ausgeschüttet wird. Diese Frage spielt in den von uns diskutierten Care-Berufen, also in den Bereichen Kranken- und Altenpflege und Kinderbetreuung eine weitgehend untergeordnete Rolle und ebenso im ebenfalls genannten Bereich der Wissenschaft. Warum? Weil es sich weitgehend um nicht-gewinnorientierte Bereiche handelt. Ganz stimmt das natürlich nicht, der Bereich der häuslichen Pflege, die gesamte niedergelassene Ärzteschaft und auch niedergelassene Therapeuten und Hebammen arbeiten privatwirtschaftlich. Allerdings ist dennoch Bereicherung der Eigner von Pflegediensten, Physiotherapiepraxen oder auch Altenheimen zulasten ihrer Angestellten ein eher nicht so weit verbreitetes Phänomen und zwar genau deshalb, weil der zu verteilende Kuchen, also die Wertschöpfung, ohnehin eher gering ist. Und zwar geringer sowohl als im öffentlichen Sektor (Wissenschaft, Verwaltung, Politik) als auch erst recht im privaten Dienstleistungsbereich.

Was?? Soll das heißen, eine Pflegekraft, Erzieherin oder Hebamme trägt weniger Wert bei, als ein Finanzbeamter, eine Wissenschaftlerin, ein Hotline-Mitarbeiter oder eine Bankangestellte? Tja. Buchhalterisch ja. Weil Care ganz offenbar weniger Erlös erwirtschaftet als Investmentbanking und – und das verwundert zunächst – auch als Lehre und Forschung. Warum ist das so?

Betrachten wir es zunächst nüchtern, lassen wir also außer acht, wie der gesellschaftliche Beitrag dieser Berufe ist und wieviel sie wert sein *sollten*. Zunächst mal nur gucken, wie diese Märkte funktionieren, dann überlegen warum und was daran zu ändern wäre.

Es ist hier dienlich erstmal zu unterscheiden in Sektoren die prinzipiell in irgendeiner Form die öffentliche Hand als Nachfrager haben und solche, die vollständig im privaten Bereich agieren. Denn im Bereich der vollständig nicht-regulierten Dienstleistungen, da wird vermutlich tatsächlich das gesamte Gehalt aller Beschäftigten, die eine Dienstleistung produzieren etwa dem entsprechen, was sie an Wert zu dieser Dienstleistung beitragen. Der Wert er Dienstleistung wird beeinflusst davon, wie hoch die Nachfrage danach ist und wie stark die Konkurrenz zwischen den Anbietern der Dienstleistung. D.h. zum Beispiel ein Fonds-Manager bewegt sich in einem Markt mit einer recht hohen Nachfrage aber ob ein Unternehmen einen Aufschlag auf seine Kosten als Gewinn realisieren kann, hängt davon ab ob es unter vollständiger Konkurrenz agiert. In diesem Fall wird das Kalkül des Unternehmens so aussehen: Es wird die Dienstleistung in dem Markt anbieten, wenn es gerade Nullgewinn erzielt, das heißt wenn der Einsatz an Material und Vorprodukten plus der Einsatz an Gehältern plus Abschreibungen und Rücklagen für Investitionen genau dem Erlös entspricht, den es erwirtschaftet. Liegt der Marktpreis darunter, kann das Unternehmen natürlich versuchen seine Kosten, evtl. auch die Arbeitskosten, zu senken oder es scheidet aus dem Markt aus. In sehr vielen Fällen wird aber der private Markt ein Oligopol sein oder eine Situation monopolistischer Konkurrenz, d.h. es gibt nur wenige Anbieter oder jeder Anbieter hat eine leicht andere Produktvariante und dadurch keinen wirklich perfekten Konkurrenten. In diesen Fällen kann ein privater Anbieter sein Kalkulation so vornehmen, dass er einen Preis realisiert, der sich als Kosten (inkl. Arbeitskosten) plus einen Gewinnaufschlag ergibt. Und dieser Fall heißt dann eben auch, dass ein Unternehmen wenn es teurere aber z.B. bessere Arbeitnehmer einstellt, dies in den Preis weitergeben kann, ohne dadurch aus dem Markt auszuscheiden.

In den diskutierten Bereichen Pflege und Wissenschaft ist das aber sehr grundsätzlich anders. Fangen wir mit Care an. Hier ist es fast durchgängig so organisiert, dass private oder halb-staatliche Anbieter die Dienstleistung produzieren, aber diese zu festen Sätzen abgeben müssen. Diese Sätze werden entweder direkt von der öffentlichen Hand vorgegeben (Kinderbetreuung) oder durch das Gesamtbudget der Kranken- und Pflegeversicherung letztlich determiniert und dann eben gemäß Tarifkatalog und Umrechnungsfaktoren in Sätze für jede einzelne Pflege- und Therapieleistung übertragen. Dabei haben zwar die Anbieter theoretisch via Verband eine Aushandlungsmöglichkeit, am Ende ist der Verhandlungsspielraum aber marginal, weil das Gesamtbudget feststeht und weil es eben letztlich nur einen Nachfrager gibt – der einzige Ausweg nicht von der Kranken- oder Pflegeversicherung den Preis der Dienstleistung diktiert zu bekommen, ist nur noch privat anzubieten und hierfür ist der Markt für private Pflegeleistungen offenbar nicht groß genug. Entsprechend sind Anbieter von Care-Dienstleistungen auf jeden Fall Preisnehmer. Und sie erhalten eben einen sehr geringen Preis für ihre Dienstleistung. Der Erlös, z.B. für den privaten Pflegedienst ergibt sich dann eben als Anzahl der Patienten mal Pauschale und hieraus ergibt sich dann nach Abzug der Kosten für Benzin, Verbrauchsmaterial und Räumlichkeiten die Wertschöpfung. Diese verteilt sich dann wiederum auf Gehälter der Pflegekräfte und Ertrag für den Eigentümer des Pflegedienstes. Und da die Fallpauschalen gering sind, ist der Erlös gering und deshalb sind die Gehälter (und auch die zu erwirtschaftenden Gewinne) gering. Das heißt der Satz oben aus dem BWL-Studium stimmt sachlich. Zur Bewertung kommen wir, wie gesagt, später.

Erst noch die Wissenschaft. Ein direkter Vergleich mit der Pflege ist etwas haarig, weil die Anbieter der Dienstleistung ‚Forschung und Lehre‘ zwar nominell auch unabhängige Einrichtungen (Forschungsinstitute und Universitäten sind), aber ein Großteil der Wissenschaftler *innen Landesangestellte und diese wiederum tariflich bezahlt werden, der Tarif gilt aber nicht *nur* für Wissenschaftler*innen. Das macht das ganze etwas hinkend. Aber der Grundgedanke, dass die Wertschöpfung buchhalterisch im Bereich der Wissenschaft höher sein muss, wenn die Gehälter dort ja höher sind, stimmt. Es funktioniert etwa so: auch hier ist am Ende der Staat der Nachfrager. Er legt das Gesamtbudget fest allerdings über verschiedene indirekte Wege, hauptsächlich über die Grundfinanzierung der Universitäten durch die Bundesländer, die Drittmittelfinanzierung durch Forschungsförderung der Länder, des Bundes und der EU, sowie über die indirekte Finanzierung der Forschung durch Finanzierung der Forschungsgesellschaften und der DFG. (Das Ganze ist durchaus komplexer als hier stark verkürzt dargestellt, dies sei mir an dieser Stelle hier verziehen). Sowohl im Rahmen der Grundfinanzierung als auch im Rahmen von Projektfinanzierung wird dabei *direkt* berücksichtigt wieviele Personen eine bestimmte Dienstleistung erbringen und in welcher Tarifstufe diese bezahlt werden – das schafft schonmal etwas weniger Druck auf die Gehälter, denn zumindest rechnerisch ist damit klar festgelegt, dass ein bestimmtes Gehalt auf jeden Fall gezahlt werden kann. Zusätzlich ist es aber eben so, dass für die Dienstleistung ‚Lehre und Forschung‘ insgesamt ein größeres Budget durch die öffentliche Hand zur Vefügung gestellt wird, als für die Dienstleistung ‚Pflege‘ oder ‚Kinderbetreuung‘. Dadurch ist der Kuchen nach Abzug der Kosten im Bereich der Wissenschaft eben größer, die Wertschöpfung liegt höher und es können höhere Gehälter gezahlt werden. Nebenbei sei angemerkt, dass hier aber zusätzlich tatsächlich gar keine Gewinne gemacht werden – das macht vermutlich schon auch etwas aus. Der feine Unterschied, dass in der Budgetkalkulation für wissenschaftliche Finanzierung den Gehältern Rechnung getragen wird, während dies in der Kalkulation der Pflegepauschalen nur sehr indirekt geschieht sei hier durchaus angemerkt – ich glaube, das hat einen gesellschaftspolitischen Hintergrund.

Halten wir aber zunächst fest: eine Dienstleistung kann noch so super produktiv erbracht werden und auch einen hohen (immateriellen, gesellschaftlichen, whatever) Wert haben. Wenn dafür kein hoher Preis gezahlt wird, hat sie eine geringe Wertschöpfung (es wird nur wenig Wert abgeschöpft) und die Arbeitnehmer*innen, die sie erbringen, aber auch die Kapitaleigner, die sie anbieten, werden gering entlohnt werden.

Nun also der Kern: Warum ist das so? Ist es gesellschaftlich richtig und ethisch korrekt, als öffentliche Hand zu unterstellen, dass Wissenschaft, Schulbildung und auch Verwaltung mehr wert sind als Kinderbetreuung, Alten- und Krankenpflege? Wohl kaum. Dennoch erfahren die Bereiche eine unterschiedliche Wert*schätzung*, die sich dann am Ende in ganz nüchtern betrachtet auch unterschiedlicher Wert*schöpfung* niederschlägt.

Hierzu zwei Thesen.

Einerseits erfahren die Care-Dienstleistungen eine geringe Wertschätzung, weil es sich dabei um Dienstleistungen handelt, die vor noch gar nicht so langer Zeit gar nicht monetarisiert wurden. Pflege und Kinderbetreuung fand unentlohnt zuhause und in Klöstern und karitativen Einrichtungen (dort durch Freiwillige sowie Ordensfrauen) statt. Das heißt in der Wahrnehmung der Gesellschaft, sind diese Dienstleistungen *eigentlich* umsonst und müssen nun unverschämterweise doch irgendwie bezahlt werden. Hiermit verbunden ist die Tatsache, dass diese Dienstleistungen traditionell von Frauen (zuhause und im Orden) erbracht wurden, oft sogar zusätzlich zu einer beruflichen Tätigkeit im formellen Arbeitsmarkt. Denn auch wenn gar nicht so sehr dahinter stünde dass ‚Frauenarbeit nix wert ist‘, was ich gar nicht per se unterstellen möchte, so läuft es etwa so ab, denke ich: Durch den demographischen Wandel können Care-Dienstleistungen schon seit einigen Jahrzehnten nicht mehr vollständig und heute nahezu kaum noch zuhause privat erbracht werden. Weil es sich aber zuhause eher um Frauenarbeit handelte, ergreifen nun, da diese Dienstleistungen mehr und mehr zu Berufen wurden, immernoch vor allem Frauen diese Berufe. Weil wir eben Rollenbilder reproduzieren, unsere Hirne sind entsetzlich langsam darin, sich veränderten gesellschaftlichen Wahrheiten anzupassen, da gehen schon mal ein paar Generationen ins Land. Der Beginn dieser Entwicklung liegt weit im letzten Jahrhundert, vermutlich mindestens in der Nachkriegszeit. Zu dieser Zeit waren Frauen aber eben selten Hauptverdienerinnen, sondern oft Zuverdienerinnen. Das heißt die ursprünglich kostenlose Dienstleistung konnte ohne großen Schaden relativ gering entlohnt werden, da die niedrigen Gehälter ja keine Familien unterhalten, sondern nur ein bisschen das Familieneinkommen ergänzen sollten (auch gab es nach wie vor zunächst auch noch relativ viele Ordensfrauen in diesem Bereich – das kann man heute noch schön in Entwicklungsländern beobachten). Das heißt auch mit Monetarisierung des Care-Bereichs war es lange gesellschaftlich akzeptabel, den Bereich schlecht zu bezahlen. Erst mit starkem Wachsen des Bedarfs durch die alternde Gesellschaft, deutlich mehr allein verdienenden Frauen und -nichtzuletzt- einem steigenden Anteil von Männern in diesen Berufen, fällt diese deutlich zu geringe Wertschätzung nun auf. Und diese Erkenntnis übersetzt sich bisher aber nicht in entsprechend höhere Budgetierung, höhere Beitragssätze oder steuerliche Ko-Finanzierung, die zu einer ebenfalls erhöhten Wert*schöpfung* beitragen könnten.

Die zweite These wird nicht jedem gefallen, denn sie unterstreicht die Bedeutung von Konkurrenz. Denn: es gibt keine zwischen-staatliche Konkurrenz um das beste Pflege- und Gesundheitssystem. Eher im Gegenteil, sonst kommen nachher noch Leute von woanders und wollen neben unserem Sozialsystem (sic) auch noch unser Gesundheitssystem fluten. Wo kämen wir denn da hin? Es gibt aber durchaus zwischen-staatliche Konkurrenz um guten wissenschaftlichen Output. Wissenschaft bringt zwar oft gar keinen und sicher keinen unmittelbaren gesellschaftlichen Nutzen, sie gilt aber als zukunftsrelevant für den Standort, weil die Hoffnung besteht einen Teil der wissenschaftlichen Erkenntnisse irgendwann zu marktreifen Produkten werden zu lassen, die dann hier und nur hier produziert werden. Innovation Made in Germany! Pflege hingegen, verspricht nicht, irgendwann in Zukunft einen Markt zu bedienen. Sie hat einen gesellschaftlichen Nutzen, dieser ist sogar unmittelbar. Sie trägt vermutlich auch indirekt zur Produktivität des Landes und auf jeden Fall im besten Fall zur Wohlfahrt bei. Aber sie verspricht keinen Wettbewerbsvorteil im Standortwettbewerb. Und also entscheidet sich der Staat in Anbetracht knapper Ressourcen, diese auf den Bereich zu werfen, wo er Vorteile gegenüber anderen Staaten zu erwirtschaften hofft.

Und wie drehen wir das jetzt, ohne auf die Wende in den Köpfen nochmal 100 Jahre zu warten?

p.s.

Weil mir der Grundtenor des FAZIT-Textes nicht wirklich schmeckt, hier ein anderer Blickwinkel auf das gleiche Thema.

 

 

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Flexible Ausgestaltung der Arbeit – ein paar Überlegungen

Ich bin derzeit im Mutterschutz und meine Arbeitgeberin sucht eine Vertretung für meine Elternzeit. Aufgrund verschiedener Umstände ist sie damit eher spät dran, so dass ich höchstens 10 Monate von 12 (inkl Mutterschutz) vertreten werden werde. Das ist für alle Beteiligten sehr ärgerlich, weil ich mein Aufgabengebiet weitgehend allein bearbeite. Somit bleibt derzeit Arbeit liegen und meine Vertretung wird sich ohne meine Unterstützung einarbeiten müssen. Ich habe ein bisschen gegrübelt, wie sich das hätte verhindern lassen können und bin darüber zu Überlegungen zur Gestaltung von modernen Arbeitsplätzen ganz allgemein gekommen:

Viele Elternteile, Väter wie Mütter, sehen sich heute in der Situation, das sie gern weiter einem verantwortlichen Job nachgehen würden, auch wenn sie – kleine – Kinder haben, ihnen aber recht klar gesagt wird: in Teilzeit geht das nicht. Ich kenne Menschen, bei denen selbst eine Reduktion auf 80% der Arbeitszeit dazu geführt hätte, dass ihnen Führungsverantwortung wieder entzogen worden wäre. Mütter werden oft -widerrechtlich – vor die Wahl gestellt 50% in einer weniger interessanten Aufgabe oder 100% im alten Job. Andere Lösungen wie etwa 65 oder 75% stehen nicht zur Debatte. Auch eine Elternzeit von mehr als zwei Monaten gilt in vielen Fällen als Garant für Nachteile im Job im Nachgang. Nachteile, die Frauen mehrheitlich dann in Kauf nehmen und die Männer mehrheitlich dazu zu bewegen scheinen, dann eben nur kurz in Elternzeit zu gehen.

Das Bedürfnis, die Wochenarbeitszeit zu reduzieren oder längere Auszeiten nehmen zu können ist aber keinesfalls auf Eltern beschränkt. Eine moderne Arbeitsumgebung sollte jeder/m Arbeitnehmer/in möglich machen, selbst Herr/in über seine/ihre Aufteilung von Arbeit und Freizeit zu sein. 

Die absehbare stärkere Automatisierung und zunehmende Digitalisierung legt außerdem nahe, dass wir zukünftig eher ein Überangebot an Arbeitskraft haben werden und dass die Arbeit noch weniger als bisher zwangsläufig ab einer festen Arbeitsstätte wird stattfinden müssen. Eine Flexibilisierung der Arbeitszeit und des Arbeitsortes würde also auch im Sinne der Arbeitgeber und des gesellschaftlichen Friedens sein.

Wie aber sollte das vonstatten gehen, wenn ja offenbar der/die einzelne so unverzichtbar ist  oder die Arbeitsabläufe so unflexibel, dass außer den Varianten „Mehr als Vollzeit, am besten immer am festen Arbeitsplatz“ und „50% an 5 Tagen a 4 Stunden und nur bei Zuarbeit, keinesfalls mit Verantwortung“ keine Ausgestaltung denkbar ist? 

Ich glaube, das Problem hängt viel damit zusammen, wie wir Arbeit und Aufgaben organisieren. Denn tatsächlich, dass ich jetzt nicht im Büro bin führt dazu, dass meine Arbeit nicht gemacht wird. Dass ich in einen Job mit Verantwortung werde zurückkehren können, auch in Teilzeit, habe ich dem Umstand zu verdanken, dass ich im öffentlichen Dienst tätig bin und dass meine Vorgesetzten mich außerordentlich zu schätzen wissen. Ich kenne auch im direkten Umfeld im öffentlichen Dienst Frauen, denen nach der Rückkehr aus der Elternzeit eine zugesagte Beförderung versagt wurde, selbst bei Rückkehr in 100%. Auch bei meinem Mann wird die Elternzeit dazu führen, dass seine Arbeit nicht adäquat fortgeführt werden wird. Für uns beide wird das bedeuten, dass wir einerseits in der Elternzeit nicht 100% raus sein werden, sondern mal schnell Mails checken, ein kurzes Telefonat und ähnliches werden vermutlich sein müssen, um unser „Hoheitswissen“ abzurufen. 

Wie könnte das besser laufen?

Ich denke, wir müssen Arbeitsplätze und Aufgabengebiete flexibler, komplementärer, weniger monolithisch sehen. Als ich meine Stelle angetreten bin, war sie mit 100% ausgeschrieben und wurde mit mir zu 75% besetzt. Obwohl ich angeboten hatte, sie auch 50-50 mit einer zweiten Person zu teilen. Es war meiner Arbeitgeberin lieber, dass ich in 30 Stunden die Arbeit von 40 Stunden mache als die Aufgaben sinnvoll auf zwei Arbeitsplätze zu verteilen, die sich ergänzen. Das führte natürlich zu erheblichem Stress für mich und gleichzeitig dazu, dass jetzt eben auch eine Lücke entsteht, die so nicht da wäre, wären wir zu zweit. Das Gedankenspiel funktioniert aber auch für 100% Stellen. Wenn ein Mitarbeiter mit einem speziellen Aufgabengebiet aufgrund von Elternzeit, Krankheit, Sabbatical ausfällt, ist seine Arbeit vakant, eine Vertretung muss mühsam eingearbeitet werden, der Übergang ist ruckelig, ein Wiedereinstieg nur unflexibel und in exakt den selben Konditionen oder gar nicht möglich. Weil wir Personen und Aufgabengebiete deckungsgleich denken. Person A macht Aufgabe X, Person B macht Aufgabe Y usw. Was wäre aber nun, hätten A und B gemeinsam X und Y verantwortet. Dann könnte einer von beiden die Vertretung des anderen problemlos einarbeiten und ggf auch kurzfristig vertreten. Das Wissen um beide Aufgaben wäre zumindest passiv verfügbar, es würde immernoch die zeitliche Kapazität, nicht jedoch das Know-How fehlen. 

Natürlich, es gäbe Abstimmungsbedarf. Das muss man einkalkulieren. Es müsste manchmal womöglich mehr gesprochen werden. Aber vielleicht gewinnt man so gleichzeitig auch verschiedene Perspektiven auf ein Problem, entdeckt evtl. Fehler früher. Und womöglich, wie krass wäre das denn, hätte man gleich zwei motivierte und engagierte Mitarbeitende. 

Kann man ja mal drüber nachdenken. Meine Arbeitgeberin wird das müssen. Denn ich kehre zunächst mit 50% zurück, in ein dann womöglich sogar gewachsenes Aufgabengebiet, mit (Personal-)Verantwortung in dem ich glücklicherweise gut und schlecht zu ersetzen bin. Und ich teile das dann auch echt gern, allein machen will ich es aber nicht. Liegt dann halt an den Chefinnen und Chefs, ob sie mir eher eine/n Assistent/in oder eine/n Kollegin/en an die Seite stellen, nicht?

Gibt es weibliche Ökonomie?

Schon seit der Existenz dieses Blogs umkreise ich die Frage, ob ich wohl mal etwas über feministische Ökonomik schreiben sollte. Ich bin in dem Thema extrem gespalten und scheue auch ein wenig das dünne Eis. Allerdings tauchen immer wieder so kleine Anlässe auf, die ich nicht einfach wegignorieren will. So zum Beispiel ganz akut die vorletzte Folge des Lila-Podcast in der die Frage anklang, ob eine höhere Repräsentanz von Frauen in Führungsposition auch einen weiblicheren Führungsstil mit sich bringt. (Personal note: I doubt)

Wie ist das also mit den Frauen und der Ökonomie? Machen wir der Einfachheit halber eine Unterteilung in zwei Felder: 1. Die Berücksichtigung von Frauen/Feminismus in der ökonomischen Theorie sowie 2. die Rolle von Frauen in der Ausgestaltung des Wirtschaftslebens  – auch wenn beide Felder nicht ganz klar zu trennen sind.

Man liest im Allgemeinen in Wirtschaftsmedien, Wirtschaftsblogs, Wirtschaftszeitungen usw. wenig über und wenig von Frauen. Viele Ökonominnen finden auch, man lese in wirtschaftswissenschaftlicher Fachliteratur zu wenig über Frauen. Ohnehin liest man in wirtschaftswissenschaftlicher Fachliteratur zu wenig von Frauen, da Frauen unter den Spitzenforschern des Gebietes eher selten sind. Es gibt z.B. noch weniger Frauen, die einen Nobelpreis für Wirtschaftswissenschaften bekommen haben, als in Physik. (Fairerweise sei dazugesagt, dass der Preis in Physik schon erheblich länger vergeben wird als der in Wirtschaft) Es ist also klar, dass die Stimme von Frauen nicht unbedingt prägend in die ökonomische Theorie und ökonomische Analyse eingegangen ist. Dieser Umstand wird in schöner Regelmäßigkeit auch von namhaften Ökonomen kritisiert (bspw. hat der Entwicklungsökonom Owen Barder die Initiative #nomaleonlypanels ins Leben gerufen, die männliche Wissenschaftler dazu auffordert ein Versprechen abzulegen, nicht in reinen Männerpodien zu sprechen und der sich mittlerweile über 1000 Wissenschaftler angeschlossen haben.) Dennoch ist hier noch viel zu tun, denn z.B. der Weltbank stand bisher, ebenso wie der Bank für Internationalen Zahlungsausgleich, der EZB und der Bundesbank noch nie eine Frau vor. Und dass Deutschland im Jahr 2017 erstmals eine Wirtschaftsministerin hat, die auch mehr so aus Verlegenheit ins Amt kam, das ist jetzt auch nicht gerade ruhmreich.

Eine Variante dieses Kritikpunktes wird auch aus der Strömung der sog. feministischen Ökonomik (Link zu Wikipedia, englischsprachig) vorgebracht. Die feministische Ökonomik als tatsächliche Bewegung gibt es vor allem im englischsprachigen Raum. Feministische Ökonomik beschreibt sich selbst als Untergruppierung der sog. heterodoxen Ökonomie und positioniert sich deutlich in Gegensatz zum akademischen Mainstream der Zunft. Die feministische Ökonomik vertritt den Standpunkt, dass die Unterrepräsentanz von Frauen in der ökonomischen Zunft auch zu einer Vernachlässigung weiblicher Sichtweisen und Themen in der ökonomischen Theorie geführt hat. Das Selbstverständnis der feministischen Ökonomik lässt sich sehr schön aus diesem Artikel in der SZ herauslesen. Und gleichzeitig zeigt auch dieser Artikel schon gut auf, welche Bauchschmerzen ich im Bezug auf die feministische Ökonomik habe: Argumente wie „Und wer hat eigentlich Adam Smith den Haushalt gemacht?“ vernachlässigen den wirtschaftshistorischen Hintergrund der Entstehung ökonomischer Theorie und sind daher für mich nur Scheinargumente. (Zudem deutet dieses spezielle Argument auch deutlich auf eine mangelnde Auseinandersetzung mit Adam Smiths Werk hin, denn er hat sich keinesfalls nur mit Produktivität und Kostenrationalisierung beschäftigt, ein Großteil seiner (übrigens auch eher sozialphilosophischen als ökonomischen) Gedanken beschäftigt sich mit der Interaktion von Individuen in der Gesellschaft, der Familie, den Netzwerken, denen ein Mensch angehört und der moralischen Seite des ökonomischen Handelns.) Auch kann die Tatsache, dass es keine Massen von Lehrstühlen und Publikationen speziell für feministische Ökonomik gibt, noch nicht als Indiz gewertet werden, dass keine Auseinandersetzung mit den Themen geschieht. Ich allein kenne persönlich mehrere Ökonominnen und Ökonomen, die sich mit ganz originär solchen Themen in ihrer Forschung beschäftigen, wie etwa die Auswirkung des Familienstatus auf die Gesundheit von Männern und Frauen, die Verteilung der Hoheit über Geld zwischen Mann und Frau im Haushalt oder die Bedeutung des Bildungsabschlusses der Mutter für den sozio-ökonomischen Erfolg der Kinder, auch die Entscheidung über Fertilität und die ökonomischen Auswirkungen sind wirklich breit erforscht. Nur würde niemand dieser Forscherinnen und Forscher sich als feministische/r Ökonom/in verstehen oder selbst vorstellen. Diese Menschen ordnen sich dem inhaltlichen Themenfeld zu, in dem sie arbeiten, also eben Gesundheitsökonomik, Wohlfahrtsökonomik, Bildungsökonomik, etc. Das heißt aber nicht, dass ihre Arbeiten die Frauen außer acht lassen. Gerade als Entwicklungsökonomin fühle ich mich von der These, die Rolle der Frau werde nicht ökonomisch erforscht ganz massiv böse angegangen. In der Entwicklungsökonomik wird schon seit mehr als 20 Jahren sehr intensiv gerade die Rolle der Frau für ökonomische Entwicklung beleuchtet. Die Differenzierung von Datensätzen nach Geschlecht ist Standard (übrigens auch in allen anderen Disziplinen, die mit Individualdaten arbeiten) und Entwicklungsökonomen werden nicht müde zu betonen, dass die Bildung, Alphabetisierung und ökonomische Stärkung von Frauen das entscheidende Moment für die Entwicklung ist. Man kann wirtschaftliche Entwicklung nicht ohne Teilhabe von Frauen denken und das tut auch niemand. Aber natürlich wird deshalb auch nicht jeder Entwicklungsökonom sich der Strömung der feministischen Ökonomik zuordnen. (Und das Journal for feminist economics würde übrigens all die erwähnten Arbeiten auch ablehnen, das aber nur mal am Rande). Und dann finde ich es außerdem grundfalsch, bestimmte Themen wie Pflege, unbezahlte Arbeit, demographische Fragen usw. als Themen der feministischen Ökonomik zu deklarieren und damit ja irgendwie auch als Frauenthemen. Damit tun wir uns doch keinen Gefallen, denn eigentlich wollen wir doch, dass diese Themen als Themen wahrgenommen werden, die alle angehen.

Zuletzt noch ein Wort über die unsägliche Diskussion zum BIP in dem Artikel: Ja, das BIP enthält nur zu einem sehr kleinen Anteil die geleistete unbezahlte Arbeit, und ja, diese Arbeit wird zu einem großen Teil von Frauen geleistet. Aber das BIP enthält auch haufenweise andere Dinge nicht. Schwarzarbeit z.B. Und kriminelle Tätigkeiten. Und nicht-materielle Werte wie Bildung. Das BIP ist einfach nur ein einzelnes und durchaus beschränktes Maß, niemand sagt, das BIP sei das nonplusultra, es ist aber halt das was man unkompliziert, auch bei schlechter Datenlage irgendwie erhoben kriegt. Deshalb wird es oft herangezogen. Das kann man kritisieren, und das wird auch kritisiert, aber ehrlich, da ist Diskriminierung mal zur Abwechslung nicht so sehr das Problem. Damit genug zu Frauen in der Ökonomik.

Nun zur Frage der Beteiligung von Frauen an der Gestaltung der Wirtschaft. Hier und dort hört man aus feministischen Kreisen die These, dass eine größere Rolle von Frauen in Führungspositionen der Wirtschaft zu einer Änderung der Funktionsweise der Wirtschaft an sich führen würde. Also dass Frauen anders führen, anders wirtschaften würden, als Männer. Und – das schwingt implizit mit – dass eine von Frauen geführte Wirtschaft besser, im Sinne von menschenfreundlicher, familienfreundlicher, weniger ellbogenlastig wäre. Well, I doubt. Ich finde es in hohem Maße wichtig, eine gleichwertige Beteiligung von Frauen in allen Ebenen der Gesellschaft zu erreichen. Es ist für mich selbstverständlich, dass die Führungsebene von Wirtschaft und Politik die Breite der Gesellschaft repräsentieren sollte. Dass also genausoviele Frauen wie Männer in die Politik und genausoviele Frauen wie Männer in die Führungsetagen von DAX-Konzernen und auf die Lehrstühle unserer Universitäten gehören. Es sollten aber übrigens auch relativ zum Anteil an der Gesellschaft Homosexuelle vertreten sein, und das ethnische Mischungsverhältnis einer Gesellschaft repräsentiert sein. Niemand sollte aufgrund seines Geschlechtes, seiner sexuellen Orientierung, seiner Religion oder der Herkunft seiner Familie davon ausgeschlossen sein, unsere Wirtschaft und Gesellschaft mitzuprägen. Das teile ich, voll und ganz. ABER. Ich denke nicht, dass eine Frau einen Dax-Konzern anders führen würde als ein Mann. Dass Brokerinnen die Finanzkrise weniger befeuert hätten, als es die Broker taten. Dass Frauen an der Spitze von Geheimdiensten keine bösen Verbrechen anordnen würden. Deshalb, weil jede Frau in einer Spitzenposition auch ein Produkt des jeweiligen Umfeldes ist. Soland DAX-Konzerne gewinnorientiert sind und im z.T. harten Wettbewerb mit anderen Unternehmen weltweit agieren, werden sich als erfolgreiche Leitungen solche Menschen erweisen, die eine gewisse Ellbogenmentalität beweisen. Solange das Finanzsystem vorrangig den schnellen Gewinn belohnt und keinen Anreiz schafft, nachhaltig zu denken, werde solche Menschen in diesem System arbeiten, die auf den schnellen Gewinn aus sind. Solang Geheimdienste die Drecksarbeit für die Regierung machen, werden Menschen beim Geheimdienst arbeiten, die nichts gegen schmutzige Hände haben. Und da ich keinesfalls unterstellen kann und möchte, dass Frauen nicht genauso gut egoistische Arschlöcher sein können wie Männer, kann ich nicht sehen, wie das Geschlecht allein da irgendwas besser machen sollte. Und die Frauen, die wir bisher in Führungspositionen sahen und sehen, wie etwa Christine Lagarde, Margaret Thatcher oder Sheryl Sandberg, bestätigen mich da eher in meiner Meinung.

Der Schlüssel zu einem faireren, gerechteren Wirtschaften liegt in meinen Augen darin, die richtigen Anreize zu setzen. Anreize die nachhaltiges Verhalten belohnen und kurzfristige Gewinnoptimierung bestrafen. Und wo das System das aus sich heraus scheinbar nicht hinkriegt, ist es die Aufgabe der Gesetzgebung dies zu tun sofern es gesellschaftlicher Konsens ist, dass das gewünscht ist. Und damit die Gesetzgebung das tut, müssen wir die richtigen Leute in die richtigen Positionen wählen. Und wenn es da keine richtigen Leute gibt, dann müssen wir es wohl selbst machen. Und zwar Männer und Frauen.

Anekdotische Evidenz: Vom Hintertür-Sexismus in den Wirtschaftswissenschaften

Ausgerechnet jetzt, wo ich gar nicht mehr selbst in den Wirtschaftswissenschaften arbeite, kam beruflich eine Diskussion auf, die ich so ähnlich schon vor fast einem Jahr auf meiner Geburtstagsparty mal führte. Nämlich die Frage des Stands der Gleichberechtigung in den Wirtschaftswissenschaften. Lassen wir dabei mal kurz die Quote für DAX-Vorstände außer acht, da will ich erst gar nicht mit anfangen. Bleiben wir mal bei Wiwi als wissenschaftliche Disziplin.

Ich habe da schon länger eine auf anekdotischer Evidenz basierende Privatvermutung. Die besagt, dass gerade in Wiwi Gleichstellung sich oft ins Gegenteil verkehrt, also eher gegen die Frauen als für sie arbeitet. Auf einer Party im letzten Jahr diskutierte ich das mit anwesenden MINT-Menschen und in den letzten Tagen tauchte es in einigen beruflichen Gesprächen unverhofft wieder auf.

Also meine Erfahrung ist etwa diese:

Wirtschaftswissenschaften sind auf dem Papier ein zunächst relativ egalitäres Fach. Im Studium liegt der Anteil der Frauen bei um die 50%, je nach Studiengang auch darüber. Auch bei Doktorandinnen sieht es zumindest noch nicht vollkommen düster aus, hier ist der Frauenanteil zumindest noch bei über 30%, wiederum etwas abhängig vom Standort und den dortigen Schwerpunkten. Darüber kommt dann die gläserne Decke, der Professorinnenanteil ist aber in jüngster Zeit fast bei 20%.* Soweit so gut. Oder eben nicht. Die Tatsache, dass die Anzahl der Professorinnen auch in Wiwi eher überschaubar ist, wird meist großzügig ignoriert zugunsten eines „ist doch alles schick hier bei uns in Sachen Frauenförderung“-Gefühls, dass sich aus dem großen Anteil weiblicher Studierender speist und aus der Feststellung, dass ja im MINT-Bereich alles noch viel mehr im Argen liegt. Und so werden Maßnahmen der Gleichstellung belächelt bis offen als überflüssig dargestellt, oft sogar als Übervorteilung. Und gleichzeitig wird aber zu jeder passenden und unpassenden Gelegenheit betont, dass Frauen es ja ach so toll haben „heutzutage“. Also eine hört Dinge wie „Sie als Frau haben ja besonders gute Chance die Förderung einzuwerben.“ oder „Gerade für junge Frauen sind die Chancen ja nun wirklich exzellent.“ und auch „Wir haben schließlich drei (!!) Professorinnen an der Fakultät, vorbildlich, nicht wahr?“ Dass die angeblich bevorzugte Drittmittelvergabe an Frauen Unsinn ist, kann man z.B. aus DFG-Statistiken recht einfach herausfinden und wo die Chancen für Frauen besonders übermäßig sein sollen, ist mir nicht ganz klar. Denn dem stehen dann sehr viele Erfahrungen eher informeller Situationen gegenüber, wie etwa am Rande von Gremiensitzungen, in Berufungskommissionen oder auch mal auf akademischen Feiern. Wo großen Beschwerden geführt werden über unzumutbare Frauenquote im neuen Hochschulgesetz. Wo offen die weibliche Vertreterin des Mittelbaus während sie dabei steht als „Quotenfrau“ bezeichnet wird. Wo kein Hehl daraus gemacht wird, dass eine als Frau in der Berufungskommission sitzt, damit keine doofen Fragen kommen, wenn der Mann berufen wird, der bereits vor dem Verfahren feststand. Und wo bei der zu diskutierenden Frage, ob eine Kandidatin ohne Auflagen zur Promotion zugelassen wird im jovialen Tonfall nach deren Haarfarbe gefragt wird. Und dann mag eine nicht mehr recht daran glauben, dass einer jungen Frau ja heute alle Tore offen stehen in der akademischen Welt.

Nun ist dies alles, wenn auch nicht meine alleinige Erfahrung, dennoch nur anekdotische Evidenz. Die Wahrnehmung, dass in der Wirtschaftswissenschaft ein eher frauenfeindliches Klima herrscht, das sich aus „bei uns ist eh schon alles paritätisch und trotzdem werden wir durch Quoten und Gleichstellungsmaßnahmen drangsaliert“ speist, ist zunächst ja nur meine und die einiger Kolleginnen. Allerdings scheint dies zumindest nicht standortbezogen zu sein. Inzwischen habe ich doch – meist ungefragt – sehr ähnliche Geschichten von anderen Frauen und anderen Unis gehört. Und mir scheint das tatsächlich eine Frage des Problembewusstseins. Während in MINT-Fächern der Bedarf von Frauenförderung augenfällig ist, nehmen die Wirtschafts- und Sozialwissenschaften diesen nicht wahr, wischen ihn mit einer Handbewegung weg. Und zwar nicht nur alte Professorenherren, sondern auch junge neue Doktorandinnen und auch Professorinnen. Die Wiwi empfindet sich als ganze als egalitäres Fach und anderslautende Erfahrungen werden als persönliche Einzelfälle empfunden. Daher noch einmal deutlich: Ein Professorinnenanteil von 18% ist nicht egalitär. Es ist statistisch wenig wahrscheinlich, dass es so viel weniger geeignete Frauen als Männer gibt, wenn unter den Studiumsabsolventinnen der Anteil der Frauen bei 50% und unter den Promovierenden der Anteil bei 35% liegt. Es mag durchaus sein, dass sich weniger Frauen als Männer auf Professuren bewerben. Auch dass sich weniger Frauen als Männer für eine Promotion in Wiwi entscheiden. Aber dafür gibt es Gründe. Und diese Gründe sollte eine Disziplin, die so wie fast jede akademische Disziplin in diesem Land  eher händeringend akademischen Nachwuchs sucht, nicht einfach im Dunkeln lassen. Die Beweggründe von Frauen, sich gegen eine akademische Karriere zu entscheiden, mögen vielschichtig sein. Individuelle Erfahrungen von Sexismus (auch benevolentem) und Diskriminierung (auch nicht vorsätzlicher) werden sehr wohl hieran einen Anteil haben.

 

*Alle Zahlen für Universitäten in NRW. Quelle: Netzwerk Frauen- und Geschlechterforschung NRW Statistikportal.

Randnotiz der Woche: Gender-Renten-Gap-Kompensation in der Schweiz

Die Schweiz wird in Zukunft die aus dem unerklärten Teil des Gender Pay Gaps sich ergebende Rentenlücke von Frauen aus Steuermitteln kompensieren. Diese Nachricht erfuhr ich nicht in irgendeinem Wirtschaftsteil irgendeiner Zeitung. Sondern in diesem Artikel in Ökonomenstimme.  

Der Artikel selbst hat bei mir für eine gepflegte Portion Wut gesorgt. Die Argumentation „jaaaa, der unerklärte Teil lässt sich ja auf sozioökonomische Faktoren und spezifische Berufs-Erfahrung zurückführen“ ändert ja nix daran, dass offenbar genau die sozioökonomischen Faktoren nachteilig sind, die vor allem Frauen treffen. Und dass Frauen im Mittel weniger Jahre Berufserfahrung mitbringen liegt ja auch nicht daran, dass sie Frauen sind, sondern dass sie Care-Aufgaben übernommen haben oder aufgrund gesellschaftlicher Strukturen, die sich in steuerlichen Anreizen niedergeschlagen haben zugunsten der „Karriere“ ihres Mannes auf Vollzeit-Berufstätigkeit verzichtet haben. 
Und während es bei den heute Berufstätigen natürlich besser wäre das Steuersystem so zu gestalten, dass sich eine äquivalente Verteilung der gemeinsamen Arbeitszeit zwischen den Ehepartnern lohnt und auf eine Veränderung der Gesellschaftsstruktur hinzuwirken, so dass Care-Aufgaben nicht per default Frauen-Aufgaben sind und dass eine erfolgreiche Berufskarriere nicht impliziert, dass ein/e Partner/in „den Rücken frei hält“, so ist das für heutige Rentnerinnen eben keine Option mehr. 
Über Details der Kompensation in der Rente kann da gestritten werden und auch in welchen Fällen eine Kompensation sinnvoll ist, weil der Lohnausfall aufgrund einer gesellschaftlich wünschenswerten Aufgabe da ist. Aber die Lohnlücke, auch die unerklärte, zu nivellieren indem man sagt “ ja die haben halt einfach weniger gearbeitet“ ist etwa so durchdacht wie zu sagen „nein, Krankheiten braucht man nicht behandeln, wenn man weiß welcher Erreger sie auslöst“.