Schwarzarbeit in deutschen Haushalten – wiesu denn bluß?

Das IW hat vor zwei Wochen eine Studie zur Schwarzarbeit in deutschen Haushalten vorgelegt, die breit in der Presse rezipiert wurde (hier, hier, hier). Die Studie kommt zu dem wenig überraschenden Ergebnis, dass mindestens 75% der Haushaltshilfen in Deutschland nicht angemeldet sind. Und das trotz relativ einfachem Anmeldeverfahren für haushaltsnahe Dienstleistungen, Absetzbarkeit und und und. Dadurch entgeht dem Staat sehr viel Geld. Relativ schwammig verbleibt die Studie zu den Gründen dieses Phänomens. Bzw. werden Gründe genannt, diese sind aber scheinbar teilweise nur gemutmaßt nicht erforscht worden: im Großen und ganzen sei das Beschäftigen einer nicht angemeldeten Putzhilfe quasi das schweizer Bankkonto des kleinen Mannes. Und der Staat müsse daran arbeiten, dass Schwarzarbeit nicht als Kavaliersdelikt gelte. Es gäbe gar kein Unrechtsbewusstsein. Ich habe insgesamt die eine oder andere Anfrage zur Methodik der Studie. Die Abschätzung des Anteils der schwarz Beschäftigten Haushaltshilfen wird geschätzt basierend auf der sehr großen Differenz zwischen den Angaben über „beschäftigen Sie eine Haushaltshilfe?“im sozioökonomischen Panel (SOEP) sowie der Zahl der Minijobber und regulär Beschäftigten in Privathaushalten aus der Statistik der Bundesagentur für Arbeit. Dies vernachlässigt in meinen Augen 1. dass eine als Minijobberin angemeldete Haushaltshilfe in mehreren Haushalten tätig sein kann und oft wird (bei Mindestlohn und 4 Std/Woche verdiente sie nämlich nur ca. 200€ in einem einzelnen Haushalt) – auch ist mir 2. undurchsichtig wie Selbstständige und Beschäftigte bei Putzdienstleistern hier berücksichtigt sind, denn diese Arbeiten ja sowohl in Privathaushalten als auch in Firmen und das wird sicher nicht disaggregiert erfasst. Des Weiteren werden alle folgenden Auswertungen zu Akzeptanz, Sonstigem Beschäftigungsstatus, Gründen usw. basierend auf einer europäischen Befragung ausgewertet. Die einerseits alle Branchen (also auch das erheblich Schwarzarbeits-durchsetztere Baugewerbe) und andererseits alle EU-Länder umfasst. Und so bin ich doch skeptisch, dass man davon so einfach auf die Situation der Haushaltshilfen rückschließen kann. Und schließlich: die Studie schreibt zwar viel über Gründe, die zitierte Datenlage ist aber dünn und stützt nur teilweise die genannten Gründe (kein Unrechtsbewusstsein, geringere Kosten).

Nun. Das mit dem Unrechtsbewusstsein mag stimmen. Ich bin dann doch auch hin und wieder erstaunt, dass man bspw. in einem Raum voll Lehrer etliche findet, die nichts dabei finden, ihre Putzfrau schwarz zu beschäftigen, obwohl sie selbst aus Steuergeldern finanziert werden. Allerdings wird in der Studie selbst eine Umfrage zitiert nach der mindestens 2/3 der Deutschen Schwarzarbeit im Haushalt für nicht tragbar halten.

Was mir am allerdeutlichsten fehlt und als einzige Möglichkeit erscheint, das Problem anzugehen und sinnvolle Politikempfehlungen abgeben zu können ist eine Befragung von Haushalten und Putzhilfen, die folgende Fragrn klärt:

– Hat der Haushalt versucht eine legale Putzhilfe zu finden?

– Geschieht die Nicht-Anmeldung auf Wunsch der Haushaltshilfe oder des Haushaltes?

– Hat die Haushaltshilfe mehr als einen Putzjob?

– Hat die Haushaltshilfe noch einen Hauptjob?

Denn bevor man mit Schweizer Bankkonten vergleicht, sollte man sich den Markt mal genauer anschauen. Ich habe natürlich auch keine Erhebung gemacht, aber mir scheint es so, dass es für die Kategorie „Haushaltshilfe abhängig beschäftigt im Privathaushalt“ eigentlich kaum Angebot gibt. Es gibt schwarz arbeitende Puttzfrauen, die einen Stundensatz von 10-12 € die Stunde nehmen aber selbst wenn man die Sozialversicherungskosten noch oben drauf legen würde nicht bereit wären, angemeldet zu arbeiten. Dann gibt es wenige selbstständig tätige Putzhilfen. Und Dienstleister, die 16-20€/Std plus Anfahrt nehmen, oft sehr stark fluktuierendes Personal schicken und diesem dann aber nur den Mindestlohn zahlen und somit einen ca. 100% Aufschlag auf das Gehalt der Putzfrau einstreichen. Ich kenne viele Familien die sehr intensiv versucht haben, eine Haushaltshilfe zu finden, die als Minijobberin arbeiten will und keine gefunden haben.

Warum nur wollen denn die Haushaltshilfen schwarz arbeiten? Dazu sagt die Studie wenig. Für Schwarzarbeit insgesamt wird angegeben: keinen anderen regulären Job gefunden, das machen doch alle so und es profitieren doch beide davon. Ich halte das nicht für trivial auf die Haushaltshilfen übertragbar. Vielmehr ist die Realität doch: die meisten gehen entweder zusätzlich zu einem Hauptjob oder zusätzlich zu einem anderen 400€ Job putzen. Und sie haben mehr als einen Haushalt als Arbeitgeber. Das bedeutet, entweder müssen sie jeden Monat akribisch darauf achten in Summe nicht über 400€ Verdienst zu kommen, oder falls Sie darüber kommen oder noch einen anderen 400€-Job haben, müssen sie die Einnahmen versteuern und dann eine Steuererklärung machen, um vermutlich einen großen Teil der Steuern zurückzubekommen. Wir reden hier aber von Menschen, die so wenig mit dem Geld über die Runden kommen, dass sie zusätzlich noch putzen gehen. Da wiegen die Argumente „bezahlter Urlaub“, „Unfallversicherung“ und „soziale Absicherung“ sehr viel weniger als der Euro direkt in der Tasche und kurz danach an der Supermarktkasse. Da ist die Aussicht auf  eine evtl. Steuerrückerstattung nach gemachter Steuererklärung exakt nichts wert wenn ab dem 20. das Geld zum Essen kaufen knapp wird. Und da ist das exakte Plänen der aufsummierten Monatseinnahmen vielleicht auch einfach schon zu viel. Da hilft wenig, dass es für Haushalte sehr einfach ist, eine Haushaltshilfe anzumelden und von der Steuer abzusetzen, wenn dieses Ansinnen einfach an der Realität der Haushaltshilfe vorbei geht. Und wer dann nicht doppelt so viel für einen Dienstleister zahlen will, der beißt halt in den sauren Apfel.

Was wäre in diesem Szenario also die Politikempfehlung? Dafür sorgen, dass man in der Regel von einem Job leben kann. Für Geringverdiener den zweiten Job unbürokratischer machen. Beratung zu Zweit- und Nebenjobs anbieten. Vermittlung anbieten.

 

Leser fragen, Milchmädchen antwortet: Arbeitskampf 4.0

Schon ganz zu Beginn dieses Blogs fragte mich mein treuer Leser F.: “ Warum gibt es keine „richtigen“ Streiks mehr? Warum wird, wenn überhaupt, nur noch in quasi-monopolistischen Märkten gestreikt (Bahnstreik, Fluglotsenstreik etc.)? Und: Sind Fälle wie der derzeitige Heckmeck von VW mit seinen „Zulieferern“ der „neue“ Arbeitskampf?“

Sozialökonomik ist relativ weit entfernt von meinem Kerngebiet und daher habe ich zwar einiges zu dieser Frage recherchiert, aber sie ein wenig auf die lange Bank geschoben. Ich ließ einige perfekte Aufhänger wie etwa den Streik der Piloten der Lufthansa und eurowings links liegen. Aber ich muss dann jetzt doch mal „zusammenschreiben“, wird ja auch alles nicht besser. Ich erlaube mir allerdings eine etwas weiter gefasste Antwort, indem ich ganz allgemein modernes Gewerkschaftshandeln, Mitbestimmung und modernen Arbeitskampf zusammenfasse.

Zunächst mal: es stimmt nicht, dass heute weniger gestreikt wird. Im Gegenteil. Es wird sogar öfter und mehr gestreikt. Dennoch würde ich die Auffassung teilen, dass Streiks nicht mehr so bestimmend und deterministisch zur Arbeitswelt gehören. Aus den 80ern und 90ern erinnert man sich an monatelange Metaller-Streiks, sowas gibt es kaum noch. Stattdessen dominieren in der öffentlichen Wahrnehmung die Streiks im Verkehrswesen wie bei den Lokführern und den Piloten. Und das sind jeweils Streiks die selten in der Hauptsache um Tarifeinigung gehen.

Was steckt also dahinter?

Einerseits ganz simpel: der Strukturwandel. Der Anteil der Beschäftigten in Branchen mit traditionell hohem Streikpotential wie Metallindustrie, Automobilbranche, Bergbau ist einfach deutlich zurückgegangen. Es gibt den „Arbeiter“ einfach nicht mehr ganz so ausgeprägt (so stereotyp gab es ihn vermutlich nie, aber ihr versteht mich, oder?) und weit verbreitet. Die Dienstleistungsbranche hat im Beschäftigtenanteil erheblich zugelegt und wird auch bestreikt, aber der Grad der Gewerkschaftsorganisation ist hier geringer, teilweise ist das mit dem Streikrecht oder -willen auch schwierig, wie etwa in Teilen des öffentlichen Dienstes, bei den Erzieherinnen und in der Pflege. Auch gibt es hier weniger Flächentarifverträge, so dass auch einfach nicht immer die große Medienwirksamkeit möglich ist.

Dann kommt hinzu, dass Zeitarbeiter*innen in der Regel nicht an Arbeitskämpfen teilnehmen (können). Zwar sind sie, theoretisch, von Verdi repräsentiert, aber wer sich schon für nächsten Monat um seinen Job sorgen muss, kommt eher nicht auf die Idee zu streiken. Das federt dann wiederum die Effektivität von Streiks ab, denn da der Anteil der Zeitarbeiter*innen steigt, sind eben dann auch immernoch viele da, die weiter arbeiten. Und das in der Regel zu schlechteren Bedingungen und mit deutlich weniger Freiheiten. Auch alle in sog. irregulären Arbeitsverhältnissen, also 400-Euro-Jobs, Kurzzeitverträge, Werkverträge, Praktikanten und Werkstudenten werden sich eher nicht an Streiks beteiligen. Sie sind nicht von dem was da verhandelt wird betroffen und wollen Chancen auf eine Übernahme nicht aufs Spiel setzen. Auch der Anteil dieser Beschäftigungsverhältnisse nimmt stetig zu. 

Hinzu kommt, dass die Globalisierung den großen Unternehmen eine zeitweise Kompensation durch ausländische Standorte erlaubt – das geht zwar nicht ewig und auch je nach Spezialisierung der einzelnen Standorte gar nicht, es kann sogar sein, dass ein Ausfall an einem Standort zu weltweiten Engpässen führt, aber manchmal mag das mit reinspielen.

Ich habe aber zudem auch den Eindruck, den F. auch äußert, dass der klassische Arbeitskampf sich einfach überlebt hat. Das liegt, in meinen Augen daran, dass die Gewerkschaften den Anschluss an die Entwicklungen auf dem modernen Arbeitsmarkt verloren haben. In meiner Wahrnehmung haben die Gewerkschaften, genau wie übrigens die SPD, lang auf ein ziemlich krankes Pferd gesetzt. In der Blüte des Industriestandortes Deutschland, waren Gewerkschaften in der „Arbeiterschicht“ allgegenwärtig. Es gab Arbeitersportvereine, Arbeiterzeitungen, Arbeiterwandervereine und Konsumgenossenschaften. Eine grundsätzliche ideologische Prägung war damit sehr viel selbstverständlicher. Diese Entwicklung hat sich abgeschwächt und schleichend aber kontinuierlich waren die Gewerkschaften bloß noch auf ihre Rolle in Tarifkonflikten beschränkt, die „Arbeiterkultur“ insgesamt hingegen verblasste. Wer mag sich heute noch gern als „Arbeiter“ bezeichnen? Man ist evtl. mit dem Betrieb identifiziert („Opelaner“ fallen einem hier im Ruhrgebiet da ein), aber mit der ganzen sog. Klasse? Mag denn überhaupt noch wer, möglicherweise gar mit Stolz, von der Arbeiterklasse sprechen? Das klingt dann doch arg angestaubt und würde selbst bei der Linkspartei niemand mehr in den Mund nehmen. Ohne diese Identifikation ist aber auch der Gewerkschaftsbeitritt nicht mehr so naheliegend, die Streikbeteiligung nicht mehr so zwingend. Auch dachten oder denken Gewerkschaften eben viele Formen der Beschäftigung kaum mit. Zeitarbeiter*innen werden eher als Feinde denn als Klientel verstanden. Auch sind die Gewerkschaften lange Zeit vehemente Gegner jeder Form von Globalisierung gewesen und haben nicht gesehen, dass ein Einsatz für hohe Arbeitsstandards auch im Ausland vielleicht zielführender gewesen wäre um die Auslagerung von Arbeitsplätzen zu verhindern, als das sympathisieren mit Zöllen und Einfuhrbeschränkungen. Und Freelancer, Clickworker, … werden ohnehin von den Gewerkschaften weder gesehen noch vertreten, weil einfach auch die Verhandlungsformate ggü. dieser Form der kurzfristigen Beschäftigung dinosaurieresk daherkommen und kaum angemessen sind. So hat sich ein Teil des heutigen Proletariats (um mal bewusst diesen Begriff zu wählen) von der Welt der Gewerkschaften und des Arbeitskampfes so weit entfernt, dass diese Klientel wohl auch kaum noch zu erschließen ist.

Durch die Verbandelung mit der SPD, die sich auch in den letzten 15 Jahren nicht direkt um die Rechte der ärmeren und armen Schichten verdient gemacht hat, sondern ebenfalls an der Stammkundschaft festhielt, die heute dann eher Rentner sind und gleichzeitig mit der Agenda 2010 viele lang gediente Wähler verprellte, haben sich die Gewerkschaften wohl zusätzlich ins Abseits befördert.

So finden heute Lohnfindungen oft individuell und außerhalb der Reichweite von Betriebsräten und Gewerkschaften statt und den Gewerkschaften stirbt die Mitgliedschaft davon. Derweil sind diejenigen Streiks, die es dann doch zu bundesweiter Berühmtheit schaffen oft eben keine Tarifkonflikte. Sondern Machtkämpfe zwischen Spartengewerkschaften um das Verhandlungs- und Repräsentationsrecht, wie etwa bei den letzten Lokführerstreiks und auch bei Teilen der Pilotenstreiks oder um Arbeitsbedingungen wie bei Amazon. Diese Streiks sind dann zwar öffentlichkeitswirksam, aber teilweise der Öffentlichkeit schwer zu vermitteln, denn es geht eben um komplexeres als „mehr Lohn“. Und diese Streiks betrafen dann auch stets Märkte, wo tatsächlich ein Umdisponieren für die Arbeitgeber schwierig ist (Piloten, Fluglotsen, Lokführer) – denn nur in solchen Konstellationen lässt sich überhaupt noch ausreichend Drohpotential entfalten.

Deutschland liegt im europäischen Vergleich übrigens ziemlich weit hinten was die Ausfalltage anbelangt, das ist aber keine neue Entwicklung, sondern war schon immer so.

 

 

 

 

 

 

 

DEAL: Das germanische Dorf gegen das Elsevier-Empire

Wissenschaftsverlag zu sein ist ein ziemlich gutes Geschäftsmodell. Im Wesentlichen ist das so: Wissenschaftlerinnen erforschen durch öffentliche Mittel oder Stifter finanziert Sachen, daraus schreiben sie Artikel, die sie bei Fachjournals einreichen oder je nach Disziplin für die Proceedings renommierter Konferenzen. Dafür bekommen sie von den Zeitschriften/Verlagen nicht nur kein Honorar, sondern oft müssen sie zusätzlich noch etwas für die Einreichung bezahlen. Die Einreichungsgebühren liegen je nach Journal zwischen 50 und 250 $ und sind selbst dann zu berappen, wenn der Artikel sofort vom Editor abgelehnt wird. Dann werden die Artikel begutachtet durch andere Wissenschaftler. Und ja, richtig, die kriegen dafür auch kein Honorar. 1-3 Gutachter schauen auf einen Artikel mehr oder weniger gründlich drauf. Ich z.b. brauche für ein vernünftiges Gutachten zwischen 3 Stunden und 1 Tag je nachdem wie gut ich im Thema bin. Die Gutachten gehen dann an den zuständigen Editor, der entscheidet, ob und wenn ja mit welchen Änderungen der Artikel veröffentlicht wird. Oft werden die Autoren gebeten, auch für ein Lektorat durch Muttersprachler zu sorgen. Auch das natürlich auf eigene Kosten. Dann erscheint der Artikel nach Überarbeitung erstmal als Vorabartikel auf der Website des Journals. Dort ist er dann kostenpflichtig abrufbar, die Autoren dürfen ihn meist in einem kurzen Zeitfenster selbst kostenfrei herunterladen. Das Nutzungsrecht für den Artikel treten sie an den Verlag ab. Irgendwann erscheint der Artikel dann auch gedruckt in der Zeitschrift, das kann aber durchaus mal ein Jahr dauern zwischen Annahme des Artikels und Aufnahme in eine Ausgabe.

Die Zeitschriften werden von den Universitätsbibliotheken und Forschungseinrichtungen abonniert -also wiederum aus öffentlichen Geldern. Manche Wissenschaftsverlage schließen dabei sogenannte Nationallizenzen ab, also Lizenzen, die dem gesamten Verbund der Universitätsbibliotheken zur Verfügung stehen. Andere, insb. die großen drei im Wissenschaftsverlagsbusiness Elsevier, Springer und Wiley, haben in der Vergangenheit viele Zeitschriftentitel nur einzeln mit Bibliotheken verhandelt. Die Abos waren bzw. sind immernoch dann oft so gestaltet, dass auf das Abo der Papierzeitschrift ein Aufschlag zu zahlen ist, wenn die Inhalte auch digital verfügbar sein sollen. Oft werden ansonsten die digitalen Inhalte erst 12 bis 24 Monate nach (!) der Papierzeitschrift für die Abonennten freigeschaltet – was vollkommen absurd ist.

Und um das ganze abzurunden, sind die Preise für die Abos in den letzten Jahren auch noch stets und drastisch gestiegen. Die Wissenschaftsverlage gehören deshalb auch zu den weltweit erfolgreichsten Unternehmen, wie Alex Holcombe bereits vor längerer Zeit mal in seinem Blog zeigte.

Vor dem Hintergrund der oft schlechten Konditionen für Digitalinhalte, stetig steigenden Abonnementpreise und der Einzelverhandlungspolitik der Verlage, hat die Hochschulrektorenkonferenz im ersten Halbjahr 2016 beschlossen, dass die Universitätsbibliotheken von nun an gemeinsam mit den Verlagen über umfangreiche Bündelabos verhandeln sollen. Hierzu wurde die schon vorher gegründete Arbeitsgruppe DEAL beauftragt, die nun für alle Universitätsbibliotheken im Auftrag der HRK mit den Verlagen Gespräche führt. Da für alle Universitätsbibliotheken außer denen des Landes Baden-Württemberg und der ZBW in Kiel zunächst der Vertrag mit Elsevier neu zu verhandeln war, ist Elsevier nun quasi die Probe aufs Exempel. Die seit Mitte 2016 andauernden Gespräche führten zunächst zu keinem nennenswerten Erfolg. Daraufhin haben alle deutschen Bibliotheken außer denen in Baden-Württemberg ihre Abonnements aller Elsevier-Publikationen zum Jahresende 2016 gekündigt. Hiervon erhofft DEAL sich nun endlich Bewegungen in den Verhandlungen. Der Elsevier-Verlag ließ bisher verlauten, dass die von den Bibliotheken geforderten Konditionen vollkommen abwegig seien und die Bibliotheken ja jede Freiheit hätten, ihre bisherigen Verträge zu den vorgeschlagenen Konditionen zu verlängern. Die Bibliotheken sagten „Nein“ und die Verhandlungen wurden auf Anfang 2017 vertagt.

Seit dem 1.1.2017 sind nun also so gut wie alle Wissenschaftler an deutschen Universitäten vom Angebot des Elsevier-Verlags abgeschnitten. Zumindest der direkte Zugriff ist nicht mehr gegeben. Allerdings organisieren die Bibliotheken aus den eingesparten Geldern umfangreiche Fernleihmöglichkeiten über die wenigen Universitäten, die noch Zugriff haben. Ich finde es ziemlich gut, dass die ja doch recht vielen, normalerweise in Konkurrenz stehenden deutschen Universitäten es geschafft haben, sich derart gut zu organisieren und sich David-mäßig gegen den Riesen Elsevier zu stellen. Es bleibt spannend, was nun tatsächlich dadurch erreicht werden kann, aber vielleicht wird dadurch ja auch endlich insgesamt das System der Publikationslandschaft zunehmend hinterfragt, wie z.B. auf wisspub.net andiskutiert wird.

Das Börsenblatt der Buchbranche findet übrigens, die Hochschulbibliotheken stellen Forderungen nach einer Quasi-Verstaatlichung des wissenschaftlichen Publikationswesens… Nun gut… (hier und hier)

Mehr zum Thema Wissenschaftspublikationen auch im englischsprachigen academia-Raum, hier und hier.

Exkurs: Alles Frustwähler?

Ich erlaube mir heute mal ein Abschweifen vom eng ökonomisch gefassten zum politischen. Denn als Mensch mit akademischem Hintergrund, grüner Sozialisation und linker Affinität kommt man ja derzeit nicht umhin, sich zu fragen, warum zum Henker scheinbar viele Millionen Menschen, Mehrheiten gar, Parteien, Stömungen und Personen wählen oder unterstützen, die vollkommen offensichtlich lügen, zündeln, Hass und Naziparolen verbreiten. Allerlei durchaus plausible Erklärungen wurden schon angeboten, ich kann hier zunächst mal viel Unverständnis und wenig neues bieten. Ob jetzt zwangsläufig ein weiterer – zumal mutmaßlich rein kommentierender – Blogpost von mir da zwangsläufig nötig ist, wage ich nicht zu sagen. Aber ich dachte halt so drüber nach und berichtete versehentlich auf Twitter davon und jetzt sitze ich hier.

Es gibt ja ein paar Erzählungen und Lesarten, wer denn da eigentlich warum auf einmal rechte Arschlöcher wählt, flächendeckend und allerorten. Sind es die abgehängten, die in unserer modernen Gesellschaft kein Bein mehr an den Boden bekommen, die Unterschicht, die einen Sündenbock sucht? Nein, sagen die Wahlergebnisse in den USA und in Westdeutschen Bundesländern – diese Erzählung funktioniert maximal für Ostdeutschland und Nordfrankreich. Aha, dann sind es die weißen Männer, die sich um ihr Altenteil sorgen und die Angst vor Frauen, Gleichberechtigung und Schwulen haben. Auch nicht so ganz, denn da wären die ganzen weißen Frauen, die Trump wählten. Und die nicht unerheblich vielen jungen Frauen, die sich mit antifeministischen Parolen fesch als moderne Nazi-Bräute im Internet inszenieren. Und letztlich sind es ja nicht nur die 20% (wenn es hoch kommt) Nazis, die diese Bewegungen zu einem Phänomen, einer riesigen Populismusmaschinerie, einer scheinbar nicht zu stoppenden Macht werden lassen. Sondern auch all die, die nicht wählen gehen anstatt ihre Stimmen Hillary Clinton, der SPD oder wem auch immer geben. All diejenigen, die zwar nicht rechts sind, aber denen es zu egal ist, dass unsere Gesellschaft sich ganz erheblich Richtung rechts neigt. Und die vielleicht hier und da stumm nicken, wenn Horst Seehofer von Obergrenzen phantasiert, Donald Trump gegen das Establishment wettert oder Birgit Kelle von Genderwahn fabuliert. Wie immer macht erst der gemeine Mitläufer den Extremisten zur Mehrheit.

Also wer ist denn jetzt schuld verdammt? Irgendwen muss man doch von der Klippe schubsen können und dann ist schon alles wieder gut. Tja – bad news – diese Lösung wird nicht gehen. Denn  Trump, Le Pen, Johnson, Farage, Petry, Höcke, Gauland und wie sie alle heißen, sind nur das Symptom und keineswegs der Auslöser, sie haben nur schlau ein riesiges Vakuum ausgemacht, das sich leicht mit Populismus füllen ließ und dies zur rechten Zeit genutzt.

Weder sind knapp 50% der Amerikaner und Briten Nazis noch rund 30% der Deutschen, Niederländer und Franzosen. Aber 30-50% der Menschen in unseren ach so aufgeklärten und fortschrittlichen Demokratien finden, dass lügende Nazis besser sind als das restliche politische Personal. Denn was eint all diese Menschen? Maßlos erlebte Machtlosigkeit, vollkommene erlebte Irrelevanz dessen, was sie als das vermeintliche Volk wollen und das ungute Gefühl irgendwie verarscht zu werden von „denen da oben“. Das Gefühl von Politikern nicht repräsentiert sondern belogen zu werden.

Und ganz ehrlich, Hand aufs Herz, teilen wir das nicht alle? Ich glaube doch auch, dass die allermeisten Politiker von Lobbyisten gesteuerte Berufslügner sind. Politiker, denen ich bedenkenlos attestieren würde, dass sie meine Interessen als Bürgerin ernst nehmen kann ich an einer Hand abzählen. Der Unterschied ist nur, dass ich mir einbilde etwas großes ganzes dahinter zu sehen, dass ich denke, ich verstehe was da gespielt wird, kenne die Alternativen und halte sie für schlimmer. Das und der unverwüstliche Glaube an den europäischen Geist, die tiefe Überzeugung, dass Europa wie wir es heute kennen das beste ist, was wir bisher politisch hatten und dass es das zu erhalten gilt. Und so gehe ich wählen und stimme dabei in der Regel für Parteien, die auch eine realistische Chance haben in das jeweilige Parlament zu kommen.

Aber wem diese Überzeugung fehlt, aus welchen Gründen auch immer, für den bleibt also nur das Gefühl, dass irgendwie “ die da oben“ nicht in seinem Sinne agieren und ihm auch ohnehin nur Mist erzählen. Und das ist noch kein Grund, eine Nazipartei oder einen irren Milliardär zu wählen. Aber die Frage ist halt, wen denn sonst?

Ich beobachte in meiner Filterblase online und offline schon seit einigen Monaten etwas, das ich hier mal „Merkel-Fatalismus“ nennen möchte. Also dass prinzipiell der CDU weit abgeneigte Menschen Dinge von sich geben wie „dass ich mal sagen würde, dass Angela Merkel was richtig macht…“ oder auch (wie ich selbst nun schon mindestens dreimal tweetete) „Wer außer Merkel soll den Job denn machen?“ Es wabert nun irgendwie recht deutlich herum, dass sich die politische Landschaft so weit auf die Person Merkel verengt hat, die nun da steht als europaweit einzige Stimme der Vernunft bei gleichzeitig vollkommener Profillosigkeit. War das zum Ende der Ära Kohl auch so ?  – ich bin zu jung um mich da ganz genau dran zu erinnern. Ist es zwangsläufig, dass lange stetige Bestimmung der Politik durch eine Person mit unterschiedlichen Randfiguren zu einer deutlichen Verarmung an Inhalten führt? Ich weiß es nicht. Vielleicht ist es auch eher so, dass sich in den letzten 10 Jahren die inhaltsleeren Politiker besonders erfolgreich durchsetzen konnten, weil sie eine schöne Blaupause für alles hergaben.

Warum auch immer – Tatsache ist, das Parteien-Spektrum sieht von rechts nach – ähm – links etwa so aus: Nazis, Horst Seehofer, DIE MITTE, russland-verherrlichende abgehobene links-tümelnde Grenz-Nazis, also Sahra Wagenknecht. Und in DER MITTE (die neuerdings, so entnahm ich verschiedenen Fotos von CDU-Veranstaltungen, qua Proklamation die CDU ist) tummeln sich alle differenzlosen Nasen wie Gabriel, Kretschmann und Co hinter der alles überstrahlenden vernünftigen, ruhigen, seriösen und Kontinuität versprechenden Frau Merkel. Tja.

Da Horst Seehofer nur in Bayern zur Wahl steht, bleibt also für jeden, der von DER MITTE irgendwie die Nase voll hat, weil er sich nicht mittig fühlt, nicht mittig ist oder Mitte generell scheiße findet nur die Wahl zwischen Nazis und der LINKEN. Und dass letztgenannte eine politische Heimat für irgendwen darstellen der a) links denkt und sich eine linkere Ausrichtung der Politik wünscht oder b) sich vom Kapitalismus abgehängt fühlt, ist beides stark  anzuzweifeln. Ich habe den Eindruck, die Linke verherrlicht über die Maßen den erwiesenermaßen nicht-zielführenden sowjetischen Kommunismus und hängt irgendwie dem Irrglauben an, das heutige Russland sei immernoch irgendwie sozialistisch oder zumindest weniger kapitalistisch als Europa. Und zusätzlich führt sie zu 95% realitätsferne, für die Wähler wenig relevante, Scheindebatten und macht nicht-finanzierbare Vorschläge, die denen der AfD oder der Piraten in Sachen Nonsense in nix nachstehen.

Was wären also wählbare Alternativen für alle, die sich von „denen da oben“ belogen fühlen? Und für alle, die sich eine zukunftsorientierte, mutige, pro-europäische, visionäre Politik wünschen? Und für alle, die sich eine linkere oder liberalere, eine weltoffenere Politik wünschen? Keine da, oder?

Keine Linke, die den Namen verdient, die eine aufgeklärte und moderne linke Politik vertritt, die die internationale Tradition der Linken behält aber das Sowjet-Geschwurbel ablegt, die erkennt, dass wir heute nicht mehr lokal denken und agieren dürfen, wenn wir von Gerechtigkeit reden, sondern dass wir in unser aller Interesse weltweite Gerechtigkeit in den Blick nehmen müssen.

Keine ernstzunehmende liberale Partei, die sich für Bürgerrechte einsetzt, eine humanistische Alternative präsentiert anstatt sich als Autofahrer- und Vermögenssteuerfreiheitspartei zu gerieren, wie es die FDP leider tut.

Keine sozialdemokratische Partei, die sich für sozialpolitische Nachhaltigkeit, gleiche Chancen für von der Gesellschaft abgehängte, Bildung und demokratische Teilhabe einsetzt anstatt für die aussterbenden ehemaligen Kernzielgruppen Arbeiter und Rentner nur die Pfründe zu verwalten und an der Kohle festzuhalten.

Keine ökologische Partei, die sich für Frieden und eine moderne, aufgeklärte und bunte Gesellschaft einsetzt anstatt die neuerdings vermögenden und bequem gewordenen Ex-Umweltbewegten in ihrer Komfortzone in Sicherheit zu wiegen.

Und auch keine konservative Partei, die für konservative Werte einsteht ohne dabei ein menschenfeindliches Weltbild zu propagieren. Die von mir aus christlich agiert und argumentiert. Die eine Heimat für diejenigen bietet, die mit den Veränderungen in der Gesellschaft nicht Schritt halten wollen oder können und das ohne dazu Ausländer, Homosexuelle und Andersdenkende als Sündenböcke zu brauchen.

Und diese Diagnose gilt keinesfalls nur für Deutschland. Sie gilt in sehr ähnlicher Weise auch für Frankreich, das ich etwas genauer beobachte. Und in den Zwei-Parteien-Demokratien von England und Amerika um so mehr, denn dort gibt es ja nicht mal die Geister der ehemals breiteren Parteienlandschaft, die in Deutschland, Frankreich, Benelux noch herumschwirren.

Also, wen schubsen wir jetzt von der Klippe, damit wir das Populismus-Problem los sind?

 

 

Leserinnen fragen, Milchmädchen antwortet: Globale Ungleichheit

Heute schon wieder eine Antwort auf eine Leserinnenfrage, diesmal von @Vrouwelin, die mich auf Twitter fragte, was ich vom neuen Buch von Anthony Atkinson halte, bzw. von einem DerFreitag-Artikel über das Buch. Ich antwortete auf Twitter, dass ich das Buch nicht gelesen hätte, es aber schwierig fände, die Umsetzbarkeit der Thesen für ein Land zu berechnen, wenn wir in einer globalisierten Welt leben. Ich ergänzte zudem, dass ich es immer etwas schwierig finde, wenn in westlichen Ländern davon die Rede ist, dass die Ungleichheit zugenommen habe, wobei außer acht gelassen würde, dass die weltweite Ungleichheit abgenommen hat. Meine These war wörtlich: „Ich habe auch immer Probleme damit, wenn steigende Ungleichheit für Industrieländer diagnostiziert wird ohne zu beachten, dass die gefühlt größere Gleichheit in den 60ern mit weltweit größerer Ungleichheit einher ging. Viele linke Ökonomen lassen Entwicklungsländer außer acht. Das ist fatal, falsch und heute auch (zum Glück) nicht mehr realitätskompatibel.“ @Vrouwelin bat mich daraufhin um Literaturtipps zum Thema und dem möchte ich hiermit nachkommen. Da das vermutlich noch mehr Leute interessiert hier auf dem Blog anstatt per Twitter-Mention.

Zunächst nochmal vorab: Ich hab das Buch von Atkinson nicht gelesen. Aber Atkinson ist prinzipiell ein Mann von ökonomischem Verstand und es kann sehr gut sein, dass was in dem Buch steht Hand und Fuß hat. Es gäbe ganz sicher Dinge, die mutige Politiker umsetzen könnten, um die Einkommensschere in den westlichen Industrieländern zu verringern. Allerdings schlägt Atkinson unter anderem eine deutliche Erhöhung des Spitzensteuersatzes vor. Ob das gerecht ist sei dahingestellt (denn zumindest in Deutschland zahlen nicht nur Millionäre den Spitzensteuersatz), vor allem aber ist es in meinen Augen nicht umsetzbar. Nicht in einem einzelnen Land innerhalb einer Welt, die deutlich geringere Kapitalverkehrsbeschränkungen hat als vor 25 Jahren und in der Steuerflucht nach wie vor mehr als einfach möglich ist. Das war mein Spontankritikpunkt. Mein Grund-Ablehnungsgefühl rührt aber viel mehr daher, dass ich halt im Herzen Entwicklungsökonomin bin. Und Atkinson ist eben Sozialstaats-Spezialist. Er betrachtet den bröckelnden Sozialstaat in Westeuropa, so wie Piketty das kapitalistische System in den Industriestaaten betrachtet. Und Atkinson argumentiert, so zumindest der Artikel im Freitag, den ich ansonsten reichlich unspezifisch finde, dass die Entsozialstaatlichung in den 1980er Jahren Fahrt aufgenommen habe und man zum Zustand davor zurückmüsse. Und da muss ich ganz klar sagen: Dass es bei uns in den 60er und 70er Jahren ziemlich wirtschaftlich rosig und gefühlt gerechter zuging, das lag nicht nur an der deutlich sozialeren Marktwirtschaft. Es lag auch daran, dass nur ein sehr viel kleinerer und homogenerer Teil der Welt am globalen Einkommen teilhatte. Dass heute die sog. Arbeiterjobs wegfallen und schlecht bezahlt werden hat ziemlich viel damit zu tun, dass diese Jobs jetzt in anderen Teilen der Welt dazu beitragen dort das Einkommen zu erhöhen. Dabei läuft nicht alles rosig, gar keine Frage. Dennoch haben heute viel mehr Staaten nennenswert an Handel und Produktion teil. Und das hat auch zu Verringerung der Armut geführt, nicht nur in China. Auch in Bangladesh, in der Türkei, in Rumänien und Südafrika. Es gibt Gewinner und Verlierer, die Details sind kompliziert. Aber es bleibt: Ein Teil dessen, was wir hier gefühlt verloren haben, das haben nicht die bösen Kapitalisten, sondern das haben die Armen der Welt, die jetzt etwas weniger arm sind. Natürlich, long way to go, reich ist dadurch in Bangladesh noch lang nicht jeder, aber es geht irgendwie aufwärts. Was stimmt ist, dass die Armen in den Industrieländern mehr abgegeben haben, als die Reichen (die haben nix abgegeben). Dies nur zur Einordnung meiner Reflexabwehrhaltung. Nun zu Hintergrund-Lesestoff zur Einkommensverteilung weltweit (ohne Anspruch auf Vollständigkeit):

Die Diagnose,  dass die Ungleichheit in der Welt abgenommen hat, findet sich sehr akribisch belegt in diesem Aufsatz von Xavier Sala-i-Martin. Das Paper ist von 2002, die verwendeten Maße wurden aber für das vielfach neu aufgelegte Standardlehrbuch von Sala-i-Martin jeweils aktualisiert und bleiben, meiner Kenntnis nach, bis in die neuste Auflage von der Aussage her gleich.

Wer Zugriff zu wissenschaftlichem Content hinter hohen Paywalls (hier Wiley) hat, kann mit Hilfe dieser Datenbank auch selbst die Standardmaße für Ungleichheit über die Zeit berechnen und vergleichen.

Dass in den meisten westlichen Industriestaaten die Ungleichheit zugenommen hat, hat Atkinson sich natürlich nicht ausgedacht, das ist gut belegt, z.B. hier. Allerdings ist es auch hier kompliziert, denn die Heterogenität zwischen den Industrieländern ist dann doch erheblich.

Etwas weniger euphorisch (will sagen etwas weniger neoklassisch und wachstumsfokussiert) als Sala-i-Martin kommt auch dieser Aufsatz zu dem Schluss, dass zumindest einige Staaten im weltweiten Vergleich aufholen konnten, der Fokus hier liegt aber darauf, dass innerhalb der einzelnen Staaten und Regionen der Welt die Ungleichheit zunimmt.

Schauen wir auf Deutschland, zeigt dieser Artikel deutlich: Hier bei uns kann von einer steigenden Ungleichheit ab 1980 kaum die Rede sein, die deutsche Ungleichheit ist vorrangig in der Wiedervereinigung begründet.  Außerdem ist der Titel des Papers einfach so schön literarisch. Verbunden auch dieser Artikel, der Deutschland und die USA vergleicht.

Und wer nach all diesen Zahlen dann auch ein wenig die Gründe für Erfolg und Misserfolg in Sachen armutsreduzierendes Wachstum erlesen will, der könnte einen Blick in das ein oder andere Buch oder Paper von Daron Acemoglu werfen (insb. „Why nations fail“ sowie diesen kleinen feinen Seitenhieb gegen Thomas Piketty), die Fallstudien im Entwicklungsökonomik-Standardlehrbuch „Economic Development“ von Todaro/Smith lesen, oder „The Tyranny of Experts“ und „The Elusive Quest for Growth“ von William Easterly. Einen ganz kleinen Einstieg bietet z.B. auch dieser TEDx-Talk von James Robinson (dem Co-Autor von Acemoglu), der ein sehr guter Redner ist.

Hinweis: der Großteil der verlinkten Quellen ist auf englisch, das tut mir leid, denn ich versuche sonst deutsche Quellen zu verwenden, wenn möglich. Leider ist Entwicklungsökonomik aber ein Feld, das in Deutschland nahezu unsichtbar ist, die Bücher sind allerdings z.T. auch in deutscher Übersetzung erschienen. Leider befindet sich ein Großteil der Paper hinter den Paywalls von Wissenschaftsverlagen, wo ich konnte, habe ich Working Paper Versionen verlinkt, mit etwas googlen finden sich solche vielleicht auch noch für die anderen Paper.

 

Randnotiz der Woche: Zuckermarkt

Dieses Jahr wird das letzte Mal die Zuckerproduktion der europäischen Zuckermarktordnung unterliegen, danach fallen Ende September 2017 die Zuckerproduktionsquoten weg, d.h. die Ernte 2017 wird schon zu den neuen Regelungen auf den Markt kommen müssen. Um diese Reform gab es sehr sehr großen Streit in der EU und großes Gezetere vor allem von Seiten der großen Zuckerproduzenten Nordzucker und Südzucker, die die Profiteure der Zuckermarktregulierung waren. Dass diese sich scheinbar gut mit der Abschaffung arrangiert haben und der Untergang der Zuckerquoten ansonsten erstaunlich sang- und klanglos vonstatten geht, zeigt diese Meldung aus der Braunschweiger Zeitung.

Journalistisch gesehen ist es natürlich etwas banal nur die Branchenriesen zu Wort kommen zu lassen. Allerdings ist der Artikel in seinem Nachbeten von Lobbyverlautbarungen dann gleich wieder entlarvend.  Denn im Wesentlichen erzählen da Nordzucker und Südzucker, dass sich nicht nur nichts an ihrer Produktionsmenge ändern wird, sondern sie gar planen zu exportieren, was bisher nicht so ohne weiteres möglich war. Das ist schon ziemlich Hohn, denn wenn der Wegfall einer Regulierung den Hauptakteuren des Marktes wenig Sorgen macht und sie sich gar höhere Gewinne versprechen, dann ist der Sinn der Regulierungsmaßnahme doch stark ad absurdum geführt. Denn die europäischen Quotenregelungen im Agrarsektor dienten ja, auf dem Papier und historisch gesehen auch in der Realität dazu, eine Autonomie im Ernährungsbereich zu wahren und dafür zu sorgen, dass heimische Produzenten nicht aus dem Markt gedrängt werden und dann im Fall der Fälle keine heimische Nahrungsmittelproduktion mehr da ist. Wenn nun aber die Produzenten augenscheinlich in der Lage sind, auch ohne die Regulierung am Markt zu bestehen und sogar noch zu exportieren. Nun, dann war die ziemlich teure Maßnahme wohl ziemlich wenig notwendig. Denn teuer ist sie, die Zuckerquote. Sie kostete die europäischen Verbraucher jährlich etwa 6 Milliarden Euro, die sich in Form von Subventionen ziemlich direkt in die Taschen von Nord- und Südzucker und ihren französischen und polnischen Kumpels ergossen.

Jetzt ist der Artikel natürlich da auch unsinnig, denn dass die Giganten im Zuckerbusiness im Zweifel auch bei geringen Preisen würden in der Lage sein, sich am Markt zu halten, das war schon länger klar. Viel fragwürdiger ist, ob man vom Zuckerrübenanbau noch wird leben können. Denn bei geringerem Marktpreis werden die Zuckerfabrikanten den Preis der Rüben drücken. Und das können sie, weil sie Nachfragemonopolisten sind und die Bauern keine Wahl haben, als an sie zu verkaufen.

Besonders wundervoll unsinnig ist natürlich der Satz, dass ausländische Konkurrenz nicht zu befürchten sei, da der Zuckerpreis in der EU ja derzeit unterhalb des Weltmarktpreises liege. Da fragt man sich schon, ob der Pressemensch so dumm ist, oder so dumm tut. Natürlich ist der Zuckerpreis unterhalb des Weltmarktpreises – er ist ja subventioniert genau um unterhalb dem der Konkurrenz zu liegen. Die Subvention wird aus Zöllen auf Importzucker bezahlt (zumindest teilweise), der damit praktischerweise auch teurer erscheint als er ist. In Wirklichkeit jedoch ist Rohrzucker ca 1/3 so teuer in der Produktion wie Rübenzucker und selbst wenn man Transportkosten berücksichtigt, sind Zuckerimporte hoch-konkurrenzfähig, wenn sie dann nicht mehr bezollt und die heimische Produktion nicht mehr subventioniert wird. Wenn Nord- und Südzucker unter den Bedingungen immernoch exportieren werden können, sagt das so einiges über ihre jetzige Gewinnspanne aus, und damit natürlich auch über die Unsinnigkeit der Regulierung in den letzten Jahren bis Jahrzehnten. Und natürlich kann man gegen Rohrzucker sowohl Umwelt- als auch ethische Bedenken haben, keine Frage, aber Rohrzucker bleibt eben die deutlich überlegene Zuckerproduktionstechnologie und auch der Zuckerrübenanbau ist Monokultur deluxe, mit ordentlich Düngereinsatz und die Rübenzuckerproduktion ist extrem energie-intensiv. Wer also ethisch sauber handeln will, kauft Bio-Rohrzucker aus nachhaltiger Pflanzung und fair gehandelt.

Wie, was, warum und überhaupt

Hallo Internet. Hiermit eröffne ich, ganz offiziell, dieses Blog. Das hier ist, bzw. wird, ein Blog über Ökonomie. Beyond Milchmädchen ist mein Zweitblog. Ich blogge schon lang als siebenhundertsachen über einen bunten Strauß vermischtes mit Schwerpunkt auf DIY. Ich bin Volkswirtin (genaueres unter About) und das hat auch bisher mein Blog und meinen Twitterfeed durchaus nicht unbeeinflusst gelassen. Auf dem siebenhundertsachen-Blog habe ich immer mal wieder auch ökonomische und politökonomische Sachen thematisiert, wenn sie entweder tagesaktuell waren oder mir im beruflichen Leben über den Weg gelaufen sind. Diesen Teil meines Blogs habe ich immer als eine der vielen Seiten meiner siebenhundertsachen gesehen, genauso wie eben all die Handarbeiten, das Arbeiten in der deutschen Wissenschaftslandschaft, das Gärtnern oder das Leben mit dem Minimensch. Mein Blog ist meine Wohnung im Internet und hat verschiedene Zimmer. Das fand und find ich sehr gut und die meisten meiner Leserinnen wohl auch. Allerdings habe ich zwei Dinge festgestellt:

Meine Beiträge über Wirtschaftsthemen wurden oft relativ viel geteilt und spülten viele neue Leser auf mein Blog, die dann aber zumeist nach den nächsten 2-3 Kleidern und Rezepten wieder weg blieben. Diese Leser also hatten spezifisch an wirtschaftlichen und politischen Posts Interesse und wollten eigentlich nicht so gern alle Zimmer meiner Wohnung sehen.

Obwohl Wirtschaftswissenschaften ein recht egalitäres Fach sind und es auch durchaus eine ziemlich erkleckliche Anzahl an Ökonominnen gibt, ist die Berichterstattung über Wirtschaftsthemen, von der Börse im Ersten mal abgesehen, eine ziemlich männlich geprägte Welt. Insbesondere die Blogszene in diesem Bereich. Und auch, wenn Frau Prof. Schnabel als „Wirtschaftsweise“ ein ziemlich hohes Interviewaufkommen hat, so dringt doch insgesamt wenig Ökonominnensicht an die breite Öffentlichkeit.

Beides hat in mir schon länger den Wunsch reifen lassen, ein Ökonominnenblog anzufangen. Es bedurfte dann noch einer kleinen beruflichen Veränderung, dass ich es nun tatsächlich mache.

Was wird das also jetzt hier? Ich habe noch gar keinen ganz klaren Plan gefasst. Ich würde gern wirtschaftliche Hintergründe aktueller Politik und aktuelle ökonomische Forschung verständlich aufbereiten. Das Blog ist damit für mich auch ein gutes Vehikel, um ökonomisch am Ball zu bleiben. Umfangreiche Hintergrundartikel schreiben sich aber nicht von allein und daher wird der Bloggingrhythmus wohl eher in Wochen als in Tagen zu messen sein. Wie aus meinem Blog und Twitterprofil gewohnt möchte ich dabei mit Meinung nicht hinterm Berg halten, ich bin ja privat hier. Dennoch wünsche ich mir selbst Sachlichkeit und Unaufgeregtheit, Kritik und Panik sind zwei paar Schuhe und dabei soll es auch bleiben. Und es wird sicher auch um eine feministische Sicht auf die Ökonomie gehen. Dabei möchte ich mich aber sehr bewusst von dem abgrenzen, was gemeinhin als „feminist economics“ firmiert, da kann ich wenig mit anfangen.

Und damit kommen wir auch direkt zum Blognamen. Wenn es überhaupt Assoziationen zu Frauen und Wirtschaft gibt, liegen die irgendwo zwischen „achja, Frauen können ja nicht so mit Geld“ aka Milchmädchen und „sieht schick aus im knappen Kostüm“ also Bankkauffrau. Weil nämlich auch gern davon ausgegangen wird, Ökonomie sei das selbe wie Investmentfonds und Bankwirtschaft. Oder eben das andere Extrem „wer nix wird wird Wirt“. Ich will ganz gern zeigen, dass Ökonomie mehr ist als Turbokapitalismuswissenschaft und feministische Ökonomik mehr ist als Milchmädchenrechnungen. Daher: beyond Milchmädchen it is.

Unter diesem eigentlichen Start-Post, rebloggte ich eine Reihe von Posts aus dem siebenhundertsachen-Blog, die thematisch auch Milchmädchenrelevanz haben. Auch in der Zukunft plane ich  Post-Dopplungen auf beiden Blogs, wann immer passend.

Ein paar Gedanken zu Griechenland – Wie kam es zu der jetzigen Situation?

siebenhundertsachen

Ich hab schon lang hier nichts mehr mit volkswirtschaftlichem Flavour geschrieben. Bzw. tue ich das ohnehin sehr selten. Wenn dann ging es um Nachhaltigkeit, die sowohl mein berufliches als auch mein privates Schaffen prägt. In den vergangenen Wochen habe ich aber auf Twitter, Facebook und in echt hier und da mal zum Thema Griechenland diskutiert und dabei sind 140 Zeichen definitiv zu kurz und vieles müsste ich auch im Gespräch erst nachschlagen. Deshalb verblogge ich nun doch mal meinen ungaren Gedanken zu diesem Thema. Denn, das gleich vorweg, ich bin zwar Volkswirtin, aber ich beschäftige mich eigentlich nicht mit Währungspolitik/Fiskalpolitik/Finanzierungskrisen. Zumindest nicht für Industrieländer. Ich beschäftige mich normalerweise schwerpunktmäßig mit Entwicklungsländern. Und letztlich ist meine – diffuse – Meinung auch von diesem Blickwinkel geprägt. Denn es gibt mehr Parallelen, als man denkt. Ich kann deshalb sicher nicht als Expertin gelten evtl. aber etwas besser informiert als das Mittel.
Ich habe…

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Der Griechenland-Gedanken zweiter Teil: Und was hat das ganze mit dem Euro zu tun?

siebenhundertsachen

Wow, mein Post zur Entstehung der griechischen Krise hat sehr viele neue Leser auf mein Blog gelockt – die sich vermutlich dann fragten, was sie in diesem Gemischtwarenladen suchen. Herzlich Willkommen – wer keinen Nähkram lesen will, halte sich an das Tag „just my 2 cents“. Es freut mich, dass ich offenbar zur Erhellung einiger dunkler Flecken beitragen konnte und ich wundere mich, warum das scheinbar der Presse nicht gelingen will. Aber gut. Schweifen wir nicht ab. Lieber zurück zur Frage: Warum wurde aus der griechischen Krise eine Euro-Krise und was hat denn überhaupt eine Staatsschulden- und Bankenkrise mit der Währung zu tun? Auch hier ist es wieder sehr viel komplexer als man denkt. Im Prinzip hat die Verknüpfung von Staatsschulden und Währungskrise vier Dimensionen: 1. Der Wechselkurs als Korrektiv fällt weg und das kann eine bestehende Wirtschaftskrise verschärfen. 2. Der Regierung entgehen durch die Aufgabe der Währungsautonomie Finanzierungsmöglichkeiten über…

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#bloggerfuerfluechtlinge: Kurzsichtigkeit und Geschichtsvergessenheit

siebenhundertsachen

Blogger für Flüchtlinge-Logo

Im Internet tummeln sich – neben braunem Mob und anderen zu umgehenden Gruppierungen – ein Haufen tolle Menschen. Sehr viele haben sich bereits der Initiative „Blogger für Flüchtlinge“ angeschlossen, die Spenden sammelt für Flüchtlinge und vor allem auch eine breite und bunte Front gegen rechts  im Netz formiert und unter dem Hashtag #bloggerfuerfluechtlinge haben viele ihre sehr persönlichen Meinungen und Ansichten zur derzeitigen „Flüchtlingskrise“ veröffentlicht. Und es lohnt sich sehr, da hinein zu lesen. Viele der Blogposts haben mich tief berührt. Eindrücke von Helfern, die selbst hart zu knabbern haben an dem, was sie in den Aufnahmestellen, insbesondere in Berlin, erleben genauso wie persönliche Einblicke in Fluchtgeschichte in der Familie, dem Bekanntenkreis oder auch dieser Post mit einer naheliegenden Parallele, die uns aufzeigt, wie zerbrechlich unsere heile Welt ist. Ähnlich und genauso schmerzhaft: dieses virale Video. Ich finde es sehr wichtig, diese vielen Posts, auch…

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