Geldpolitik am Rande des Nervenzusammenbruchs

Diese Woche trafen sich die Zentralbank-Chefs zum traditionellen Treffen in Jackson Hole. Da muss ich mich sputen, um diesen schönen Aufhänger zur Fortsetzung des „Geld“-Artikels nicht zu verpassen.

Also nachdem ich letzte Woche ja erläuterte, dass Geld ganz ohne Zentralbanken auch ganz prima funktioniert, kommt ein wenig die Frage auf: Wozu sind denn Zentralbanken da?

Zentralbanken sind die Hüter gesetzlicher Zahlungsmittel und Währungen. Indem ein Staat eine Währung als allgemein anerkanntes Zahlungsmittel einsetzt, übernimmt er auch als Aufgabe, den Wert dieses Zahlungsmittels sicherzustellen.  Das heißt, der Staat garantiert, dass das Zahlungsmittel auch in der Zukunft noch allgemein anerkannt und wertstabil ist. Folglich wird die Absicherung gegen Fälschungen, das Aus-dem-Verkehr ziehen von Fälschungen und die Überwachung des Wertes vom Staat übernommen, wenn es sich beim jeweiligen Geld eben um ein gesetzliches und nicht nur um irgendein Zahlungsmittel handelt. Historisch gesehen war das vor allem die Kontrolle von Münzen. Als dann auch Papiergeld zum staatlichen Zahlungsmittel wurde, entstanden Zentralbanken, zunächst einfach als Ort, wo das Gold, dass die Deckung der Währung darstellte gelagert wurde und Instanz, die im Zweifel den Tausch des Geldes gegen Gold zusicherte. Die Abkehr von Warengeld und Metalldeckung hin zu Fiatgeld brachte neue Aufgaben für die Zentralbanken mit sich. Nun ging es darum, die Geldmenge bereitzustellen, die benötigt wurde, die Banken zu beaufsichtigen oder zu kontrollieren und dafür zu sorgen, dass das Vertrauen in das Zahlungsmittel erhalten blieb.

Das heißt, Zentralbanken sind heute eigentlich in erster Linie Vertrauensinstitute. Sie stehen dafür, dass jemand aufpasst, dass niemand ungebremst das Geld in Umlauf bringt, dass die Banken ihre Rücklageverpflichtung einhalten und somit ihre Zahlungsverpflichtungen einhalten können (Das macht auch die bankenaufsicht, aber das ginge jetzt zu sehr ins Detail). Nach den Erfahrungen der Hyperinflation in Deutschland und der great depression in den USA hat sich gezeigt, dass eine wichtige Komponente von Geldwertstabilität die Kontrolle von Inflation ist. Dabei ist das Ziel nicht Nullinflation sondern moderate Inflation. Und was nun moderate Inflation ist, da hat sich die Ansicht durchaus mit der Zeit geändert. Während in der Nachkriegszeit alles unter 10% schon traumhaft niedrig war, liegt der Zielwert der EZB heute bei leicht unter 2%. In fast allen Industriestaaten ist die Inflation über die Zeit gesunken. Die Frage, warum eine positive Inflation als gut angesehen wird, soll hier zunächst außen vor bleiben. Jedenfalls hat sich die Kontrolle der Inflation als die Hauptaufgabe von Zentralbanken herausgestellt. Die Zentralbanken nutzen dabei einen recht indirekten Weg zur Inflationssteuerung indem sie via Leitzins, also dem Zins zu dem sie den Banken Kredite gewähren, die Geldschöpfung für Banken mehr oder weniger attraktiv machen und damit indirekt auch die Geldhaltung mehr oder weniger attraktiv machen. Hieraus ergibt sich dass die Banken bei hohen Zinsen weniger Kredite bereitstellen, dadurch kann weniger Nachfrage finanziert werden und die Inflation sinkt. Umgekehrt würden Banken bei geringer Inflation den Leitzins senken, dadurch könnten Banken zu sehr geringen Kosten Geld schöpfen und würden entsprechend bereitwillig Kredite vergeben, die für Konsum genutzt die Preise steigen lassen würden.

Dass dieser Mechanismus nicht immer funktioniert haben wir in der Weltfinanzkrise beobachten können, als die Banken trotz niedriger Zinsen keine Kredite vergeben wollten, in diesem Fall haben die Zentralbanken auf diesem klassischen Weg keine Handhabe die Inflation zu beeinflussen. Sie haben andere Wege, die aber weitgehend unerprobt sind und dazu weiter unten mehr. Zunächst: GeldPOLITIK

Inflationskontrolle und Geldwertstabilität klingen ja ziemlich nett und sinnvoll und irgendwie auch eher reaktiv als proaktiv. Inwiefern machen denn nun Zentralbanken Politik?

Seit der Antike war Geld auch immer mit Macht verbunden. Münzrecht war nicht umsonst ein sehr wichtiges Recht. Wer ein eigenes Zahlungsmittel hat, kann unabhängiger wirtschaften und ist im Zweifel nicht von Geldentwertung anderer Währungen betroffen. Aber solang die Geldschaffung direkt einem Herrscher unterstand, konnte dieser auch direkt daraus Finanzierung generieren. Indem er direkt von Banken Geld gegen (in der Regel recht wenig zuverlässige) Wechsel quasi zwangsweise lieh. Indem er ein wenig am Warenwert der Münzen drehte und damit bei der Münzprägung einen Gewinn abschöpfte (der Münzgewinn, den es auch heute noch gibt). Mit dem Übergang zu Papiergeld und nur teilweiser Edelmetalldeckung ergab sich zudem für Staaten die Möglichkeit, sich über Geldschöpfung zu refinanzieren, also einerseits in dem Fall die tatsächliche sprichwörtliche Notenpresse, um den Staat selbst mit Geld zu versorgen, andererseits aber auch die bewusste Erhöhung der Inflation, um eine Entwertung der Staatsschulden zu erreichen. Denn Inflation wirkt sich negativ auf Guthaben, aber positiv auf Schulden aus, diese verlieren ja ihren Wert. Da nur der Staat mittels Geldmenge tatsächlich in der Lage ist, Inflation zu diesem Zweck zu schaffen, spricht man hier auch von Inflationssteuer, weil die Sparer durch einen Wertverlust die Schuldenreduktion der Staatsschulden mitfinanzieren. Diese Strategie wurde in der Geschichte vielfach genutzt und hat immer dann, wenn irgendwann offenkundig war, dass die Zentralbank respektive die jeweilige Regierung im Zweifel nicht in der Lage sein würde, die Zahlungsverpflichtungen zu decken zu Hyperinflation und je nach Rahmenbedingungen auch zu Währungskrisen geführt. Das heißt Geldpolitik wurde in diesem Kontext als Instrument der Regierung genutzt, um diese zu finanzieren.

Es hat sich gleichzeitig auch gezeigt, dass die Geldpolitik über eine Ausweitung der Geldmenge oder eine Senkung der Zinsen auch Einfluss auf die Nachfrage nimmt. Indem sie den Banken die Möglichkeit gibt, günstig Kredite zu vergeben, ermöglicht sie auch die Realisation von geplanten Ausgaben, die mit diesen Krediten finanziert werden sollten und erhöht dadurch indirekt die gesamtwirtschaftliche Nachfrage. D.h. die Geldpolitik nimmt gleichzeitig mit der Inflationssteuerung auch Einfluss auf die Konjunktur. Je nach Ausrichtung der jeweiligen Zentralbank kann diese Konjunktursteuerung ein Hauptziel der Geldpolitik sein, oder nur ein Nebenziel. Die Zentralbank kann mit solchen Maßnahmen fiskalpolitische Maßnahmen der Regierung (Konjunkturprogramme) flankieren, ersetzen oder sogar konterkarieren (bspw. wenn die Regierung gerade ihre Ausgaben einschränkt könnte die Zentralbank dies kompensieren). Damit gewinnt die Zentralbank auf einmal eine wirtschaftpolitisch aktive Rolle. Das kann man nun gut oder schlecht finden. In vielen Staaten untersteht die Zentralbank direkt der Regierung und ihre Politik wird mit der sonstigen Wirtschaftspolitik abgestimmt, so z.B. die Fed in den USA, die Konjunktursteuerung als ein gleichwertiges Ziel neben Inflationssteuerung hat. Im Rahmen des Euroraums hingegen steht, laut EZB-Statuten, die Geldwertstabilität über möglichen weiteren Zielen. Die EZB ist unabhängig und untersteht nicht den europäischen Regierungen, sie kann nicht direkt dazu verpflichtet werden konjunkturell einzugreifen und hat dies in der Vergangenheit auch nur zögerlich getan. Dies war auch schon bei der Deutschen Bundesbank so. Allerdings sind natürlich die Meinungen im EZB-Rat durchaus gespalten, wie stark die EZB dann doch in die Wirtschaftspolitik eingreifen sollte und von Seiten der Regierungen wird auch in durchaus beachtlichem Maße Druck auf die EZB ausgeübt. Aber zwingen kann keiner die EZB.

Zusammengefasst: Geldpolitik kann erheblich als wirtschaftspolitisches Instrument genutzt werden, muss sie aber nicht. Es besteht eigentlich immer ein Anreiz für Regierungen, sich Geldpolitik zu Nutze zu machen, vor allem auch, weil sie – im Gegensatz zu Fiskalpolitik – kurzfristig nichts kostet. Allerdings birgt eine stark proaktive Geldpolitik Risiken, insbesondere weil ein mögliches Konjunkturziel einem Inflationsziel entgegen stehen kann.

Und nun zu den Zentralbankchefs, die sich da in Jackson Hole treffen, um gemeinsam die Haare zu raufen. Denn alles was ich bisher zu Geldpolitik schrieb ist in gewisser Weise überholt. Inflationsraten scheinen derzeit überhaupt kein Thema mehr zu sein, die Inflation ist niedrig wie nie. Eine Deflation steht viel mehr als Gespenst im Raum. Und gleichzeitig scheint der Zins-Kredit-Nachfrage-Mechanismus an seine Grenzen gekommen. Die Zinsen in den Industriestaaten sind niedrig wie nie, trotzdem kommt die Geld- und Kreditnachfrage nicht recht in Gang. Der Spielraum der Zentralbank hat hier eine Untergrenze und diese scheint nun erreicht. Und zwar nicht nur vorübergehend, sondern dauerhaft. An nennenswert höhere Zinsen glaubt niemand mehr so recht. Und das stellt Zentralbanker vor ein Problem. Sie sind handlungsunfähig. Daher stelle ich mir dieses Treffen in Jackson Hole recht aufgeregt vor. Es wurde wohl die ein oder andere recht unkonventionelle Maßnahme diskutiert. Es treffen da wohl auch verschiedene Einschätzungen aufeinander, wie ernst die Situation überhaupt zu sehen ist. 

Welche Maßnahmen den Zentralbanken noch bleiben und warum Deflation schlimm sein könnte – das folgt dann im nächsten Post dieser losen Reihe. Ist hier eh schon wieder viel zu lang alles. 

Wie funktioniert Geld?

Ich lehrte nun mehrere Jahre Makroökonomik I im Grundstudium. 3/4 der anwesenden Studierenden studierte nicht VWL, viele studierten Wirtschaft auf Lehramt, Wirtschaftsinformatik oder Wirtschaftsmathematik, die Veranstaltung war für sie nur lästige Pflicht, nichts was sie später brauchen würden, die Inhalte stießen selten auf echtes Interesse. Eine Vorlesung allerdings rief stets geradezu emotionale Stürme hervor, ich hatte auf einmal die Aufmerksamkeit der Anwesenden und im Anschluss eine große Menge an Fragen aus dem Auditorium. Das war stets die Vorlesung zum Geldmarkt. Ich kann sogar den Moment festmachen, an dem auf einmal alle lauschten. Es war genau dann, wenn ich sagte, dass der Reservesatz der Banken im europäischen Währungssystem bei 2% liegt. Also dass die Banken im Umfang von 2% der Sichtguthaben auf ihren Konten wiederum Sichtguthaben bei der Zentralbank halten müssen. Daraufhin kam zuverlässig die Frage:

„Wie hoch ist der Reservesatz der Zentralbank?“

Und auf meine Antwort hin „es gibt keinen Mindestreservesatz für die Zentralbank“ sah man förmlich die Grundfesten des ökonomischen Verständnisses aus den Köpfen purzeln.

Denn es stellte sich die Erkenntnis ein: „Mein Geld liegt nicht irgendwo nochmal als Gegenwert in Gold. Auch nicht ein nennenswerter Bruchteil davon. Das Geld ist eigentlich nichts wert.“ Und das hat die Studierenden tatsächlich sehr getroffen. Das hätten sie nicht erwartet.

Ich bin eigentlich nicht so besonders an Geldpolitik interessiert. Irgendwann im Studium habe ich das natürlich mal gelernt und es natürlich in groben Grundzügen im Grundstudium gelehrt, aber ich kann nicht recht nachvollziehen, dass Menschen sich nennenswert länger mit Geld beschäftigen und finde sogenannte realwirtschaftliche Themen (also letztlich alles was sich mit dem Austausch und der Produktion von Waren und Dienstleistungen beschäftigt) sehr viel spannender. Gerade deshalb hat mich diese Reaktion immer so enorm überrascht. Dachten diese knapp 500 Menschen dort vor mir tatsächlich bisher, sie hätten jederzeit die Möglichkeit ihr Geld in Gold oder zumindest Dollar oder sowas umzutauschen? Gingen sie davon aus, dass Geldwertstabilität über ein hohes Ausmaß an Absicherung funktioniere? Dachten sie, Geld könne nicht funktionieren, wenn es nicht durch hohe Einlagen abgesichert sei? Ich war verblüfft. Und deshalb gibt es jetzt hier einen sehr kleinen Einblick in die Funktionsweise von modernem Geld.

Warum wir Geld brauchen dürfte den meisten klar sein. Ökonomen nennen traditionell drei Funktionen von Geld: Recheneinheit, Tauschmittel, Wertaufbewahrung. D.h. Geld ermöglicht eine arbeitsteilige Wirtschaft, weil es uns von dem Aufwand enthebt stets das was wir produzieren direkt gegen das was wir benötigen zu tauschen. Es bietet uns einen eindeutigen Umrechnungskurs aller Güter und Dienstleistungen miteinander. Und es stellt sicher, dass wir den Zeitpunkt des Verkaufs vom Zeitpunkt des Kaufs von Gütern trennen können. Einfaches Beispiel: Ich produziere akademische Verwaltung. Ohne Geld, müsste ich diese direkt gegen das was ich so brauche, also Essen, Wohnen, Nähmaterialien usw. tauschen. Schon das würde schwer, denn weder meine Vermieterin noch mein Nähsupply-Dealer sehen vermutlich ein, wozu sie akademische Verwaltung so dringend brauchen sollten. Wir hätten außerdem ein Problem bei der Umrechnung. Denn ich würde ja z.B. meiner Vermieterin sagen, dass das Bewohnen der Wohnung etwa einen halben Monat akademische Verwaltungsleistung wert ist und sie wüsste aber nicht, was akademische Verwaltungsleistung wiederum in Dingen wert ist, die sie so braucht. Außerdem kann es ja durchaus sein, dass gar nicht immer genau dann auch Dinge kaufen will, wenn ich gerade etwas produziert habe. Nähsupplys will ich in der Regel z.B. immer genau dann kaufen, wenn ich gerade nichts produziere. Ich denke, das Problem wurde hinreichend klar. Geld erlaubt uns, diese Prozesse zu entkoppeln und deshalb sind die Menschen quasi sofort als sie begannen, sich zu spezialisieren auch auf die Idee gekommen, ein Zahlungsmittel zu nutzen. Lange Zeit allerdings hatte das Zahlungsmittel selbst einen Wert. D.h. es wurden Perlen, wertvolle Steine und Metalle als Zahlungsmittel verwendet. Auch noch, als es schon zentralisierte Zahlungsmittel gab, also mit den ersten Hochkulturen, waren diese hauptsächlich genausoviel Wert, wie ihr Nennwert. Also bspw. hatten Münzen genau den Wert, den ihr Gewicht in Metall als Veräußerungsgewinn versprach. Die Aufgabe der zentralen Behörde mit Münzrecht war dann, sicherzustellen, dass dies auch tatsächlich der Fall war und nicht z.B. Münzen zu leicht waren oder mit minderwertigerem Metall versetzt. D.h. es galt das, was meine Studierenden scheinbar auch von modernem Geld erwarteten, man hatte jederzeit den Wert des Geldes in der Tasche und wenn man dafür nichts hätte kaufen können, hätte man es einschmelzen und das Metall veräußern können.

Diese Eigenschaft, nämlich einen Warenwert zu haben, hat modernes Geld nicht. Schon mit der Einführung von Wechseln, also dem ersten Papiergeld, ging der Wert des Geldes als Ware verloren. Und dies nicht, weil die Leute dumm waren, sich nun Papier statt Kupfer, Silber oder Gold unterjubeln zu lassen, sondern weil sie schlau und lernfähig waren. Es ist sehr kompliziert, größere Geldbeträge in Metall mit sich herumzuschleppen. Man läuft Gefahr bestohlen zu werden, wenn man eine große Geldbörse hat und man hat Ausgaben – sogenannte Transaktionskosten – die durch den Transport und die Aufbewahrung des recht platzintensiven und schweren Metallgeldes entstehen. Durch die Einführung von Papiergeld konnte die Identität von Geldwert und Materialwert abgeschafft und damit der Handel deutlich vereinfacht werden. Sehr lange Zeit allerdings passierte das vollkommen ohne dass der Staat hieran nennenswert beteiligt war. Die ersten Papiergeldformen beruhten auf Zahlungsversprechen von Händlern untereinander, später gab es private Bankhäuser, die Geld und Edelmetalle aufbewahrten und dafür Wechsel ausstellten. Die erste Notenbank der Welt war die „Stockholms Banco“, die dadurch entstand, dass Schweden aus Goldmangel das Metallgeld auf Kupfer umgestellt hatte, dieses Kupfergeld war aber (aufgrund des geringeren Metallwertes) so schwer und unhandlich, dass die Stockholms Banco diese Kupferplatten ein lagerte und im Gegenwert einen Kreditbrief ausgab. Das war im 17. Jahrhundert und gilt als die Geburt des Notenbank-Wesens. Es sollte noch bis ins 20. Jahrhundert dauern, bis die Deckung durch Edelmetalle aufgeweicht und schließlich aufgegeben wurde.

Modernes Geld ist, in aller Regel, sog. Fiat-Geld. D.h. es wird allein durch Beschluss des jeweiligen Staates ein gesetzliches Zahlungsmittel, eine Anerkennung als Zahlungsmittel speist sich aus dem Vertrauen in den jeweiligen Staat, nicht durch irgendeinen daran geknüpften Gegenwert. Fiat-Geld hat keine Umtauschmöglichkeit in andere Wertgegenstände.  Es besteht nur ein Anrecht, Münzen und Scheine in Buchgeld oder umgekehrt zu tauschen. Übrigens sind auch die Münzen, die heute im Umlauf sind, bei weitem nicht mehr ihren Nennwert in Metall wert. Der Warenwert der Münzen liegt wesentlich unter dem Nennwert. Und – galt früher „hartes Geld“ im Zweifel als das überlegene Zahlungsmittel, so ist im Eurosystem Münzgeld nur ein eingeschränktes Zahlungsmittel, Händler können die Annahme von über 200 Euro in Münzen ablehnen. Auch die D-Mark war übrigens bereits eine Fiat-Währung und nicht durch Edelmetalle gedeckt.

Die Zentralbank, die in Euroland durch die Notenbanken der einzelnen Euroländer repräsentiert wird, hat das alleinige Notenmonopol, die Münzen werden von den jeweiligen Finanzministerien geprägt und dann durch die Notenbanken ausgegeben. Die Banknotenausgabe erfolgt allein nachfragegesteuert, d.h. wenn die Geschäftsbanken eine höhere Bargeldnachfrage beobachten, dann nehmen sie einen höheren Kredit bei der Zentralbank auf und die Zentralbank schickt ihnen im Gegenwert Banknoten, nehmen sie viele Banknoten entgegen, die sie nicht benötigen, zahlen sie damit ihre Kredite bei der Zentralbank zurück (normalerweise inkl. eines Zinses). D.h. die Mär von der Zentralbank, die die Notenpresse anwirft ist – zumindest bisher – im Euro-Kontext Unsinn, die Zentralbank bringt nicht von sich aus mehr Banknoten in Umlauf.

Geld ist aber nicht nur Bargeld. Im Gegenteil, ein Großteil des umlaufenden Geldes ist kein Bargeld – sondern Buchgeld, auch Giralgeld genannt. Und dieses Geld – und da liegt wohl die Haupterkenntnis, die meine Studierenden so baff machte – wird von Geschäftsbanken (und anderen Finanzinstitutionen) geschaffen. Geschäftsbanken machen Geld. Und zwar nicht im Auftrag der Zentralbank, sondern aus eigenem geschäftlichem Antrieb heraus. Das war schon so, lange bevor es überhaupt Zentralbanken gab, denn schon im Mittelalter vergaben Privatbanken Kredite gegen Bürgschaft oder Sicherheit und schufen damit Geld. Sichteinlagen, also alle sofort verfügbaren Anlagen bei Geschäftsbanken und anderen Finanzinstitutionen, werden als Geld gewertet, weil sie ähnlich schnell verfügbar, beliebig klein teilbar und allgemein anerkannt sind, wie Bargeld. D.h. Giralgeld (Buchgeld) erfüllt alle Eigenschaften des Geldes und Funktionen des Geldes, und der einzige Umstand, der es von modernem Bargeld unterscheidet ist, dass es allein in Büchern der Banken, bzw. heute auf Computern der Banken existiert. Buchgeld ist ein Zahlungsversprechen der Bank. Sie verspricht in Höhe unserer Sichteinlagen Bargeld auszuzahlen oder Zahlungen an Dritte vorzunehmen. Da allerdings niemals alles Geld gleichzeitig abgehoben oder überwiesen wird, haben die Banken eben nicht den Gegenwert aller Konten selbst irgendwo in Bargeld oder besser noch in Gold rumlagern, mitnichten, sie haben genau so viel Bargeld vorrätig, wie sie denken an einem normalen Geschäftstag ausschütten zu müssen, und das ist nur ein kleiner Bruchteil ihrer Verbindlichkeiten in Buchgeld. Im Eurosystem und in den meisten anderen Geldsystemen mit Zentralbank gibt es zudem eine Reservehaltungsverpflichtung der Banken, dies ist der Anteil an den gesamten Sichteinlagen, die eine Bank emittiert, den sie wiederum als Guthaben bei der Zentralbank haben muss. Dieser Reservehaltungssatz lag im Euroraum bei 2% und er wurde 2012 auf 1% gesenkt.

So, jetzt die zentrale Frage: Wie schöpft eine Bank Geld?

Geldschöpfung funktioniert auf zwei Arten und Weisen: 1.) Ankauf von Wertgegenständen: Ein Kunde verkauft einer Bank etwas, z.B. Bargeld oder Wertpapiere und die Bank schreibt dem Kunden den entsprechenden Betrag auf seinem Konto gut. Schwupps Giralgeld da, das es vorher noch nicht gab. 2.) Kreditvergabe: Ein Kunde nimmt bei einer Bank einen Kredit auf, die Bank schreibt dem Kunden das Geld auf seinem Konto gut. Schwupps, da ist das Geld, das es vorher noch nicht gab. Aber, aber, sagen die Studierenden und die Leser, wo nimmt die Bank das Geld denn her? Das hat sie doch vorher eingenommen? Nein, hat sie nicht. Die Bank verspricht nur, ihr zur Verfügung gestelltes Giralgeld jederzeit in Bargeld auszuzahlen, wenn das gewünscht wird. Aber sie muss immer nur das einnehmen, was zu einem bestimmten Zeitpunkt abgehoben wird. D.h. wenn alle Leute Millionen auf ihren Girokonten haben, aber nur 200 € pro Woche ausgeben, dann muss die Bank auch nur die 200€ pro Woche wieder irgendwoher eingenommen haben. Im Normalfall wird aber ja, wie bereits oben gesagt, nur ein Bruchteil des Geldumlaufes in Bargeld getätigt und entsprechend muss die Bank auch nur einen Bruchteil ihrer Sichteinlagen sofort auszahlen können. Der Rest der Zahlungen wird per direktem Zahlungsverkehr, also Überweisung, getätigt. Und dafür muss die Bank nur die notwendigen Giralgeldeinnahmen haben. In der Regel werden Überweisungen dadurch durchgeführt, dass die Banken einander Kredit gewähren und am Ende des Geschäftstages die gewährten Kredite gegeneinander aufrechnen. Sollte dann noch ein Differenzbetrag verbleiben, so kann dieser entweder in einen längerdauernden Kredit zwischen Banken umgewandelt werden (gegen Zinsen) oder durch einen Kredit bei der Zentralbank kompensiert werden (gegen – Achtung – Leitzins).

Ja und warum bitte funktioniert das?

In einem gesunden Bankwesen funktioniert dieses Geldsystem sehr gut. Deshalb, weil die Banken nur Kredite gewähren, wenn sie relativ sicher davon ausgehen können, dass der Kredit zurückgezahlt wird und sie somit ihre laufenden Verpflichtungen in kommenden Perioden aus der Tilgung auf die Geldschöpfung der Vergangenheit refinanzieren kann. Zudem müssen Banken für neu vergebene Kredite ja 1% des Gegenwertes als Guthaben bei der Zentralbank halten, würde eine Bank nun sehr sehr sehr viele Kredite vergeben, würde die Zentralbank ihr keinen Kredit mehr gewähren und damit den Geldschöpfungshahn zudrehen. Und zudem würde eine Bank, die übermäßig viele Kredite gewährt auch ständig hohe Verbindlichkeiten gegenüber anderen Banken haben, weil ihre Kunden ja sehr viel mehr überweisen als empfangen würden, so dass die anderen Banken der betreffenden Bank nicht mehr oder nur gegen hohe Zinsen weiterhin Geld leihen würden. Auch in diesem Fall müsste die Bank fürchten, ihre Zahlungsfähigkeit zu verlieren und deshalb ihre Kreditvergabe drosseln.

Hier sieht man, ganz nebenher auch schon einen der vielen Gründe, warum Zinsen eigentlich gar nicht so böses Teufelszeug sind. Sie stellen einerseits sicher, dass die Bank eine Einnahmequelle hat, aus der sie Zahlungsverpflichtungen nachkommen kann und sorgen gleichzeitig dafür, dass übermäßige Geldschöpfung unrentabel ist.

Ja wozu soll denn Geld gut sein, wenn es ja irgendwie eigentlich gar nichts wert ist? Bereichern sich da nicht die Banken an uns und wir haben de facto nichts?

Erinnern wir uns an die Funktionen des Geldes: Tauschmittel, Recheneinheit, Wertaufbewahrung. Es geht bei Geld nicht darum, einen Wertgegenstand zu besitzen. Es geht darum, ein Vehikel zu haben, dass Tauschen umstands-, orts- und zeitpunktunabhängig möglich macht. Die Funktionen des Geldes sind eigentlich virtuell. Geld dient nur der Vereinfachung der arbeitsteilligen Wirtschaftsweise. Und es hat sich, weitgehend losgelöst von staatlichem Tun, so effizient wie möglich entwickelt. D.h. seine Produktion birgt kaum Kosten, seine Aufbewahrung ebenso und es ist sehr viel umfänglicher als Zahlungsmittel anerkannt als zu seinen Anfängen. Es ist schlicht egal, ob das Geld einen Wert hat, solang sichergestellt ist, dass es wiederum gegen Dinge mit Wert getauscht werden kann, wann immer man will. Und das ist – in der Regel und im Normalfall – im Eurosystem und in den meisten anderen industriestaatlichen Notenbanksystemen so.

Nachbemerkung 1: Die Geschichte hat darüberhinaus gezeigt, dass eine hohe Absicherung, selbst eine vollständige Deckung nicht vor Geldwertverlust schützen, denn wo ein Wille ist, sich am Geldmonopol zu bereichern, da ist auch ein Weg. – Hierzu womöglich wann anders mehr.

Nachbemerkung 2: Es gibt ein paar Ökonomen, die sich vehement für eine Wiedereinführung des Gold-Standards oder eine andere Form von Vollgeld aussprechen. Sie sind eine sehr kleine Minderheit. Bei großem Interesse würde ich versuchen, die Argumente zu verstehen und dazu was nachzuschieben.

Nachbemerkung 3: Giralgeld ist übrigens kein gesetzliches Zahlungsmittel. Wir glauben nur Geschäftsbanken mehr als anderen Leuten, die virtuelles Geld herstellen. Das kann sich jederzeit ändern. Z.B. macht Payback ziemlich stark in Geldschöpfung, ebenso wie Miles&More. Denn sowohl Meilen als auch Payback-Punkte sind, bei genauer Betrachtung, Geld. Sogar neu geschöpftes Geld. Da wird sich zukünftig noch was tun.

Cliffhanger: Dies ist des Basiswissens erster Teil, es wird noch einiger Erklärungen zu Geldpolitik bedürfen, schlussendlich läuft dieser Erzählstrang aber auf „ist die Geldpolitik am Ende?“ hinaus.

Empfehlenswertes zum Weiterlesen:

Sehr viel ausführlicher und sehr gut aufbereitet kann man das Ganze nachlesen im „Schülerbuch Geld und Geldpolitik“ der Deutschen Bundesbank, das es frei zum download gibt.

Etwas dichter, bezogen auf das Pfund und auf englisch: Bank of England: Money in the modern economy – an introduction. In: quartely bulletin 1/2014 und Bank of England: Money creation in the modern economy. In: quarterly bulletin 1/2014.