Economics 101: Wertschöpfung

Manchmal laufen Twitter-Diskussionen ja irgendwie aus der Zeichenbegrenzung heraus. So heute geschehen. Eigentlich drehte sich die Diskussion um einen Artikel zum Gender Pay Gap im FAZIT-Blog, der darauf abzielt, den durch Berufswahl zu erklärenden Teil des Gender Pay Gaps auseinander zu nehmen. Und sich mit der Frage beschäftigt, ob es frauentypische Berufswahl gibt.

Hier kam die Frage auf, warum denn eigentlich ausgerechnet die frauentypischen Berufe schlecht bezahlt werden, und wieso es denn nun die Lösung sein soll, dass alle Frauen in MINT-Berufe gehen, um die Gehaltslücke zu schließen.

Meine These aus der Hüfte dazu war

Hierzu erhielt ich die Antwort von @GabiausS

 

Und daraufhin entspann sich eine lange Diskussion darum, warum die Wertschöpfung im Care-Bereich geringer sein sollte als im Bereich anderer Dienstleistungen, es wurde richtig gefragt, warum z.B. in der Wissenschaft, die ja auch keinen direkten Mehrwert im Sinne von Gewinn abwirft, die gezahlten Gehälter wesentlich besser sind und das sogar obwohl es ein Überangebot an Wissenschaftler*innen gibt, während es einen Mangel an Pflegekräften gibt.

Nun. Ich möchte das hier kurz mal definitorisch aufdröseln, obwohl – so glaube ich – alle Beteiligten in der Diskussion am Ende prinzipiell das gleiche meinen.

Buchhalterisch bezeichnet die Wertschöpfung in der Produktion eines Endproduktes, den Anteil am Gesamterlös des Endproduktes, der auf den Einsatz von Arbeit und Kapital entfällt. Das heißt: Gesamterlös des Endproduktes abzüglich aller Kosten für Vorprodukte und Abschreibungen = Wertschöpfung. Diese stellt dann den Kuchen, der auf Entlohnung der Arbeitskräfte und des Kapitals aufgeteilt wird. In vielen Branchen drehen sich Tarifverhandlungen in erster Linie darum, wie der Kuchen anteilig auf Arbetitnehmer und Arbeitgeber (=Kapitaleigner) aufgeteilt wird. Also wieviel des geschaffenen Mehrwertes die Arbeitnehmer als Gehalt erhalten und wieviel als Gewinn an den oder die Eigentümer ausgeschüttet wird. Diese Frage spielt in den von uns diskutierten Care-Berufen, also in den Bereichen Kranken- und Altenpflege und Kinderbetreuung eine weitgehend untergeordnete Rolle und ebenso im ebenfalls genannten Bereich der Wissenschaft. Warum? Weil es sich weitgehend um nicht-gewinnorientierte Bereiche handelt. Ganz stimmt das natürlich nicht, der Bereich der häuslichen Pflege, die gesamte niedergelassene Ärzteschaft und auch niedergelassene Therapeuten und Hebammen arbeiten privatwirtschaftlich. Allerdings ist dennoch Bereicherung der Eigner von Pflegediensten, Physiotherapiepraxen oder auch Altenheimen zulasten ihrer Angestellten ein eher nicht so weit verbreitetes Phänomen und zwar genau deshalb, weil der zu verteilende Kuchen, also die Wertschöpfung, ohnehin eher gering ist. Und zwar geringer sowohl als im öffentlichen Sektor (Wissenschaft, Verwaltung, Politik) als auch erst recht im privaten Dienstleistungsbereich.

Was?? Soll das heißen, eine Pflegekraft, Erzieherin oder Hebamme trägt weniger Wert bei, als ein Finanzbeamter, eine Wissenschaftlerin, ein Hotline-Mitarbeiter oder eine Bankangestellte? Tja. Buchhalterisch ja. Weil Care ganz offenbar weniger Erlös erwirtschaftet als Investmentbanking und – und das verwundert zunächst – auch als Lehre und Forschung. Warum ist das so?

Betrachten wir es zunächst nüchtern, lassen wir also außer acht, wie der gesellschaftliche Beitrag dieser Berufe ist und wieviel sie wert sein *sollten*. Zunächst mal nur gucken, wie diese Märkte funktionieren, dann überlegen warum und was daran zu ändern wäre.

Es ist hier dienlich erstmal zu unterscheiden in Sektoren die prinzipiell in irgendeiner Form die öffentliche Hand als Nachfrager haben und solche, die vollständig im privaten Bereich agieren. Denn im Bereich der vollständig nicht-regulierten Dienstleistungen, da wird vermutlich tatsächlich das gesamte Gehalt aller Beschäftigten, die eine Dienstleistung produzieren etwa dem entsprechen, was sie an Wert zu dieser Dienstleistung beitragen. Der Wert er Dienstleistung wird beeinflusst davon, wie hoch die Nachfrage danach ist und wie stark die Konkurrenz zwischen den Anbietern der Dienstleistung. D.h. zum Beispiel ein Fonds-Manager bewegt sich in einem Markt mit einer recht hohen Nachfrage aber ob ein Unternehmen einen Aufschlag auf seine Kosten als Gewinn realisieren kann, hängt davon ab ob es unter vollständiger Konkurrenz agiert. In diesem Fall wird das Kalkül des Unternehmens so aussehen: Es wird die Dienstleistung in dem Markt anbieten, wenn es gerade Nullgewinn erzielt, das heißt wenn der Einsatz an Material und Vorprodukten plus der Einsatz an Gehältern plus Abschreibungen und Rücklagen für Investitionen genau dem Erlös entspricht, den es erwirtschaftet. Liegt der Marktpreis darunter, kann das Unternehmen natürlich versuchen seine Kosten, evtl. auch die Arbeitskosten, zu senken oder es scheidet aus dem Markt aus. In sehr vielen Fällen wird aber der private Markt ein Oligopol sein oder eine Situation monopolistischer Konkurrenz, d.h. es gibt nur wenige Anbieter oder jeder Anbieter hat eine leicht andere Produktvariante und dadurch keinen wirklich perfekten Konkurrenten. In diesen Fällen kann ein privater Anbieter sein Kalkulation so vornehmen, dass er einen Preis realisiert, der sich als Kosten (inkl. Arbeitskosten) plus einen Gewinnaufschlag ergibt. Und dieser Fall heißt dann eben auch, dass ein Unternehmen wenn es teurere aber z.B. bessere Arbeitnehmer einstellt, dies in den Preis weitergeben kann, ohne dadurch aus dem Markt auszuscheiden.

In den diskutierten Bereichen Pflege und Wissenschaft ist das aber sehr grundsätzlich anders. Fangen wir mit Care an. Hier ist es fast durchgängig so organisiert, dass private oder halb-staatliche Anbieter die Dienstleistung produzieren, aber diese zu festen Sätzen abgeben müssen. Diese Sätze werden entweder direkt von der öffentlichen Hand vorgegeben (Kinderbetreuung) oder durch das Gesamtbudget der Kranken- und Pflegeversicherung letztlich determiniert und dann eben gemäß Tarifkatalog und Umrechnungsfaktoren in Sätze für jede einzelne Pflege- und Therapieleistung übertragen. Dabei haben zwar die Anbieter theoretisch via Verband eine Aushandlungsmöglichkeit, am Ende ist der Verhandlungsspielraum aber marginal, weil das Gesamtbudget feststeht und weil es eben letztlich nur einen Nachfrager gibt – der einzige Ausweg nicht von der Kranken- oder Pflegeversicherung den Preis der Dienstleistung diktiert zu bekommen, ist nur noch privat anzubieten und hierfür ist der Markt für private Pflegeleistungen offenbar nicht groß genug. Entsprechend sind Anbieter von Care-Dienstleistungen auf jeden Fall Preisnehmer. Und sie erhalten eben einen sehr geringen Preis für ihre Dienstleistung. Der Erlös, z.B. für den privaten Pflegedienst ergibt sich dann eben als Anzahl der Patienten mal Pauschale und hieraus ergibt sich dann nach Abzug der Kosten für Benzin, Verbrauchsmaterial und Räumlichkeiten die Wertschöpfung. Diese verteilt sich dann wiederum auf Gehälter der Pflegekräfte und Ertrag für den Eigentümer des Pflegedienstes. Und da die Fallpauschalen gering sind, ist der Erlös gering und deshalb sind die Gehälter (und auch die zu erwirtschaftenden Gewinne) gering. Das heißt der Satz oben aus dem BWL-Studium stimmt sachlich. Zur Bewertung kommen wir, wie gesagt, später.

Erst noch die Wissenschaft. Ein direkter Vergleich mit der Pflege ist etwas haarig, weil die Anbieter der Dienstleistung ‚Forschung und Lehre‘ zwar nominell auch unabhängige Einrichtungen (Forschungsinstitute und Universitäten sind), aber ein Großteil der Wissenschaftler *innen Landesangestellte und diese wiederum tariflich bezahlt werden, der Tarif gilt aber nicht *nur* für Wissenschaftler*innen. Das macht das ganze etwas hinkend. Aber der Grundgedanke, dass die Wertschöpfung buchhalterisch im Bereich der Wissenschaft höher sein muss, wenn die Gehälter dort ja höher sind, stimmt. Es funktioniert etwa so: auch hier ist am Ende der Staat der Nachfrager. Er legt das Gesamtbudget fest allerdings über verschiedene indirekte Wege, hauptsächlich über die Grundfinanzierung der Universitäten durch die Bundesländer, die Drittmittelfinanzierung durch Forschungsförderung der Länder, des Bundes und der EU, sowie über die indirekte Finanzierung der Forschung durch Finanzierung der Forschungsgesellschaften und der DFG. (Das Ganze ist durchaus komplexer als hier stark verkürzt dargestellt, dies sei mir an dieser Stelle hier verziehen). Sowohl im Rahmen der Grundfinanzierung als auch im Rahmen von Projektfinanzierung wird dabei *direkt* berücksichtigt wieviele Personen eine bestimmte Dienstleistung erbringen und in welcher Tarifstufe diese bezahlt werden – das schafft schonmal etwas weniger Druck auf die Gehälter, denn zumindest rechnerisch ist damit klar festgelegt, dass ein bestimmtes Gehalt auf jeden Fall gezahlt werden kann. Zusätzlich ist es aber eben so, dass für die Dienstleistung ‚Lehre und Forschung‘ insgesamt ein größeres Budget durch die öffentliche Hand zur Vefügung gestellt wird, als für die Dienstleistung ‚Pflege‘ oder ‚Kinderbetreuung‘. Dadurch ist der Kuchen nach Abzug der Kosten im Bereich der Wissenschaft eben größer, die Wertschöpfung liegt höher und es können höhere Gehälter gezahlt werden. Nebenbei sei angemerkt, dass hier aber zusätzlich tatsächlich gar keine Gewinne gemacht werden – das macht vermutlich schon auch etwas aus. Der feine Unterschied, dass in der Budgetkalkulation für wissenschaftliche Finanzierung den Gehältern Rechnung getragen wird, während dies in der Kalkulation der Pflegepauschalen nur sehr indirekt geschieht sei hier durchaus angemerkt – ich glaube, das hat einen gesellschaftspolitischen Hintergrund.

Halten wir aber zunächst fest: eine Dienstleistung kann noch so super produktiv erbracht werden und auch einen hohen (immateriellen, gesellschaftlichen, whatever) Wert haben. Wenn dafür kein hoher Preis gezahlt wird, hat sie eine geringe Wertschöpfung (es wird nur wenig Wert abgeschöpft) und die Arbeitnehmer*innen, die sie erbringen, aber auch die Kapitaleigner, die sie anbieten, werden gering entlohnt werden.

Nun also der Kern: Warum ist das so? Ist es gesellschaftlich richtig und ethisch korrekt, als öffentliche Hand zu unterstellen, dass Wissenschaft, Schulbildung und auch Verwaltung mehr wert sind als Kinderbetreuung, Alten- und Krankenpflege? Wohl kaum. Dennoch erfahren die Bereiche eine unterschiedliche Wert*schätzung*, die sich dann am Ende in ganz nüchtern betrachtet auch unterschiedlicher Wert*schöpfung* niederschlägt.

Hierzu zwei Thesen.

Einerseits erfahren die Care-Dienstleistungen eine geringe Wertschätzung, weil es sich dabei um Dienstleistungen handelt, die vor noch gar nicht so langer Zeit gar nicht monetarisiert wurden. Pflege und Kinderbetreuung fand unentlohnt zuhause und in Klöstern und karitativen Einrichtungen (dort durch Freiwillige sowie Ordensfrauen) statt. Das heißt in der Wahrnehmung der Gesellschaft, sind diese Dienstleistungen *eigentlich* umsonst und müssen nun unverschämterweise doch irgendwie bezahlt werden. Hiermit verbunden ist die Tatsache, dass diese Dienstleistungen traditionell von Frauen (zuhause und im Orden) erbracht wurden, oft sogar zusätzlich zu einer beruflichen Tätigkeit im formellen Arbeitsmarkt. Denn auch wenn gar nicht so sehr dahinter stünde dass ‚Frauenarbeit nix wert ist‘, was ich gar nicht per se unterstellen möchte, so läuft es etwa so ab, denke ich: Durch den demographischen Wandel können Care-Dienstleistungen schon seit einigen Jahrzehnten nicht mehr vollständig und heute nahezu kaum noch zuhause privat erbracht werden. Weil es sich aber zuhause eher um Frauenarbeit handelte, ergreifen nun, da diese Dienstleistungen mehr und mehr zu Berufen wurden, immernoch vor allem Frauen diese Berufe. Weil wir eben Rollenbilder reproduzieren, unsere Hirne sind entsetzlich langsam darin, sich veränderten gesellschaftlichen Wahrheiten anzupassen, da gehen schon mal ein paar Generationen ins Land. Der Beginn dieser Entwicklung liegt weit im letzten Jahrhundert, vermutlich mindestens in der Nachkriegszeit. Zu dieser Zeit waren Frauen aber eben selten Hauptverdienerinnen, sondern oft Zuverdienerinnen. Das heißt die ursprünglich kostenlose Dienstleistung konnte ohne großen Schaden relativ gering entlohnt werden, da die niedrigen Gehälter ja keine Familien unterhalten, sondern nur ein bisschen das Familieneinkommen ergänzen sollten (auch gab es nach wie vor zunächst auch noch relativ viele Ordensfrauen in diesem Bereich – das kann man heute noch schön in Entwicklungsländern beobachten). Das heißt auch mit Monetarisierung des Care-Bereichs war es lange gesellschaftlich akzeptabel, den Bereich schlecht zu bezahlen. Erst mit starkem Wachsen des Bedarfs durch die alternde Gesellschaft, deutlich mehr allein verdienenden Frauen und -nichtzuletzt- einem steigenden Anteil von Männern in diesen Berufen, fällt diese deutlich zu geringe Wertschätzung nun auf. Und diese Erkenntnis übersetzt sich bisher aber nicht in entsprechend höhere Budgetierung, höhere Beitragssätze oder steuerliche Ko-Finanzierung, die zu einer ebenfalls erhöhten Wert*schöpfung* beitragen könnten.

Die zweite These wird nicht jedem gefallen, denn sie unterstreicht die Bedeutung von Konkurrenz. Denn: es gibt keine zwischen-staatliche Konkurrenz um das beste Pflege- und Gesundheitssystem. Eher im Gegenteil, sonst kommen nachher noch Leute von woanders und wollen neben unserem Sozialsystem (sic) auch noch unser Gesundheitssystem fluten. Wo kämen wir denn da hin? Es gibt aber durchaus zwischen-staatliche Konkurrenz um guten wissenschaftlichen Output. Wissenschaft bringt zwar oft gar keinen und sicher keinen unmittelbaren gesellschaftlichen Nutzen, sie gilt aber als zukunftsrelevant für den Standort, weil die Hoffnung besteht einen Teil der wissenschaftlichen Erkenntnisse irgendwann zu marktreifen Produkten werden zu lassen, die dann hier und nur hier produziert werden. Innovation Made in Germany! Pflege hingegen, verspricht nicht, irgendwann in Zukunft einen Markt zu bedienen. Sie hat einen gesellschaftlichen Nutzen, dieser ist sogar unmittelbar. Sie trägt vermutlich auch indirekt zur Produktivität des Landes und auf jeden Fall im besten Fall zur Wohlfahrt bei. Aber sie verspricht keinen Wettbewerbsvorteil im Standortwettbewerb. Und also entscheidet sich der Staat in Anbetracht knapper Ressourcen, diese auf den Bereich zu werfen, wo er Vorteile gegenüber anderen Staaten zu erwirtschaften hofft.

Und wie drehen wir das jetzt, ohne auf die Wende in den Köpfen nochmal 100 Jahre zu warten?

p.s.

Weil mir der Grundtenor des FAZIT-Textes nicht wirklich schmeckt, hier ein anderer Blickwinkel auf das gleiche Thema.

 

 

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Deprimierendes aus der Hochschullandschaft: der Bundesbericht Wissenschaftlicher Nachwuchs

Im Februar ist der jüngste „Bundesbericht Wissenschaftlicher Nachwuchs“ erschienen. Diese Studie erscheint alle 4 Jahre herausgegeben vom Bundesministerium für Wissenschaft und Forschung, erstellt durch eine Expertengruppe. Der Bericht erfasst in Zahlen die Gruppe der sog. Nachwuchswissenschaftler*innen und geht in Schwerpunktkapiteln auf diejenigen Entwicklungsfelder ein, die gemäß Medienrezeption und Angaben der Gruppe selbst als besonders maßgeblich wahrgenommen werden.

Eine Zusammenfassung in englischer Sprache findet sich in diesem Artikel: Age old problems – Fixing Germany’s academic pipeline
Ich habe den Bericht aus beruflichen Gründen durchgearbeitet und mir sind zwei Dinge ganz besonders aufgefallen, die ich hier mal ohne Anspruch auf Vollständigkeit niederschreibe, und die mich sehr deprimiert haben:

  1. Mit Vollgas vor die Wand

Dass es nicht unbedingt wahrscheinlich ist, Professor*in zu werden, das ist den meisten jungen Wissenschaftler*innen vermutlich in der großen Mehrheit schon zu Beginn der Promotion klar. Das ist auch eigentlich überhaupt nicht weiter schlimm, es ist auch nicht sehr wahrscheinlich Manager*in zu werden. Und auch gar nicht jede*r will das. Weder Manager noch Professor ist allein glückseligmachend für jede und jeden, die irgendwo unten in die jeweilige Organisation einsteigt. Das Problem in der Wissenschaft ist jedoch, dass das gesamte System in seinem Aufbau und vor allem seiner Kommunikation so tut, als sei Professor*in das einzige Karriereziel, dass sich für junge Promovend*innen ergibt. Nun. Ist es nicht. Statistisch gesehen ist es sogar eine ziemliche Kuriosität, wenn am Ende der sog. wissenschaftlichen Qualifikationsphase, die sich aus Promotion und Habilitation zusammensetzt, die Berufung auf eine Lebenszeitprofessur steht. Nur etwa 8% der ehemaligen Promotionsstudierenden wird am Ende Professor*in – mit einer erheblichen Streuung über die Fachgebiete.

Dennoch wird die Professur als der Normweg und jeder andere, sehr viel wahrscheinlichere Weg als „Alternativer Karriereweg“ gesehen. Aus persönlicher Erfahrung kann ich sagen, dass das „alternativ“ im Sprachgebrauch vieler Professor*innen dabei eine erheblich negative Konnotation in Richtung „Verlierer“ hat. Dabei stellt die Promotion in den meisten Fächern durchaus eine solide Basis für eine ganze Reihe anderer Karrierewege dar. Diese sind aber weit überwiegend außerhalb des Wissenschaftssystems angesiedelt. Nur 17% der Promovierten in Deutschland arbeiten heute noch im Sektor Forschung und Entwicklung (öffentlich und privat) – das ist für mich die eigentlich erschreckende Zahl. Wir qualifizieren den weit überwiegenden Teil der jungen Wissenschaftler*innen vollkommen an ihrem zukünftigen Berufsfeld vorbei und verschenken damit erhebliches Potenzial. Im internationalen Vergleich ist diese Quote wirklich unterdurchschnittlich.

Denn im Umkehrschluss muss man dann ja sehen, wer die Forschung und Wissenschaft und akademische Lehre denn macht – in der weit überwiegenden Zahl Promovierende, die befristet beschäftigt und mit unklarer Berufsaussicht vermutlich nicht direkt für Kontinuität im Feld sorgen. Jede*r einigermaßen aufgeweckte Personalentwickler*in würde ob dieser miserablen Verbleibequote die Hände über dem Kopf zusammenschlagen und „Zeter und Mordio“ schreien – soviel totes Kapital. Humankapital. Aber wie könnte dieses Humankapital gebunden werden. Durch die Schaffung weiterer Lebenszeitprofessuren im Beamtenverhältnis? Das ist dann doch ein kostspieliger und ineffizienter Weg. Und, wie ich aus internen Diskussionen hörte „Es kann ja nicht nur Häuptlinge geben“ – will sagen, lauter Könige ohne Reich täten dem dt. Wissenschaftssystem wohl kaum gut. Und ein König ist ein deutscher Professor. Mit kleinem, wohl umzäuntem Königreich, nur sich selbst gegenüber zur Rechenschaft verpflichtet und mit Leibeigenen gesegnet.

Also: lauter Promovierende die nach durchschnittlich 4,5 Jahren die Universität verlassen, ihr Know-How mitnehmen und oft nicht mal mehr woanders sinnvoll einsetzen (ja, ich weiß, ich sitze im Glashaus.) sind kein Garant für Kontinuität und gutes Wissensmanagement und haben auch wenig Anreiz, Forschung zu machen, die ihre Früchte wohl erst nach vielen Jahren tragen wird. Mehr Professuren, dann mit geringerer Mitarbeiterausstattung sind wohl auch nicht das Wahre. Teuer, unflexibel und mit nur geringen Anreizen zur wissenschaftlichen Produktivität ausgestattet. Die Lösung, die Mitte, die Alternative liegt auf der Hand und existiert international in vielen wissenschaftlich erfolgreichen Ländern: DER PROFESSIONELLE WISSENSCHAFTLER. In Deutschland ein Exot, eine Stellenkonstruktion die es nur selten gibt. 93% der wissenschaftlich Beschäftigten an Hochschulen und immerhin 84% derer an außeruniversitären Forschungseinrichtungen sind befristet beschäftigt. Dabei liegt der Anteil der Verträge mit einer Laufzeit von weniger als einem Jahr, allen Bemühungen des WissZeitVG zum Trotz bei etwa 50%. Eine derart hohe Befristungsquote gibt es in keinem anderen Wirtschaftssektor. (die zweithöchste Befristungsquote hat übrigens der öffentliche Dienst außerhalb der Hochschulen) Dass die Lösung ist, mehr Wissenschaftler auf Dauer aber ohne Lebenszeitprofessur zu beschäftigen, wird von vielen Akteuren in der Wissenschaftspolitik gesehen, aber durch die Hochschulen vehement abgelehnt. Ein deutlicher Kurswechsel zeichnet sich nicht ab.

Und die Nachwuchswissenschaftler*innen selbst? Sind irgendwie trotz Kenntnis dieser Fakten naiv bis zweckoptimistisch. Derzeit kommen statistisch gesehen auf eine Neuberufung fünf abgeschlossenen Habilitationen – na wenn das mal keine geradezu naive Grundeinstellung gegenüber der eigenen Perspektivlosigkeit ist, dann weiß ich es auch nicht.

2. Akademische Kinderlosigkeit

Noch viel mehr als die Zahlen zur Befristungsquote und Ausstieg aus der Wissenschaft, hat mich der Abschnitt zur Vereinbarkeit von akademischer Karriere und Familie erschreckt. Denn eigentlich ist der Wissenschaftsberuf im Alltag ein guter Beruf um ihn mit aktiver Elternschaft zu verbinden. Weitgehende Freiheit in der Wahl von Arbeitszeit und Arbeitsort macht es Wissenschaftlern relativ einfach, Elternschaft zu leben. Dennoch ist die akademische _Karriere_ ausgesprochen schlecht mit Elternschaft vereinbar. Mangelnde Planbarkeit der beruflichen Entwicklung trifft altersmäßig exakt auf die eigentlich der Familiengründung entsprechenden Phase im Leben. Aus diesem Grund schieben – so der Bericht – erheblich viele junge Wissenschaftler*innen ihren Kinderwunsch auf. Und zwar für immer.

An sich ist der Kinderwunsch unter kinderlosen Wissenschaftler*innen hoch: 80% der unter 30-jährigen, 70% der 30-40jährigen und 45% der 40-50jährigen Kinderlosen beider Geschlechter geben an, eine Familie gründen zu wollen. Aber sie tun es nicht. Als Gründe werden angegeben:  zu geringe Planungssicherheit, fehlende berufliche Etablierung und finanzielle Unsicherheit. Demgegenüber spielen ein Fokus auf die eigene Karriere und das Fehlen einer stabilen Partnerschaft nur eine untergeordnete Rolle. Und am Ende bleiben Wissenschaftler*innen weit überdurchschnittlich oft kinderlos: die endgültige Kinderlosigkeit ist unter Nachwuchswissenschaftler*innen mit 42% erheblich höher als in der Vergleichsgruppe (gleiche Kohorte, gleicher Bildungsgang bis zum Studienabschluss) mit 25%. Fast doppelt so hohe endgültige Kinderlosigkeit. Wie absolut desaströs! Und dennoch nicht gänzlich unbegründet. Nicht umsonst sind – wie ich – im Wissenschaftsmanagement weit über 50% Frauen tätig, denn wem am Kinderwunsch liegt, oder wer bereits eine Familie hat, für den ist eine wissenschaftliche Laufbahn nur noch dann möglich, wenn der/die Partner/in weitgehend räumlich und zeitlich flexibel ist. Also der Klassiker Prof+Lehrerin… Wer aber eine gleichberechtigte Aufteilung von Care-Arbeit anstrebt oder womöglich zu zweit im Wissenschaftsbetrieb ist – ja da wird es dann schon schwer. Nicht unmöglich, ich kenne durchaus Beispiele, wo auch das geklappt hat – aber sicher nicht ohne ziemlich viel Willen, Frustration, Verhandlungen und oft auch finanziellen Einsatz für Kinderbetreuung außerhalb klassischer Kita-Zeiten.

Tatsächlich, so der Bundesbericht, berichten beide Geschlechter, insb. aber Frauen von einer Diskriminierung aufgrund ihrer Entscheidung für Kinder. So erleben 32% der Frauen seit sie Mütter sind eine geringere Wertschätzung ihrer akademischen Leistungen, 11% eine geringere Förderung durch Vorgesetzte. Und das obwohl junge Wissenschaftler*innen kaum bis gar nicht im Job aussetzen. Die Arbeitszeitunterbrechung bei Elternschaft ist bei Nachwuchswissenschaftlern/innen wesentlich kürzer als im Durchschnitt der Bevölkerung. Frauen unterbrechen zu 58% ihre Erwerbstätigkeit nur für 6 Monate oder kürzer, nur 10% unterbrechen für länger als 1 Jahr, Väter nehmen mehrheitlich nur 1 Monat Elternzeit. Ich finde das sind alles in allem deprimierende Zahlen.

Die Problematik der Vereinbarkeit ist nur eine Facette der immernoch recht schleppenden beruflichen Gleichstellung von Frauen in höheren Positionen des Wissenschaftssystems. Hierzu mache ich in letzter Zeit auch einige interessante Beobachtungen, die reichen aber locker für einen eigenen Blogpost.
Alle Zahlen in diesem Post sind dem Bundesbericht Wissenschaftlicher Nachwuchs 2017 entnommen.

 

DEAL: Das germanische Dorf gegen das Elsevier-Empire

Wissenschaftsverlag zu sein ist ein ziemlich gutes Geschäftsmodell. Im Wesentlichen ist das so: Wissenschaftlerinnen erforschen durch öffentliche Mittel oder Stifter finanziert Sachen, daraus schreiben sie Artikel, die sie bei Fachjournals einreichen oder je nach Disziplin für die Proceedings renommierter Konferenzen. Dafür bekommen sie von den Zeitschriften/Verlagen nicht nur kein Honorar, sondern oft müssen sie zusätzlich noch etwas für die Einreichung bezahlen. Die Einreichungsgebühren liegen je nach Journal zwischen 50 und 250 $ und sind selbst dann zu berappen, wenn der Artikel sofort vom Editor abgelehnt wird. Dann werden die Artikel begutachtet durch andere Wissenschaftler. Und ja, richtig, die kriegen dafür auch kein Honorar. 1-3 Gutachter schauen auf einen Artikel mehr oder weniger gründlich drauf. Ich z.b. brauche für ein vernünftiges Gutachten zwischen 3 Stunden und 1 Tag je nachdem wie gut ich im Thema bin. Die Gutachten gehen dann an den zuständigen Editor, der entscheidet, ob und wenn ja mit welchen Änderungen der Artikel veröffentlicht wird. Oft werden die Autoren gebeten, auch für ein Lektorat durch Muttersprachler zu sorgen. Auch das natürlich auf eigene Kosten. Dann erscheint der Artikel nach Überarbeitung erstmal als Vorabartikel auf der Website des Journals. Dort ist er dann kostenpflichtig abrufbar, die Autoren dürfen ihn meist in einem kurzen Zeitfenster selbst kostenfrei herunterladen. Das Nutzungsrecht für den Artikel treten sie an den Verlag ab. Irgendwann erscheint der Artikel dann auch gedruckt in der Zeitschrift, das kann aber durchaus mal ein Jahr dauern zwischen Annahme des Artikels und Aufnahme in eine Ausgabe.

Die Zeitschriften werden von den Universitätsbibliotheken und Forschungseinrichtungen abonniert -also wiederum aus öffentlichen Geldern. Manche Wissenschaftsverlage schließen dabei sogenannte Nationallizenzen ab, also Lizenzen, die dem gesamten Verbund der Universitätsbibliotheken zur Verfügung stehen. Andere, insb. die großen drei im Wissenschaftsverlagsbusiness Elsevier, Springer und Wiley, haben in der Vergangenheit viele Zeitschriftentitel nur einzeln mit Bibliotheken verhandelt. Die Abos waren bzw. sind immernoch dann oft so gestaltet, dass auf das Abo der Papierzeitschrift ein Aufschlag zu zahlen ist, wenn die Inhalte auch digital verfügbar sein sollen. Oft werden ansonsten die digitalen Inhalte erst 12 bis 24 Monate nach (!) der Papierzeitschrift für die Abonennten freigeschaltet – was vollkommen absurd ist.

Und um das ganze abzurunden, sind die Preise für die Abos in den letzten Jahren auch noch stets und drastisch gestiegen. Die Wissenschaftsverlage gehören deshalb auch zu den weltweit erfolgreichsten Unternehmen, wie Alex Holcombe bereits vor längerer Zeit mal in seinem Blog zeigte.

Vor dem Hintergrund der oft schlechten Konditionen für Digitalinhalte, stetig steigenden Abonnementpreise und der Einzelverhandlungspolitik der Verlage, hat die Hochschulrektorenkonferenz im ersten Halbjahr 2016 beschlossen, dass die Universitätsbibliotheken von nun an gemeinsam mit den Verlagen über umfangreiche Bündelabos verhandeln sollen. Hierzu wurde die schon vorher gegründete Arbeitsgruppe DEAL beauftragt, die nun für alle Universitätsbibliotheken im Auftrag der HRK mit den Verlagen Gespräche führt. Da für alle Universitätsbibliotheken außer denen des Landes Baden-Württemberg und der ZBW in Kiel zunächst der Vertrag mit Elsevier neu zu verhandeln war, ist Elsevier nun quasi die Probe aufs Exempel. Die seit Mitte 2016 andauernden Gespräche führten zunächst zu keinem nennenswerten Erfolg. Daraufhin haben alle deutschen Bibliotheken außer denen in Baden-Württemberg ihre Abonnements aller Elsevier-Publikationen zum Jahresende 2016 gekündigt. Hiervon erhofft DEAL sich nun endlich Bewegungen in den Verhandlungen. Der Elsevier-Verlag ließ bisher verlauten, dass die von den Bibliotheken geforderten Konditionen vollkommen abwegig seien und die Bibliotheken ja jede Freiheit hätten, ihre bisherigen Verträge zu den vorgeschlagenen Konditionen zu verlängern. Die Bibliotheken sagten „Nein“ und die Verhandlungen wurden auf Anfang 2017 vertagt.

Seit dem 1.1.2017 sind nun also so gut wie alle Wissenschaftler an deutschen Universitäten vom Angebot des Elsevier-Verlags abgeschnitten. Zumindest der direkte Zugriff ist nicht mehr gegeben. Allerdings organisieren die Bibliotheken aus den eingesparten Geldern umfangreiche Fernleihmöglichkeiten über die wenigen Universitäten, die noch Zugriff haben. Ich finde es ziemlich gut, dass die ja doch recht vielen, normalerweise in Konkurrenz stehenden deutschen Universitäten es geschafft haben, sich derart gut zu organisieren und sich David-mäßig gegen den Riesen Elsevier zu stellen. Es bleibt spannend, was nun tatsächlich dadurch erreicht werden kann, aber vielleicht wird dadurch ja auch endlich insgesamt das System der Publikationslandschaft zunehmend hinterfragt, wie z.B. auf wisspub.net andiskutiert wird.

Das Börsenblatt der Buchbranche findet übrigens, die Hochschulbibliotheken stellen Forderungen nach einer Quasi-Verstaatlichung des wissenschaftlichen Publikationswesens… Nun gut… (hier und hier)

Mehr zum Thema Wissenschaftspublikationen auch im englischsprachigen academia-Raum, hier und hier.