Back to normal?

Der BDI forderte am Wochenende ein „Ende des Lockdown“ – konkreter das Zurückfahren aller Einschränkungen bis Mitte Mai. Tatsächlich wurde quasi das heute durch den Beschluss der Ministerpräsident*innenkonferenz auch in greifbare Nähe gerückt. NRW hatte ganz flott schon einen schicken Foliensatz mit der Message „Sie dürfen bald wieder ALLES“ online…

Doch was verspricht „DIE WIRTSCHAFT(TM)“ sich davon? Für mich zeigt sich in dieser Forderung der unrealistische und genau genommen leichtsinnige Wunschtraum, man könne sich jetzt kurz schütteln und dann einfach wieder zum Alltag übergehen. Und ja, das würde ich mir auch wünschen. Wer nicht? Allerdings kann jede*r mit etwas Verstand, und dazu sollten Menschen in verantwortlichen Positionen in Unternehmen ja eigentlich zählen, sich relativ leicht zusammendenken, dass wir auch ohne „Lockdown“ nicht zurück gehen können. Es gibt kein „normal“ bis wir nicht einen Impfstoff gegen dieses Virus haben.

Warum?

Zunächst weil wenn wir alles machen wie wir es bis Mitte März taten, uns dicht in Fußgängerzonen knubbeln, in Cafés und Restaurants sitzen, Samstag zu Ikea oder ins Fußballstadion, Sonntag an den See oder in die Kletterhalle, im Sommer schön im Schwimmbad abhängen und für den Urlaub nach Malle oder Tirol oder vielleicht Center Parcs in Holland nun – dann sind wir sehr schnell wieder bei Infektionszahlen, die unser Gesundheitssystem an seine Grenzen bringen. Die zu vielen vielen schwer erkrankten, vielen Toten und vielen Menschen mit dauerhaften Lungen- und Gefäßschäden führen.

Ist uns egal? Ok …

Und wenn. Dann denken wir mal kurz daran, ob eine Aufhebung des sog. Lockdowns* einem „back to normal“ entspräche, so aus Sicht der Wirtschaft(TM). Nein. Täte sie nicht. Denn die Welt ist nicht mehr normal. Die Weltwirtschaft ist von der Rolle. Lieferketten sind dahin. Andere Länder sind tatsächlich in einem Lockdown. Menschen können nicht arbeiten weil ihre Kinder nicht betreut sind. Menschen können nicht konsumieren weil ihre Jobs weg sind. Es ist nichts normal. Südkorea hatte keinen Lockdown, alles war offen, es hat trotzdem mit erheblichen wirtschaftlichen Problemen zu kämpfen. Dort wo die Einschränkungen wieder aufgehoben werden, wie in China und Japan, läuft es noch lang nicht wieder rund. Und wenn wir alles ausreizen, mehr Infektionen, ein neues Aufflammen der Pandemie, dann haben wir bald Ausfälle von Arbeitnehmern weil sie krank sind oder schlimmer, weil sie dauerhaft geschädigt oder tot sind. Es gibt kein back to normal. Egal wie sehr der BDI sich das wünschen mag.

Was wir brauchen ist eine echte Vision für eine neue Normalität. Ein flexibles Reagieren auf geänderte Tatsachen. Und aus der Forderung des BDI spricht (wie aus dem Mund einiger Ministerpräsidenten) die Weigerung, dies anzuerkennen. Die Weigerung, sich auf die neue Realität einzulassen oder anzuerkennen, dass man nicht anpassungsfähig genug ist. Aber wenn wir diese Umstellung auf die neue Realität noch länger rausschieben, wird es nur verlustreicher und schmerzhafter.

Was brauchen wir also?

Abstand! Überall, auch im Betrieb und am Arbeitsplatz, wo kein Abstand da Maske. Uwe findet die Maske unbequem? Abmahnung. Tilo findet aber er ist eh nicht krank und kann deshalb mit Sascha eine Zigarette teilen? Abmahnung. Und weil Arbeitgeber vielleicht ihre Sorgeverpflichtung für ihre Angestellten nicht ganz so ernst nehmen braucht es dazu eine klare Verordnung, oder ein Gesetz. Und Kontrollen. Während des sog. Lockdowns haben sich in Deutschland viele tausend Menschen angesteckt. Wo wohl? Richtig – am Arbeitsplatz. Das muss besser werden. Ebenso sollte gesetzlich geregelt werden, dass auch bei geöffneten Kitas und Schulen jede*r Arbeitnehmer*in, deren Aufgabe das zulässt im Home Office verbleibt. Meetings müssen weiter virtuell stattfinden, Dienstreisen auf ein Minimum reduziert. Das läuft doch gerade gut, wir stellen doch gerade fest, was alles geht von zuhause, virtuell und ohne CO2-Ausstoß. Machen wir das doch bitte einfach weiter.

Tests! Jens Südekum rennt seit Wochen durch Twitter und sonstwo herum und fordert viel mehr Tests, insbesondere auch Selbsttests. Damit wir uns sofort selbst in Quarantäne begeben können, wenn wir positiv sind, selbst wenn wir noch gar nichts davon merken. Damit Schüler*innen nicht zu Seuchen-Schleudern werden. Damit wir irgendwann mal wieder unsere Eltern und Großeltern besuchen können. Damit hat er vollkommen recht. Derzeit wird scheinbar zu wenig getestet, Testkapazitäten sind nicht ausgelastet und Selbsttests gibts es auch noch nicht in der Fläche zu kaufen. Beides hat m.E. wirtschaftliche Gründe. Ärzte ordnen keinen Covid-Test an, wenn sie fürchten müssen, dann ihre Praxis für 2 Wochen dicht machen zu müssen. Menschen lassen keinen Test machen, weil sie nicht bei der Arbeit ausfallen wollen. Oder weil sie nicht dafür verantwortlich sein wollen, wenn ihre ganze Abteilung in Quarantäne muss. Selbsttests sind für die Hersteller nicht lohnend, weil sie nach Impfstoff nicht mehr absetzbar sein werden. Also auch hier sind kreative und neue Wege nötig. Teststationen, mobile Testteams, Selbsttests auf Rezept oder einfach vom Gesundheitsamt ausgegeben. Das Problem ist lösbar, mit Entschlossenheit und Geld.

Neue Produktions- und Handelsstrukturen! Wir brauchen medizinische Schutzausstattung, Masken, am besten mindestens FFP2 für alle und in rauen Mengen, wir brauchen Desinfektionsmittel. Viel. Viele Laborchemikalien. Selbsttests. Antikörpertests. Und möglicherweise neue Medikamente und irgendwann Impfstoffe. Es war bisher nicht lohnend diese Dinge in ausreichender Menge und hierzulande zu produzieren. Es birgt Kosten, die Produktion umzustellen. Es ist vermutlich teurer diese Sachen hier zu produzieren. Es bedarf dafür finanzieller Anreize oder Sicherheiten für die Unternehmen, die das können. Abnahmegarantien, Preisgarantien, Förderung, vergünstigte Kredite. Die derzeit stark gestörten Lieferketten müssen sich möglicherweise ganz neu finden. Anders wieder aufgebaut werden, denn das selbe Umstellen der Wirtschaft auf Pandemie-Bedarf passiert ja auch in anderen Ländern. Das alles braucht Zeit, aber vor allem auch die Bereitschaft, die Situation als neues Benchmark zu verstehen. Nicht zu erwarten, dass man einfach abwartet und ab nächste Woche wieder weiter macht wie bisher. Sondern dass man auf das nächste Jahr mal plant, mit den geänderten Verhältnissen umzugehen. Und naja. Wenn man schonmal dabei ist, macht man manches vielleicht dann für immer anders. Hier kann der Staat begleiten und helfen. Aber ohne die nötige Bereitschaft zur Veränderung wird hier nicht viel passieren.

Konzepte für Distanzlernen! Schüler*innen sind gerade sehr suboptimal betreut, lernen weitgehend allein, bearbeiten Aufgaben, die sie an Lehrer*innen schicken, die weitgehend abwesend und unresponsive sind. Feedback und Austausch bleiben auf der Strecke. Interaktion unmöglich. Aber ist ein Wiederbeginn des Präsenzunterrichts unter Maßgabe von Abstand und Hygiene wirklich die Lösung? Pause wie Hofgang im Gefängnis, drölfzigmal am Tag in die Händewaschschlange, Einzeltische mit Abstand und Frontalunterricht? Das soll dann zu produktivem Lernen führen? Wohl nicht, was? Aber genauso wie Abstand am Arbeitsplatz wird auch Abstand in der Schule das new normal werden müssen. Entsprechend muss das ganze digital ergänzt und neu gedacht werden. Kleinere Lerngruppen, die nicht durch Lehrer*innen seuchentechnisch verbunden werden. Echte mediendidaktische Konzepte, die erlauben, die wenigen unter Distanz möglichen Präsenzstunden sinnvoll zu nutzen. Das braucht Zeit, und Geld, und Entschlossenheit. Aber auch das ist möglich! Die Hochschulen machen dieses Semester da einen großen Sprung ins kalte Wasser. Auch die Schulen müssen da mitziehen. Es wird auch in der Schule kein back to normal geben.

Gesellschaftliches Leben! Wir sind soziale Wesen, wir wollen interagieren. Aber wir brauchen dafür neue Räume und Formen. Gastronomie mit großen Außenflächen. Breite Spazier- und Radwege. Open Air Kino. Von mir aus Geisterspiele mit virtuell vernetztem Stammtisch. Online-Treffen. Manche Städte machen es vor, manche Gastronomen denken da schon weiter. Bieten Tische in Gewächshäusern oder Parks an. Bibliothek to go. Open Air Gottesdienst. Seien wir kreativ. Machen wir möglich, dass wir uns begegnen.

Und am Ende können wir vielleicht, hoffentlich, womöglich, nächstes Jahr wieder sorgloser in den Sommer gehen. Aber müssen dabei weniger Zeit auf Dienstreisen und in Meetings absitzen, haben uns daran gewöhnt auch weit weg wohnende Freunde regelmäßig virtuell zu sehen, können den öffentlichen Raum mehr für Begegnung und weniger für Verkehr nutzen und ermöglichen Kindern ein zeitgemäßes lernen. Man wird doch noch hoffen dürfen, oder BDI?

* Wir haben in Deutschland zu keinem Zeitpunkt einen Lockdown gehabt. Wir haben Geschäfte, Restaurants, Hotels, Schulen und Kindergärten geschlossen. Kein Industrieunternehmen, keine Bank und keine Versicherung wurde qua Dekret geschlossen.

Wenn kein Markt da ist: the tragedy of the commons

Wieso bestehen eigentlich Ökonomen in der breiten Mehrheit darauf, dass es einen Preis und einen Markt für CO2 geben muss?

Der Entstehung der Klimakrise liegt im Kern ein Problem zugrunde, das wir schon so lang kennen, dass es einen sehr altertümlichen Namen hat: die Tragik der Allmende oder englisch the tragedy of the commons.

Der Begriff geht auf den britischen Wirtschaftswissenschaftler William Forster Lloyd zurück, der zu Beginn des 19. Jh Überlegungen zur Bevölkerungskontrolle anstellte. Der deutsche Name bezieht sich auf das im Mittelalter gebräuchliche Wirtschaftsprinzip der Allmende.

Die Allmende, bzw . das commons war das Stück Land, das die Bewohner eines Dorfes von der Krone zur freien Bewirtschaftung zur Verfügung gestellt bekamen und in aller Regel gemeinsam als Weide- und Forstland nutzten. Das funktionierte gut, solang genug Land zur Verfügung stand, so dass es sich regenerieren konnte und nicht erschöpfte. Es geschah jedoch leider nicht selten, dass die Allmende vom Landherrn immer weiter verkleinert wurde, bis sie nicht mehr reichte um alle Tiere zu nähren oder allen Haushalten Holz zu liefern ohne sich zu erschöpfen. In dieser Situation bestand natürlich für jeden einzelnen ein Anreiz, zu versuchen möglichst als erster seine Tiere zu weiden oder als erster Holz zu schlagen, auf dass die eigene Familie keinen Mangel leidet. Dadurch wurde natürlich das Land um so mehr überbeansprucht, wurde immer kärger und konnte die Familien immer weniger versorgen. Wikipedia behauptet sogar, dass die Beschneidung der Allmenden ein wesentlicher Grund für die Bauernkriege war.

Bereits im 18. Jahrhundert entwickelte sich eine ganze Literatur zum Allmendeproblem, die es auf größere Zusammenhänge übertrug. Besonders bekannt sind darunter die Thesen von Robert Malthus, der stark für Geburtenkontrolle plädierte weil er davon ausging, dass Wohlstand zu Kinderreichtum und damit direkt zur Verarmung und Verelendung führen müsse, da ja die verfügbare Nahrungsmenge durch die Ressource Land begrenzt war. Wie wir wissen, hatte Malthus Unrecht. Hauptsächlich weil wir gar nicht immer mehr Kinder bekommen, kaum dass wir genug zu essen haben.

Tatsächlich können wir viele (potenzielle) Allmende-Tragödien identifizieren. Immer da wo alle freien ungeregelten Zugang zu einer Ressource haben, die sich jedoch erschöpfen kann. Zuerst natürlich Weidegrund und Holz, dann Fisch- und Wildbestände, mit der Industrialisierung sauberes Wasser und unvermülltes und nicht-kontaminiertes Land. Schließlich die Ozonschicht und die Atmosphäre. Wer schonmal gesehen hat, wie grandios fehlgeleitet öffentliche Bauvorhaben laufen, merkt schnell dass öffentliche Gelder scheinbar auch ein Allmendeproblem haben. Natürlich alle öffentlich bereitgestellten Güter wie Straßen, Bildungseinrichtungen, öffentliche Gebäude. Jedes öffentliche Klo demonstriert das Problem anschaulich und eindringlich.

Je allgemeiner der Zugang, je stärker man selbst dadurch profitieren kann durch sein Verhalten der Allgemeinheit zu schaden und je begrenzter die Ressource, desto schlimmer (man denke an das einzige funktionierende Klo im ICE).

Viele dieser Allmendeprobleme haben wir in westlichen Industriestaaten gelöst, es ist eine ganz wesentliche Aufgabe eines Staates genau solche Probleme zu regeln und wenn’s gut läuft gelingt das. Z.B. Regelt der Staat in Deutschland ziemlich ok, dass nicht einfach irgendwo womöglich giftiger Müll rumliegt. Durch Verbote, Kontrollen und Strafen. Auch die Abnutzung von Straßen regelt der Staat, durch Geschwindigkeitsbegrenzung, Kontrollen und Strafen. Der Zugang zu Bildungseinrichtungen wird beschränkt oder zumindest kanalisiert. Jagen und abholzen regeln wir ebenfalls ganz effizient durch staatliche Bewirtschaftung bzw. Lizenzvergabe und – ja genau – Kontrollen und Strafen. Das mit den Klos… ja gut – vielleicht nicht wichtig genug.

Problematisch wird das ganze in Fällen wo es entweder keine übergeordnete Einheit gibt, die das ganze regeln könnte oder diese übergeordnete Einheit die Regelungen nicht durchsetzen kann. Das ist insbesondere der Fall, wenn Regeln nicht akzeptiert werden, kein Mandat zur Durchsetzung gegeben ist oder keine sinnvolle Kontrolle möglich. Et voilà: CO2-Emissionen. Die Sache mit dem Klima ist ja: die Ressource Luftverschmutzung war sehr lange sehr im Übermaß verfügbar, sie ist ein öffentliches Gut, man kann den Zugang kaum beschränken, alle auf der Welt können sie gleichermaßen nutzen, es ist extrem schwer nachzuvollziehen, wer was davon verbraucht, es gibt keine global anerkannte Einheit, die den Zugang regelt und es gibt nichtmal eindeutige Regelungen, die es durchzusetzen gäbe. Gleichzeitig ist es derzeit so sehr Teil unseres Wirtschaftssystem, die Ressource zu nutzen und zu erschöpfen, dass es extrem gewinnbringend ist, keine Rücksicht auf die Allgemeinheit zu nehmen.

Und hier kommt der Marktgedanke ins Spiel. Wo Verbote, Kontrollen und Strafen nicht durchsetzbar sind, so der Gedanke, kann es vielleicht eine gute Idee sein, aus dem öffentlichen Gut, ein nicht-öffentliches zu machen, indem man ein Zertifikat braucht und einen Preis zahlen muss. Auf einmal ist es nicht mehr lohnend, der Allgemeinheit zu schaden, solang der Preis nur hoch genug ist. Am besten so hoch wie der verursachte Schaden. Damit wird die Verursachung von Schaden selbst eine relevante Kostenstelle in der Kalkulation und das Allmendeproblem ist ausgeschaltet. Natürlich nur, wenn das Gut wirklich überall dadurch beschränkt wird und ich nicht eine Parallelallmende aufsuchen und fröhlich weitermachen kann wie bisher.

Dass die Idee, geschäftlichen Verlust an schädigendes Verhalten zu koppeln zum Erfolg führen kann, kann man an diesem kleinen aber feinen Beispiel eines sehr speziellen Allmendeproblems sehen. Nur leider hinkt die Analogie an zwei entscheidenden Stellen: 1. Die Verknüpfung von schädlichem Verhalten und daraus resultierendem Produkt ist leider beim Klima nicht immer so leicht wie bei den Hummern mit den Kerben. 2. Selbst wenn: es scheint den Hummerkonsumenten entschieden mehr daran gelegen, die Hummerpopulation zu erhalten, als es den Konsumenten der westlichen Industrienationen daran gelegen ist, ihre Lebensgrundlage zu erhalten. Anders sind die Verkaufszahlen von SUV jedenfalls kaum zu erklären.

Ich eins – du eins. Ist das gerecht?

(Hinweis vorweg, denn scheinbar ist das jetzt nötig: Ich nenne hier die Marken von mehreren Produkten, ich verlinke auch zu den Websites der Firmen, der Information halber. Nicht nur wurde ich hierfür weder angefragt noch bezahlt, im Gegenteil läge mir nichts ferner, als Werbung für diese Produkte zu machen.

Vor kurzem habe ich ein Paar TOMS gekauft. Mit Glitzer. Ich finde die schön und bequem. Dann hatte Frau Drehumdiebolzen bei einem gemeinsamen Ausflug Share-Müsliriegel dabei. Kurz danach sah ich Werbung für Handseife von Share. Alles das gleiche Prinzip. Durch unseren Kauf des Produktes erhalten Menschen in Entwicklungsländern ein artverwandtes Produkt geschenkt. One for one nennen die Firmen das. Klingt super.

Der Gründer von TOMS sah, so die Gründungslegende, in Afrika Kinder ohne Schuhe, die – so schlussfolgerte er – deshalb nicht zur Schule laufen können. Deshalb werden für meine Glitzerschuhe einem afrikanischen Kind Schuhe geschenkt. Dort in lokalen Projekten produzierte etwas einfachere TOMS.

Ähnlich bei SHA:RE – eine Handseife kauft ein Stück Seife. Ein Müsliriegel kauft für einen Tag Nahrungsmittel.

Es gibt ähnliche Ansätze auch mit Binden, Limonade, Brillen, Laptops und anderem .

Aber ist das Konzept auch irgendwie gut für die Menschen in Entwicklungsländern? Ist es berechtigt, dass wir westlichen Konsumenten uns in Gedanken Karma-Punkte gutschreiben, weil wir was „faires“ konsumiert haben? Ich konsumiere, aber das ist guter Konsum. Ich spende ja auch. Ganz ohne Verzicht. Wie großherzig von mir.

Ich habe darüber jetzt einige Wochen rumgedacht und auch etwas recherchiert. Und ich würde sagen: es ist nicht nur relativ wenig nützlich, es könnte sogar schädlich sein. Folgende Gründe bringen mich zu dieser Einschätzung.

1. In-Kind-Spenden* sind paternalistisch.

Es ist ja schön, dass Mr. TOMS entscheidet, dass die Kinder in Afrika Schuhe brauchen. Aber wer ist er, zu sagen „Hey afrikanische Eltern, seht ihr denn nicht, dass euer Kind Schuhe braucht?“ Denkt er, die Leute wären da nicht selbst drauf gekommen? Was könnte der Grund sein, dass das Kind keine Schuhe trägt? Gibt es keine Schuhe? Haben die Eltern keinGeld? Will das Kind keine Schuhe? Braucht es womöglich gar keine? Das ist viel weniger leicht zu beantworten, als es auf den ersten Blick erscheinen mag. Und es wäre ziemlich knorke, sich das mal von jemand vor Ort genau erklären zu lassen, bevor man Schuhe auf die Menschen wirft. Dieser paternalistische Ansatz ist im gesamten Bereich der privaten Entwicklungshilfe sehr weit verbreitet. Kirchengemeinden, Schulprojekte, Vereine von wohlmeinenden herzensguten Menschen, Unternehmen – sehr viele schließen von ihrem Bedürfnisempfinden auf das der Menschen vor Ort. Und so werden Schulhefte, Stifte, Kleidung, Schuhe, Wellbleche, und was noch alles aus westlichen Ländern in Entwicklungsländer gebracht. Und manchmal sind sie eben ebenso nützlich, wie das Feinrippunterhemd, das man ungefragt von Omma mitgebracht bekommt, statt des ersehnten Comicbandes oder des kleinen Beitrags zum Führerschein.

2. In-Kind-Spenden erreichen oft nicht die, die es brauchen.

Es gibt einiges an Forschung dazu, dass – außerhalb von Katastrophenhilfe – Sachspenden oft nicht wie gewünscht zum Einsatz kommen. Hierzu ein anekdotisches Beispiel aus dem großartigen Buch „The White Man’s Burden“ von William Easterly. Er beschreibt verschiedene Ansätze, dafür zu sorgen, dass Babybetten in Malaria-Regionen flächendeckend mit Moskitonetzen ausgestattet werden. In Sambia wurden die Netze einfach umsonst an Ausgabestationen verteilt. Das Ergebnis: Ziemlich viele Babybetten waren immernoch ohne Moskitonetz, etwa 40% der Menschen, die Netze erhalten hatten, nutzten diese nicht zweckgemäß aber es fanden sich an vielen Stellen Moskitonetze in seltsamer Zweckentfremdung, zum fischen, als Einkaufsnetz, zum spielen und zur Fahrradreparatur, viele der Netze tauchten auch auf dem Schwarzmarkt auf. In Malawi gab es ein Projekt, in dem die Moskitonetze verkauft wurden. Und zwar an Mütter, über die Geburtshelferinnen/Kliniken zu einem stark subventionierten Preis von 50ct. Die Hebammen erhalten für das Verkaufen einen Anteil von 9ct. Das Ergebnis: die Moskitonetznutzung an Babybetten in Malawi ist von 8 auf 55% gestiegen.  Weil Mütter die richtige Zielgruppe sind, weil die Hebammen einen Anreiz haben, ihr Lager aufzufüllen und die Netze auch anzubieten und weil man etwas, für das man bezahlt hat, auch einsetzt. Auch eine Studie zu TOMS Shoes zeigt, dass die Schuhe zum Teil gar nicht getragen werden, auch wenn die Tragequote zumindest im evaluierten Projekt relativ hoch war.

Eine andere sehr lesenswerte Geschichte was auch mit Sachspenden passieren kann erzählt das weise, engagierte und insgesamt formidable Fräulein ReadOn: Die Sache mit den Zahnbürsten

3. Die fehlenden Güter sind vielleicht gar nicht das Problem.

Ist es wahrscheinlich, dass es tatsächlich Schuhe sind, die die Kinder brauchen, um die Schule besuchen zu können? Ist es Seife, die die Leute brauchen, um die Hygiene zu verbessern? Es handelt sich bei mangelndem Schulbesuch, Hygienemängeln oder auch Unterernährung (wiederum im Nicht-Katastrophenfall) sehr oft um das Ergebnis eines darunter liegenden systemischen Problems. So ist es z.B. in vielen afrikanischen Ländern so, dass es große Probleme gibt mit Lehrer-Absentismus. Die Lehrer werden derart schlecht bezahlt, dass sie einfach noch einen zweiten Job haben, oder ein Stück Land bewirtschaften. Und wenn dann halt Erntezeit ist, dann kann der Lehrer nicht lehren, weil er ernten muss. Demnach macht es für seine Schüler*innen auch wenig Sinn, in die Schule zu gehen, ob nun mit Schuhen oder ohne. Auch kann es sein, dass die Familien das Schulgeld nicht aufbringen können. Da nützen die Schuhe dann auch nix. Und nichtzuletzt kann auch gut sein, dass es einfach keine Schule in erreichbarer Nähe gibt. Oder dass die Eltern es einfach nicht sinnvoll finden, dass ihr Kind seine Zeit mit Schulbesuch verschwendet. Ähnlich bei mangelnder Hygiene. Oft steckt dahinter mangelndes Wissen um die Notwendigkeit von Hygienemaßnahmen, eine Seife allein bringt da wenig, selbst sauberes Wasser nicht.

4. Das One by One-Prinzip wiegt uns in falscher Sicherheit.

Am kritischsten finde ich jedoch die Wirkung, die solche Produkte bei uns im Westen erzielen. In Entwicklungsländern mögen sie evtl. nicht viel nutzen, der Entwicklungspolitik im Ganzen, wie sie in westlichen Ländern gemacht wird und dem Gedanken einer solidarischen und fairen Verteilung der Ressourcen auf der Welt, wirken sie tatsächlich entgegen. Denn wie wunderbar ist dieses Bild, dass uns da präsentiert wird: Wir wissen haargenau, was den Armen der Welt fehlt – es sind, wer hätte das gedacht, Dinge die man einfach kaufen kann. Und wir können etwas dagegen tun und zwar ganz ohne uns einschränken zu müssen. Ja sogar ohne groß darüber nachdenken zu müssen. Wir machen einfach, was wir eh zu viel tun: kaufen. Und schwupps, ist das Verteilungsproblem, der Hunger, die Armut, der Mangel an Bildung, die Kindersterblichkeit – alles Geschichte. Ja, ich übertreibe, und ja besser was kleines konkretes tun als nichts. ABER es ist fatal uns zu erzählen, wir müssten nicht verzichten, nichts ändern außer der Marke auf unserem Snack oder unseren Schuhen. Es sei genug für alle da und das ohne dass wir was abgeben. So ist es einfach nicht. Das ist einfach eine Lüge. Wenn wir wollen, dass alle auf der Welt genug zum Leben haben, das alle Zugang zu Bildung haben, dass jedes Kind erwachsen werden kann, dass keine Schwangere mehr stirbt, dann müssen wir teilen, uns einschränken, unseren Konsum überdenken. Dann müssen wir nachhaltiger, ressourcenschonender, weniger konsumieren. Konsum ist nicht die Lösung, Konsum ist das Problem.  Uns in wohligem Gefühl zu wiegen, wir würden ja *die richtigen* Sachen kaufen und damit unseren Anteil tun, das verzögert nur die Erkenntnis, dass wir vielleicht einfach gar nicht noch ein paar Schuhe brauchen. Dass wir auch Leitungswasser trinken könnten und das gesparte Geld spenden.

5. It’s the Economy, stupid.

Und damit sind wir auch am Ende meiner Litanei. Denn die Firmen, die das One-by-One-Prinzip nutzen, verkaufen etwas. Sie verkaufen Waren und sie verkaufen ein reines Gewissen. Ablasshandel, quasi. Das One-by-One-Prinzip ist Marketing. Es handelt sich hier um gewinnorientierte Unternehmen, nicht um Non-Profit-Organisationen. Und die Unternehmen *sagen* zwar sie würden die Produkte ethisch einwandfrei, ökologisch und fair produzieren. Aber zertifiziert sind sie (mit Ausnahme des EU-Biosiegels) nicht. Die Firma sharefoods bezieht selbst Rohstoffe aus Entwicklungsländern, ohne z.B. fairtrade zertifiziert zu sein. Es geht vielleicht darum, auch etwas gutes zu tun, in erster Linie geht es aber darum Geld zu verdienen. Im herrschenden kapitalistischen, konsum-orientierten System.

*In-Kind = Sachen spenden

Randnotiz: Nigeria

Während ich an einem Post über Populisten schreibe und genau jene sich hier in ganz Europa darum sorgen, dass die Flüchtlinge uns hier alle assimilieren, sind in der Welt insgesamt über 60 Millionen Menschen auf der Flucht. Die meisten dieser Menschen fliehen in die direkten Nachbarländer. Dass die Türkei, der Libanon und Jordanien ein Vielfaches der Zahl der Flüchtlinge aufnehmen, die nach Europa kommen, klingt zumindest ab und zu mal an. Dass noch weit mehr Flüchtlinge in Afrika innerhalb ihres eigenen Landes oder innerhalb der subsaharischen Region vertrieben sind, das liest man in deutschen Medien annähernd nie. Ließe ich meinem Zynismus freien Lauf, ich käme wohl hier nicht mehr zum Ende, denn die offensichtliche „Die sind halt weit genug weg“-Schlussfolgerung, sie drängt sich dann doch auf. Aber es braucht gar keine zynischen Worte. Einfach ein paar schlichte Grafiken und die Verhältnisse sind schnell klar: der Guardian berichtet lang und betroffen machend und zum heulen aus Ost-Nigeria, wo Boko Haram ganze Landstriche in Hunger und Tod treibt und niemand zur Hilfe bereitsteht. Für mich hätte es den Hinweis am Ende, dass die alle bald in Europa vor der Tür stehen nicht gebraucht, denn eine derartige humanitäre Krise ist schlimm, egal wo sie passiert. Aber möglicherweise konnte der Journalist seinen Zynismus auch nicht ganz raushalten. Verständlich.

Der Artikel führt den Klimawandel als einen Grund für den Erfolg von Boko Haram auf. Diese Folge des Dradio Wissen Hörsaal zu Boko Haram beleuchtet die Hintergründe ausführlicher. (Einstündiger Podcast)

Als Positivbeispiel für gelungenen Flüchtlingspolitik gilt in der Internationalen Presse Uganda. Doch auch hier wird es enger und schwieriger, weil Uganda die Last der Region sozusagen allein schultert. (Guardian, englischsprachig)

Leserinnen fragen, Milchmädchen antwortet: Globale Ungleichheit

Heute schon wieder eine Antwort auf eine Leserinnenfrage, diesmal von @Vrouwelin, die mich auf Twitter fragte, was ich vom neuen Buch von Anthony Atkinson halte, bzw. von einem DerFreitag-Artikel über das Buch. Ich antwortete auf Twitter, dass ich das Buch nicht gelesen hätte, es aber schwierig fände, die Umsetzbarkeit der Thesen für ein Land zu berechnen, wenn wir in einer globalisierten Welt leben. Ich ergänzte zudem, dass ich es immer etwas schwierig finde, wenn in westlichen Ländern davon die Rede ist, dass die Ungleichheit zugenommen habe, wobei außer acht gelassen würde, dass die weltweite Ungleichheit abgenommen hat. Meine These war wörtlich: „Ich habe auch immer Probleme damit, wenn steigende Ungleichheit für Industrieländer diagnostiziert wird ohne zu beachten, dass die gefühlt größere Gleichheit in den 60ern mit weltweit größerer Ungleichheit einher ging. Viele linke Ökonomen lassen Entwicklungsländer außer acht. Das ist fatal, falsch und heute auch (zum Glück) nicht mehr realitätskompatibel.“ @Vrouwelin bat mich daraufhin um Literaturtipps zum Thema und dem möchte ich hiermit nachkommen. Da das vermutlich noch mehr Leute interessiert hier auf dem Blog anstatt per Twitter-Mention.

Zunächst nochmal vorab: Ich hab das Buch von Atkinson nicht gelesen. Aber Atkinson ist prinzipiell ein Mann von ökonomischem Verstand und es kann sehr gut sein, dass was in dem Buch steht Hand und Fuß hat. Es gäbe ganz sicher Dinge, die mutige Politiker umsetzen könnten, um die Einkommensschere in den westlichen Industrieländern zu verringern. Allerdings schlägt Atkinson unter anderem eine deutliche Erhöhung des Spitzensteuersatzes vor. Ob das gerecht ist sei dahingestellt (denn zumindest in Deutschland zahlen nicht nur Millionäre den Spitzensteuersatz), vor allem aber ist es in meinen Augen nicht umsetzbar. Nicht in einem einzelnen Land innerhalb einer Welt, die deutlich geringere Kapitalverkehrsbeschränkungen hat als vor 25 Jahren und in der Steuerflucht nach wie vor mehr als einfach möglich ist. Das war mein Spontankritikpunkt. Mein Grund-Ablehnungsgefühl rührt aber viel mehr daher, dass ich halt im Herzen Entwicklungsökonomin bin. Und Atkinson ist eben Sozialstaats-Spezialist. Er betrachtet den bröckelnden Sozialstaat in Westeuropa, so wie Piketty das kapitalistische System in den Industriestaaten betrachtet. Und Atkinson argumentiert, so zumindest der Artikel im Freitag, den ich ansonsten reichlich unspezifisch finde, dass die Entsozialstaatlichung in den 1980er Jahren Fahrt aufgenommen habe und man zum Zustand davor zurückmüsse. Und da muss ich ganz klar sagen: Dass es bei uns in den 60er und 70er Jahren ziemlich wirtschaftlich rosig und gefühlt gerechter zuging, das lag nicht nur an der deutlich sozialeren Marktwirtschaft. Es lag auch daran, dass nur ein sehr viel kleinerer und homogenerer Teil der Welt am globalen Einkommen teilhatte. Dass heute die sog. Arbeiterjobs wegfallen und schlecht bezahlt werden hat ziemlich viel damit zu tun, dass diese Jobs jetzt in anderen Teilen der Welt dazu beitragen dort das Einkommen zu erhöhen. Dabei läuft nicht alles rosig, gar keine Frage. Dennoch haben heute viel mehr Staaten nennenswert an Handel und Produktion teil. Und das hat auch zu Verringerung der Armut geführt, nicht nur in China. Auch in Bangladesh, in der Türkei, in Rumänien und Südafrika. Es gibt Gewinner und Verlierer, die Details sind kompliziert. Aber es bleibt: Ein Teil dessen, was wir hier gefühlt verloren haben, das haben nicht die bösen Kapitalisten, sondern das haben die Armen der Welt, die jetzt etwas weniger arm sind. Natürlich, long way to go, reich ist dadurch in Bangladesh noch lang nicht jeder, aber es geht irgendwie aufwärts. Was stimmt ist, dass die Armen in den Industrieländern mehr abgegeben haben, als die Reichen (die haben nix abgegeben). Dies nur zur Einordnung meiner Reflexabwehrhaltung. Nun zu Hintergrund-Lesestoff zur Einkommensverteilung weltweit (ohne Anspruch auf Vollständigkeit):

Die Diagnose,  dass die Ungleichheit in der Welt abgenommen hat, findet sich sehr akribisch belegt in diesem Aufsatz von Xavier Sala-i-Martin. Das Paper ist von 2002, die verwendeten Maße wurden aber für das vielfach neu aufgelegte Standardlehrbuch von Sala-i-Martin jeweils aktualisiert und bleiben, meiner Kenntnis nach, bis in die neuste Auflage von der Aussage her gleich.

Wer Zugriff zu wissenschaftlichem Content hinter hohen Paywalls (hier Wiley) hat, kann mit Hilfe dieser Datenbank auch selbst die Standardmaße für Ungleichheit über die Zeit berechnen und vergleichen.

Dass in den meisten westlichen Industriestaaten die Ungleichheit zugenommen hat, hat Atkinson sich natürlich nicht ausgedacht, das ist gut belegt, z.B. hier. Allerdings ist es auch hier kompliziert, denn die Heterogenität zwischen den Industrieländern ist dann doch erheblich.

Etwas weniger euphorisch (will sagen etwas weniger neoklassisch und wachstumsfokussiert) als Sala-i-Martin kommt auch dieser Aufsatz zu dem Schluss, dass zumindest einige Staaten im weltweiten Vergleich aufholen konnten, der Fokus hier liegt aber darauf, dass innerhalb der einzelnen Staaten und Regionen der Welt die Ungleichheit zunimmt.

Schauen wir auf Deutschland, zeigt dieser Artikel deutlich: Hier bei uns kann von einer steigenden Ungleichheit ab 1980 kaum die Rede sein, die deutsche Ungleichheit ist vorrangig in der Wiedervereinigung begründet.  Außerdem ist der Titel des Papers einfach so schön literarisch. Verbunden auch dieser Artikel, der Deutschland und die USA vergleicht.

Und wer nach all diesen Zahlen dann auch ein wenig die Gründe für Erfolg und Misserfolg in Sachen armutsreduzierendes Wachstum erlesen will, der könnte einen Blick in das ein oder andere Buch oder Paper von Daron Acemoglu werfen (insb. „Why nations fail“ sowie diesen kleinen feinen Seitenhieb gegen Thomas Piketty), die Fallstudien im Entwicklungsökonomik-Standardlehrbuch „Economic Development“ von Todaro/Smith lesen, oder „The Tyranny of Experts“ und „The Elusive Quest for Growth“ von William Easterly. Einen ganz kleinen Einstieg bietet z.B. auch dieser TEDx-Talk von James Robinson (dem Co-Autor von Acemoglu), der ein sehr guter Redner ist.

Hinweis: der Großteil der verlinkten Quellen ist auf englisch, das tut mir leid, denn ich versuche sonst deutsche Quellen zu verwenden, wenn möglich. Leider ist Entwicklungsökonomik aber ein Feld, das in Deutschland nahezu unsichtbar ist, die Bücher sind allerdings z.T. auch in deutscher Übersetzung erschienen. Leider befindet sich ein Großteil der Paper hinter den Paywalls von Wissenschaftsverlagen, wo ich konnte, habe ich Working Paper Versionen verlinkt, mit etwas googlen finden sich solche vielleicht auch noch für die anderen Paper.

 

Leser fragen – Milchmädchen antwortet: Lebensmittelverschwendung einfach sein lassen?

Mich haben seit Beginn dieses Projektes einige Leser/-innenfragen erreicht, die allesamt sehr interessant, aber auch sehr komplex sind. Weil die Recherche sich z.T. etwas zieht, habe ich bisher noch keine beantwortet. Aber jetzt beginne ich einfach mal, mit einer Frage von Lars: „Laut FAO (2011) landet in den Industrieländern etwas weniger als die Hälfte der Lebensmittel, die es in der food supply chain zu LEH und Verbraucher schaffen, im Müll. Was passiert (hypothetisch) mit den globalen Lebensmittelmärkten, wenn das nicht mehr passiert, sondern wir nur noch die Sachen produzieren, die wir auch tatsächlich verbrauchen? Welche Auswirkungen hätte das vor allem auf die Lebensmittelmärkte in den Schwellenländern?“

Die Antwort ist eine für ökonomische Fragen sehr typische: es kommt darauf an.

Tatsächlich ist das ganze quasi nicht erforscht. Ich habe eine einzige empirische Studie [*] gefunden, die sich der Frage widmet. In dieser Studie findet sich eine leichte Reduktion von Wasserverbrauch und CO2-Emissionen, die aber beide nicht in allen Szenarien signifikant sind, ein signifikanter aber kleiner Reduktionseffekt auf die bewirtschaftete Fläche. Der Effekt auf Armut und Unterernährung ist über die Szenarien der Studie unterschiedlich, es wäre sowohl denkbar, dass die Unterernährung abnimmt, als auch dass sie zunimmt. Die Studie nutzt übrigens ein Simulationsmodell und entsprechend viel Unsicherheit enthalten die Ergebnisse. Ein paar weitere Publikationen widmen sich der Lebensmittelverschwendung in den Entwicklungs- und Schwellenländern selbst. Denn hier ist es tatsächlich ein valider Ansatz, Unterernährung zu reduzieren, indem die Lebensmittelverluste reduziert werden, die durch unzureichende Kühlmöglichkeiten, unsachgemäße Lagerung, Verluste beim Transport usw. entstehen. Aber zurück zur Frage, was passiert, wenn wir hier in den westlichen Industrieländern mit Lebensmitteln weniger verschwenderisch umgehen.

Wenn ich das ganze – ohne Zahlen zu haben – mal durchdenke, also so rein mit ökonomischer Logik, dann ergibt sich etwa folgende Wirkungskette: Global gesehen bedeutet ein Rückgang der Lebensmittelverschwendung eine gesunkene Nachfrage nach Lebensmitteln. Dadurch sinkt der Preis, das Angebot ist höher als die Nachfrage, in Reaktion wird das Angebot auch gesenkt werden müssen (sonst werfen einfach die Anbieter statt der Konsumenten die Ware weg und es wäre nix gewonnen). Das verringerte Angebot führt zu weniger Nutzung agrarer Ressourcen, damit weniger bewirtschaftete Landflächen, weniger Wasserverbrauch, weniger CO2-Emissionen. Durch den geringeren Preis wird Nahrung bezahlbarer, das erklärt – hauptsächlich – den Effekt auf die Unterernährung, die wohl zurückgeht.

Allerdings kann es sein, dass diese Effekte etwas disaggregierter betrachtet klein ausfallen oder nicht nennenswert zugunsten der Entwicklungsländer. Denn – und jetzt kommt der „es kommt darauf an“-Teil: der größte Teil des Lebensmittelmülls in Industrieländern sind verderbliche Güter – Obst, Gemüse, Salat, Milchprodukte, Fleisch. Diese werden nicht zwangsläufig am Weltmarkt gehandelt, sondern vielfach regional, also z.B. innereuropäisch.

In der Kategorie Obst und Gemüse decken wir das meiste, was wir konsumieren innereuropäisch, evtl. unter Einbeziehung von Nordafrika. Maximal beim Obst entsteht ein nennenswerter Effekt auf dem Weltmarkt. D.h. u.U. profitieren zwar die Konsumenten hier in den Industrieländern von günstigeren Preisen, aber nicht die in Entwicklungsländern, denn die kaufen ihr Gemüse und ihren Salat nicht am selben Markt. Hinzu kommt, dass die Kalorienbilanz dieser Produkte nicht sehr groß ist, d.h. spottbilliger holländischer Salat und spanische Tomaten machen afrikanische Kinder auch nicht satt.

Bei Milchprodukten wird schon eher ein Schuh draus, denn ein geringerer Milchpreis am europäischen Markt wird den Milchpulverpreis weltweit drücken und Milchpulver ist aus Welternährungssicht sehr wichtig. Ergo, sparen wir Milchprodukte hat das schon eher einen weltweiten Effekt. Und zwar würde es dann einen positiven Effekt auf die Welternährungssituation haben. Auch der Umwelteffekt dürfte positiv sein, da die CO2-Bilanz von Kühen ja eher so geht so ist.

Am deutlichsten wäre der Effekt vermutlich, würde Fleisch eingespart. Denn obwohl Fleisch auch weitgehend regionale, separierte Märkte hat, hat die Fleischproduktion eine erhebliche Auswirkung auf den Weltmarkt für Mais und Getreide, weil diese als Futtermittel importiert werden. Gleichzeitig (das ist inzwischen wohl Allgemeinwissen) ist Fleisch ein sehr ineffizientes Nahrungsmittel, da es ein Vielfaches seines Gewichtes in Futter benötigt und massiv zum CO2-Ausstoß beiträgt. Das heißt, sparen wir bei uns ein wenig Fleisch, wird dadurch sehr viel Futter und CO2 eingespart, der Mais- und Getreidepreis sinkt, diese sind wichtige Grundnahrungsmittel und können sehr viel günstiger gekauft werden. Sehr gut für Welternährung und Klima.

Ein weiterer Aspekt, den es zu bedenken gilt, ist, dass natürlich bei gesunkenen Lebensmittel-Preisen auch irgendwessen Einkommen zurückgeht. Die Wertschöpfung bei Lebensmitteln fällt im Großteil bei Verarbeitung und Verpackung und Verkauf an. Das heißt, dass bei Bauern und lebensmittelverarbeitender Industrie das Einkommen zurückgeht, das führt latent zu einer eher armutsverstärkenden Umverteilung. Hier schließt sich ein wenig der Kreis zum Zuckermarkt-Artikel von vor einigen Wochen: Würde durch geringere Nachfrage nach Lebensmitteln der Lebensmittelpreis sinken, dann wird das vermutlich die Lebensmittelhandelsketten und großen Player im Lebensmittelimport wenig tangieren, da sie sich sehr viel schwächeren Zulieferern gegenübersehen und so den Preisdruck im Zweifel nach unten weitergeben könnten. Dadurch würden die Löhne in der Agrarproduktion sinken, dort also, wo die Löhne ohnehin sehr niedrig sind.

Zusammenfassend: Für die globalen Ressourcen ist es eindeutig gut, Lebensmittel einzusparen. Positiv für die Bevölkerung von Entwicklungs- und Schwellenländern wäre es vor allem dann, wenn Milch und Fleisch gespart würde.

Weiterführende Links:

Reducing food waste is good for economy and climate

Foodwaste within the supply chain and the potential for change by 2050