Flexible Ausgestaltung der Arbeit – ein paar Überlegungen

Ich bin derzeit im Mutterschutz und meine Arbeitgeberin sucht eine Vertretung für meine Elternzeit. Aufgrund verschiedener Umstände ist sie damit eher spät dran, so dass ich höchstens 10 Monate von 12 (inkl Mutterschutz) vertreten werden werde. Das ist für alle Beteiligten sehr ärgerlich, weil ich mein Aufgabengebiet weitgehend allein bearbeite. Somit bleibt derzeit Arbeit liegen und meine Vertretung wird sich ohne meine Unterstützung einarbeiten müssen. Ich habe ein bisschen gegrübelt, wie sich das hätte verhindern lassen können und bin darüber zu Überlegungen zur Gestaltung von modernen Arbeitsplätzen ganz allgemein gekommen:

Viele Elternteile, Väter wie Mütter, sehen sich heute in der Situation, das sie gern weiter einem verantwortlichen Job nachgehen würden, auch wenn sie – kleine – Kinder haben, ihnen aber recht klar gesagt wird: in Teilzeit geht das nicht. Ich kenne Menschen, bei denen selbst eine Reduktion auf 80% der Arbeitszeit dazu geführt hätte, dass ihnen Führungsverantwortung wieder entzogen worden wäre. Mütter werden oft -widerrechtlich – vor die Wahl gestellt 50% in einer weniger interessanten Aufgabe oder 100% im alten Job. Andere Lösungen wie etwa 65 oder 75% stehen nicht zur Debatte. Auch eine Elternzeit von mehr als zwei Monaten gilt in vielen Fällen als Garant für Nachteile im Job im Nachgang. Nachteile, die Frauen mehrheitlich dann in Kauf nehmen und die Männer mehrheitlich dazu zu bewegen scheinen, dann eben nur kurz in Elternzeit zu gehen.

Das Bedürfnis, die Wochenarbeitszeit zu reduzieren oder längere Auszeiten nehmen zu können ist aber keinesfalls auf Eltern beschränkt. Eine moderne Arbeitsumgebung sollte jeder/m Arbeitnehmer/in möglich machen, selbst Herr/in über seine/ihre Aufteilung von Arbeit und Freizeit zu sein. 

Die absehbare stärkere Automatisierung und zunehmende Digitalisierung legt außerdem nahe, dass wir zukünftig eher ein Überangebot an Arbeitskraft haben werden und dass die Arbeit noch weniger als bisher zwangsläufig ab einer festen Arbeitsstätte wird stattfinden müssen. Eine Flexibilisierung der Arbeitszeit und des Arbeitsortes würde also auch im Sinne der Arbeitgeber und des gesellschaftlichen Friedens sein.

Wie aber sollte das vonstatten gehen, wenn ja offenbar der/die einzelne so unverzichtbar ist  oder die Arbeitsabläufe so unflexibel, dass außer den Varianten „Mehr als Vollzeit, am besten immer am festen Arbeitsplatz“ und „50% an 5 Tagen a 4 Stunden und nur bei Zuarbeit, keinesfalls mit Verantwortung“ keine Ausgestaltung denkbar ist? 

Ich glaube, das Problem hängt viel damit zusammen, wie wir Arbeit und Aufgaben organisieren. Denn tatsächlich, dass ich jetzt nicht im Büro bin führt dazu, dass meine Arbeit nicht gemacht wird. Dass ich in einen Job mit Verantwortung werde zurückkehren können, auch in Teilzeit, habe ich dem Umstand zu verdanken, dass ich im öffentlichen Dienst tätig bin und dass meine Vorgesetzten mich außerordentlich zu schätzen wissen. Ich kenne auch im direkten Umfeld im öffentlichen Dienst Frauen, denen nach der Rückkehr aus der Elternzeit eine zugesagte Beförderung versagt wurde, selbst bei Rückkehr in 100%. Auch bei meinem Mann wird die Elternzeit dazu führen, dass seine Arbeit nicht adäquat fortgeführt werden wird. Für uns beide wird das bedeuten, dass wir einerseits in der Elternzeit nicht 100% raus sein werden, sondern mal schnell Mails checken, ein kurzes Telefonat und ähnliches werden vermutlich sein müssen, um unser „Hoheitswissen“ abzurufen. 

Wie könnte das besser laufen?

Ich denke, wir müssen Arbeitsplätze und Aufgabengebiete flexibler, komplementärer, weniger monolithisch sehen. Als ich meine Stelle angetreten bin, war sie mit 100% ausgeschrieben und wurde mit mir zu 75% besetzt. Obwohl ich angeboten hatte, sie auch 50-50 mit einer zweiten Person zu teilen. Es war meiner Arbeitgeberin lieber, dass ich in 30 Stunden die Arbeit von 40 Stunden mache als die Aufgaben sinnvoll auf zwei Arbeitsplätze zu verteilen, die sich ergänzen. Das führte natürlich zu erheblichem Stress für mich und gleichzeitig dazu, dass jetzt eben auch eine Lücke entsteht, die so nicht da wäre, wären wir zu zweit. Das Gedankenspiel funktioniert aber auch für 100% Stellen. Wenn ein Mitarbeiter mit einem speziellen Aufgabengebiet aufgrund von Elternzeit, Krankheit, Sabbatical ausfällt, ist seine Arbeit vakant, eine Vertretung muss mühsam eingearbeitet werden, der Übergang ist ruckelig, ein Wiedereinstieg nur unflexibel und in exakt den selben Konditionen oder gar nicht möglich. Weil wir Personen und Aufgabengebiete deckungsgleich denken. Person A macht Aufgabe X, Person B macht Aufgabe Y usw. Was wäre aber nun, hätten A und B gemeinsam X und Y verantwortet. Dann könnte einer von beiden die Vertretung des anderen problemlos einarbeiten und ggf auch kurzfristig vertreten. Das Wissen um beide Aufgaben wäre zumindest passiv verfügbar, es würde immernoch die zeitliche Kapazität, nicht jedoch das Know-How fehlen. 

Natürlich, es gäbe Abstimmungsbedarf. Das muss man einkalkulieren. Es müsste manchmal womöglich mehr gesprochen werden. Aber vielleicht gewinnt man so gleichzeitig auch verschiedene Perspektiven auf ein Problem, entdeckt evtl. Fehler früher. Und womöglich, wie krass wäre das denn, hätte man gleich zwei motivierte und engagierte Mitarbeitende. 

Kann man ja mal drüber nachdenken. Meine Arbeitgeberin wird das müssen. Denn ich kehre zunächst mit 50% zurück, in ein dann womöglich sogar gewachsenes Aufgabengebiet, mit (Personal-)Verantwortung in dem ich glücklicherweise gut und schlecht zu ersetzen bin. Und ich teile das dann auch echt gern, allein machen will ich es aber nicht. Liegt dann halt an den Chefinnen und Chefs, ob sie mir eher eine/n Assistent/in oder eine/n Kollegin/en an die Seite stellen, nicht?

Arm und reich – wie unfair ist die Welt?

Wer mir auch auf twitter folgt, der mag schon bemerkt haben, dass ich nicht direkt Fan von Statistiken zur Ungleichverteilung insb. von der OXFAM-Studie bin. Das hat einerseits damit zu tun, dass ich die Studie für methodisch fragwürdig halte. Die Messung von Vermögen ist relativ schwierig. Aber es gibt auch inhaltlich Kritik. Ich finde es sehr wichtig, ein Gefühl dafür zu haben, wie ungleich sich die ökonomischen Ausstattungen auf die Menschen verteilen. Mich stören allerdings oft die Argumente, die damit verbunden werden. Es fängt schon damit an, dass Einkommensungleichheit und Vermögensungleichheit quasi austauschbar genutzt werden. Die OXFAM-Studie z.B. erfasst Vermögen, und dies wäre, dem Titel nach auch der Auftrag eines Armuts- und Reichtumsberichts, dieser erfasst allerdings auf der Reichtumsseite vor allem Einkommen (weil Vermögen halt total schwer zu messen sind). Überhaupt wird Ungleichheit oft mit Einkommen argumentiert, bspw. das viel gerühmte Maß, wieviele Jahre ein Arbeiter arbeiten müsste für ein Managergehalt. Das ist natürlich beeindruckend, wenn da eine Zahl jenseits der 3000 steht – allein es sagt relativ wenig darüber ob der Arbeiter arm oder der Manager reich ist – denn Reichtum und Armut sind Bestandsmaße, die sich an Vermögen/Schulden, nicht an Einkommen messen, das eine Flussgröße darstellt.

Begriffliches Fachchinesisch mag man da einwenden, wenn der Manager 3000 mal mehr verdient als der Arbeiter ist das ungerecht, fertig. Und wenn die reichsten 10 Leute soviel besitzen wie die ärmsten 10 Millionen (Zahlen hier aus der Luft gegriffen) dann ist das auch ungerecht. Ja. Ist es. Aber das Zitieren solcher riesigen Unterschiede läuft vollkommen am eigentlichen Problem vorbei, in meinen Augen trägt es sogar dazu bei, dass die Gesellschaft sich nicht einer gerechteren Verteilung verpflichtet sieht. Und das ist mein Haupt-Kritikpunkt an der OXFAM-Studie und allen methodisch ähnlich gelagerten. Indem die Ungleichverteilung auf den Vergleich Superreiche gegen Superarme zugespitzt wird, indem die Einkommen des Top-Perzentils oder sogar der Top 0,1% mit denen des untersten Dezils o.ä. verglichen werden, werden all diejenigen aus der Verantwortung entlassen, denen es – nach allen Maßstäben des Wohlstands – auch ziemlich gut geht. Uns. Uns westlichen Mittelschicht-Akademikern in prinzipieller materieller Sorglosigkeit. Denn wenn es ja die Superreichen sind, die schon den ganzen Kuchen für sich haben, dann muss ich ja nix abgeben, oder? Nur sehr selten wird berichtet, wo genau die Armutslinie und das Medianeinkommen denn so liegen. Da würde sich manch einer doch wundern, dass er/sie schon deutlich über Medianeinkommen verdient, wo er/sie doch höchstens untere Mittelschicht ist und überhaupt man hört doch, gerade der Mittelschicht gehe es ja schlecht, die stehe ja kurz vor der Ausrottung. Nein! Es geht uns gut. Uns Mittelschicht im innerdeutschen Vergleich, uns Deutschen im europäischen Vergleich, uns Europäern im weltweiten Vergleich. Nicht nur die Donald Trumps, Bill Gates, Gebrüder Aldi und Spitzensportler profitieren von der Armut der Ärmsten, sondern wir alle. Es mag sein, dass die Einkommensverteilung derzeit innerhalb der Industrienationen latent ungleicher wird. Aber sie ist immernoch recht komfortabel fair im Vergleich mit der Einkommensverteilung in der Welt und mit der, der unsere eigenen Vorfahren ausgesetzt waren.

Daher: ein kurzer Blick in die Geschichte und die Welt.

Einkommens- und Vermögensungleichheit war immer ein Teil der menschlichen Gesellschaften seit wir sesshaft geworden sind. Das hat einerseits damit zu tun, dass wir quasi schon immer das Erben als Instrument der Vermögensweitergabe kannten, das fast automatisch zu einer Akkumulation des Reichtums in einer kleinen Elite führt und dass das ökonomische Schaffen schon immer auf der Bereitstellung von nicht nur Arbeit sondern auch Kapital beruhte und Kapital knapper war und ist als Arbeit. (Hierzu empfehlenswert die Folgen zur Entstehung des Kapitalismus beim Podcast „Kapitalismus mal anders“). Die Akkumulation von Reichtum unter Ausbeutung der Ärmsten war sowohl in den frühen Hochkulturen als auch im Mittelalter allgegenwärtig. Dabei war das römische Reich latent etwas fairer als sowohl Ägypten als auch das europäische Mittelalter, allerdings nur insofern als es eine gewisse Grundsicherung durch Nahrungszuweisungen gibt und als die meisten „Daten“ zu Vermögen im römischen Reich nur römische Bürger erfassen und die Ärmsten der römischen Gesellschaft natürlich Sklaven ohne Bürgerrechte waren. Ansonsten galt in Rom wie im mittelalterlichen England: eine verschwindend kleine Elite besaß alles und der Rest besaß nichts. Eine Tendenz zu etwas mehr Gleichverteilung ließ sich erst mit Etablierung eines Bürgertums erkennen, allerdings war es auch hier noch so, dass die bürgerliche Schicht klein und die bäuerliche Schicht riesig war, was sich nahtlos in die Industrialisierung übertrug. Nun war halt der Reichtum nicht mehr auf Adel und Klerus sondern auf Großindustrielle konzentriert und wuchs im Wesentlichen auf Kosten der Arbeiter anstatt, wie bisher, auf Kosten der Bauern. Aus Vermögenssicht entspricht dies sogar einer Verschlechterung der Verteilung, da in der vorindustriellen Zeit freie Bauern zwar wenig Einkommen generierten, aber zumindest Besitzer der eigenen Produktionsmittel waren, während die Industrialisierung dazu führte, dass Arbeiter nur noch ihre Arbeitskraft nicht jedoch auch das Kapital besaßen, das in Gänze in Händen weniger lag.

Auftritt: Gewerkschaften. Erst mit Entstehung des Gewerkschaftswesens, der SPD und der Verbreitung sozialistischer Ideen wurde wieder eine Grundsicherung eingeführt (die es im römischen Reich schonmal in Ansätzen gab), es entstand die Idee der Absicherung für Einkommensausfälle und der Umverteilung mittels Steuern und Transfers. Und somit sehen wir: frühestens das zwanzigste Jahrhundert brachte uns erstmals eine als gerechter zu bezeichnende Verteilung von Vermögen und Einkommen. Wesentlich sogar erst die Nachkriegszeit, in der es einfach so verdammt gut lief, dass es leicht war, in großem Umfang umzuverteilen. Es gab nicht viele Rentner (die waren praktischerweise im Krieg gefallen oder so krank durch die Produktionsbedingungen, dass sie nur wenige Jahre der Rente erlebten), so dass aus moderaten Beiträgen eine auskömmliche Rente zu finanzieren war. Hohe Steuern konnten durchgesetzt werden, weil die Gewinne in den Jahren des Wirtschaftswunders sprudelten. Und die Sozialkassen schwammen im Geld, da nur wenige Arbeitslose zu versorgen waren (hohe Arbeitsnachfrage, geringe Erwerbsbeteiligung der Frauen).

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Quelle: de.wikipedia.org/wiki/Datei:Lorenzkurve_Deutschland.jpg

Aber, auch der schönste Boom ist mal vorbei und entsprechend begann das Sozialsystem zu bröckeln, die Arbeitslosigkeit stieg, die Einkommen sanken. Das Ganze wurde natürlich verschärft dadurch, dass das Kapital sich produktivere Einsatzorte suchte und die Industrieproduktion sich nach Asien, Südamerika und in den geöffnete Ostblock verlagerte. Das hat nicht nur Job-Verluste nach sich gezogen, sondern auch bewirkt, dass der Zugriff auf das Kapital für den Staat sehr viel schwerer wurde und Instrumente wie Vermögenssteuer und Steuer auf Kapital weitgehend zahnlos wurden. Indes hat sich unser Lebensstandard durch diese Entwicklung keinesfalls verschlechtert. Das Pro-Kopf-Einkommen und der Pro-Kopf-Konsum liegen in Westdeutschland heute preisbereinigt um ca. das fünffache höher als in den 1950er Jahren. Auch in Ostdeutschland ist seit 1991 das Einkommen immerhin um etwa ein Fünftel angestiegen. Gleichzeitig ist die durchschnittliche Lebenserwartung massiv angestiegen, auch die Kaufkraft der Einkommen ist heute viel höher. Für den gleichen Warenkorb, für den ein Arbeiter 1950 eine Stunde arbeiten musste, arbeitet ein Arbeiter 2008 nur noch 11 Minuten.

Allerdings flacht der positive Trend in der Einkommensentwicklung ab. Was vollkommen normal ist, kein Land kann auf ewig mit Raten von jenseits der 5% wachsen, denn wer soll denn all das produzierte kaufen? Wir haben nur 24 Stunden am Tag und durchschnittlich 80 Jahre an Lebenserwartung, um auch wieder zu konsumieren, was wir erwirtschaften. Solang Mangel an allem herrscht, wie nach dem Krieg, wächst die Nachfrage. Eine Gesellschaft, die schon alles hat, kann sich nicht selbst immer dicker füttern. Und die Auslandsnachfrage, die Deutschland ohnehin schon seit Jahrzehnten über Wasser hält, kommt auch irgendwann an ihre Grenzen.

Und damit kommen wir zum zweiten wichtigen Vergleich: es geht uns nicht nur historisch gut, sondern auch gemessen am Rest der Welt.

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Quelle: https://commons.wikimedia.org/wiki/File:2013_Gross_National_Income_GNI_per_capita_Purchasing_Power_Parity_PPP_per_World_Bank,_India_compared.svg

Genau genommen leben wir vom Konsum des Rests der Welt und leisten uns unseren verschwenderischen Konsum aufgrund der geringen Einkommen im Rest der Welt. Schon im europäischen Vergleich sind wir zwar nicht – wie wir es bestimmt alle gern wären – die Spitzenreiter, aber belegen eine komfortable Position im oberen Drittel der Verteilung der Nettohaushaltseinkommen. In der Welt liegt wiederum Europa neben den USA an der Spitze und nach unten ist das ganze quasi offen ins Bodenlose. Die deutschen Einkommen sind außerdem gleicher verteilt als im Schnitt des Euroraums, im europäischen Vergleich liegen wir im Mittelfeld, das oberste Quintil der deutschen Einkommen ist etwa 4,5 mal so hoch wie das unterste Quintil, verglichen mit dem gerechtesten Land Norwegen, das ein Verhältnis von 3,2 aufweist und dem ungerechtesten Land Lettland, das ein Verhältnis von 7,3 hat. Ich möchte keinesfalls den Eindruck erwecken, dass es Armen in Deutschland zu gut gehe. Es ist bedenklich und erschreckend, dass in bestimmten Gruppen, ganz besonders unter den Alleinerziehenden das Armutsrisiko so hoch ist.

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Quelle: http://www.destatis.de/DE/ZahlenFakten/GesellschaftStaat/EinkommenKonsumLebensbedingungen/EinkommenEinnahmenAusgaben/EinkommenEinnahmenAusgaben.html

Allerdings bringt es auch hier nichts mit dem Finger auf die 1% Reichen zu zeigen. Viel eher muss man sich fragen, wie ein Sozial- und Steuersystem gestaltet sein sollte, um das Armutsrisiko zu senken. Und das bedeutet im Kontext der Alleinerziehenden vielleicht nicht steuerfinanzierte Transfers sondern gute flexible Betreuungsangebote, finanzierbarer Wohnraum, bessere Absicherung gegen Altersarmut. Und solche Umstrukturierungen müssten alle mittragen. Nicht nur die Superreichen.

Und was entsetzlich vielen, auch gebildeten, nicht bewusst ist, Armut ist aus ökonomischer Sicht ein relatives Konzept. Die Armutslinie orientiert sich am Medianeinkommen. In Deutschland gilt als arm, wer unter 40% des Medianeinkommens hat (das sind derzeit etwa 700€/Monat). Diese Art Armut zu messen ist auch vollkommen richtig. Allerdings mag dadurch in Vergessenheit geraten, dass ein armer Mensch in Deutschland pro Monat weit mehr Einkommen hat, als ein armer Mensch in Afrika (bspw. liegt die Armutsgrenze in Namibia derzeit bei 35€/Monat). Anders kann ich mir zumindest nicht erklären, dass auch durchaus gebildete Menschen sehr überrascht reagieren, wenn sie z.B. bei einer Reise nach Afrika damit konfrontiert werden, wie wenig vergleichbar die Lebensverhältnisse z.B. der Mittelschicht dort und hier sind. Und ich finde, genau diese Unterschiede müssen wir uns vor Augen führen. Ein recht einprägsamer Weg, dies zu tun sind z.B. Fotoprojekte wie dieses, die durchschnittliche Familien rund um die Welt mit all ihrem Besitz zeigen. Denn da wird dann schnell deutlich, was Unterschiede im Lebensstandard bedeuten. Hat die Familie z.B. ein Fortbewegungsmittel? Gibt es Bücher? Spielsachen?

Und berücksichtigt man dann noch, dass wir von genau diesen Unterschieden massiv profitieren. Denn nur solang der Lebensstandard in Afrika derart niedrig ist, können wir tropische Früchte, Kakao und Kaffee zu erschwinglichen Preisen kaufen und dabei noch etliche Zwischenhandelsstufen mit alimentieren. Nur solang einer Familie in Bangladesh nur ein Fahrrad für alle zur Verfügung steht, können wir T-Shirts für 10€ kaufen und dabei der Verkäuferin Mindestlohn garantieren und dem Konzern einen satten Gewinn. Dass bei uns überhaupt jemand sich das immense Konsumlevel, die Verschwendung und die geplante Obsoleszenz von einem durchschnittlichen Einkommen leisten kann, liegt daran, dass für so gut wie keines seiner Konsumgüter ein Lohn gezahlt wurde, der hier auch nur erwähnenswert wäre.

Und das ist in meinen Augen wichtiger als die Frage das BIP wievieler kleiner Entwicklungsländer Bill Gates verdient oder Neymar als Ablöse wert ist. Denn mit dem Finger auf Superreiche zu zeigen ist so unendlich viel einfacher, als selbst seinen Konsum einzuschränken und dafür z.B. nur noch Fair Trade zu kaufen.

Deprimierendes aus der Hochschullandschaft: der Bundesbericht Wissenschaftlicher Nachwuchs

Im Februar ist der jüngste „Bundesbericht Wissenschaftlicher Nachwuchs“ erschienen. Diese Studie erscheint alle 4 Jahre herausgegeben vom Bundesministerium für Wissenschaft und Forschung, erstellt durch eine Expertengruppe. Der Bericht erfasst in Zahlen die Gruppe der sog. Nachwuchswissenschaftler*innen und geht in Schwerpunktkapiteln auf diejenigen Entwicklungsfelder ein, die gemäß Medienrezeption und Angaben der Gruppe selbst als besonders maßgeblich wahrgenommen werden.

Eine Zusammenfassung in englischer Sprache findet sich in diesem Artikel: Age old problems – Fixing Germany’s academic pipeline
Ich habe den Bericht aus beruflichen Gründen durchgearbeitet und mir sind zwei Dinge ganz besonders aufgefallen, die ich hier mal ohne Anspruch auf Vollständigkeit niederschreibe, und die mich sehr deprimiert haben:

  1. Mit Vollgas vor die Wand

Dass es nicht unbedingt wahrscheinlich ist, Professor*in zu werden, das ist den meisten jungen Wissenschaftler*innen vermutlich in der großen Mehrheit schon zu Beginn der Promotion klar. Das ist auch eigentlich überhaupt nicht weiter schlimm, es ist auch nicht sehr wahrscheinlich Manager*in zu werden. Und auch gar nicht jede*r will das. Weder Manager noch Professor ist allein glückseligmachend für jede und jeden, die irgendwo unten in die jeweilige Organisation einsteigt. Das Problem in der Wissenschaft ist jedoch, dass das gesamte System in seinem Aufbau und vor allem seiner Kommunikation so tut, als sei Professor*in das einzige Karriereziel, dass sich für junge Promovend*innen ergibt. Nun. Ist es nicht. Statistisch gesehen ist es sogar eine ziemliche Kuriosität, wenn am Ende der sog. wissenschaftlichen Qualifikationsphase, die sich aus Promotion und Habilitation zusammensetzt, die Berufung auf eine Lebenszeitprofessur steht. Nur etwa 8% der ehemaligen Promotionsstudierenden wird am Ende Professor*in – mit einer erheblichen Streuung über die Fachgebiete.

Dennoch wird die Professur als der Normweg und jeder andere, sehr viel wahrscheinlichere Weg als „Alternativer Karriereweg“ gesehen. Aus persönlicher Erfahrung kann ich sagen, dass das „alternativ“ im Sprachgebrauch vieler Professor*innen dabei eine erheblich negative Konnotation in Richtung „Verlierer“ hat. Dabei stellt die Promotion in den meisten Fächern durchaus eine solide Basis für eine ganze Reihe anderer Karrierewege dar. Diese sind aber weit überwiegend außerhalb des Wissenschaftssystems angesiedelt. Nur 17% der Promovierten in Deutschland arbeiten heute noch im Sektor Forschung und Entwicklung (öffentlich und privat) – das ist für mich die eigentlich erschreckende Zahl. Wir qualifizieren den weit überwiegenden Teil der jungen Wissenschaftler*innen vollkommen an ihrem zukünftigen Berufsfeld vorbei und verschenken damit erhebliches Potenzial. Im internationalen Vergleich ist diese Quote wirklich unterdurchschnittlich.

Denn im Umkehrschluss muss man dann ja sehen, wer die Forschung und Wissenschaft und akademische Lehre denn macht – in der weit überwiegenden Zahl Promovierende, die befristet beschäftigt und mit unklarer Berufsaussicht vermutlich nicht direkt für Kontinuität im Feld sorgen. Jede*r einigermaßen aufgeweckte Personalentwickler*in würde ob dieser miserablen Verbleibequote die Hände über dem Kopf zusammenschlagen und „Zeter und Mordio“ schreien – soviel totes Kapital. Humankapital. Aber wie könnte dieses Humankapital gebunden werden. Durch die Schaffung weiterer Lebenszeitprofessuren im Beamtenverhältnis? Das ist dann doch ein kostspieliger und ineffizienter Weg. Und, wie ich aus internen Diskussionen hörte „Es kann ja nicht nur Häuptlinge geben“ – will sagen, lauter Könige ohne Reich täten dem dt. Wissenschaftssystem wohl kaum gut. Und ein König ist ein deutscher Professor. Mit kleinem, wohl umzäuntem Königreich, nur sich selbst gegenüber zur Rechenschaft verpflichtet und mit Leibeigenen gesegnet.

Also: lauter Promovierende die nach durchschnittlich 4,5 Jahren die Universität verlassen, ihr Know-How mitnehmen und oft nicht mal mehr woanders sinnvoll einsetzen (ja, ich weiß, ich sitze im Glashaus.) sind kein Garant für Kontinuität und gutes Wissensmanagement und haben auch wenig Anreiz, Forschung zu machen, die ihre Früchte wohl erst nach vielen Jahren tragen wird. Mehr Professuren, dann mit geringerer Mitarbeiterausstattung sind wohl auch nicht das Wahre. Teuer, unflexibel und mit nur geringen Anreizen zur wissenschaftlichen Produktivität ausgestattet. Die Lösung, die Mitte, die Alternative liegt auf der Hand und existiert international in vielen wissenschaftlich erfolgreichen Ländern: DER PROFESSIONELLE WISSENSCHAFTLER. In Deutschland ein Exot, eine Stellenkonstruktion die es nur selten gibt. 93% der wissenschaftlich Beschäftigten an Hochschulen und immerhin 84% derer an außeruniversitären Forschungseinrichtungen sind befristet beschäftigt. Dabei liegt der Anteil der Verträge mit einer Laufzeit von weniger als einem Jahr, allen Bemühungen des WissZeitVG zum Trotz bei etwa 50%. Eine derart hohe Befristungsquote gibt es in keinem anderen Wirtschaftssektor. (die zweithöchste Befristungsquote hat übrigens der öffentliche Dienst außerhalb der Hochschulen) Dass die Lösung ist, mehr Wissenschaftler auf Dauer aber ohne Lebenszeitprofessur zu beschäftigen, wird von vielen Akteuren in der Wissenschaftspolitik gesehen, aber durch die Hochschulen vehement abgelehnt. Ein deutlicher Kurswechsel zeichnet sich nicht ab.

Und die Nachwuchswissenschaftler*innen selbst? Sind irgendwie trotz Kenntnis dieser Fakten naiv bis zweckoptimistisch. Derzeit kommen statistisch gesehen auf eine Neuberufung fünf abgeschlossenen Habilitationen – na wenn das mal keine geradezu naive Grundeinstellung gegenüber der eigenen Perspektivlosigkeit ist, dann weiß ich es auch nicht.

2. Akademische Kinderlosigkeit

Noch viel mehr als die Zahlen zur Befristungsquote und Ausstieg aus der Wissenschaft, hat mich der Abschnitt zur Vereinbarkeit von akademischer Karriere und Familie erschreckt. Denn eigentlich ist der Wissenschaftsberuf im Alltag ein guter Beruf um ihn mit aktiver Elternschaft zu verbinden. Weitgehende Freiheit in der Wahl von Arbeitszeit und Arbeitsort macht es Wissenschaftlern relativ einfach, Elternschaft zu leben. Dennoch ist die akademische _Karriere_ ausgesprochen schlecht mit Elternschaft vereinbar. Mangelnde Planbarkeit der beruflichen Entwicklung trifft altersmäßig exakt auf die eigentlich der Familiengründung entsprechenden Phase im Leben. Aus diesem Grund schieben – so der Bericht – erheblich viele junge Wissenschaftler*innen ihren Kinderwunsch auf. Und zwar für immer.

An sich ist der Kinderwunsch unter kinderlosen Wissenschaftler*innen hoch: 80% der unter 30-jährigen, 70% der 30-40jährigen und 45% der 40-50jährigen Kinderlosen beider Geschlechter geben an, eine Familie gründen zu wollen. Aber sie tun es nicht. Als Gründe werden angegeben:  zu geringe Planungssicherheit, fehlende berufliche Etablierung und finanzielle Unsicherheit. Demgegenüber spielen ein Fokus auf die eigene Karriere und das Fehlen einer stabilen Partnerschaft nur eine untergeordnete Rolle. Und am Ende bleiben Wissenschaftler*innen weit überdurchschnittlich oft kinderlos: die endgültige Kinderlosigkeit ist unter Nachwuchswissenschaftler*innen mit 42% erheblich höher als in der Vergleichsgruppe (gleiche Kohorte, gleicher Bildungsgang bis zum Studienabschluss) mit 25%. Fast doppelt so hohe endgültige Kinderlosigkeit. Wie absolut desaströs! Und dennoch nicht gänzlich unbegründet. Nicht umsonst sind – wie ich – im Wissenschaftsmanagement weit über 50% Frauen tätig, denn wem am Kinderwunsch liegt, oder wer bereits eine Familie hat, für den ist eine wissenschaftliche Laufbahn nur noch dann möglich, wenn der/die Partner/in weitgehend räumlich und zeitlich flexibel ist. Also der Klassiker Prof+Lehrerin… Wer aber eine gleichberechtigte Aufteilung von Care-Arbeit anstrebt oder womöglich zu zweit im Wissenschaftsbetrieb ist – ja da wird es dann schon schwer. Nicht unmöglich, ich kenne durchaus Beispiele, wo auch das geklappt hat – aber sicher nicht ohne ziemlich viel Willen, Frustration, Verhandlungen und oft auch finanziellen Einsatz für Kinderbetreuung außerhalb klassischer Kita-Zeiten.

Tatsächlich, so der Bundesbericht, berichten beide Geschlechter, insb. aber Frauen von einer Diskriminierung aufgrund ihrer Entscheidung für Kinder. So erleben 32% der Frauen seit sie Mütter sind eine geringere Wertschätzung ihrer akademischen Leistungen, 11% eine geringere Förderung durch Vorgesetzte. Und das obwohl junge Wissenschaftler*innen kaum bis gar nicht im Job aussetzen. Die Arbeitszeitunterbrechung bei Elternschaft ist bei Nachwuchswissenschaftlern/innen wesentlich kürzer als im Durchschnitt der Bevölkerung. Frauen unterbrechen zu 58% ihre Erwerbstätigkeit nur für 6 Monate oder kürzer, nur 10% unterbrechen für länger als 1 Jahr, Väter nehmen mehrheitlich nur 1 Monat Elternzeit. Ich finde das sind alles in allem deprimierende Zahlen.

Die Problematik der Vereinbarkeit ist nur eine Facette der immernoch recht schleppenden beruflichen Gleichstellung von Frauen in höheren Positionen des Wissenschaftssystems. Hierzu mache ich in letzter Zeit auch einige interessante Beobachtungen, die reichen aber locker für einen eigenen Blogpost.
Alle Zahlen in diesem Post sind dem Bundesbericht Wissenschaftlicher Nachwuchs 2017 entnommen.

 

Schwarzarbeit in deutschen Haushalten – wiesu denn bluß?

Das IW hat vor zwei Wochen eine Studie zur Schwarzarbeit in deutschen Haushalten vorgelegt, die breit in der Presse rezipiert wurde (hier, hier, hier). Die Studie kommt zu dem wenig überraschenden Ergebnis, dass mindestens 75% der Haushaltshilfen in Deutschland nicht angemeldet sind. Und das trotz relativ einfachem Anmeldeverfahren für haushaltsnahe Dienstleistungen, Absetzbarkeit und und und. Dadurch entgeht dem Staat sehr viel Geld. Relativ schwammig verbleibt die Studie zu den Gründen dieses Phänomens. Bzw. werden Gründe genannt, diese sind aber scheinbar teilweise nur gemutmaßt nicht erforscht worden: im Großen und ganzen sei das Beschäftigen einer nicht angemeldeten Putzhilfe quasi das schweizer Bankkonto des kleinen Mannes. Und der Staat müsse daran arbeiten, dass Schwarzarbeit nicht als Kavaliersdelikt gelte. Es gäbe gar kein Unrechtsbewusstsein. Ich habe insgesamt die eine oder andere Anfrage zur Methodik der Studie. Die Abschätzung des Anteils der schwarz Beschäftigten Haushaltshilfen wird geschätzt basierend auf der sehr großen Differenz zwischen den Angaben über „beschäftigen Sie eine Haushaltshilfe?“im sozioökonomischen Panel (SOEP) sowie der Zahl der Minijobber und regulär Beschäftigten in Privathaushalten aus der Statistik der Bundesagentur für Arbeit. Dies vernachlässigt in meinen Augen 1. dass eine als Minijobberin angemeldete Haushaltshilfe in mehreren Haushalten tätig sein kann und oft wird (bei Mindestlohn und 4 Std/Woche verdiente sie nämlich nur ca. 200€ in einem einzelnen Haushalt) – auch ist mir 2. undurchsichtig wie Selbstständige und Beschäftigte bei Putzdienstleistern hier berücksichtigt sind, denn diese Arbeiten ja sowohl in Privathaushalten als auch in Firmen und das wird sicher nicht disaggregiert erfasst. Des Weiteren werden alle folgenden Auswertungen zu Akzeptanz, Sonstigem Beschäftigungsstatus, Gründen usw. basierend auf einer europäischen Befragung ausgewertet. Die einerseits alle Branchen (also auch das erheblich Schwarzarbeits-durchsetztere Baugewerbe) und andererseits alle EU-Länder umfasst. Und so bin ich doch skeptisch, dass man davon so einfach auf die Situation der Haushaltshilfen rückschließen kann. Und schließlich: die Studie schreibt zwar viel über Gründe, die zitierte Datenlage ist aber dünn und stützt nur teilweise die genannten Gründe (kein Unrechtsbewusstsein, geringere Kosten).

Nun. Das mit dem Unrechtsbewusstsein mag stimmen. Ich bin dann doch auch hin und wieder erstaunt, dass man bspw. in einem Raum voll Lehrer etliche findet, die nichts dabei finden, ihre Putzfrau schwarz zu beschäftigen, obwohl sie selbst aus Steuergeldern finanziert werden. Allerdings wird in der Studie selbst eine Umfrage zitiert nach der mindestens 2/3 der Deutschen Schwarzarbeit im Haushalt für nicht tragbar halten.

Was mir am allerdeutlichsten fehlt und als einzige Möglichkeit erscheint, das Problem anzugehen und sinnvolle Politikempfehlungen abgeben zu können ist eine Befragung von Haushalten und Putzhilfen, die folgende Fragrn klärt:

– Hat der Haushalt versucht eine legale Putzhilfe zu finden?

– Geschieht die Nicht-Anmeldung auf Wunsch der Haushaltshilfe oder des Haushaltes?

– Hat die Haushaltshilfe mehr als einen Putzjob?

– Hat die Haushaltshilfe noch einen Hauptjob?

Denn bevor man mit Schweizer Bankkonten vergleicht, sollte man sich den Markt mal genauer anschauen. Ich habe natürlich auch keine Erhebung gemacht, aber mir scheint es so, dass es für die Kategorie „Haushaltshilfe abhängig beschäftigt im Privathaushalt“ eigentlich kaum Angebot gibt. Es gibt schwarz arbeitende Puttzfrauen, die einen Stundensatz von 10-12 € die Stunde nehmen aber selbst wenn man die Sozialversicherungskosten noch oben drauf legen würde nicht bereit wären, angemeldet zu arbeiten. Dann gibt es wenige selbstständig tätige Putzhilfen. Und Dienstleister, die 16-20€/Std plus Anfahrt nehmen, oft sehr stark fluktuierendes Personal schicken und diesem dann aber nur den Mindestlohn zahlen und somit einen ca. 100% Aufschlag auf das Gehalt der Putzfrau einstreichen. Ich kenne viele Familien die sehr intensiv versucht haben, eine Haushaltshilfe zu finden, die als Minijobberin arbeiten will und keine gefunden haben.

Warum nur wollen denn die Haushaltshilfen schwarz arbeiten? Dazu sagt die Studie wenig. Für Schwarzarbeit insgesamt wird angegeben: keinen anderen regulären Job gefunden, das machen doch alle so und es profitieren doch beide davon. Ich halte das nicht für trivial auf die Haushaltshilfen übertragbar. Vielmehr ist die Realität doch: die meisten gehen entweder zusätzlich zu einem Hauptjob oder zusätzlich zu einem anderen 400€ Job putzen. Und sie haben mehr als einen Haushalt als Arbeitgeber. Das bedeutet, entweder müssen sie jeden Monat akribisch darauf achten in Summe nicht über 400€ Verdienst zu kommen, oder falls Sie darüber kommen oder noch einen anderen 400€-Job haben, müssen sie die Einnahmen versteuern und dann eine Steuererklärung machen, um vermutlich einen großen Teil der Steuern zurückzubekommen. Wir reden hier aber von Menschen, die so wenig mit dem Geld über die Runden kommen, dass sie zusätzlich noch putzen gehen. Da wiegen die Argumente „bezahlter Urlaub“, „Unfallversicherung“ und „soziale Absicherung“ sehr viel weniger als der Euro direkt in der Tasche und kurz danach an der Supermarktkasse. Da ist die Aussicht auf  eine evtl. Steuerrückerstattung nach gemachter Steuererklärung exakt nichts wert wenn ab dem 20. das Geld zum Essen kaufen knapp wird. Und da ist das exakte Plänen der aufsummierten Monatseinnahmen vielleicht auch einfach schon zu viel. Da hilft wenig, dass es für Haushalte sehr einfach ist, eine Haushaltshilfe anzumelden und von der Steuer abzusetzen, wenn dieses Ansinnen einfach an der Realität der Haushaltshilfe vorbei geht. Und wer dann nicht doppelt so viel für einen Dienstleister zahlen will, der beißt halt in den sauren Apfel.

Was wäre in diesem Szenario also die Politikempfehlung? Dafür sorgen, dass man in der Regel von einem Job leben kann. Für Geringverdiener den zweiten Job unbürokratischer machen. Beratung zu Zweit- und Nebenjobs anbieten. Vermittlung anbieten.

 

Leser fragen, Milchmädchen antwortet: Arbeitskampf 4.0

Schon ganz zu Beginn dieses Blogs fragte mich mein treuer Leser F.: “ Warum gibt es keine „richtigen“ Streiks mehr? Warum wird, wenn überhaupt, nur noch in quasi-monopolistischen Märkten gestreikt (Bahnstreik, Fluglotsenstreik etc.)? Und: Sind Fälle wie der derzeitige Heckmeck von VW mit seinen „Zulieferern“ der „neue“ Arbeitskampf?“

Sozialökonomik ist relativ weit entfernt von meinem Kerngebiet und daher habe ich zwar einiges zu dieser Frage recherchiert, aber sie ein wenig auf die lange Bank geschoben. Ich ließ einige perfekte Aufhänger wie etwa den Streik der Piloten der Lufthansa und eurowings links liegen. Aber ich muss dann jetzt doch mal „zusammenschreiben“, wird ja auch alles nicht besser. Ich erlaube mir allerdings eine etwas weiter gefasste Antwort, indem ich ganz allgemein modernes Gewerkschaftshandeln, Mitbestimmung und modernen Arbeitskampf zusammenfasse.

Zunächst mal: es stimmt nicht, dass heute weniger gestreikt wird. Im Gegenteil. Es wird sogar öfter und mehr gestreikt. Dennoch würde ich die Auffassung teilen, dass Streiks nicht mehr so bestimmend und deterministisch zur Arbeitswelt gehören. Aus den 80ern und 90ern erinnert man sich an monatelange Metaller-Streiks, sowas gibt es kaum noch. Stattdessen dominieren in der öffentlichen Wahrnehmung die Streiks im Verkehrswesen wie bei den Lokführern und den Piloten. Und das sind jeweils Streiks die selten in der Hauptsache um Tarifeinigung gehen.

Was steckt also dahinter?

Einerseits ganz simpel: der Strukturwandel. Der Anteil der Beschäftigten in Branchen mit traditionell hohem Streikpotential wie Metallindustrie, Automobilbranche, Bergbau ist einfach deutlich zurückgegangen. Es gibt den „Arbeiter“ einfach nicht mehr ganz so ausgeprägt (so stereotyp gab es ihn vermutlich nie, aber ihr versteht mich, oder?) und weit verbreitet. Die Dienstleistungsbranche hat im Beschäftigtenanteil erheblich zugelegt und wird auch bestreikt, aber der Grad der Gewerkschaftsorganisation ist hier geringer, teilweise ist das mit dem Streikrecht oder -willen auch schwierig, wie etwa in Teilen des öffentlichen Dienstes, bei den Erzieherinnen und in der Pflege. Auch gibt es hier weniger Flächentarifverträge, so dass auch einfach nicht immer die große Medienwirksamkeit möglich ist.

Dann kommt hinzu, dass Zeitarbeiter*innen in der Regel nicht an Arbeitskämpfen teilnehmen (können). Zwar sind sie, theoretisch, von Verdi repräsentiert, aber wer sich schon für nächsten Monat um seinen Job sorgen muss, kommt eher nicht auf die Idee zu streiken. Das federt dann wiederum die Effektivität von Streiks ab, denn da der Anteil der Zeitarbeiter*innen steigt, sind eben dann auch immernoch viele da, die weiter arbeiten. Und das in der Regel zu schlechteren Bedingungen und mit deutlich weniger Freiheiten. Auch alle in sog. irregulären Arbeitsverhältnissen, also 400-Euro-Jobs, Kurzzeitverträge, Werkverträge, Praktikanten und Werkstudenten werden sich eher nicht an Streiks beteiligen. Sie sind nicht von dem was da verhandelt wird betroffen und wollen Chancen auf eine Übernahme nicht aufs Spiel setzen. Auch der Anteil dieser Beschäftigungsverhältnisse nimmt stetig zu. 

Hinzu kommt, dass die Globalisierung den großen Unternehmen eine zeitweise Kompensation durch ausländische Standorte erlaubt – das geht zwar nicht ewig und auch je nach Spezialisierung der einzelnen Standorte gar nicht, es kann sogar sein, dass ein Ausfall an einem Standort zu weltweiten Engpässen führt, aber manchmal mag das mit reinspielen.

Ich habe aber zudem auch den Eindruck, den F. auch äußert, dass der klassische Arbeitskampf sich einfach überlebt hat. Das liegt, in meinen Augen daran, dass die Gewerkschaften den Anschluss an die Entwicklungen auf dem modernen Arbeitsmarkt verloren haben. In meiner Wahrnehmung haben die Gewerkschaften, genau wie übrigens die SPD, lang auf ein ziemlich krankes Pferd gesetzt. In der Blüte des Industriestandortes Deutschland, waren Gewerkschaften in der „Arbeiterschicht“ allgegenwärtig. Es gab Arbeitersportvereine, Arbeiterzeitungen, Arbeiterwandervereine und Konsumgenossenschaften. Eine grundsätzliche ideologische Prägung war damit sehr viel selbstverständlicher. Diese Entwicklung hat sich abgeschwächt und schleichend aber kontinuierlich waren die Gewerkschaften bloß noch auf ihre Rolle in Tarifkonflikten beschränkt, die „Arbeiterkultur“ insgesamt hingegen verblasste. Wer mag sich heute noch gern als „Arbeiter“ bezeichnen? Man ist evtl. mit dem Betrieb identifiziert („Opelaner“ fallen einem hier im Ruhrgebiet da ein), aber mit der ganzen sog. Klasse? Mag denn überhaupt noch wer, möglicherweise gar mit Stolz, von der Arbeiterklasse sprechen? Das klingt dann doch arg angestaubt und würde selbst bei der Linkspartei niemand mehr in den Mund nehmen. Ohne diese Identifikation ist aber auch der Gewerkschaftsbeitritt nicht mehr so naheliegend, die Streikbeteiligung nicht mehr so zwingend. Auch dachten oder denken Gewerkschaften eben viele Formen der Beschäftigung kaum mit. Zeitarbeiter*innen werden eher als Feinde denn als Klientel verstanden. Auch sind die Gewerkschaften lange Zeit vehemente Gegner jeder Form von Globalisierung gewesen und haben nicht gesehen, dass ein Einsatz für hohe Arbeitsstandards auch im Ausland vielleicht zielführender gewesen wäre um die Auslagerung von Arbeitsplätzen zu verhindern, als das sympathisieren mit Zöllen und Einfuhrbeschränkungen. Und Freelancer, Clickworker, … werden ohnehin von den Gewerkschaften weder gesehen noch vertreten, weil einfach auch die Verhandlungsformate ggü. dieser Form der kurzfristigen Beschäftigung dinosaurieresk daherkommen und kaum angemessen sind. So hat sich ein Teil des heutigen Proletariats (um mal bewusst diesen Begriff zu wählen) von der Welt der Gewerkschaften und des Arbeitskampfes so weit entfernt, dass diese Klientel wohl auch kaum noch zu erschließen ist.

Durch die Verbandelung mit der SPD, die sich auch in den letzten 15 Jahren nicht direkt um die Rechte der ärmeren und armen Schichten verdient gemacht hat, sondern ebenfalls an der Stammkundschaft festhielt, die heute dann eher Rentner sind und gleichzeitig mit der Agenda 2010 viele lang gediente Wähler verprellte, haben sich die Gewerkschaften wohl zusätzlich ins Abseits befördert.

So finden heute Lohnfindungen oft individuell und außerhalb der Reichweite von Betriebsräten und Gewerkschaften statt und den Gewerkschaften stirbt die Mitgliedschaft davon. Derweil sind diejenigen Streiks, die es dann doch zu bundesweiter Berühmtheit schaffen oft eben keine Tarifkonflikte. Sondern Machtkämpfe zwischen Spartengewerkschaften um das Verhandlungs- und Repräsentationsrecht, wie etwa bei den letzten Lokführerstreiks und auch bei Teilen der Pilotenstreiks oder um Arbeitsbedingungen wie bei Amazon. Diese Streiks sind dann zwar öffentlichkeitswirksam, aber teilweise der Öffentlichkeit schwer zu vermitteln, denn es geht eben um komplexeres als „mehr Lohn“. Und diese Streiks betrafen dann auch stets Märkte, wo tatsächlich ein Umdisponieren für die Arbeitgeber schwierig ist (Piloten, Fluglotsen, Lokführer) – denn nur in solchen Konstellationen lässt sich überhaupt noch ausreichend Drohpotential entfalten.

Deutschland liegt im europäischen Vergleich übrigens ziemlich weit hinten was die Ausfalltage anbelangt, das ist aber keine neue Entwicklung, sondern war schon immer so.

 

 

 

 

 

 

 

Gibt es weibliche Ökonomie?

Schon seit der Existenz dieses Blogs umkreise ich die Frage, ob ich wohl mal etwas über feministische Ökonomik schreiben sollte. Ich bin in dem Thema extrem gespalten und scheue auch ein wenig das dünne Eis. Allerdings tauchen immer wieder so kleine Anlässe auf, die ich nicht einfach wegignorieren will. So zum Beispiel ganz akut die vorletzte Folge des Lila-Podcast in der die Frage anklang, ob eine höhere Repräsentanz von Frauen in Führungsposition auch einen weiblicheren Führungsstil mit sich bringt. (Personal note: I doubt)

Wie ist das also mit den Frauen und der Ökonomie? Machen wir der Einfachheit halber eine Unterteilung in zwei Felder: 1. Die Berücksichtigung von Frauen/Feminismus in der ökonomischen Theorie sowie 2. die Rolle von Frauen in der Ausgestaltung des Wirtschaftslebens  – auch wenn beide Felder nicht ganz klar zu trennen sind.

Man liest im Allgemeinen in Wirtschaftsmedien, Wirtschaftsblogs, Wirtschaftszeitungen usw. wenig über und wenig von Frauen. Viele Ökonominnen finden auch, man lese in wirtschaftswissenschaftlicher Fachliteratur zu wenig über Frauen. Ohnehin liest man in wirtschaftswissenschaftlicher Fachliteratur zu wenig von Frauen, da Frauen unter den Spitzenforschern des Gebietes eher selten sind. Es gibt z.B. noch weniger Frauen, die einen Nobelpreis für Wirtschaftswissenschaften bekommen haben, als in Physik. (Fairerweise sei dazugesagt, dass der Preis in Physik schon erheblich länger vergeben wird als der in Wirtschaft) Es ist also klar, dass die Stimme von Frauen nicht unbedingt prägend in die ökonomische Theorie und ökonomische Analyse eingegangen ist. Dieser Umstand wird in schöner Regelmäßigkeit auch von namhaften Ökonomen kritisiert (bspw. hat der Entwicklungsökonom Owen Barder die Initiative #nomaleonlypanels ins Leben gerufen, die männliche Wissenschaftler dazu auffordert ein Versprechen abzulegen, nicht in reinen Männerpodien zu sprechen und der sich mittlerweile über 1000 Wissenschaftler angeschlossen haben.) Dennoch ist hier noch viel zu tun, denn z.B. der Weltbank stand bisher, ebenso wie der Bank für Internationalen Zahlungsausgleich, der EZB und der Bundesbank noch nie eine Frau vor. Und dass Deutschland im Jahr 2017 erstmals eine Wirtschaftsministerin hat, die auch mehr so aus Verlegenheit ins Amt kam, das ist jetzt auch nicht gerade ruhmreich.

Eine Variante dieses Kritikpunktes wird auch aus der Strömung der sog. feministischen Ökonomik (Link zu Wikipedia, englischsprachig) vorgebracht. Die feministische Ökonomik als tatsächliche Bewegung gibt es vor allem im englischsprachigen Raum. Feministische Ökonomik beschreibt sich selbst als Untergruppierung der sog. heterodoxen Ökonomie und positioniert sich deutlich in Gegensatz zum akademischen Mainstream der Zunft. Die feministische Ökonomik vertritt den Standpunkt, dass die Unterrepräsentanz von Frauen in der ökonomischen Zunft auch zu einer Vernachlässigung weiblicher Sichtweisen und Themen in der ökonomischen Theorie geführt hat. Das Selbstverständnis der feministischen Ökonomik lässt sich sehr schön aus diesem Artikel in der SZ herauslesen. Und gleichzeitig zeigt auch dieser Artikel schon gut auf, welche Bauchschmerzen ich im Bezug auf die feministische Ökonomik habe: Argumente wie „Und wer hat eigentlich Adam Smith den Haushalt gemacht?“ vernachlässigen den wirtschaftshistorischen Hintergrund der Entstehung ökonomischer Theorie und sind daher für mich nur Scheinargumente. (Zudem deutet dieses spezielle Argument auch deutlich auf eine mangelnde Auseinandersetzung mit Adam Smiths Werk hin, denn er hat sich keinesfalls nur mit Produktivität und Kostenrationalisierung beschäftigt, ein Großteil seiner (übrigens auch eher sozialphilosophischen als ökonomischen) Gedanken beschäftigt sich mit der Interaktion von Individuen in der Gesellschaft, der Familie, den Netzwerken, denen ein Mensch angehört und der moralischen Seite des ökonomischen Handelns.) Auch kann die Tatsache, dass es keine Massen von Lehrstühlen und Publikationen speziell für feministische Ökonomik gibt, noch nicht als Indiz gewertet werden, dass keine Auseinandersetzung mit den Themen geschieht. Ich allein kenne persönlich mehrere Ökonominnen und Ökonomen, die sich mit ganz originär solchen Themen in ihrer Forschung beschäftigen, wie etwa die Auswirkung des Familienstatus auf die Gesundheit von Männern und Frauen, die Verteilung der Hoheit über Geld zwischen Mann und Frau im Haushalt oder die Bedeutung des Bildungsabschlusses der Mutter für den sozio-ökonomischen Erfolg der Kinder, auch die Entscheidung über Fertilität und die ökonomischen Auswirkungen sind wirklich breit erforscht. Nur würde niemand dieser Forscherinnen und Forscher sich als feministische/r Ökonom/in verstehen oder selbst vorstellen. Diese Menschen ordnen sich dem inhaltlichen Themenfeld zu, in dem sie arbeiten, also eben Gesundheitsökonomik, Wohlfahrtsökonomik, Bildungsökonomik, etc. Das heißt aber nicht, dass ihre Arbeiten die Frauen außer acht lassen. Gerade als Entwicklungsökonomin fühle ich mich von der These, die Rolle der Frau werde nicht ökonomisch erforscht ganz massiv böse angegangen. In der Entwicklungsökonomik wird schon seit mehr als 20 Jahren sehr intensiv gerade die Rolle der Frau für ökonomische Entwicklung beleuchtet. Die Differenzierung von Datensätzen nach Geschlecht ist Standard (übrigens auch in allen anderen Disziplinen, die mit Individualdaten arbeiten) und Entwicklungsökonomen werden nicht müde zu betonen, dass die Bildung, Alphabetisierung und ökonomische Stärkung von Frauen das entscheidende Moment für die Entwicklung ist. Man kann wirtschaftliche Entwicklung nicht ohne Teilhabe von Frauen denken und das tut auch niemand. Aber natürlich wird deshalb auch nicht jeder Entwicklungsökonom sich der Strömung der feministischen Ökonomik zuordnen. (Und das Journal for feminist economics würde übrigens all die erwähnten Arbeiten auch ablehnen, das aber nur mal am Rande). Und dann finde ich es außerdem grundfalsch, bestimmte Themen wie Pflege, unbezahlte Arbeit, demographische Fragen usw. als Themen der feministischen Ökonomik zu deklarieren und damit ja irgendwie auch als Frauenthemen. Damit tun wir uns doch keinen Gefallen, denn eigentlich wollen wir doch, dass diese Themen als Themen wahrgenommen werden, die alle angehen.

Zuletzt noch ein Wort über die unsägliche Diskussion zum BIP in dem Artikel: Ja, das BIP enthält nur zu einem sehr kleinen Anteil die geleistete unbezahlte Arbeit, und ja, diese Arbeit wird zu einem großen Teil von Frauen geleistet. Aber das BIP enthält auch haufenweise andere Dinge nicht. Schwarzarbeit z.B. Und kriminelle Tätigkeiten. Und nicht-materielle Werte wie Bildung. Das BIP ist einfach nur ein einzelnes und durchaus beschränktes Maß, niemand sagt, das BIP sei das nonplusultra, es ist aber halt das was man unkompliziert, auch bei schlechter Datenlage irgendwie erhoben kriegt. Deshalb wird es oft herangezogen. Das kann man kritisieren, und das wird auch kritisiert, aber ehrlich, da ist Diskriminierung mal zur Abwechslung nicht so sehr das Problem. Damit genug zu Frauen in der Ökonomik.

Nun zur Frage der Beteiligung von Frauen an der Gestaltung der Wirtschaft. Hier und dort hört man aus feministischen Kreisen die These, dass eine größere Rolle von Frauen in Führungspositionen der Wirtschaft zu einer Änderung der Funktionsweise der Wirtschaft an sich führen würde. Also dass Frauen anders führen, anders wirtschaften würden, als Männer. Und – das schwingt implizit mit – dass eine von Frauen geführte Wirtschaft besser, im Sinne von menschenfreundlicher, familienfreundlicher, weniger ellbogenlastig wäre. Well, I doubt. Ich finde es in hohem Maße wichtig, eine gleichwertige Beteiligung von Frauen in allen Ebenen der Gesellschaft zu erreichen. Es ist für mich selbstverständlich, dass die Führungsebene von Wirtschaft und Politik die Breite der Gesellschaft repräsentieren sollte. Dass also genausoviele Frauen wie Männer in die Politik und genausoviele Frauen wie Männer in die Führungsetagen von DAX-Konzernen und auf die Lehrstühle unserer Universitäten gehören. Es sollten aber übrigens auch relativ zum Anteil an der Gesellschaft Homosexuelle vertreten sein, und das ethnische Mischungsverhältnis einer Gesellschaft repräsentiert sein. Niemand sollte aufgrund seines Geschlechtes, seiner sexuellen Orientierung, seiner Religion oder der Herkunft seiner Familie davon ausgeschlossen sein, unsere Wirtschaft und Gesellschaft mitzuprägen. Das teile ich, voll und ganz. ABER. Ich denke nicht, dass eine Frau einen Dax-Konzern anders führen würde als ein Mann. Dass Brokerinnen die Finanzkrise weniger befeuert hätten, als es die Broker taten. Dass Frauen an der Spitze von Geheimdiensten keine bösen Verbrechen anordnen würden. Deshalb, weil jede Frau in einer Spitzenposition auch ein Produkt des jeweiligen Umfeldes ist. Soland DAX-Konzerne gewinnorientiert sind und im z.T. harten Wettbewerb mit anderen Unternehmen weltweit agieren, werden sich als erfolgreiche Leitungen solche Menschen erweisen, die eine gewisse Ellbogenmentalität beweisen. Solange das Finanzsystem vorrangig den schnellen Gewinn belohnt und keinen Anreiz schafft, nachhaltig zu denken, werde solche Menschen in diesem System arbeiten, die auf den schnellen Gewinn aus sind. Solang Geheimdienste die Drecksarbeit für die Regierung machen, werden Menschen beim Geheimdienst arbeiten, die nichts gegen schmutzige Hände haben. Und da ich keinesfalls unterstellen kann und möchte, dass Frauen nicht genauso gut egoistische Arschlöcher sein können wie Männer, kann ich nicht sehen, wie das Geschlecht allein da irgendwas besser machen sollte. Und die Frauen, die wir bisher in Führungspositionen sahen und sehen, wie etwa Christine Lagarde, Margaret Thatcher oder Sheryl Sandberg, bestätigen mich da eher in meiner Meinung.

Der Schlüssel zu einem faireren, gerechteren Wirtschaften liegt in meinen Augen darin, die richtigen Anreize zu setzen. Anreize die nachhaltiges Verhalten belohnen und kurzfristige Gewinnoptimierung bestrafen. Und wo das System das aus sich heraus scheinbar nicht hinkriegt, ist es die Aufgabe der Gesetzgebung dies zu tun sofern es gesellschaftlicher Konsens ist, dass das gewünscht ist. Und damit die Gesetzgebung das tut, müssen wir die richtigen Leute in die richtigen Positionen wählen. Und wenn es da keine richtigen Leute gibt, dann müssen wir es wohl selbst machen. Und zwar Männer und Frauen.

DEAL: Das germanische Dorf gegen das Elsevier-Empire

Wissenschaftsverlag zu sein ist ein ziemlich gutes Geschäftsmodell. Im Wesentlichen ist das so: Wissenschaftlerinnen erforschen durch öffentliche Mittel oder Stifter finanziert Sachen, daraus schreiben sie Artikel, die sie bei Fachjournals einreichen oder je nach Disziplin für die Proceedings renommierter Konferenzen. Dafür bekommen sie von den Zeitschriften/Verlagen nicht nur kein Honorar, sondern oft müssen sie zusätzlich noch etwas für die Einreichung bezahlen. Die Einreichungsgebühren liegen je nach Journal zwischen 50 und 250 $ und sind selbst dann zu berappen, wenn der Artikel sofort vom Editor abgelehnt wird. Dann werden die Artikel begutachtet durch andere Wissenschaftler. Und ja, richtig, die kriegen dafür auch kein Honorar. 1-3 Gutachter schauen auf einen Artikel mehr oder weniger gründlich drauf. Ich z.b. brauche für ein vernünftiges Gutachten zwischen 3 Stunden und 1 Tag je nachdem wie gut ich im Thema bin. Die Gutachten gehen dann an den zuständigen Editor, der entscheidet, ob und wenn ja mit welchen Änderungen der Artikel veröffentlicht wird. Oft werden die Autoren gebeten, auch für ein Lektorat durch Muttersprachler zu sorgen. Auch das natürlich auf eigene Kosten. Dann erscheint der Artikel nach Überarbeitung erstmal als Vorabartikel auf der Website des Journals. Dort ist er dann kostenpflichtig abrufbar, die Autoren dürfen ihn meist in einem kurzen Zeitfenster selbst kostenfrei herunterladen. Das Nutzungsrecht für den Artikel treten sie an den Verlag ab. Irgendwann erscheint der Artikel dann auch gedruckt in der Zeitschrift, das kann aber durchaus mal ein Jahr dauern zwischen Annahme des Artikels und Aufnahme in eine Ausgabe.

Die Zeitschriften werden von den Universitätsbibliotheken und Forschungseinrichtungen abonniert -also wiederum aus öffentlichen Geldern. Manche Wissenschaftsverlage schließen dabei sogenannte Nationallizenzen ab, also Lizenzen, die dem gesamten Verbund der Universitätsbibliotheken zur Verfügung stehen. Andere, insb. die großen drei im Wissenschaftsverlagsbusiness Elsevier, Springer und Wiley, haben in der Vergangenheit viele Zeitschriftentitel nur einzeln mit Bibliotheken verhandelt. Die Abos waren bzw. sind immernoch dann oft so gestaltet, dass auf das Abo der Papierzeitschrift ein Aufschlag zu zahlen ist, wenn die Inhalte auch digital verfügbar sein sollen. Oft werden ansonsten die digitalen Inhalte erst 12 bis 24 Monate nach (!) der Papierzeitschrift für die Abonennten freigeschaltet – was vollkommen absurd ist.

Und um das ganze abzurunden, sind die Preise für die Abos in den letzten Jahren auch noch stets und drastisch gestiegen. Die Wissenschaftsverlage gehören deshalb auch zu den weltweit erfolgreichsten Unternehmen, wie Alex Holcombe bereits vor längerer Zeit mal in seinem Blog zeigte.

Vor dem Hintergrund der oft schlechten Konditionen für Digitalinhalte, stetig steigenden Abonnementpreise und der Einzelverhandlungspolitik der Verlage, hat die Hochschulrektorenkonferenz im ersten Halbjahr 2016 beschlossen, dass die Universitätsbibliotheken von nun an gemeinsam mit den Verlagen über umfangreiche Bündelabos verhandeln sollen. Hierzu wurde die schon vorher gegründete Arbeitsgruppe DEAL beauftragt, die nun für alle Universitätsbibliotheken im Auftrag der HRK mit den Verlagen Gespräche führt. Da für alle Universitätsbibliotheken außer denen des Landes Baden-Württemberg und der ZBW in Kiel zunächst der Vertrag mit Elsevier neu zu verhandeln war, ist Elsevier nun quasi die Probe aufs Exempel. Die seit Mitte 2016 andauernden Gespräche führten zunächst zu keinem nennenswerten Erfolg. Daraufhin haben alle deutschen Bibliotheken außer denen in Baden-Württemberg ihre Abonnements aller Elsevier-Publikationen zum Jahresende 2016 gekündigt. Hiervon erhofft DEAL sich nun endlich Bewegungen in den Verhandlungen. Der Elsevier-Verlag ließ bisher verlauten, dass die von den Bibliotheken geforderten Konditionen vollkommen abwegig seien und die Bibliotheken ja jede Freiheit hätten, ihre bisherigen Verträge zu den vorgeschlagenen Konditionen zu verlängern. Die Bibliotheken sagten „Nein“ und die Verhandlungen wurden auf Anfang 2017 vertagt.

Seit dem 1.1.2017 sind nun also so gut wie alle Wissenschaftler an deutschen Universitäten vom Angebot des Elsevier-Verlags abgeschnitten. Zumindest der direkte Zugriff ist nicht mehr gegeben. Allerdings organisieren die Bibliotheken aus den eingesparten Geldern umfangreiche Fernleihmöglichkeiten über die wenigen Universitäten, die noch Zugriff haben. Ich finde es ziemlich gut, dass die ja doch recht vielen, normalerweise in Konkurrenz stehenden deutschen Universitäten es geschafft haben, sich derart gut zu organisieren und sich David-mäßig gegen den Riesen Elsevier zu stellen. Es bleibt spannend, was nun tatsächlich dadurch erreicht werden kann, aber vielleicht wird dadurch ja auch endlich insgesamt das System der Publikationslandschaft zunehmend hinterfragt, wie z.B. auf wisspub.net andiskutiert wird.

Das Börsenblatt der Buchbranche findet übrigens, die Hochschulbibliotheken stellen Forderungen nach einer Quasi-Verstaatlichung des wissenschaftlichen Publikationswesens… Nun gut… (hier und hier)

Mehr zum Thema Wissenschaftspublikationen auch im englischsprachigen academia-Raum, hier und hier.

Zwischenruf*: Leseempfehlung ZBW-Wirtschaftsthema-Reihe

Als ich gerade auf twitter das aktuelle „Wirtschaftsthema“ der ZBW weiterempfahl, fiel mir auf, dass ich die Reihe generell empfehlen könnte und dies tue ich hiermit:

Die Zentralbibliothek für Wirtschaftswissenschaften veröffentlicht im monatlichen Rhythmus eine Leseliste/kuratierte Materialsammlung zu aktuellen Wirtschaftsthemen auf ihrer Website. Dort werden dann zu gerade diskutierten wirtschaftlichen Themen ökonomische wissenschaftliche Beiträge zusammengestellt. Die Themen in letzter Zeit waren z.b. Bedingungsloses Grundeinkommen (Dez), Kinderarmut (Nov), Brexit (Juni) oder TTIP (April). Die Zusammenstellung umfasst meist ein breites Meinungsspektrum, die Mehrheit der Quellen sind Arbeitspapiere in deutscher Sprache, die frei zugänglich sind und das ganze wird gerahmt von einer kurzen Einführung und einer Tweet-Sammlung zum Thema (was jetzt meist nicht besonders erhellend ist, aber wohl dokumentieren soll, dass es sich tatsächlich um aktuell diskutierte Themen handelt.) Ich habe diese Materialsammlungen oft an Studierende empfohlen und möchte diese ausdrückliche Empfehlung auch hier weitergeben, denn man findet dort (noch ) gut lesbares aber eben nicht medial aufbereitetes Expertenwissen in einem Umfang den man dann nebenbei in dem einen Monat auch noch bewältigen kann.

Außerdem ist die zbw ganz generell eine tolle Einrichtung, die das studieren und forschen in den Wirtschaftswissenschaften ganz erheblich erleichtert und die eins der schönsten Bibliotheksgebäude an einer der schönsten Stellen von Deutschland hat.

*Die Kategorie „Zwischenruf“ ist hiermit neu geschaffen für kurze Texte, die mir schnell mal so einfallen und die nicht im Entwurfsordner verschimmeln sollen.

Exkurs: Alles Frustwähler?

Ich erlaube mir heute mal ein Abschweifen vom eng ökonomisch gefassten zum politischen. Denn als Mensch mit akademischem Hintergrund, grüner Sozialisation und linker Affinität kommt man ja derzeit nicht umhin, sich zu fragen, warum zum Henker scheinbar viele Millionen Menschen, Mehrheiten gar, Parteien, Stömungen und Personen wählen oder unterstützen, die vollkommen offensichtlich lügen, zündeln, Hass und Naziparolen verbreiten. Allerlei durchaus plausible Erklärungen wurden schon angeboten, ich kann hier zunächst mal viel Unverständnis und wenig neues bieten. Ob jetzt zwangsläufig ein weiterer – zumal mutmaßlich rein kommentierender – Blogpost von mir da zwangsläufig nötig ist, wage ich nicht zu sagen. Aber ich dachte halt so drüber nach und berichtete versehentlich auf Twitter davon und jetzt sitze ich hier.

Es gibt ja ein paar Erzählungen und Lesarten, wer denn da eigentlich warum auf einmal rechte Arschlöcher wählt, flächendeckend und allerorten. Sind es die abgehängten, die in unserer modernen Gesellschaft kein Bein mehr an den Boden bekommen, die Unterschicht, die einen Sündenbock sucht? Nein, sagen die Wahlergebnisse in den USA und in Westdeutschen Bundesländern – diese Erzählung funktioniert maximal für Ostdeutschland und Nordfrankreich. Aha, dann sind es die weißen Männer, die sich um ihr Altenteil sorgen und die Angst vor Frauen, Gleichberechtigung und Schwulen haben. Auch nicht so ganz, denn da wären die ganzen weißen Frauen, die Trump wählten. Und die nicht unerheblich vielen jungen Frauen, die sich mit antifeministischen Parolen fesch als moderne Nazi-Bräute im Internet inszenieren. Und letztlich sind es ja nicht nur die 20% (wenn es hoch kommt) Nazis, die diese Bewegungen zu einem Phänomen, einer riesigen Populismusmaschinerie, einer scheinbar nicht zu stoppenden Macht werden lassen. Sondern auch all die, die nicht wählen gehen anstatt ihre Stimmen Hillary Clinton, der SPD oder wem auch immer geben. All diejenigen, die zwar nicht rechts sind, aber denen es zu egal ist, dass unsere Gesellschaft sich ganz erheblich Richtung rechts neigt. Und die vielleicht hier und da stumm nicken, wenn Horst Seehofer von Obergrenzen phantasiert, Donald Trump gegen das Establishment wettert oder Birgit Kelle von Genderwahn fabuliert. Wie immer macht erst der gemeine Mitläufer den Extremisten zur Mehrheit.

Also wer ist denn jetzt schuld verdammt? Irgendwen muss man doch von der Klippe schubsen können und dann ist schon alles wieder gut. Tja – bad news – diese Lösung wird nicht gehen. Denn  Trump, Le Pen, Johnson, Farage, Petry, Höcke, Gauland und wie sie alle heißen, sind nur das Symptom und keineswegs der Auslöser, sie haben nur schlau ein riesiges Vakuum ausgemacht, das sich leicht mit Populismus füllen ließ und dies zur rechten Zeit genutzt.

Weder sind knapp 50% der Amerikaner und Briten Nazis noch rund 30% der Deutschen, Niederländer und Franzosen. Aber 30-50% der Menschen in unseren ach so aufgeklärten und fortschrittlichen Demokratien finden, dass lügende Nazis besser sind als das restliche politische Personal. Denn was eint all diese Menschen? Maßlos erlebte Machtlosigkeit, vollkommene erlebte Irrelevanz dessen, was sie als das vermeintliche Volk wollen und das ungute Gefühl irgendwie verarscht zu werden von „denen da oben“. Das Gefühl von Politikern nicht repräsentiert sondern belogen zu werden.

Und ganz ehrlich, Hand aufs Herz, teilen wir das nicht alle? Ich glaube doch auch, dass die allermeisten Politiker von Lobbyisten gesteuerte Berufslügner sind. Politiker, denen ich bedenkenlos attestieren würde, dass sie meine Interessen als Bürgerin ernst nehmen kann ich an einer Hand abzählen. Der Unterschied ist nur, dass ich mir einbilde etwas großes ganzes dahinter zu sehen, dass ich denke, ich verstehe was da gespielt wird, kenne die Alternativen und halte sie für schlimmer. Das und der unverwüstliche Glaube an den europäischen Geist, die tiefe Überzeugung, dass Europa wie wir es heute kennen das beste ist, was wir bisher politisch hatten und dass es das zu erhalten gilt. Und so gehe ich wählen und stimme dabei in der Regel für Parteien, die auch eine realistische Chance haben in das jeweilige Parlament zu kommen.

Aber wem diese Überzeugung fehlt, aus welchen Gründen auch immer, für den bleibt also nur das Gefühl, dass irgendwie “ die da oben“ nicht in seinem Sinne agieren und ihm auch ohnehin nur Mist erzählen. Und das ist noch kein Grund, eine Nazipartei oder einen irren Milliardär zu wählen. Aber die Frage ist halt, wen denn sonst?

Ich beobachte in meiner Filterblase online und offline schon seit einigen Monaten etwas, das ich hier mal „Merkel-Fatalismus“ nennen möchte. Also dass prinzipiell der CDU weit abgeneigte Menschen Dinge von sich geben wie „dass ich mal sagen würde, dass Angela Merkel was richtig macht…“ oder auch (wie ich selbst nun schon mindestens dreimal tweetete) „Wer außer Merkel soll den Job denn machen?“ Es wabert nun irgendwie recht deutlich herum, dass sich die politische Landschaft so weit auf die Person Merkel verengt hat, die nun da steht als europaweit einzige Stimme der Vernunft bei gleichzeitig vollkommener Profillosigkeit. War das zum Ende der Ära Kohl auch so ?  – ich bin zu jung um mich da ganz genau dran zu erinnern. Ist es zwangsläufig, dass lange stetige Bestimmung der Politik durch eine Person mit unterschiedlichen Randfiguren zu einer deutlichen Verarmung an Inhalten führt? Ich weiß es nicht. Vielleicht ist es auch eher so, dass sich in den letzten 10 Jahren die inhaltsleeren Politiker besonders erfolgreich durchsetzen konnten, weil sie eine schöne Blaupause für alles hergaben.

Warum auch immer – Tatsache ist, das Parteien-Spektrum sieht von rechts nach – ähm – links etwa so aus: Nazis, Horst Seehofer, DIE MITTE, russland-verherrlichende abgehobene links-tümelnde Grenz-Nazis, also Sahra Wagenknecht. Und in DER MITTE (die neuerdings, so entnahm ich verschiedenen Fotos von CDU-Veranstaltungen, qua Proklamation die CDU ist) tummeln sich alle differenzlosen Nasen wie Gabriel, Kretschmann und Co hinter der alles überstrahlenden vernünftigen, ruhigen, seriösen und Kontinuität versprechenden Frau Merkel. Tja.

Da Horst Seehofer nur in Bayern zur Wahl steht, bleibt also für jeden, der von DER MITTE irgendwie die Nase voll hat, weil er sich nicht mittig fühlt, nicht mittig ist oder Mitte generell scheiße findet nur die Wahl zwischen Nazis und der LINKEN. Und dass letztgenannte eine politische Heimat für irgendwen darstellen der a) links denkt und sich eine linkere Ausrichtung der Politik wünscht oder b) sich vom Kapitalismus abgehängt fühlt, ist beides stark  anzuzweifeln. Ich habe den Eindruck, die Linke verherrlicht über die Maßen den erwiesenermaßen nicht-zielführenden sowjetischen Kommunismus und hängt irgendwie dem Irrglauben an, das heutige Russland sei immernoch irgendwie sozialistisch oder zumindest weniger kapitalistisch als Europa. Und zusätzlich führt sie zu 95% realitätsferne, für die Wähler wenig relevante, Scheindebatten und macht nicht-finanzierbare Vorschläge, die denen der AfD oder der Piraten in Sachen Nonsense in nix nachstehen.

Was wären also wählbare Alternativen für alle, die sich von „denen da oben“ belogen fühlen? Und für alle, die sich eine zukunftsorientierte, mutige, pro-europäische, visionäre Politik wünschen? Und für alle, die sich eine linkere oder liberalere, eine weltoffenere Politik wünschen? Keine da, oder?

Keine Linke, die den Namen verdient, die eine aufgeklärte und moderne linke Politik vertritt, die die internationale Tradition der Linken behält aber das Sowjet-Geschwurbel ablegt, die erkennt, dass wir heute nicht mehr lokal denken und agieren dürfen, wenn wir von Gerechtigkeit reden, sondern dass wir in unser aller Interesse weltweite Gerechtigkeit in den Blick nehmen müssen.

Keine ernstzunehmende liberale Partei, die sich für Bürgerrechte einsetzt, eine humanistische Alternative präsentiert anstatt sich als Autofahrer- und Vermögenssteuerfreiheitspartei zu gerieren, wie es die FDP leider tut.

Keine sozialdemokratische Partei, die sich für sozialpolitische Nachhaltigkeit, gleiche Chancen für von der Gesellschaft abgehängte, Bildung und demokratische Teilhabe einsetzt anstatt für die aussterbenden ehemaligen Kernzielgruppen Arbeiter und Rentner nur die Pfründe zu verwalten und an der Kohle festzuhalten.

Keine ökologische Partei, die sich für Frieden und eine moderne, aufgeklärte und bunte Gesellschaft einsetzt anstatt die neuerdings vermögenden und bequem gewordenen Ex-Umweltbewegten in ihrer Komfortzone in Sicherheit zu wiegen.

Und auch keine konservative Partei, die für konservative Werte einsteht ohne dabei ein menschenfeindliches Weltbild zu propagieren. Die von mir aus christlich agiert und argumentiert. Die eine Heimat für diejenigen bietet, die mit den Veränderungen in der Gesellschaft nicht Schritt halten wollen oder können und das ohne dazu Ausländer, Homosexuelle und Andersdenkende als Sündenböcke zu brauchen.

Und diese Diagnose gilt keinesfalls nur für Deutschland. Sie gilt in sehr ähnlicher Weise auch für Frankreich, das ich etwas genauer beobachte. Und in den Zwei-Parteien-Demokratien von England und Amerika um so mehr, denn dort gibt es ja nicht mal die Geister der ehemals breiteren Parteienlandschaft, die in Deutschland, Frankreich, Benelux noch herumschwirren.

Also, wen schubsen wir jetzt von der Klippe, damit wir das Populismus-Problem los sind?

 

 

Randnotiz: Nigeria

Während ich an einem Post über Populisten schreibe und genau jene sich hier in ganz Europa darum sorgen, dass die Flüchtlinge uns hier alle assimilieren, sind in der Welt insgesamt über 60 Millionen Menschen auf der Flucht. Die meisten dieser Menschen fliehen in die direkten Nachbarländer. Dass die Türkei, der Libanon und Jordanien ein Vielfaches der Zahl der Flüchtlinge aufnehmen, die nach Europa kommen, klingt zumindest ab und zu mal an. Dass noch weit mehr Flüchtlinge in Afrika innerhalb ihres eigenen Landes oder innerhalb der subsaharischen Region vertrieben sind, das liest man in deutschen Medien annähernd nie. Ließe ich meinem Zynismus freien Lauf, ich käme wohl hier nicht mehr zum Ende, denn die offensichtliche „Die sind halt weit genug weg“-Schlussfolgerung, sie drängt sich dann doch auf. Aber es braucht gar keine zynischen Worte. Einfach ein paar schlichte Grafiken und die Verhältnisse sind schnell klar: der Guardian berichtet lang und betroffen machend und zum heulen aus Ost-Nigeria, wo Boko Haram ganze Landstriche in Hunger und Tod treibt und niemand zur Hilfe bereitsteht. Für mich hätte es den Hinweis am Ende, dass die alle bald in Europa vor der Tür stehen nicht gebraucht, denn eine derartige humanitäre Krise ist schlimm, egal wo sie passiert. Aber möglicherweise konnte der Journalist seinen Zynismus auch nicht ganz raushalten. Verständlich.

Der Artikel führt den Klimawandel als einen Grund für den Erfolg von Boko Haram auf. Diese Folge des Dradio Wissen Hörsaal zu Boko Haram beleuchtet die Hintergründe ausführlicher. (Einstündiger Podcast)

Als Positivbeispiel für gelungenen Flüchtlingspolitik gilt in der Internationalen Presse Uganda. Doch auch hier wird es enger und schwieriger, weil Uganda die Last der Region sozusagen allein schultert. (Guardian, englischsprachig)