Ich eins – du eins. Ist das gerecht?

(Hinweis vorweg, denn scheinbar ist das jetzt nötig: Ich nenne hier die Marken von mehreren Produkten, ich verlinke auch zu den Websites der Firmen, der Information halber. Nicht nur wurde ich hierfür weder angefragt noch bezahlt, im Gegenteil läge mir nichts ferner, als Werbung für diese Produkte zu machen.

Vor kurzem habe ich ein Paar TOMS gekauft. Mit Glitzer. Ich finde die schön und bequem. Dann hatte Frau Drehumdiebolzen bei einem gemeinsamen Ausflug Share-Müsliriegel dabei. Kurz danach sah ich Werbung für Handseife von Share. Alles das gleiche Prinzip. Durch unseren Kauf des Produktes erhalten Menschen in Entwicklungsländern ein artverwandtes Produkt geschenkt. One for one nennen die Firmen das. Klingt super.

Der Gründer von TOMS sah, so die Gründungslegende, in Afrika Kinder ohne Schuhe, die – so schlussfolgerte er – deshalb nicht zur Schule laufen können. Deshalb werden für meine Glitzerschuhe einem afrikanischen Kind Schuhe geschenkt. Dort in lokalen Projekten produzierte etwas einfachere TOMS.

Ähnlich bei SHA:RE – eine Handseife kauft ein Stück Seife. Ein Müsliriegel kauft für einen Tag Nahrungsmittel.

Es gibt ähnliche Ansätze auch mit Binden, Limonade, Brillen, Laptops und anderem .

Aber ist das Konzept auch irgendwie gut für die Menschen in Entwicklungsländern? Ist es berechtigt, dass wir westlichen Konsumenten uns in Gedanken Karma-Punkte gutschreiben, weil wir was „faires“ konsumiert haben? Ich konsumiere, aber das ist guter Konsum. Ich spende ja auch. Ganz ohne Verzicht. Wie großherzig von mir.

Ich habe darüber jetzt einige Wochen rumgedacht und auch etwas recherchiert. Und ich würde sagen: es ist nicht nur relativ wenig nützlich, es könnte sogar schädlich sein. Folgende Gründe bringen mich zu dieser Einschätzung.

1. In-Kind-Spenden* sind paternalistisch.

Es ist ja schön, dass Mr. TOMS entscheidet, dass die Kinder in Afrika Schuhe brauchen. Aber wer ist er, zu sagen „Hey afrikanische Eltern, seht ihr denn nicht, dass euer Kind Schuhe braucht?“ Denkt er, die Leute wären da nicht selbst drauf gekommen? Was könnte der Grund sein, dass das Kind keine Schuhe trägt? Gibt es keine Schuhe? Haben die Eltern keinGeld? Will das Kind keine Schuhe? Braucht es womöglich gar keine? Das ist viel weniger leicht zu beantworten, als es auf den ersten Blick erscheinen mag. Und es wäre ziemlich knorke, sich das mal von jemand vor Ort genau erklären zu lassen, bevor man Schuhe auf die Menschen wirft. Dieser paternalistische Ansatz ist im gesamten Bereich der privaten Entwicklungshilfe sehr weit verbreitet. Kirchengemeinden, Schulprojekte, Vereine von wohlmeinenden herzensguten Menschen, Unternehmen – sehr viele schließen von ihrem Bedürfnisempfinden auf das der Menschen vor Ort. Und so werden Schulhefte, Stifte, Kleidung, Schuhe, Wellbleche, und was noch alles aus westlichen Ländern in Entwicklungsländer gebracht. Und manchmal sind sie eben ebenso nützlich, wie das Feinrippunterhemd, das man ungefragt von Omma mitgebracht bekommt, statt des ersehnten Comicbandes oder des kleinen Beitrags zum Führerschein.

2. In-Kind-Spenden erreichen oft nicht die, die es brauchen.

Es gibt einiges an Forschung dazu, dass – außerhalb von Katastrophenhilfe – Sachspenden oft nicht wie gewünscht zum Einsatz kommen. Hierzu ein anekdotisches Beispiel aus dem großartigen Buch „The White Man’s Burden“ von William Easterly. Er beschreibt verschiedene Ansätze, dafür zu sorgen, dass Babybetten in Malaria-Regionen flächendeckend mit Moskitonetzen ausgestattet werden. In Sambia wurden die Netze einfach umsonst an Ausgabestationen verteilt. Das Ergebnis: Ziemlich viele Babybetten waren immernoch ohne Moskitonetz, etwa 40% der Menschen, die Netze erhalten hatten, nutzten diese nicht zweckgemäß aber es fanden sich an vielen Stellen Moskitonetze in seltsamer Zweckentfremdung, zum fischen, als Einkaufsnetz, zum spielen und zur Fahrradreparatur, viele der Netze tauchten auch auf dem Schwarzmarkt auf. In Malawi gab es ein Projekt, in dem die Moskitonetze verkauft wurden. Und zwar an Mütter, über die Geburtshelferinnen/Kliniken zu einem stark subventionierten Preis von 50ct. Die Hebammen erhalten für das Verkaufen einen Anteil von 9ct. Das Ergebnis: die Moskitonetznutzung an Babybetten in Malawi ist von 8 auf 55% gestiegen.  Weil Mütter die richtige Zielgruppe sind, weil die Hebammen einen Anreiz haben, ihr Lager aufzufüllen und die Netze auch anzubieten und weil man etwas, für das man bezahlt hat, auch einsetzt. Auch eine Studie zu TOMS Shoes zeigt, dass die Schuhe zum Teil gar nicht getragen werden, auch wenn die Tragequote zumindest im evaluierten Projekt relativ hoch war.

Eine andere sehr lesenswerte Geschichte was auch mit Sachspenden passieren kann erzählt das weise, engagierte und insgesamt formidable Fräulein ReadOn: Die Sache mit den Zahnbürsten

3. Die fehlenden Güter sind vielleicht gar nicht das Problem.

Ist es wahrscheinlich, dass es tatsächlich Schuhe sind, die die Kinder brauchen, um die Schule besuchen zu können? Ist es Seife, die die Leute brauchen, um die Hygiene zu verbessern? Es handelt sich bei mangelndem Schulbesuch, Hygienemängeln oder auch Unterernährung (wiederum im Nicht-Katastrophenfall) sehr oft um das Ergebnis eines darunter liegenden systemischen Problems. So ist es z.B. in vielen afrikanischen Ländern so, dass es große Probleme gibt mit Lehrer-Absentismus. Die Lehrer werden derart schlecht bezahlt, dass sie einfach noch einen zweiten Job haben, oder ein Stück Land bewirtschaften. Und wenn dann halt Erntezeit ist, dann kann der Lehrer nicht lehren, weil er ernten muss. Demnach macht es für seine Schüler*innen auch wenig Sinn, in die Schule zu gehen, ob nun mit Schuhen oder ohne. Auch kann es sein, dass die Familien das Schulgeld nicht aufbringen können. Da nützen die Schuhe dann auch nix. Und nichtzuletzt kann auch gut sein, dass es einfach keine Schule in erreichbarer Nähe gibt. Oder dass die Eltern es einfach nicht sinnvoll finden, dass ihr Kind seine Zeit mit Schulbesuch verschwendet. Ähnlich bei mangelnder Hygiene. Oft steckt dahinter mangelndes Wissen um die Notwendigkeit von Hygienemaßnahmen, eine Seife allein bringt da wenig, selbst sauberes Wasser nicht.

4. Das One by One-Prinzip wiegt uns in falscher Sicherheit.

Am kritischsten finde ich jedoch die Wirkung, die solche Produkte bei uns im Westen erzielen. In Entwicklungsländern mögen sie evtl. nicht viel nutzen, der Entwicklungspolitik im Ganzen, wie sie in westlichen Ländern gemacht wird und dem Gedanken einer solidarischen und fairen Verteilung der Ressourcen auf der Welt, wirken sie tatsächlich entgegen. Denn wie wunderbar ist dieses Bild, dass uns da präsentiert wird: Wir wissen haargenau, was den Armen der Welt fehlt – es sind, wer hätte das gedacht, Dinge die man einfach kaufen kann. Und wir können etwas dagegen tun und zwar ganz ohne uns einschränken zu müssen. Ja sogar ohne groß darüber nachdenken zu müssen. Wir machen einfach, was wir eh zu viel tun: kaufen. Und schwupps, ist das Verteilungsproblem, der Hunger, die Armut, der Mangel an Bildung, die Kindersterblichkeit – alles Geschichte. Ja, ich übertreibe, und ja besser was kleines konkretes tun als nichts. ABER es ist fatal uns zu erzählen, wir müssten nicht verzichten, nichts ändern außer der Marke auf unserem Snack oder unseren Schuhen. Es sei genug für alle da und das ohne dass wir was abgeben. So ist es einfach nicht. Das ist einfach eine Lüge. Wenn wir wollen, dass alle auf der Welt genug zum Leben haben, das alle Zugang zu Bildung haben, dass jedes Kind erwachsen werden kann, dass keine Schwangere mehr stirbt, dann müssen wir teilen, uns einschränken, unseren Konsum überdenken. Dann müssen wir nachhaltiger, ressourcenschonender, weniger konsumieren. Konsum ist nicht die Lösung, Konsum ist das Problem.  Uns in wohligem Gefühl zu wiegen, wir würden ja *die richtigen* Sachen kaufen und damit unseren Anteil tun, das verzögert nur die Erkenntnis, dass wir vielleicht einfach gar nicht noch ein paar Schuhe brauchen. Dass wir auch Leitungswasser trinken könnten und das gesparte Geld spenden.

5. It’s the Economy, stupid.

Und damit sind wir auch am Ende meiner Litanei. Denn die Firmen, die das One-by-One-Prinzip nutzen, verkaufen etwas. Sie verkaufen Waren und sie verkaufen ein reines Gewissen. Ablasshandel, quasi. Das One-by-One-Prinzip ist Marketing. Es handelt sich hier um gewinnorientierte Unternehmen, nicht um Non-Profit-Organisationen. Und die Unternehmen *sagen* zwar sie würden die Produkte ethisch einwandfrei, ökologisch und fair produzieren. Aber zertifiziert sind sie (mit Ausnahme des EU-Biosiegels) nicht. Die Firma sharefoods bezieht selbst Rohstoffe aus Entwicklungsländern, ohne z.B. fairtrade zertifiziert zu sein. Es geht vielleicht darum, auch etwas gutes zu tun, in erster Linie geht es aber darum Geld zu verdienen. Im herrschenden kapitalistischen, konsum-orientierten System.

*In-Kind = Sachen spenden

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Economics 101: Wertschöpfung

Manchmal laufen Twitter-Diskussionen ja irgendwie aus der Zeichenbegrenzung heraus. So heute geschehen. Eigentlich drehte sich die Diskussion um einen Artikel zum Gender Pay Gap im FAZIT-Blog, der darauf abzielt, den durch Berufswahl zu erklärenden Teil des Gender Pay Gaps auseinander zu nehmen. Und sich mit der Frage beschäftigt, ob es frauentypische Berufswahl gibt.

Hier kam die Frage auf, warum denn eigentlich ausgerechnet die frauentypischen Berufe schlecht bezahlt werden, und wieso es denn nun die Lösung sein soll, dass alle Frauen in MINT-Berufe gehen, um die Gehaltslücke zu schließen.

Meine These aus der Hüfte dazu war

Hierzu erhielt ich die Antwort von @GabiausS

 

Und daraufhin entspann sich eine lange Diskussion darum, warum die Wertschöpfung im Care-Bereich geringer sein sollte als im Bereich anderer Dienstleistungen, es wurde richtig gefragt, warum z.B. in der Wissenschaft, die ja auch keinen direkten Mehrwert im Sinne von Gewinn abwirft, die gezahlten Gehälter wesentlich besser sind und das sogar obwohl es ein Überangebot an Wissenschaftler*innen gibt, während es einen Mangel an Pflegekräften gibt.

Nun. Ich möchte das hier kurz mal definitorisch aufdröseln, obwohl – so glaube ich – alle Beteiligten in der Diskussion am Ende prinzipiell das gleiche meinen.

Buchhalterisch bezeichnet die Wertschöpfung in der Produktion eines Endproduktes, den Anteil am Gesamterlös des Endproduktes, der auf den Einsatz von Arbeit und Kapital entfällt. Das heißt: Gesamterlös des Endproduktes abzüglich aller Kosten für Vorprodukte und Abschreibungen = Wertschöpfung. Diese stellt dann den Kuchen, der auf Entlohnung der Arbeitskräfte und des Kapitals aufgeteilt wird. In vielen Branchen drehen sich Tarifverhandlungen in erster Linie darum, wie der Kuchen anteilig auf Arbetitnehmer und Arbeitgeber (=Kapitaleigner) aufgeteilt wird. Also wieviel des geschaffenen Mehrwertes die Arbeitnehmer als Gehalt erhalten und wieviel als Gewinn an den oder die Eigentümer ausgeschüttet wird. Diese Frage spielt in den von uns diskutierten Care-Berufen, also in den Bereichen Kranken- und Altenpflege und Kinderbetreuung eine weitgehend untergeordnete Rolle und ebenso im ebenfalls genannten Bereich der Wissenschaft. Warum? Weil es sich weitgehend um nicht-gewinnorientierte Bereiche handelt. Ganz stimmt das natürlich nicht, der Bereich der häuslichen Pflege, die gesamte niedergelassene Ärzteschaft und auch niedergelassene Therapeuten und Hebammen arbeiten privatwirtschaftlich. Allerdings ist dennoch Bereicherung der Eigner von Pflegediensten, Physiotherapiepraxen oder auch Altenheimen zulasten ihrer Angestellten ein eher nicht so weit verbreitetes Phänomen und zwar genau deshalb, weil der zu verteilende Kuchen, also die Wertschöpfung, ohnehin eher gering ist. Und zwar geringer sowohl als im öffentlichen Sektor (Wissenschaft, Verwaltung, Politik) als auch erst recht im privaten Dienstleistungsbereich.

Was?? Soll das heißen, eine Pflegekraft, Erzieherin oder Hebamme trägt weniger Wert bei, als ein Finanzbeamter, eine Wissenschaftlerin, ein Hotline-Mitarbeiter oder eine Bankangestellte? Tja. Buchhalterisch ja. Weil Care ganz offenbar weniger Erlös erwirtschaftet als Investmentbanking und – und das verwundert zunächst – auch als Lehre und Forschung. Warum ist das so?

Betrachten wir es zunächst nüchtern, lassen wir also außer acht, wie der gesellschaftliche Beitrag dieser Berufe ist und wieviel sie wert sein *sollten*. Zunächst mal nur gucken, wie diese Märkte funktionieren, dann überlegen warum und was daran zu ändern wäre.

Es ist hier dienlich erstmal zu unterscheiden in Sektoren die prinzipiell in irgendeiner Form die öffentliche Hand als Nachfrager haben und solche, die vollständig im privaten Bereich agieren. Denn im Bereich der vollständig nicht-regulierten Dienstleistungen, da wird vermutlich tatsächlich das gesamte Gehalt aller Beschäftigten, die eine Dienstleistung produzieren etwa dem entsprechen, was sie an Wert zu dieser Dienstleistung beitragen. Der Wert er Dienstleistung wird beeinflusst davon, wie hoch die Nachfrage danach ist und wie stark die Konkurrenz zwischen den Anbietern der Dienstleistung. D.h. zum Beispiel ein Fonds-Manager bewegt sich in einem Markt mit einer recht hohen Nachfrage aber ob ein Unternehmen einen Aufschlag auf seine Kosten als Gewinn realisieren kann, hängt davon ab ob es unter vollständiger Konkurrenz agiert. In diesem Fall wird das Kalkül des Unternehmens so aussehen: Es wird die Dienstleistung in dem Markt anbieten, wenn es gerade Nullgewinn erzielt, das heißt wenn der Einsatz an Material und Vorprodukten plus der Einsatz an Gehältern plus Abschreibungen und Rücklagen für Investitionen genau dem Erlös entspricht, den es erwirtschaftet. Liegt der Marktpreis darunter, kann das Unternehmen natürlich versuchen seine Kosten, evtl. auch die Arbeitskosten, zu senken oder es scheidet aus dem Markt aus. In sehr vielen Fällen wird aber der private Markt ein Oligopol sein oder eine Situation monopolistischer Konkurrenz, d.h. es gibt nur wenige Anbieter oder jeder Anbieter hat eine leicht andere Produktvariante und dadurch keinen wirklich perfekten Konkurrenten. In diesen Fällen kann ein privater Anbieter sein Kalkulation so vornehmen, dass er einen Preis realisiert, der sich als Kosten (inkl. Arbeitskosten) plus einen Gewinnaufschlag ergibt. Und dieser Fall heißt dann eben auch, dass ein Unternehmen wenn es teurere aber z.B. bessere Arbeitnehmer einstellt, dies in den Preis weitergeben kann, ohne dadurch aus dem Markt auszuscheiden.

In den diskutierten Bereichen Pflege und Wissenschaft ist das aber sehr grundsätzlich anders. Fangen wir mit Care an. Hier ist es fast durchgängig so organisiert, dass private oder halb-staatliche Anbieter die Dienstleistung produzieren, aber diese zu festen Sätzen abgeben müssen. Diese Sätze werden entweder direkt von der öffentlichen Hand vorgegeben (Kinderbetreuung) oder durch das Gesamtbudget der Kranken- und Pflegeversicherung letztlich determiniert und dann eben gemäß Tarifkatalog und Umrechnungsfaktoren in Sätze für jede einzelne Pflege- und Therapieleistung übertragen. Dabei haben zwar die Anbieter theoretisch via Verband eine Aushandlungsmöglichkeit, am Ende ist der Verhandlungsspielraum aber marginal, weil das Gesamtbudget feststeht und weil es eben letztlich nur einen Nachfrager gibt – der einzige Ausweg nicht von der Kranken- oder Pflegeversicherung den Preis der Dienstleistung diktiert zu bekommen, ist nur noch privat anzubieten und hierfür ist der Markt für private Pflegeleistungen offenbar nicht groß genug. Entsprechend sind Anbieter von Care-Dienstleistungen auf jeden Fall Preisnehmer. Und sie erhalten eben einen sehr geringen Preis für ihre Dienstleistung. Der Erlös, z.B. für den privaten Pflegedienst ergibt sich dann eben als Anzahl der Patienten mal Pauschale und hieraus ergibt sich dann nach Abzug der Kosten für Benzin, Verbrauchsmaterial und Räumlichkeiten die Wertschöpfung. Diese verteilt sich dann wiederum auf Gehälter der Pflegekräfte und Ertrag für den Eigentümer des Pflegedienstes. Und da die Fallpauschalen gering sind, ist der Erlös gering und deshalb sind die Gehälter (und auch die zu erwirtschaftenden Gewinne) gering. Das heißt der Satz oben aus dem BWL-Studium stimmt sachlich. Zur Bewertung kommen wir, wie gesagt, später.

Erst noch die Wissenschaft. Ein direkter Vergleich mit der Pflege ist etwas haarig, weil die Anbieter der Dienstleistung ‚Forschung und Lehre‘ zwar nominell auch unabhängige Einrichtungen (Forschungsinstitute und Universitäten sind), aber ein Großteil der Wissenschaftler *innen Landesangestellte und diese wiederum tariflich bezahlt werden, der Tarif gilt aber nicht *nur* für Wissenschaftler*innen. Das macht das ganze etwas hinkend. Aber der Grundgedanke, dass die Wertschöpfung buchhalterisch im Bereich der Wissenschaft höher sein muss, wenn die Gehälter dort ja höher sind, stimmt. Es funktioniert etwa so: auch hier ist am Ende der Staat der Nachfrager. Er legt das Gesamtbudget fest allerdings über verschiedene indirekte Wege, hauptsächlich über die Grundfinanzierung der Universitäten durch die Bundesländer, die Drittmittelfinanzierung durch Forschungsförderung der Länder, des Bundes und der EU, sowie über die indirekte Finanzierung der Forschung durch Finanzierung der Forschungsgesellschaften und der DFG. (Das Ganze ist durchaus komplexer als hier stark verkürzt dargestellt, dies sei mir an dieser Stelle hier verziehen). Sowohl im Rahmen der Grundfinanzierung als auch im Rahmen von Projektfinanzierung wird dabei *direkt* berücksichtigt wieviele Personen eine bestimmte Dienstleistung erbringen und in welcher Tarifstufe diese bezahlt werden – das schafft schonmal etwas weniger Druck auf die Gehälter, denn zumindest rechnerisch ist damit klar festgelegt, dass ein bestimmtes Gehalt auf jeden Fall gezahlt werden kann. Zusätzlich ist es aber eben so, dass für die Dienstleistung ‚Lehre und Forschung‘ insgesamt ein größeres Budget durch die öffentliche Hand zur Vefügung gestellt wird, als für die Dienstleistung ‚Pflege‘ oder ‚Kinderbetreuung‘. Dadurch ist der Kuchen nach Abzug der Kosten im Bereich der Wissenschaft eben größer, die Wertschöpfung liegt höher und es können höhere Gehälter gezahlt werden. Nebenbei sei angemerkt, dass hier aber zusätzlich tatsächlich gar keine Gewinne gemacht werden – das macht vermutlich schon auch etwas aus. Der feine Unterschied, dass in der Budgetkalkulation für wissenschaftliche Finanzierung den Gehältern Rechnung getragen wird, während dies in der Kalkulation der Pflegepauschalen nur sehr indirekt geschieht sei hier durchaus angemerkt – ich glaube, das hat einen gesellschaftspolitischen Hintergrund.

Halten wir aber zunächst fest: eine Dienstleistung kann noch so super produktiv erbracht werden und auch einen hohen (immateriellen, gesellschaftlichen, whatever) Wert haben. Wenn dafür kein hoher Preis gezahlt wird, hat sie eine geringe Wertschöpfung (es wird nur wenig Wert abgeschöpft) und die Arbeitnehmer*innen, die sie erbringen, aber auch die Kapitaleigner, die sie anbieten, werden gering entlohnt werden.

Nun also der Kern: Warum ist das so? Ist es gesellschaftlich richtig und ethisch korrekt, als öffentliche Hand zu unterstellen, dass Wissenschaft, Schulbildung und auch Verwaltung mehr wert sind als Kinderbetreuung, Alten- und Krankenpflege? Wohl kaum. Dennoch erfahren die Bereiche eine unterschiedliche Wert*schätzung*, die sich dann am Ende in ganz nüchtern betrachtet auch unterschiedlicher Wert*schöpfung* niederschlägt.

Hierzu zwei Thesen.

Einerseits erfahren die Care-Dienstleistungen eine geringe Wertschätzung, weil es sich dabei um Dienstleistungen handelt, die vor noch gar nicht so langer Zeit gar nicht monetarisiert wurden. Pflege und Kinderbetreuung fand unentlohnt zuhause und in Klöstern und karitativen Einrichtungen (dort durch Freiwillige sowie Ordensfrauen) statt. Das heißt in der Wahrnehmung der Gesellschaft, sind diese Dienstleistungen *eigentlich* umsonst und müssen nun unverschämterweise doch irgendwie bezahlt werden. Hiermit verbunden ist die Tatsache, dass diese Dienstleistungen traditionell von Frauen (zuhause und im Orden) erbracht wurden, oft sogar zusätzlich zu einer beruflichen Tätigkeit im formellen Arbeitsmarkt. Denn auch wenn gar nicht so sehr dahinter stünde dass ‚Frauenarbeit nix wert ist‘, was ich gar nicht per se unterstellen möchte, so läuft es etwa so ab, denke ich: Durch den demographischen Wandel können Care-Dienstleistungen schon seit einigen Jahrzehnten nicht mehr vollständig und heute nahezu kaum noch zuhause privat erbracht werden. Weil es sich aber zuhause eher um Frauenarbeit handelte, ergreifen nun, da diese Dienstleistungen mehr und mehr zu Berufen wurden, immernoch vor allem Frauen diese Berufe. Weil wir eben Rollenbilder reproduzieren, unsere Hirne sind entsetzlich langsam darin, sich veränderten gesellschaftlichen Wahrheiten anzupassen, da gehen schon mal ein paar Generationen ins Land. Der Beginn dieser Entwicklung liegt weit im letzten Jahrhundert, vermutlich mindestens in der Nachkriegszeit. Zu dieser Zeit waren Frauen aber eben selten Hauptverdienerinnen, sondern oft Zuverdienerinnen. Das heißt die ursprünglich kostenlose Dienstleistung konnte ohne großen Schaden relativ gering entlohnt werden, da die niedrigen Gehälter ja keine Familien unterhalten, sondern nur ein bisschen das Familieneinkommen ergänzen sollten (auch gab es nach wie vor zunächst auch noch relativ viele Ordensfrauen in diesem Bereich – das kann man heute noch schön in Entwicklungsländern beobachten). Das heißt auch mit Monetarisierung des Care-Bereichs war es lange gesellschaftlich akzeptabel, den Bereich schlecht zu bezahlen. Erst mit starkem Wachsen des Bedarfs durch die alternde Gesellschaft, deutlich mehr allein verdienenden Frauen und -nichtzuletzt- einem steigenden Anteil von Männern in diesen Berufen, fällt diese deutlich zu geringe Wertschätzung nun auf. Und diese Erkenntnis übersetzt sich bisher aber nicht in entsprechend höhere Budgetierung, höhere Beitragssätze oder steuerliche Ko-Finanzierung, die zu einer ebenfalls erhöhten Wert*schöpfung* beitragen könnten.

Die zweite These wird nicht jedem gefallen, denn sie unterstreicht die Bedeutung von Konkurrenz. Denn: es gibt keine zwischen-staatliche Konkurrenz um das beste Pflege- und Gesundheitssystem. Eher im Gegenteil, sonst kommen nachher noch Leute von woanders und wollen neben unserem Sozialsystem (sic) auch noch unser Gesundheitssystem fluten. Wo kämen wir denn da hin? Es gibt aber durchaus zwischen-staatliche Konkurrenz um guten wissenschaftlichen Output. Wissenschaft bringt zwar oft gar keinen und sicher keinen unmittelbaren gesellschaftlichen Nutzen, sie gilt aber als zukunftsrelevant für den Standort, weil die Hoffnung besteht einen Teil der wissenschaftlichen Erkenntnisse irgendwann zu marktreifen Produkten werden zu lassen, die dann hier und nur hier produziert werden. Innovation Made in Germany! Pflege hingegen, verspricht nicht, irgendwann in Zukunft einen Markt zu bedienen. Sie hat einen gesellschaftlichen Nutzen, dieser ist sogar unmittelbar. Sie trägt vermutlich auch indirekt zur Produktivität des Landes und auf jeden Fall im besten Fall zur Wohlfahrt bei. Aber sie verspricht keinen Wettbewerbsvorteil im Standortwettbewerb. Und also entscheidet sich der Staat in Anbetracht knapper Ressourcen, diese auf den Bereich zu werfen, wo er Vorteile gegenüber anderen Staaten zu erwirtschaften hofft.

Und wie drehen wir das jetzt, ohne auf die Wende in den Köpfen nochmal 100 Jahre zu warten?

p.s.

Weil mir der Grundtenor des FAZIT-Textes nicht wirklich schmeckt, hier ein anderer Blickwinkel auf das gleiche Thema.

 

 

Humankapital. Oder das missverstandenste Wort der Ökonomie

In der aktuellen, 84., Folge des Mikroökonomen-Podcasts habe ich etwas über das dünne Wissen der deutschen über Wirtschaft erzählt. Als ich den ersten zugehörigen Artikel auf ZEIT online las, begegnete mir ein Satz, der geradezu sinnbildlich für die Wahrnehmung von Wirtschaft im öffentlichen Diskurs stehen könnte:

„Wer die Menschen in einer Volkswirtschaft als „Humankapital“ beschreibt, als sei es das Normalste auf der Welt, der schafft erst einmal Abneigung“

Da möchte ich schreiend im Kreis rennen und den Journalisten, der das schreibt kräftig schütteln. Ehrlich.

Also nun hier exklusiv: Was heißt Humankapital und was heißt es eben nicht?

Fangen wir doch direkt mit dem zweiten Teil der Frage an: Humankapital heißt nicht „Menschen“. Also die Benutzung des Wortes hat nichts, wirklich gar nichts damit zu tun, dass Ökonomen Menschen abwertend entmenschlichend als humanes Kapital bezeichnen würden. Diese Behauptung, die sich wie kaum etwas anderes durch die Berichterstattung über Ökonomie zieht, ist schlicht falsch. Wenn in ökonomischen Theorien ein Begriff genutzt wird, der die Menschen im Produktionsprozess bezeichnet, dann ist dieser Terminus „Arbeitskräfte“. Abgesehen davon werden Menschen an zahllosen Stellen in ökonomischen Theorien betrachtet und keineswegs nur im Zuge der Betrachtung von Produktion. Menschen sind je nach Fokus und Teildisziplin vielleicht auch Konsumenten, Steuerzahler, Versicherte, Kreditnehmer oder -Geber, … die Ökonomie betrachtet letztlich so wie jede Gesellschaftswissenschaft menschliches Verhalten in einem gesellschaftlichen Kontext, hier also im Kontext des Wirtschaftshandelns. Es würde daher auch überhaupt keinen Sinn machen, würden Menschen nur als Ersatzkapital betrachtet.

Was also bezeichnet Humankapital denn dann?

Der Aspekt des Humankapitals fand seinen Eingang in ökonomische Modelle, als offenbar wurde, dass sich allein durch Berücksichtigen der eingesetzten Menge an Kapital und Arbeitskräften nicht erklären ließ, warum manche Volkswirtschaften sehr schnell wachsen, andere nur langsam, wieder andere gar nicht. Ein wichtiger Aspekt um diese Unterschiede in der Produktivität zu erklären, sind die spezifischen Eigenschaften der Arbeitskräfte, genauer das was sie zusätzlich zu ihrer reinen Muskelkraft mitbringen. Und das ist das, was wir als Humankapital bezeichnen. Es ist das was der einzelne Arbeiter deshalb einbringen kann, weil er selbst oder die Gesellschaft in ihn investiert hat. Bildung und Ausbildung. Aber auch sog. Soft Skills. Und auch Gesundheit, Resilienz soweit sie durch Investitionen in Gesundheit zustande kommt.

Das heißt der Aspekt des Humankapitals kommt genau nicht daher, dass Ökonomen Menschen als austauschbare Ware sehen, sondern daher dass sie erkannt haben, dass eine Erhöhung der Einsatzmenge von Arbeit und Kapital allein nicht zu nachhaltigem Wachstum führt. Schätzungen aus den 1990er Jahren haben gezeigt, dass Investitionen in Humankapital vor allem in Form von Grundbildung sowie tertiärer Bildung im Mittel über einen breiten Länderkreis etwa ein Drittel der jeweiligen Wachstumsraten erklären.*

Grafik: positive Korrelation Schuljahre und Wachstumsrate

Quelle: European Central Bank https://www.ecb.europa.eu/press/key/date/2010/html/sp101022.en.html

Ich finde es deshalb sehr ärgerlich, dass gerade dieser Begriff so eklatant fehlinterpretiert wird. Denn gerade aus entwicklungsökonomischer Sicht, kann die Bedeutung von Bildungszugang und guter beruflicher Bildung eigentlich nicht oft genug betont werden. Übrigens ist das Wissen um diesen Begriff echt kein Expertenwissen, es ist Stoff des zweiten Semesters Makroökonomie (spätestens) und lässt sich prima in der Wikipedia nachschlagen. Es ist also echt kein Journalist gezwungen, das falsch zu verwenden.

* Mankiw, G., Romer, D. & Weil, D. (1992): A Contribution to the Empirics of Economic Growth, Quarterly Journal of Economics, hier das PDF und viele folgende Studien

Economics 101: Was ist das BIP und wofür brauchen wir das?

Zum Jahreswechsel werden ja gern mal Wachstumsprognosen veröffentlicht. Den Anfang machen hier in Deutschland die Gemeinschaftsprognose der Wirtschaftsforschungsinstitute, es folgt das Jahresgutachten des Sachverständigenrates. Aus beiden durchaus dicken Publikationen wird medial oft fast nur die Erwartung über das BIP-Wachstum verwertet. Jüngst retweetete ich eine Grafik der Wachstumsraten für 2018 im internationalen Vergleich vom economist. Auch hier ein starker Fokus auf das BIP.

Die Frage folgt dann oft auf dem Fuße und bietet sich ja auch an: Warum ist denn BIP-Wachstum wichtig.

Nun. Diese Frage ist gewissermaßen eine Glaubensfrage und ich werde die verschiedenen Glaubensrichtungen vielleicht mal bei Gelegenheit aufdröseln. Aber vor die kritische Auseinandersetzung gehört das Handwerkszeug. Deshalb erstmal: was ist das BIP, wofür ist das gut, was wächst da überhaupt und wer hat da was von?

Beginnen wir mit der Definition: Das Bruttoinlandsprodukt misst den Wert aller Waren und Dienstleistungen, die auf dem Gebiet eines Landes im Bemessungszeitraum produziert wurden.

Klingt einfach? Der Teufel steckt im Detail.

Bei der Erhebung des Wertes aller produzierten Güter und Dienstleistungen darf nämlich nichts doppelt gezählt werden. Wenn also ein Vorprodukt in den Wert eines Endproduktes eingeht würde es zweimal gerechnet. Um diesem Problem Rechnung zu tragen, wird das BIP auf vier verschiedene Weisen erhoben:

1. Als Wert aller zum Endverbrauch produzierten Waren

2. Als Wert der auf allen Produktionsstufen geschaffenen Mehrwerte

3. Als Summe der in der Produktion ausgeschütteten Einkommen

4. Als Summe aller verschiedenen Nachfragekomponenten

Theoretisch müssen all diese Berechnungen zum gleichen Ergebnis führen, denn:

In der Praxis gibt es zwischen den Erhebungsarten natürlich erhebliche Abweichungen, denn die verschiedenen Statistiken werden an vollkommen unterschiedlichen Stellen erhoben und sind überhaupt nicht konsistent.

Nun haben wir damit bisher nur das sog. nominale BIP, also der Wert der produzierten Güter. Wachstumsabschätzungen auf Basis dieses Maßes sind insofern nicht sehr gehaltvoll, da der Wert der produzierten Güter steigen kann durch a) eine Erhöhung der Menge oder b) eine Erhöhung der Preise. Daher wird zudem das reale BIP berechnet, das um die Preisentwicklung bereinigt wird. Auf Basis dieses Maßes kann dann eine Abschätzung gemacht werden, ob eine Volkswirtschaft im Bemessungszeitraum mehr produziert hat als im Referenzzeitraum. Hat eine Volkswirtschaft bei gleichem Einsatz von Arbeit und Kapital mehr produziert, so ist sie produktiver geworden.

Um einen Vergleich über Länder oder auch über die Zeit mit einem längeren Horizont anstellen zu können, wird das BIP außerdem i.d.R. in Pro-Kopf-Zahlen umgerechnet. Denn natürlich macht es wenig Sinn zu vergleichen, ob die Handvoll Einwohner von San Marino genauso viel produziert haben, wie die über 80 Millionen Deutschen.*

Ja und warum wollen wir das wissen?

Das Bruttoinlandsprodukt wird heute oft als Wohlfahrtsmaß interpretiert und als zentrale politische Zielgröße verstanden. Betrachtet man seine Geschichte, ist die Verwendung dieses Maßes eher der beschränkten Datenverfügbarkeit und dem Mangel an messbaren Alternativen geschuldet. Die ökonomischen Vorreiter der volkswirtschaftlichen Gesamtrechnung waren eigentlich an einem Maß für das Volkseinkommen interessiert. Dieses hätte, so der (etwas zu kurz gegriffene) Gedanke, die Wohlfahrt des Landes abgebildet. Allerdings gab es hier große Hürden. Für ein aggregiertes Einkommensmaß hätten die Unternehmer die Arbeitslöhne und Arbeitsstunden, sowie ihren eigenen Kapitalertrag an eine statistische Erfassungsstelle melden müssen. Das wollten diese nicht, aus Sorge, das könne die Gewerkschaften auf den Plan rufen. Das Erfragen des Produktionswertes bot weniger politischen Zündstoff. Und enthielt ja – siehe oben – die gewünschte Information mit.

Während Ökonomen ein Wohlfahrtsmaß im Sinn hatten, ging es Politikern bei der Entwicklung der volkswirtschaftlichen Gesamtrechnung um eine zuverlässige Abschätzung der Steuerbasis. Nicht umsonst steht die Etablierung der statistischen Erfassung der wirtschaftlichen Leistung in Großbritannien und den USA im zeitlichen Zusammenhang mit der Beteiligung an Kriegen und diente damit zur Abschätzung der mobilisierbaren Mittel zur Kriegsfinanzierung. Immernoch stellt die Prognose des BIP eine wesentliche Komponente der Steuerschätzung dar.

In Deutschland wurde die Erfassung des Bruttoinlandsprodukts im Rahmen des Marshall Plans eingeführt, um ein Erfolgsmaß für den Plan zu haben. Auf dieser historischen Bedeutung als Finanzierbarkeitsmaß bzw. Erfolgsmaß fußt auch die heutige Verwendung des BIP als eine der wirtschaftspolitischen Zielgrößen. Längst sind jedoch weitere hinzugekommen: Arbeitslosigkeit, Inflation, Staatsverschuldung, Rentenniveau, Nettoexporte, Geldwertstabilität – um nur einige zu nennen. Die Politik ist, auch wenn es medial oft so klingt, nicht allein auf das BIP konzentriert. Zumal das BIP nicht direkt politisch beeinflussbar ist und auch indirekt andere Zielgrößen sehr viel eher politisch zu managen sind.

Als Wohlstandsmaß hat das BIP durchaus seine Schwächen. Es beinhaltet keinerlei Aussage über die Verteilung/Gerechtigkeit. Auch korreliert es zwar mit der Zufriedenheit, aber nicht 1:1.** Selbst wenn nur die finanzielle Situation eines Landes über die Wohlfahrt entscheiden würde, was nachweislich nicht so ist, so fehlen dem BIP gerade auch langfristigere Aspekte wie die Vermögensentwicklung, das Niveau der sozialen Sicherung, die Nachhaltigkeit mit der dieses Produktionsniveau aufrecht erhalten werden könnte.

Auch als Maß für die wirtschaftliche Leistungsfähigkeit eines Landes ist das BIP umstritten. So geht vieles, was durchaus einen Wert für die Wohlfahrt hat nicht in das BIP ein, alles nämlich, was umsonst bereitgestellt wird – Care Arbeit, Ehrenamt, kostenlose Dienstleistungen. Gerade für Entwicklungsländer ist das Maß unperfekt, weil dort das Ausmaß der Subsistenzwirtschaft hoch ist und diese, wie alle Teile der Schattenwirtschaft, nicht mit erfasst wird (das gleiche Problem weisen in diesen Ländern auch die Arbeitslosen-Statistiken auf). Dies bedeutet, dass das BIP schlecht dazu geeignet ist, die wirtschaftliche Leistungsfähigkeit eines Landes zu messen, es misst genau genommen nur die durch Steuern und Abgaben erreichbaren Teile der wirtschaftlichen Leistung. Denn was nicht bezahlt wird, wird auch nicht besteuert.

Trotz dieser Schwächen ist das Bruttoinlandsprodukt als Maß wichtig. Einerseits weil es umfassend ist, andererseits weil wir kein besseres haben, das sich trivial erheben ließe (nicht dass die BIP-Erhebung wirklich in der Praxis trivial wäre, aber sie ist zumindest möglich). Und vor allem, weil es international und über die Zeit vergleichbar ist. Niemand behauptet, das BIP sollte die einzige Zielgröße sein, es ist hierzu weder gedacht noch geeignet. Aber ohne die Erhebung des BIP stünde der Staat auch ohne Planungsmöglichkeiten dar – das genügt vermutlich schon als Legitimation.

 

*Dies übrigens eine der Schwächen des zugehörigen Wikipedia-Artikels, den ich hier aus gutem Grund nicht verlinke, weil er wirklich extrem unsauber und wenig neutral geschrieben ist, hier findet sich eine Grafik die die Länder nach dem BIP vergleicht: Und huch, Überraschung, die USA produzieren ja viel mehr als Luxemburg, WER HÄTTE DAS GEDACHT?!

** Wikipedia-Artikel-Schwäche Nr. 2: Niemand behauptet, das BIP diene der Wohlfahrtsmessung, dennoch zählt der Artikel unter ‚Alternative Maße‘ drölfzig Maße auf, die versuchen Wohlfahrt zu messen sowie einige, die versuchen, die Funktionalität von Staaten zu messen.

 

Flexible Ausgestaltung der Arbeit – ein paar Überlegungen

Ich bin derzeit im Mutterschutz und meine Arbeitgeberin sucht eine Vertretung für meine Elternzeit. Aufgrund verschiedener Umstände ist sie damit eher spät dran, so dass ich höchstens 10 Monate von 12 (inkl Mutterschutz) vertreten werden werde. Das ist für alle Beteiligten sehr ärgerlich, weil ich mein Aufgabengebiet weitgehend allein bearbeite. Somit bleibt derzeit Arbeit liegen und meine Vertretung wird sich ohne meine Unterstützung einarbeiten müssen. Ich habe ein bisschen gegrübelt, wie sich das hätte verhindern lassen können und bin darüber zu Überlegungen zur Gestaltung von modernen Arbeitsplätzen ganz allgemein gekommen:

Viele Elternteile, Väter wie Mütter, sehen sich heute in der Situation, das sie gern weiter einem verantwortlichen Job nachgehen würden, auch wenn sie – kleine – Kinder haben, ihnen aber recht klar gesagt wird: in Teilzeit geht das nicht. Ich kenne Menschen, bei denen selbst eine Reduktion auf 80% der Arbeitszeit dazu geführt hätte, dass ihnen Führungsverantwortung wieder entzogen worden wäre. Mütter werden oft -widerrechtlich – vor die Wahl gestellt 50% in einer weniger interessanten Aufgabe oder 100% im alten Job. Andere Lösungen wie etwa 65 oder 75% stehen nicht zur Debatte. Auch eine Elternzeit von mehr als zwei Monaten gilt in vielen Fällen als Garant für Nachteile im Job im Nachgang. Nachteile, die Frauen mehrheitlich dann in Kauf nehmen und die Männer mehrheitlich dazu zu bewegen scheinen, dann eben nur kurz in Elternzeit zu gehen.

Das Bedürfnis, die Wochenarbeitszeit zu reduzieren oder längere Auszeiten nehmen zu können ist aber keinesfalls auf Eltern beschränkt. Eine moderne Arbeitsumgebung sollte jeder/m Arbeitnehmer/in möglich machen, selbst Herr/in über seine/ihre Aufteilung von Arbeit und Freizeit zu sein. 

Die absehbare stärkere Automatisierung und zunehmende Digitalisierung legt außerdem nahe, dass wir zukünftig eher ein Überangebot an Arbeitskraft haben werden und dass die Arbeit noch weniger als bisher zwangsläufig ab einer festen Arbeitsstätte wird stattfinden müssen. Eine Flexibilisierung der Arbeitszeit und des Arbeitsortes würde also auch im Sinne der Arbeitgeber und des gesellschaftlichen Friedens sein.

Wie aber sollte das vonstatten gehen, wenn ja offenbar der/die einzelne so unverzichtbar ist  oder die Arbeitsabläufe so unflexibel, dass außer den Varianten „Mehr als Vollzeit, am besten immer am festen Arbeitsplatz“ und „50% an 5 Tagen a 4 Stunden und nur bei Zuarbeit, keinesfalls mit Verantwortung“ keine Ausgestaltung denkbar ist? 

Ich glaube, das Problem hängt viel damit zusammen, wie wir Arbeit und Aufgaben organisieren. Denn tatsächlich, dass ich jetzt nicht im Büro bin führt dazu, dass meine Arbeit nicht gemacht wird. Dass ich in einen Job mit Verantwortung werde zurückkehren können, auch in Teilzeit, habe ich dem Umstand zu verdanken, dass ich im öffentlichen Dienst tätig bin und dass meine Vorgesetzten mich außerordentlich zu schätzen wissen. Ich kenne auch im direkten Umfeld im öffentlichen Dienst Frauen, denen nach der Rückkehr aus der Elternzeit eine zugesagte Beförderung versagt wurde, selbst bei Rückkehr in 100%. Auch bei meinem Mann wird die Elternzeit dazu führen, dass seine Arbeit nicht adäquat fortgeführt werden wird. Für uns beide wird das bedeuten, dass wir einerseits in der Elternzeit nicht 100% raus sein werden, sondern mal schnell Mails checken, ein kurzes Telefonat und ähnliches werden vermutlich sein müssen, um unser „Hoheitswissen“ abzurufen. 

Wie könnte das besser laufen?

Ich denke, wir müssen Arbeitsplätze und Aufgabengebiete flexibler, komplementärer, weniger monolithisch sehen. Als ich meine Stelle angetreten bin, war sie mit 100% ausgeschrieben und wurde mit mir zu 75% besetzt. Obwohl ich angeboten hatte, sie auch 50-50 mit einer zweiten Person zu teilen. Es war meiner Arbeitgeberin lieber, dass ich in 30 Stunden die Arbeit von 40 Stunden mache als die Aufgaben sinnvoll auf zwei Arbeitsplätze zu verteilen, die sich ergänzen. Das führte natürlich zu erheblichem Stress für mich und gleichzeitig dazu, dass jetzt eben auch eine Lücke entsteht, die so nicht da wäre, wären wir zu zweit. Das Gedankenspiel funktioniert aber auch für 100% Stellen. Wenn ein Mitarbeiter mit einem speziellen Aufgabengebiet aufgrund von Elternzeit, Krankheit, Sabbatical ausfällt, ist seine Arbeit vakant, eine Vertretung muss mühsam eingearbeitet werden, der Übergang ist ruckelig, ein Wiedereinstieg nur unflexibel und in exakt den selben Konditionen oder gar nicht möglich. Weil wir Personen und Aufgabengebiete deckungsgleich denken. Person A macht Aufgabe X, Person B macht Aufgabe Y usw. Was wäre aber nun, hätten A und B gemeinsam X und Y verantwortet. Dann könnte einer von beiden die Vertretung des anderen problemlos einarbeiten und ggf auch kurzfristig vertreten. Das Wissen um beide Aufgaben wäre zumindest passiv verfügbar, es würde immernoch die zeitliche Kapazität, nicht jedoch das Know-How fehlen. 

Natürlich, es gäbe Abstimmungsbedarf. Das muss man einkalkulieren. Es müsste manchmal womöglich mehr gesprochen werden. Aber vielleicht gewinnt man so gleichzeitig auch verschiedene Perspektiven auf ein Problem, entdeckt evtl. Fehler früher. Und womöglich, wie krass wäre das denn, hätte man gleich zwei motivierte und engagierte Mitarbeitende. 

Kann man ja mal drüber nachdenken. Meine Arbeitgeberin wird das müssen. Denn ich kehre zunächst mit 50% zurück, in ein dann womöglich sogar gewachsenes Aufgabengebiet, mit (Personal-)Verantwortung in dem ich glücklicherweise gut und schlecht zu ersetzen bin. Und ich teile das dann auch echt gern, allein machen will ich es aber nicht. Liegt dann halt an den Chefinnen und Chefs, ob sie mir eher eine/n Assistent/in oder eine/n Kollegin/en an die Seite stellen, nicht?

Arm und reich – wie unfair ist die Welt?

Wer mir auch auf twitter folgt, der mag schon bemerkt haben, dass ich nicht direkt Fan von Statistiken zur Ungleichverteilung insb. von der OXFAM-Studie bin. Das hat einerseits damit zu tun, dass ich die Studie für methodisch fragwürdig halte. Die Messung von Vermögen ist relativ schwierig. Aber es gibt auch inhaltlich Kritik. Ich finde es sehr wichtig, ein Gefühl dafür zu haben, wie ungleich sich die ökonomischen Ausstattungen auf die Menschen verteilen. Mich stören allerdings oft die Argumente, die damit verbunden werden. Es fängt schon damit an, dass Einkommensungleichheit und Vermögensungleichheit quasi austauschbar genutzt werden. Die OXFAM-Studie z.B. erfasst Vermögen, und dies wäre, dem Titel nach auch der Auftrag eines Armuts- und Reichtumsberichts, dieser erfasst allerdings auf der Reichtumsseite vor allem Einkommen (weil Vermögen halt total schwer zu messen sind). Überhaupt wird Ungleichheit oft mit Einkommen argumentiert, bspw. das viel gerühmte Maß, wieviele Jahre ein Arbeiter arbeiten müsste für ein Managergehalt. Das ist natürlich beeindruckend, wenn da eine Zahl jenseits der 3000 steht – allein es sagt relativ wenig darüber ob der Arbeiter arm oder der Manager reich ist – denn Reichtum und Armut sind Bestandsmaße, die sich an Vermögen/Schulden, nicht an Einkommen messen, das eine Flussgröße darstellt.

Begriffliches Fachchinesisch mag man da einwenden, wenn der Manager 3000 mal mehr verdient als der Arbeiter ist das ungerecht, fertig. Und wenn die reichsten 10 Leute soviel besitzen wie die ärmsten 10 Millionen (Zahlen hier aus der Luft gegriffen) dann ist das auch ungerecht. Ja. Ist es. Aber das Zitieren solcher riesigen Unterschiede läuft vollkommen am eigentlichen Problem vorbei, in meinen Augen trägt es sogar dazu bei, dass die Gesellschaft sich nicht einer gerechteren Verteilung verpflichtet sieht. Und das ist mein Haupt-Kritikpunkt an der OXFAM-Studie und allen methodisch ähnlich gelagerten. Indem die Ungleichverteilung auf den Vergleich Superreiche gegen Superarme zugespitzt wird, indem die Einkommen des Top-Perzentils oder sogar der Top 0,1% mit denen des untersten Dezils o.ä. verglichen werden, werden all diejenigen aus der Verantwortung entlassen, denen es – nach allen Maßstäben des Wohlstands – auch ziemlich gut geht. Uns. Uns westlichen Mittelschicht-Akademikern in prinzipieller materieller Sorglosigkeit. Denn wenn es ja die Superreichen sind, die schon den ganzen Kuchen für sich haben, dann muss ich ja nix abgeben, oder? Nur sehr selten wird berichtet, wo genau die Armutslinie und das Medianeinkommen denn so liegen. Da würde sich manch einer doch wundern, dass er/sie schon deutlich über Medianeinkommen verdient, wo er/sie doch höchstens untere Mittelschicht ist und überhaupt man hört doch, gerade der Mittelschicht gehe es ja schlecht, die stehe ja kurz vor der Ausrottung. Nein! Es geht uns gut. Uns Mittelschicht im innerdeutschen Vergleich, uns Deutschen im europäischen Vergleich, uns Europäern im weltweiten Vergleich. Nicht nur die Donald Trumps, Bill Gates, Gebrüder Aldi und Spitzensportler profitieren von der Armut der Ärmsten, sondern wir alle. Es mag sein, dass die Einkommensverteilung derzeit innerhalb der Industrienationen latent ungleicher wird. Aber sie ist immernoch recht komfortabel fair im Vergleich mit der Einkommensverteilung in der Welt und mit der, der unsere eigenen Vorfahren ausgesetzt waren.

Daher: ein kurzer Blick in die Geschichte und die Welt.

Einkommens- und Vermögensungleichheit war immer ein Teil der menschlichen Gesellschaften seit wir sesshaft geworden sind. Das hat einerseits damit zu tun, dass wir quasi schon immer das Erben als Instrument der Vermögensweitergabe kannten, das fast automatisch zu einer Akkumulation des Reichtums in einer kleinen Elite führt und dass das ökonomische Schaffen schon immer auf der Bereitstellung von nicht nur Arbeit sondern auch Kapital beruhte und Kapital knapper war und ist als Arbeit. (Hierzu empfehlenswert die Folgen zur Entstehung des Kapitalismus beim Podcast „Kapitalismus mal anders“). Die Akkumulation von Reichtum unter Ausbeutung der Ärmsten war sowohl in den frühen Hochkulturen als auch im Mittelalter allgegenwärtig. Dabei war das römische Reich latent etwas fairer als sowohl Ägypten als auch das europäische Mittelalter, allerdings nur insofern als es eine gewisse Grundsicherung durch Nahrungszuweisungen gibt und als die meisten „Daten“ zu Vermögen im römischen Reich nur römische Bürger erfassen und die Ärmsten der römischen Gesellschaft natürlich Sklaven ohne Bürgerrechte waren. Ansonsten galt in Rom wie im mittelalterlichen England: eine verschwindend kleine Elite besaß alles und der Rest besaß nichts. Eine Tendenz zu etwas mehr Gleichverteilung ließ sich erst mit Etablierung eines Bürgertums erkennen, allerdings war es auch hier noch so, dass die bürgerliche Schicht klein und die bäuerliche Schicht riesig war, was sich nahtlos in die Industrialisierung übertrug. Nun war halt der Reichtum nicht mehr auf Adel und Klerus sondern auf Großindustrielle konzentriert und wuchs im Wesentlichen auf Kosten der Arbeiter anstatt, wie bisher, auf Kosten der Bauern. Aus Vermögenssicht entspricht dies sogar einer Verschlechterung der Verteilung, da in der vorindustriellen Zeit freie Bauern zwar wenig Einkommen generierten, aber zumindest Besitzer der eigenen Produktionsmittel waren, während die Industrialisierung dazu führte, dass Arbeiter nur noch ihre Arbeitskraft nicht jedoch auch das Kapital besaßen, das in Gänze in Händen weniger lag.

Auftritt: Gewerkschaften. Erst mit Entstehung des Gewerkschaftswesens, der SPD und der Verbreitung sozialistischer Ideen wurde wieder eine Grundsicherung eingeführt (die es im römischen Reich schonmal in Ansätzen gab), es entstand die Idee der Absicherung für Einkommensausfälle und der Umverteilung mittels Steuern und Transfers. Und somit sehen wir: frühestens das zwanzigste Jahrhundert brachte uns erstmals eine als gerechter zu bezeichnende Verteilung von Vermögen und Einkommen. Wesentlich sogar erst die Nachkriegszeit, in der es einfach so verdammt gut lief, dass es leicht war, in großem Umfang umzuverteilen. Es gab nicht viele Rentner (die waren praktischerweise im Krieg gefallen oder so krank durch die Produktionsbedingungen, dass sie nur wenige Jahre der Rente erlebten), so dass aus moderaten Beiträgen eine auskömmliche Rente zu finanzieren war. Hohe Steuern konnten durchgesetzt werden, weil die Gewinne in den Jahren des Wirtschaftswunders sprudelten. Und die Sozialkassen schwammen im Geld, da nur wenige Arbeitslose zu versorgen waren (hohe Arbeitsnachfrage, geringe Erwerbsbeteiligung der Frauen).

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Quelle: de.wikipedia.org/wiki/Datei:Lorenzkurve_Deutschland.jpg

Aber, auch der schönste Boom ist mal vorbei und entsprechend begann das Sozialsystem zu bröckeln, die Arbeitslosigkeit stieg, die Einkommen sanken. Das Ganze wurde natürlich verschärft dadurch, dass das Kapital sich produktivere Einsatzorte suchte und die Industrieproduktion sich nach Asien, Südamerika und in den geöffnete Ostblock verlagerte. Das hat nicht nur Job-Verluste nach sich gezogen, sondern auch bewirkt, dass der Zugriff auf das Kapital für den Staat sehr viel schwerer wurde und Instrumente wie Vermögenssteuer und Steuer auf Kapital weitgehend zahnlos wurden. Indes hat sich unser Lebensstandard durch diese Entwicklung keinesfalls verschlechtert. Das Pro-Kopf-Einkommen und der Pro-Kopf-Konsum liegen in Westdeutschland heute preisbereinigt um ca. das fünffache höher als in den 1950er Jahren. Auch in Ostdeutschland ist seit 1991 das Einkommen immerhin um etwa ein Fünftel angestiegen. Gleichzeitig ist die durchschnittliche Lebenserwartung massiv angestiegen, auch die Kaufkraft der Einkommen ist heute viel höher. Für den gleichen Warenkorb, für den ein Arbeiter 1950 eine Stunde arbeiten musste, arbeitet ein Arbeiter 2008 nur noch 11 Minuten.

Allerdings flacht der positive Trend in der Einkommensentwicklung ab. Was vollkommen normal ist, kein Land kann auf ewig mit Raten von jenseits der 5% wachsen, denn wer soll denn all das produzierte kaufen? Wir haben nur 24 Stunden am Tag und durchschnittlich 80 Jahre an Lebenserwartung, um auch wieder zu konsumieren, was wir erwirtschaften. Solang Mangel an allem herrscht, wie nach dem Krieg, wächst die Nachfrage. Eine Gesellschaft, die schon alles hat, kann sich nicht selbst immer dicker füttern. Und die Auslandsnachfrage, die Deutschland ohnehin schon seit Jahrzehnten über Wasser hält, kommt auch irgendwann an ihre Grenzen.

Und damit kommen wir zum zweiten wichtigen Vergleich: es geht uns nicht nur historisch gut, sondern auch gemessen am Rest der Welt.

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Quelle: https://commons.wikimedia.org/wiki/File:2013_Gross_National_Income_GNI_per_capita_Purchasing_Power_Parity_PPP_per_World_Bank,_India_compared.svg

Genau genommen leben wir vom Konsum des Rests der Welt und leisten uns unseren verschwenderischen Konsum aufgrund der geringen Einkommen im Rest der Welt. Schon im europäischen Vergleich sind wir zwar nicht – wie wir es bestimmt alle gern wären – die Spitzenreiter, aber belegen eine komfortable Position im oberen Drittel der Verteilung der Nettohaushaltseinkommen. In der Welt liegt wiederum Europa neben den USA an der Spitze und nach unten ist das ganze quasi offen ins Bodenlose. Die deutschen Einkommen sind außerdem gleicher verteilt als im Schnitt des Euroraums, im europäischen Vergleich liegen wir im Mittelfeld, das oberste Quintil der deutschen Einkommen ist etwa 4,5 mal so hoch wie das unterste Quintil, verglichen mit dem gerechtesten Land Norwegen, das ein Verhältnis von 3,2 aufweist und dem ungerechtesten Land Lettland, das ein Verhältnis von 7,3 hat. Ich möchte keinesfalls den Eindruck erwecken, dass es Armen in Deutschland zu gut gehe. Es ist bedenklich und erschreckend, dass in bestimmten Gruppen, ganz besonders unter den Alleinerziehenden das Armutsrisiko so hoch ist.

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Quelle: http://www.destatis.de/DE/ZahlenFakten/GesellschaftStaat/EinkommenKonsumLebensbedingungen/EinkommenEinnahmenAusgaben/EinkommenEinnahmenAusgaben.html

Allerdings bringt es auch hier nichts mit dem Finger auf die 1% Reichen zu zeigen. Viel eher muss man sich fragen, wie ein Sozial- und Steuersystem gestaltet sein sollte, um das Armutsrisiko zu senken. Und das bedeutet im Kontext der Alleinerziehenden vielleicht nicht steuerfinanzierte Transfers sondern gute flexible Betreuungsangebote, finanzierbarer Wohnraum, bessere Absicherung gegen Altersarmut. Und solche Umstrukturierungen müssten alle mittragen. Nicht nur die Superreichen.

Und was entsetzlich vielen, auch gebildeten, nicht bewusst ist, Armut ist aus ökonomischer Sicht ein relatives Konzept. Die Armutslinie orientiert sich am Medianeinkommen. In Deutschland gilt als arm, wer unter 40% des Medianeinkommens hat (das sind derzeit etwa 700€/Monat). Diese Art Armut zu messen ist auch vollkommen richtig. Allerdings mag dadurch in Vergessenheit geraten, dass ein armer Mensch in Deutschland pro Monat weit mehr Einkommen hat, als ein armer Mensch in Afrika (bspw. liegt die Armutsgrenze in Namibia derzeit bei 35€/Monat). Anders kann ich mir zumindest nicht erklären, dass auch durchaus gebildete Menschen sehr überrascht reagieren, wenn sie z.B. bei einer Reise nach Afrika damit konfrontiert werden, wie wenig vergleichbar die Lebensverhältnisse z.B. der Mittelschicht dort und hier sind. Und ich finde, genau diese Unterschiede müssen wir uns vor Augen führen. Ein recht einprägsamer Weg, dies zu tun sind z.B. Fotoprojekte wie dieses, die durchschnittliche Familien rund um die Welt mit all ihrem Besitz zeigen. Denn da wird dann schnell deutlich, was Unterschiede im Lebensstandard bedeuten. Hat die Familie z.B. ein Fortbewegungsmittel? Gibt es Bücher? Spielsachen?

Und berücksichtigt man dann noch, dass wir von genau diesen Unterschieden massiv profitieren. Denn nur solang der Lebensstandard in Afrika derart niedrig ist, können wir tropische Früchte, Kakao und Kaffee zu erschwinglichen Preisen kaufen und dabei noch etliche Zwischenhandelsstufen mit alimentieren. Nur solang einer Familie in Bangladesh nur ein Fahrrad für alle zur Verfügung steht, können wir T-Shirts für 10€ kaufen und dabei der Verkäuferin Mindestlohn garantieren und dem Konzern einen satten Gewinn. Dass bei uns überhaupt jemand sich das immense Konsumlevel, die Verschwendung und die geplante Obsoleszenz von einem durchschnittlichen Einkommen leisten kann, liegt daran, dass für so gut wie keines seiner Konsumgüter ein Lohn gezahlt wurde, der hier auch nur erwähnenswert wäre.

Und das ist in meinen Augen wichtiger als die Frage das BIP wievieler kleiner Entwicklungsländer Bill Gates verdient oder Neymar als Ablöse wert ist. Denn mit dem Finger auf Superreiche zu zeigen ist so unendlich viel einfacher, als selbst seinen Konsum einzuschränken und dafür z.B. nur noch Fair Trade zu kaufen.

Deprimierendes aus der Hochschullandschaft: der Bundesbericht Wissenschaftlicher Nachwuchs

Im Februar ist der jüngste „Bundesbericht Wissenschaftlicher Nachwuchs“ erschienen. Diese Studie erscheint alle 4 Jahre herausgegeben vom Bundesministerium für Wissenschaft und Forschung, erstellt durch eine Expertengruppe. Der Bericht erfasst in Zahlen die Gruppe der sog. Nachwuchswissenschaftler*innen und geht in Schwerpunktkapiteln auf diejenigen Entwicklungsfelder ein, die gemäß Medienrezeption und Angaben der Gruppe selbst als besonders maßgeblich wahrgenommen werden.

Eine Zusammenfassung in englischer Sprache findet sich in diesem Artikel: Age old problems – Fixing Germany’s academic pipeline
Ich habe den Bericht aus beruflichen Gründen durchgearbeitet und mir sind zwei Dinge ganz besonders aufgefallen, die ich hier mal ohne Anspruch auf Vollständigkeit niederschreibe, und die mich sehr deprimiert haben:

  1. Mit Vollgas vor die Wand

Dass es nicht unbedingt wahrscheinlich ist, Professor*in zu werden, das ist den meisten jungen Wissenschaftler*innen vermutlich in der großen Mehrheit schon zu Beginn der Promotion klar. Das ist auch eigentlich überhaupt nicht weiter schlimm, es ist auch nicht sehr wahrscheinlich Manager*in zu werden. Und auch gar nicht jede*r will das. Weder Manager noch Professor ist allein glückseligmachend für jede und jeden, die irgendwo unten in die jeweilige Organisation einsteigt. Das Problem in der Wissenschaft ist jedoch, dass das gesamte System in seinem Aufbau und vor allem seiner Kommunikation so tut, als sei Professor*in das einzige Karriereziel, dass sich für junge Promovend*innen ergibt. Nun. Ist es nicht. Statistisch gesehen ist es sogar eine ziemliche Kuriosität, wenn am Ende der sog. wissenschaftlichen Qualifikationsphase, die sich aus Promotion und Habilitation zusammensetzt, die Berufung auf eine Lebenszeitprofessur steht. Nur etwa 8% der ehemaligen Promotionsstudierenden wird am Ende Professor*in – mit einer erheblichen Streuung über die Fachgebiete.

Dennoch wird die Professur als der Normweg und jeder andere, sehr viel wahrscheinlichere Weg als „Alternativer Karriereweg“ gesehen. Aus persönlicher Erfahrung kann ich sagen, dass das „alternativ“ im Sprachgebrauch vieler Professor*innen dabei eine erheblich negative Konnotation in Richtung „Verlierer“ hat. Dabei stellt die Promotion in den meisten Fächern durchaus eine solide Basis für eine ganze Reihe anderer Karrierewege dar. Diese sind aber weit überwiegend außerhalb des Wissenschaftssystems angesiedelt. Nur 17% der Promovierten in Deutschland arbeiten heute noch im Sektor Forschung und Entwicklung (öffentlich und privat) – das ist für mich die eigentlich erschreckende Zahl. Wir qualifizieren den weit überwiegenden Teil der jungen Wissenschaftler*innen vollkommen an ihrem zukünftigen Berufsfeld vorbei und verschenken damit erhebliches Potenzial. Im internationalen Vergleich ist diese Quote wirklich unterdurchschnittlich.

Denn im Umkehrschluss muss man dann ja sehen, wer die Forschung und Wissenschaft und akademische Lehre denn macht – in der weit überwiegenden Zahl Promovierende, die befristet beschäftigt und mit unklarer Berufsaussicht vermutlich nicht direkt für Kontinuität im Feld sorgen. Jede*r einigermaßen aufgeweckte Personalentwickler*in würde ob dieser miserablen Verbleibequote die Hände über dem Kopf zusammenschlagen und „Zeter und Mordio“ schreien – soviel totes Kapital. Humankapital. Aber wie könnte dieses Humankapital gebunden werden. Durch die Schaffung weiterer Lebenszeitprofessuren im Beamtenverhältnis? Das ist dann doch ein kostspieliger und ineffizienter Weg. Und, wie ich aus internen Diskussionen hörte „Es kann ja nicht nur Häuptlinge geben“ – will sagen, lauter Könige ohne Reich täten dem dt. Wissenschaftssystem wohl kaum gut. Und ein König ist ein deutscher Professor. Mit kleinem, wohl umzäuntem Königreich, nur sich selbst gegenüber zur Rechenschaft verpflichtet und mit Leibeigenen gesegnet.

Also: lauter Promovierende die nach durchschnittlich 4,5 Jahren die Universität verlassen, ihr Know-How mitnehmen und oft nicht mal mehr woanders sinnvoll einsetzen (ja, ich weiß, ich sitze im Glashaus.) sind kein Garant für Kontinuität und gutes Wissensmanagement und haben auch wenig Anreiz, Forschung zu machen, die ihre Früchte wohl erst nach vielen Jahren tragen wird. Mehr Professuren, dann mit geringerer Mitarbeiterausstattung sind wohl auch nicht das Wahre. Teuer, unflexibel und mit nur geringen Anreizen zur wissenschaftlichen Produktivität ausgestattet. Die Lösung, die Mitte, die Alternative liegt auf der Hand und existiert international in vielen wissenschaftlich erfolgreichen Ländern: DER PROFESSIONELLE WISSENSCHAFTLER. In Deutschland ein Exot, eine Stellenkonstruktion die es nur selten gibt. 93% der wissenschaftlich Beschäftigten an Hochschulen und immerhin 84% derer an außeruniversitären Forschungseinrichtungen sind befristet beschäftigt. Dabei liegt der Anteil der Verträge mit einer Laufzeit von weniger als einem Jahr, allen Bemühungen des WissZeitVG zum Trotz bei etwa 50%. Eine derart hohe Befristungsquote gibt es in keinem anderen Wirtschaftssektor. (die zweithöchste Befristungsquote hat übrigens der öffentliche Dienst außerhalb der Hochschulen) Dass die Lösung ist, mehr Wissenschaftler auf Dauer aber ohne Lebenszeitprofessur zu beschäftigen, wird von vielen Akteuren in der Wissenschaftspolitik gesehen, aber durch die Hochschulen vehement abgelehnt. Ein deutlicher Kurswechsel zeichnet sich nicht ab.

Und die Nachwuchswissenschaftler*innen selbst? Sind irgendwie trotz Kenntnis dieser Fakten naiv bis zweckoptimistisch. Derzeit kommen statistisch gesehen auf eine Neuberufung fünf abgeschlossenen Habilitationen – na wenn das mal keine geradezu naive Grundeinstellung gegenüber der eigenen Perspektivlosigkeit ist, dann weiß ich es auch nicht.

2. Akademische Kinderlosigkeit

Noch viel mehr als die Zahlen zur Befristungsquote und Ausstieg aus der Wissenschaft, hat mich der Abschnitt zur Vereinbarkeit von akademischer Karriere und Familie erschreckt. Denn eigentlich ist der Wissenschaftsberuf im Alltag ein guter Beruf um ihn mit aktiver Elternschaft zu verbinden. Weitgehende Freiheit in der Wahl von Arbeitszeit und Arbeitsort macht es Wissenschaftlern relativ einfach, Elternschaft zu leben. Dennoch ist die akademische _Karriere_ ausgesprochen schlecht mit Elternschaft vereinbar. Mangelnde Planbarkeit der beruflichen Entwicklung trifft altersmäßig exakt auf die eigentlich der Familiengründung entsprechenden Phase im Leben. Aus diesem Grund schieben – so der Bericht – erheblich viele junge Wissenschaftler*innen ihren Kinderwunsch auf. Und zwar für immer.

An sich ist der Kinderwunsch unter kinderlosen Wissenschaftler*innen hoch: 80% der unter 30-jährigen, 70% der 30-40jährigen und 45% der 40-50jährigen Kinderlosen beider Geschlechter geben an, eine Familie gründen zu wollen. Aber sie tun es nicht. Als Gründe werden angegeben:  zu geringe Planungssicherheit, fehlende berufliche Etablierung und finanzielle Unsicherheit. Demgegenüber spielen ein Fokus auf die eigene Karriere und das Fehlen einer stabilen Partnerschaft nur eine untergeordnete Rolle. Und am Ende bleiben Wissenschaftler*innen weit überdurchschnittlich oft kinderlos: die endgültige Kinderlosigkeit ist unter Nachwuchswissenschaftler*innen mit 42% erheblich höher als in der Vergleichsgruppe (gleiche Kohorte, gleicher Bildungsgang bis zum Studienabschluss) mit 25%. Fast doppelt so hohe endgültige Kinderlosigkeit. Wie absolut desaströs! Und dennoch nicht gänzlich unbegründet. Nicht umsonst sind – wie ich – im Wissenschaftsmanagement weit über 50% Frauen tätig, denn wem am Kinderwunsch liegt, oder wer bereits eine Familie hat, für den ist eine wissenschaftliche Laufbahn nur noch dann möglich, wenn der/die Partner/in weitgehend räumlich und zeitlich flexibel ist. Also der Klassiker Prof+Lehrerin… Wer aber eine gleichberechtigte Aufteilung von Care-Arbeit anstrebt oder womöglich zu zweit im Wissenschaftsbetrieb ist – ja da wird es dann schon schwer. Nicht unmöglich, ich kenne durchaus Beispiele, wo auch das geklappt hat – aber sicher nicht ohne ziemlich viel Willen, Frustration, Verhandlungen und oft auch finanziellen Einsatz für Kinderbetreuung außerhalb klassischer Kita-Zeiten.

Tatsächlich, so der Bundesbericht, berichten beide Geschlechter, insb. aber Frauen von einer Diskriminierung aufgrund ihrer Entscheidung für Kinder. So erleben 32% der Frauen seit sie Mütter sind eine geringere Wertschätzung ihrer akademischen Leistungen, 11% eine geringere Förderung durch Vorgesetzte. Und das obwohl junge Wissenschaftler*innen kaum bis gar nicht im Job aussetzen. Die Arbeitszeitunterbrechung bei Elternschaft ist bei Nachwuchswissenschaftlern/innen wesentlich kürzer als im Durchschnitt der Bevölkerung. Frauen unterbrechen zu 58% ihre Erwerbstätigkeit nur für 6 Monate oder kürzer, nur 10% unterbrechen für länger als 1 Jahr, Väter nehmen mehrheitlich nur 1 Monat Elternzeit. Ich finde das sind alles in allem deprimierende Zahlen.

Die Problematik der Vereinbarkeit ist nur eine Facette der immernoch recht schleppenden beruflichen Gleichstellung von Frauen in höheren Positionen des Wissenschaftssystems. Hierzu mache ich in letzter Zeit auch einige interessante Beobachtungen, die reichen aber locker für einen eigenen Blogpost.
Alle Zahlen in diesem Post sind dem Bundesbericht Wissenschaftlicher Nachwuchs 2017 entnommen.

 

Schwarzarbeit in deutschen Haushalten – wiesu denn bluß?

Das IW hat vor zwei Wochen eine Studie zur Schwarzarbeit in deutschen Haushalten vorgelegt, die breit in der Presse rezipiert wurde (hier, hier, hier). Die Studie kommt zu dem wenig überraschenden Ergebnis, dass mindestens 75% der Haushaltshilfen in Deutschland nicht angemeldet sind. Und das trotz relativ einfachem Anmeldeverfahren für haushaltsnahe Dienstleistungen, Absetzbarkeit und und und. Dadurch entgeht dem Staat sehr viel Geld. Relativ schwammig verbleibt die Studie zu den Gründen dieses Phänomens. Bzw. werden Gründe genannt, diese sind aber scheinbar teilweise nur gemutmaßt nicht erforscht worden: im Großen und ganzen sei das Beschäftigen einer nicht angemeldeten Putzhilfe quasi das schweizer Bankkonto des kleinen Mannes. Und der Staat müsse daran arbeiten, dass Schwarzarbeit nicht als Kavaliersdelikt gelte. Es gäbe gar kein Unrechtsbewusstsein. Ich habe insgesamt die eine oder andere Anfrage zur Methodik der Studie. Die Abschätzung des Anteils der schwarz Beschäftigten Haushaltshilfen wird geschätzt basierend auf der sehr großen Differenz zwischen den Angaben über „beschäftigen Sie eine Haushaltshilfe?“im sozioökonomischen Panel (SOEP) sowie der Zahl der Minijobber und regulär Beschäftigten in Privathaushalten aus der Statistik der Bundesagentur für Arbeit. Dies vernachlässigt in meinen Augen 1. dass eine als Minijobberin angemeldete Haushaltshilfe in mehreren Haushalten tätig sein kann und oft wird (bei Mindestlohn und 4 Std/Woche verdiente sie nämlich nur ca. 200€ in einem einzelnen Haushalt) – auch ist mir 2. undurchsichtig wie Selbstständige und Beschäftigte bei Putzdienstleistern hier berücksichtigt sind, denn diese Arbeiten ja sowohl in Privathaushalten als auch in Firmen und das wird sicher nicht disaggregiert erfasst. Des Weiteren werden alle folgenden Auswertungen zu Akzeptanz, Sonstigem Beschäftigungsstatus, Gründen usw. basierend auf einer europäischen Befragung ausgewertet. Die einerseits alle Branchen (also auch das erheblich Schwarzarbeits-durchsetztere Baugewerbe) und andererseits alle EU-Länder umfasst. Und so bin ich doch skeptisch, dass man davon so einfach auf die Situation der Haushaltshilfen rückschließen kann. Und schließlich: die Studie schreibt zwar viel über Gründe, die zitierte Datenlage ist aber dünn und stützt nur teilweise die genannten Gründe (kein Unrechtsbewusstsein, geringere Kosten).

Nun. Das mit dem Unrechtsbewusstsein mag stimmen. Ich bin dann doch auch hin und wieder erstaunt, dass man bspw. in einem Raum voll Lehrer etliche findet, die nichts dabei finden, ihre Putzfrau schwarz zu beschäftigen, obwohl sie selbst aus Steuergeldern finanziert werden. Allerdings wird in der Studie selbst eine Umfrage zitiert nach der mindestens 2/3 der Deutschen Schwarzarbeit im Haushalt für nicht tragbar halten.

Was mir am allerdeutlichsten fehlt und als einzige Möglichkeit erscheint, das Problem anzugehen und sinnvolle Politikempfehlungen abgeben zu können ist eine Befragung von Haushalten und Putzhilfen, die folgende Fragrn klärt:

– Hat der Haushalt versucht eine legale Putzhilfe zu finden?

– Geschieht die Nicht-Anmeldung auf Wunsch der Haushaltshilfe oder des Haushaltes?

– Hat die Haushaltshilfe mehr als einen Putzjob?

– Hat die Haushaltshilfe noch einen Hauptjob?

Denn bevor man mit Schweizer Bankkonten vergleicht, sollte man sich den Markt mal genauer anschauen. Ich habe natürlich auch keine Erhebung gemacht, aber mir scheint es so, dass es für die Kategorie „Haushaltshilfe abhängig beschäftigt im Privathaushalt“ eigentlich kaum Angebot gibt. Es gibt schwarz arbeitende Puttzfrauen, die einen Stundensatz von 10-12 € die Stunde nehmen aber selbst wenn man die Sozialversicherungskosten noch oben drauf legen würde nicht bereit wären, angemeldet zu arbeiten. Dann gibt es wenige selbstständig tätige Putzhilfen. Und Dienstleister, die 16-20€/Std plus Anfahrt nehmen, oft sehr stark fluktuierendes Personal schicken und diesem dann aber nur den Mindestlohn zahlen und somit einen ca. 100% Aufschlag auf das Gehalt der Putzfrau einstreichen. Ich kenne viele Familien die sehr intensiv versucht haben, eine Haushaltshilfe zu finden, die als Minijobberin arbeiten will und keine gefunden haben.

Warum nur wollen denn die Haushaltshilfen schwarz arbeiten? Dazu sagt die Studie wenig. Für Schwarzarbeit insgesamt wird angegeben: keinen anderen regulären Job gefunden, das machen doch alle so und es profitieren doch beide davon. Ich halte das nicht für trivial auf die Haushaltshilfen übertragbar. Vielmehr ist die Realität doch: die meisten gehen entweder zusätzlich zu einem Hauptjob oder zusätzlich zu einem anderen 400€ Job putzen. Und sie haben mehr als einen Haushalt als Arbeitgeber. Das bedeutet, entweder müssen sie jeden Monat akribisch darauf achten in Summe nicht über 400€ Verdienst zu kommen, oder falls Sie darüber kommen oder noch einen anderen 400€-Job haben, müssen sie die Einnahmen versteuern und dann eine Steuererklärung machen, um vermutlich einen großen Teil der Steuern zurückzubekommen. Wir reden hier aber von Menschen, die so wenig mit dem Geld über die Runden kommen, dass sie zusätzlich noch putzen gehen. Da wiegen die Argumente „bezahlter Urlaub“, „Unfallversicherung“ und „soziale Absicherung“ sehr viel weniger als der Euro direkt in der Tasche und kurz danach an der Supermarktkasse. Da ist die Aussicht auf  eine evtl. Steuerrückerstattung nach gemachter Steuererklärung exakt nichts wert wenn ab dem 20. das Geld zum Essen kaufen knapp wird. Und da ist das exakte Plänen der aufsummierten Monatseinnahmen vielleicht auch einfach schon zu viel. Da hilft wenig, dass es für Haushalte sehr einfach ist, eine Haushaltshilfe anzumelden und von der Steuer abzusetzen, wenn dieses Ansinnen einfach an der Realität der Haushaltshilfe vorbei geht. Und wer dann nicht doppelt so viel für einen Dienstleister zahlen will, der beißt halt in den sauren Apfel.

Was wäre in diesem Szenario also die Politikempfehlung? Dafür sorgen, dass man in der Regel von einem Job leben kann. Für Geringverdiener den zweiten Job unbürokratischer machen. Beratung zu Zweit- und Nebenjobs anbieten. Vermittlung anbieten.

 

Leser fragen, Milchmädchen antwortet: Arbeitskampf 4.0

Schon ganz zu Beginn dieses Blogs fragte mich mein treuer Leser F.: “ Warum gibt es keine „richtigen“ Streiks mehr? Warum wird, wenn überhaupt, nur noch in quasi-monopolistischen Märkten gestreikt (Bahnstreik, Fluglotsenstreik etc.)? Und: Sind Fälle wie der derzeitige Heckmeck von VW mit seinen „Zulieferern“ der „neue“ Arbeitskampf?“

Sozialökonomik ist relativ weit entfernt von meinem Kerngebiet und daher habe ich zwar einiges zu dieser Frage recherchiert, aber sie ein wenig auf die lange Bank geschoben. Ich ließ einige perfekte Aufhänger wie etwa den Streik der Piloten der Lufthansa und eurowings links liegen. Aber ich muss dann jetzt doch mal „zusammenschreiben“, wird ja auch alles nicht besser. Ich erlaube mir allerdings eine etwas weiter gefasste Antwort, indem ich ganz allgemein modernes Gewerkschaftshandeln, Mitbestimmung und modernen Arbeitskampf zusammenfasse.

Zunächst mal: es stimmt nicht, dass heute weniger gestreikt wird. Im Gegenteil. Es wird sogar öfter und mehr gestreikt. Dennoch würde ich die Auffassung teilen, dass Streiks nicht mehr so bestimmend und deterministisch zur Arbeitswelt gehören. Aus den 80ern und 90ern erinnert man sich an monatelange Metaller-Streiks, sowas gibt es kaum noch. Stattdessen dominieren in der öffentlichen Wahrnehmung die Streiks im Verkehrswesen wie bei den Lokführern und den Piloten. Und das sind jeweils Streiks die selten in der Hauptsache um Tarifeinigung gehen.

Was steckt also dahinter?

Einerseits ganz simpel: der Strukturwandel. Der Anteil der Beschäftigten in Branchen mit traditionell hohem Streikpotential wie Metallindustrie, Automobilbranche, Bergbau ist einfach deutlich zurückgegangen. Es gibt den „Arbeiter“ einfach nicht mehr ganz so ausgeprägt (so stereotyp gab es ihn vermutlich nie, aber ihr versteht mich, oder?) und weit verbreitet. Die Dienstleistungsbranche hat im Beschäftigtenanteil erheblich zugelegt und wird auch bestreikt, aber der Grad der Gewerkschaftsorganisation ist hier geringer, teilweise ist das mit dem Streikrecht oder -willen auch schwierig, wie etwa in Teilen des öffentlichen Dienstes, bei den Erzieherinnen und in der Pflege. Auch gibt es hier weniger Flächentarifverträge, so dass auch einfach nicht immer die große Medienwirksamkeit möglich ist.

Dann kommt hinzu, dass Zeitarbeiter*innen in der Regel nicht an Arbeitskämpfen teilnehmen (können). Zwar sind sie, theoretisch, von Verdi repräsentiert, aber wer sich schon für nächsten Monat um seinen Job sorgen muss, kommt eher nicht auf die Idee zu streiken. Das federt dann wiederum die Effektivität von Streiks ab, denn da der Anteil der Zeitarbeiter*innen steigt, sind eben dann auch immernoch viele da, die weiter arbeiten. Und das in der Regel zu schlechteren Bedingungen und mit deutlich weniger Freiheiten. Auch alle in sog. irregulären Arbeitsverhältnissen, also 400-Euro-Jobs, Kurzzeitverträge, Werkverträge, Praktikanten und Werkstudenten werden sich eher nicht an Streiks beteiligen. Sie sind nicht von dem was da verhandelt wird betroffen und wollen Chancen auf eine Übernahme nicht aufs Spiel setzen. Auch der Anteil dieser Beschäftigungsverhältnisse nimmt stetig zu. 

Hinzu kommt, dass die Globalisierung den großen Unternehmen eine zeitweise Kompensation durch ausländische Standorte erlaubt – das geht zwar nicht ewig und auch je nach Spezialisierung der einzelnen Standorte gar nicht, es kann sogar sein, dass ein Ausfall an einem Standort zu weltweiten Engpässen führt, aber manchmal mag das mit reinspielen.

Ich habe aber zudem auch den Eindruck, den F. auch äußert, dass der klassische Arbeitskampf sich einfach überlebt hat. Das liegt, in meinen Augen daran, dass die Gewerkschaften den Anschluss an die Entwicklungen auf dem modernen Arbeitsmarkt verloren haben. In meiner Wahrnehmung haben die Gewerkschaften, genau wie übrigens die SPD, lang auf ein ziemlich krankes Pferd gesetzt. In der Blüte des Industriestandortes Deutschland, waren Gewerkschaften in der „Arbeiterschicht“ allgegenwärtig. Es gab Arbeitersportvereine, Arbeiterzeitungen, Arbeiterwandervereine und Konsumgenossenschaften. Eine grundsätzliche ideologische Prägung war damit sehr viel selbstverständlicher. Diese Entwicklung hat sich abgeschwächt und schleichend aber kontinuierlich waren die Gewerkschaften bloß noch auf ihre Rolle in Tarifkonflikten beschränkt, die „Arbeiterkultur“ insgesamt hingegen verblasste. Wer mag sich heute noch gern als „Arbeiter“ bezeichnen? Man ist evtl. mit dem Betrieb identifiziert („Opelaner“ fallen einem hier im Ruhrgebiet da ein), aber mit der ganzen sog. Klasse? Mag denn überhaupt noch wer, möglicherweise gar mit Stolz, von der Arbeiterklasse sprechen? Das klingt dann doch arg angestaubt und würde selbst bei der Linkspartei niemand mehr in den Mund nehmen. Ohne diese Identifikation ist aber auch der Gewerkschaftsbeitritt nicht mehr so naheliegend, die Streikbeteiligung nicht mehr so zwingend. Auch dachten oder denken Gewerkschaften eben viele Formen der Beschäftigung kaum mit. Zeitarbeiter*innen werden eher als Feinde denn als Klientel verstanden. Auch sind die Gewerkschaften lange Zeit vehemente Gegner jeder Form von Globalisierung gewesen und haben nicht gesehen, dass ein Einsatz für hohe Arbeitsstandards auch im Ausland vielleicht zielführender gewesen wäre um die Auslagerung von Arbeitsplätzen zu verhindern, als das sympathisieren mit Zöllen und Einfuhrbeschränkungen. Und Freelancer, Clickworker, … werden ohnehin von den Gewerkschaften weder gesehen noch vertreten, weil einfach auch die Verhandlungsformate ggü. dieser Form der kurzfristigen Beschäftigung dinosaurieresk daherkommen und kaum angemessen sind. So hat sich ein Teil des heutigen Proletariats (um mal bewusst diesen Begriff zu wählen) von der Welt der Gewerkschaften und des Arbeitskampfes so weit entfernt, dass diese Klientel wohl auch kaum noch zu erschließen ist.

Durch die Verbandelung mit der SPD, die sich auch in den letzten 15 Jahren nicht direkt um die Rechte der ärmeren und armen Schichten verdient gemacht hat, sondern ebenfalls an der Stammkundschaft festhielt, die heute dann eher Rentner sind und gleichzeitig mit der Agenda 2010 viele lang gediente Wähler verprellte, haben sich die Gewerkschaften wohl zusätzlich ins Abseits befördert.

So finden heute Lohnfindungen oft individuell und außerhalb der Reichweite von Betriebsräten und Gewerkschaften statt und den Gewerkschaften stirbt die Mitgliedschaft davon. Derweil sind diejenigen Streiks, die es dann doch zu bundesweiter Berühmtheit schaffen oft eben keine Tarifkonflikte. Sondern Machtkämpfe zwischen Spartengewerkschaften um das Verhandlungs- und Repräsentationsrecht, wie etwa bei den letzten Lokführerstreiks und auch bei Teilen der Pilotenstreiks oder um Arbeitsbedingungen wie bei Amazon. Diese Streiks sind dann zwar öffentlichkeitswirksam, aber teilweise der Öffentlichkeit schwer zu vermitteln, denn es geht eben um komplexeres als „mehr Lohn“. Und diese Streiks betrafen dann auch stets Märkte, wo tatsächlich ein Umdisponieren für die Arbeitgeber schwierig ist (Piloten, Fluglotsen, Lokführer) – denn nur in solchen Konstellationen lässt sich überhaupt noch ausreichend Drohpotential entfalten.

Deutschland liegt im europäischen Vergleich übrigens ziemlich weit hinten was die Ausfalltage anbelangt, das ist aber keine neue Entwicklung, sondern war schon immer so.

 

 

 

 

 

 

 

Gibt es weibliche Ökonomie?

Schon seit der Existenz dieses Blogs umkreise ich die Frage, ob ich wohl mal etwas über feministische Ökonomik schreiben sollte. Ich bin in dem Thema extrem gespalten und scheue auch ein wenig das dünne Eis. Allerdings tauchen immer wieder so kleine Anlässe auf, die ich nicht einfach wegignorieren will. So zum Beispiel ganz akut die vorletzte Folge des Lila-Podcast in der die Frage anklang, ob eine höhere Repräsentanz von Frauen in Führungsposition auch einen weiblicheren Führungsstil mit sich bringt. (Personal note: I doubt)

Wie ist das also mit den Frauen und der Ökonomie? Machen wir der Einfachheit halber eine Unterteilung in zwei Felder: 1. Die Berücksichtigung von Frauen/Feminismus in der ökonomischen Theorie sowie 2. die Rolle von Frauen in der Ausgestaltung des Wirtschaftslebens  – auch wenn beide Felder nicht ganz klar zu trennen sind.

Man liest im Allgemeinen in Wirtschaftsmedien, Wirtschaftsblogs, Wirtschaftszeitungen usw. wenig über und wenig von Frauen. Viele Ökonominnen finden auch, man lese in wirtschaftswissenschaftlicher Fachliteratur zu wenig über Frauen. Ohnehin liest man in wirtschaftswissenschaftlicher Fachliteratur zu wenig von Frauen, da Frauen unter den Spitzenforschern des Gebietes eher selten sind. Es gibt z.B. noch weniger Frauen, die einen Nobelpreis für Wirtschaftswissenschaften bekommen haben, als in Physik. (Fairerweise sei dazugesagt, dass der Preis in Physik schon erheblich länger vergeben wird als der in Wirtschaft) Es ist also klar, dass die Stimme von Frauen nicht unbedingt prägend in die ökonomische Theorie und ökonomische Analyse eingegangen ist. Dieser Umstand wird in schöner Regelmäßigkeit auch von namhaften Ökonomen kritisiert (bspw. hat der Entwicklungsökonom Owen Barder die Initiative #nomaleonlypanels ins Leben gerufen, die männliche Wissenschaftler dazu auffordert ein Versprechen abzulegen, nicht in reinen Männerpodien zu sprechen und der sich mittlerweile über 1000 Wissenschaftler angeschlossen haben.) Dennoch ist hier noch viel zu tun, denn z.B. der Weltbank stand bisher, ebenso wie der Bank für Internationalen Zahlungsausgleich, der EZB und der Bundesbank noch nie eine Frau vor. Und dass Deutschland im Jahr 2017 erstmals eine Wirtschaftsministerin hat, die auch mehr so aus Verlegenheit ins Amt kam, das ist jetzt auch nicht gerade ruhmreich.

Eine Variante dieses Kritikpunktes wird auch aus der Strömung der sog. feministischen Ökonomik (Link zu Wikipedia, englischsprachig) vorgebracht. Die feministische Ökonomik als tatsächliche Bewegung gibt es vor allem im englischsprachigen Raum. Feministische Ökonomik beschreibt sich selbst als Untergruppierung der sog. heterodoxen Ökonomie und positioniert sich deutlich in Gegensatz zum akademischen Mainstream der Zunft. Die feministische Ökonomik vertritt den Standpunkt, dass die Unterrepräsentanz von Frauen in der ökonomischen Zunft auch zu einer Vernachlässigung weiblicher Sichtweisen und Themen in der ökonomischen Theorie geführt hat. Das Selbstverständnis der feministischen Ökonomik lässt sich sehr schön aus diesem Artikel in der SZ herauslesen. Und gleichzeitig zeigt auch dieser Artikel schon gut auf, welche Bauchschmerzen ich im Bezug auf die feministische Ökonomik habe: Argumente wie „Und wer hat eigentlich Adam Smith den Haushalt gemacht?“ vernachlässigen den wirtschaftshistorischen Hintergrund der Entstehung ökonomischer Theorie und sind daher für mich nur Scheinargumente. (Zudem deutet dieses spezielle Argument auch deutlich auf eine mangelnde Auseinandersetzung mit Adam Smiths Werk hin, denn er hat sich keinesfalls nur mit Produktivität und Kostenrationalisierung beschäftigt, ein Großteil seiner (übrigens auch eher sozialphilosophischen als ökonomischen) Gedanken beschäftigt sich mit der Interaktion von Individuen in der Gesellschaft, der Familie, den Netzwerken, denen ein Mensch angehört und der moralischen Seite des ökonomischen Handelns.) Auch kann die Tatsache, dass es keine Massen von Lehrstühlen und Publikationen speziell für feministische Ökonomik gibt, noch nicht als Indiz gewertet werden, dass keine Auseinandersetzung mit den Themen geschieht. Ich allein kenne persönlich mehrere Ökonominnen und Ökonomen, die sich mit ganz originär solchen Themen in ihrer Forschung beschäftigen, wie etwa die Auswirkung des Familienstatus auf die Gesundheit von Männern und Frauen, die Verteilung der Hoheit über Geld zwischen Mann und Frau im Haushalt oder die Bedeutung des Bildungsabschlusses der Mutter für den sozio-ökonomischen Erfolg der Kinder, auch die Entscheidung über Fertilität und die ökonomischen Auswirkungen sind wirklich breit erforscht. Nur würde niemand dieser Forscherinnen und Forscher sich als feministische/r Ökonom/in verstehen oder selbst vorstellen. Diese Menschen ordnen sich dem inhaltlichen Themenfeld zu, in dem sie arbeiten, also eben Gesundheitsökonomik, Wohlfahrtsökonomik, Bildungsökonomik, etc. Das heißt aber nicht, dass ihre Arbeiten die Frauen außer acht lassen. Gerade als Entwicklungsökonomin fühle ich mich von der These, die Rolle der Frau werde nicht ökonomisch erforscht ganz massiv böse angegangen. In der Entwicklungsökonomik wird schon seit mehr als 20 Jahren sehr intensiv gerade die Rolle der Frau für ökonomische Entwicklung beleuchtet. Die Differenzierung von Datensätzen nach Geschlecht ist Standard (übrigens auch in allen anderen Disziplinen, die mit Individualdaten arbeiten) und Entwicklungsökonomen werden nicht müde zu betonen, dass die Bildung, Alphabetisierung und ökonomische Stärkung von Frauen das entscheidende Moment für die Entwicklung ist. Man kann wirtschaftliche Entwicklung nicht ohne Teilhabe von Frauen denken und das tut auch niemand. Aber natürlich wird deshalb auch nicht jeder Entwicklungsökonom sich der Strömung der feministischen Ökonomik zuordnen. (Und das Journal for feminist economics würde übrigens all die erwähnten Arbeiten auch ablehnen, das aber nur mal am Rande). Und dann finde ich es außerdem grundfalsch, bestimmte Themen wie Pflege, unbezahlte Arbeit, demographische Fragen usw. als Themen der feministischen Ökonomik zu deklarieren und damit ja irgendwie auch als Frauenthemen. Damit tun wir uns doch keinen Gefallen, denn eigentlich wollen wir doch, dass diese Themen als Themen wahrgenommen werden, die alle angehen.

Zuletzt noch ein Wort über die unsägliche Diskussion zum BIP in dem Artikel: Ja, das BIP enthält nur zu einem sehr kleinen Anteil die geleistete unbezahlte Arbeit, und ja, diese Arbeit wird zu einem großen Teil von Frauen geleistet. Aber das BIP enthält auch haufenweise andere Dinge nicht. Schwarzarbeit z.B. Und kriminelle Tätigkeiten. Und nicht-materielle Werte wie Bildung. Das BIP ist einfach nur ein einzelnes und durchaus beschränktes Maß, niemand sagt, das BIP sei das nonplusultra, es ist aber halt das was man unkompliziert, auch bei schlechter Datenlage irgendwie erhoben kriegt. Deshalb wird es oft herangezogen. Das kann man kritisieren, und das wird auch kritisiert, aber ehrlich, da ist Diskriminierung mal zur Abwechslung nicht so sehr das Problem. Damit genug zu Frauen in der Ökonomik.

Nun zur Frage der Beteiligung von Frauen an der Gestaltung der Wirtschaft. Hier und dort hört man aus feministischen Kreisen die These, dass eine größere Rolle von Frauen in Führungspositionen der Wirtschaft zu einer Änderung der Funktionsweise der Wirtschaft an sich führen würde. Also dass Frauen anders führen, anders wirtschaften würden, als Männer. Und – das schwingt implizit mit – dass eine von Frauen geführte Wirtschaft besser, im Sinne von menschenfreundlicher, familienfreundlicher, weniger ellbogenlastig wäre. Well, I doubt. Ich finde es in hohem Maße wichtig, eine gleichwertige Beteiligung von Frauen in allen Ebenen der Gesellschaft zu erreichen. Es ist für mich selbstverständlich, dass die Führungsebene von Wirtschaft und Politik die Breite der Gesellschaft repräsentieren sollte. Dass also genausoviele Frauen wie Männer in die Politik und genausoviele Frauen wie Männer in die Führungsetagen von DAX-Konzernen und auf die Lehrstühle unserer Universitäten gehören. Es sollten aber übrigens auch relativ zum Anteil an der Gesellschaft Homosexuelle vertreten sein, und das ethnische Mischungsverhältnis einer Gesellschaft repräsentiert sein. Niemand sollte aufgrund seines Geschlechtes, seiner sexuellen Orientierung, seiner Religion oder der Herkunft seiner Familie davon ausgeschlossen sein, unsere Wirtschaft und Gesellschaft mitzuprägen. Das teile ich, voll und ganz. ABER. Ich denke nicht, dass eine Frau einen Dax-Konzern anders führen würde als ein Mann. Dass Brokerinnen die Finanzkrise weniger befeuert hätten, als es die Broker taten. Dass Frauen an der Spitze von Geheimdiensten keine bösen Verbrechen anordnen würden. Deshalb, weil jede Frau in einer Spitzenposition auch ein Produkt des jeweiligen Umfeldes ist. Soland DAX-Konzerne gewinnorientiert sind und im z.T. harten Wettbewerb mit anderen Unternehmen weltweit agieren, werden sich als erfolgreiche Leitungen solche Menschen erweisen, die eine gewisse Ellbogenmentalität beweisen. Solange das Finanzsystem vorrangig den schnellen Gewinn belohnt und keinen Anreiz schafft, nachhaltig zu denken, werde solche Menschen in diesem System arbeiten, die auf den schnellen Gewinn aus sind. Solang Geheimdienste die Drecksarbeit für die Regierung machen, werden Menschen beim Geheimdienst arbeiten, die nichts gegen schmutzige Hände haben. Und da ich keinesfalls unterstellen kann und möchte, dass Frauen nicht genauso gut egoistische Arschlöcher sein können wie Männer, kann ich nicht sehen, wie das Geschlecht allein da irgendwas besser machen sollte. Und die Frauen, die wir bisher in Führungspositionen sahen und sehen, wie etwa Christine Lagarde, Margaret Thatcher oder Sheryl Sandberg, bestätigen mich da eher in meiner Meinung.

Der Schlüssel zu einem faireren, gerechteren Wirtschaften liegt in meinen Augen darin, die richtigen Anreize zu setzen. Anreize die nachhaltiges Verhalten belohnen und kurzfristige Gewinnoptimierung bestrafen. Und wo das System das aus sich heraus scheinbar nicht hinkriegt, ist es die Aufgabe der Gesetzgebung dies zu tun sofern es gesellschaftlicher Konsens ist, dass das gewünscht ist. Und damit die Gesetzgebung das tut, müssen wir die richtigen Leute in die richtigen Positionen wählen. Und wenn es da keine richtigen Leute gibt, dann müssen wir es wohl selbst machen. Und zwar Männer und Frauen.