Back to normal?

Der BDI forderte am Wochenende ein „Ende des Lockdown“ – konkreter das Zurückfahren aller Einschränkungen bis Mitte Mai. Tatsächlich wurde quasi das heute durch den Beschluss der Ministerpräsident*innenkonferenz auch in greifbare Nähe gerückt. NRW hatte ganz flott schon einen schicken Foliensatz mit der Message „Sie dürfen bald wieder ALLES“ online…

Doch was verspricht „DIE WIRTSCHAFT(TM)“ sich davon? Für mich zeigt sich in dieser Forderung der unrealistische und genau genommen leichtsinnige Wunschtraum, man könne sich jetzt kurz schütteln und dann einfach wieder zum Alltag übergehen. Und ja, das würde ich mir auch wünschen. Wer nicht? Allerdings kann jede*r mit etwas Verstand, und dazu sollten Menschen in verantwortlichen Positionen in Unternehmen ja eigentlich zählen, sich relativ leicht zusammendenken, dass wir auch ohne „Lockdown“ nicht zurück gehen können. Es gibt kein „normal“ bis wir nicht einen Impfstoff gegen dieses Virus haben.

Warum?

Zunächst weil wenn wir alles machen wie wir es bis Mitte März taten, uns dicht in Fußgängerzonen knubbeln, in Cafés und Restaurants sitzen, Samstag zu Ikea oder ins Fußballstadion, Sonntag an den See oder in die Kletterhalle, im Sommer schön im Schwimmbad abhängen und für den Urlaub nach Malle oder Tirol oder vielleicht Center Parcs in Holland nun – dann sind wir sehr schnell wieder bei Infektionszahlen, die unser Gesundheitssystem an seine Grenzen bringen. Die zu vielen vielen schwer erkrankten, vielen Toten und vielen Menschen mit dauerhaften Lungen- und Gefäßschäden führen.

Ist uns egal? Ok …

Und wenn. Dann denken wir mal kurz daran, ob eine Aufhebung des sog. Lockdowns* einem „back to normal“ entspräche, so aus Sicht der Wirtschaft(TM). Nein. Täte sie nicht. Denn die Welt ist nicht mehr normal. Die Weltwirtschaft ist von der Rolle. Lieferketten sind dahin. Andere Länder sind tatsächlich in einem Lockdown. Menschen können nicht arbeiten weil ihre Kinder nicht betreut sind. Menschen können nicht konsumieren weil ihre Jobs weg sind. Es ist nichts normal. Südkorea hatte keinen Lockdown, alles war offen, es hat trotzdem mit erheblichen wirtschaftlichen Problemen zu kämpfen. Dort wo die Einschränkungen wieder aufgehoben werden, wie in China und Japan, läuft es noch lang nicht wieder rund. Und wenn wir alles ausreizen, mehr Infektionen, ein neues Aufflammen der Pandemie, dann haben wir bald Ausfälle von Arbeitnehmern weil sie krank sind oder schlimmer, weil sie dauerhaft geschädigt oder tot sind. Es gibt kein back to normal. Egal wie sehr der BDI sich das wünschen mag.

Was wir brauchen ist eine echte Vision für eine neue Normalität. Ein flexibles Reagieren auf geänderte Tatsachen. Und aus der Forderung des BDI spricht (wie aus dem Mund einiger Ministerpräsidenten) die Weigerung, dies anzuerkennen. Die Weigerung, sich auf die neue Realität einzulassen oder anzuerkennen, dass man nicht anpassungsfähig genug ist. Aber wenn wir diese Umstellung auf die neue Realität noch länger rausschieben, wird es nur verlustreicher und schmerzhafter.

Was brauchen wir also?

Abstand! Überall, auch im Betrieb und am Arbeitsplatz, wo kein Abstand da Maske. Uwe findet die Maske unbequem? Abmahnung. Tilo findet aber er ist eh nicht krank und kann deshalb mit Sascha eine Zigarette teilen? Abmahnung. Und weil Arbeitgeber vielleicht ihre Sorgeverpflichtung für ihre Angestellten nicht ganz so ernst nehmen braucht es dazu eine klare Verordnung, oder ein Gesetz. Und Kontrollen. Während des sog. Lockdowns haben sich in Deutschland viele tausend Menschen angesteckt. Wo wohl? Richtig – am Arbeitsplatz. Das muss besser werden. Ebenso sollte gesetzlich geregelt werden, dass auch bei geöffneten Kitas und Schulen jede*r Arbeitnehmer*in, deren Aufgabe das zulässt im Home Office verbleibt. Meetings müssen weiter virtuell stattfinden, Dienstreisen auf ein Minimum reduziert. Das läuft doch gerade gut, wir stellen doch gerade fest, was alles geht von zuhause, virtuell und ohne CO2-Ausstoß. Machen wir das doch bitte einfach weiter.

Tests! Jens Südekum rennt seit Wochen durch Twitter und sonstwo herum und fordert viel mehr Tests, insbesondere auch Selbsttests. Damit wir uns sofort selbst in Quarantäne begeben können, wenn wir positiv sind, selbst wenn wir noch gar nichts davon merken. Damit Schüler*innen nicht zu Seuchen-Schleudern werden. Damit wir irgendwann mal wieder unsere Eltern und Großeltern besuchen können. Damit hat er vollkommen recht. Derzeit wird scheinbar zu wenig getestet, Testkapazitäten sind nicht ausgelastet und Selbsttests gibts es auch noch nicht in der Fläche zu kaufen. Beides hat m.E. wirtschaftliche Gründe. Ärzte ordnen keinen Covid-Test an, wenn sie fürchten müssen, dann ihre Praxis für 2 Wochen dicht machen zu müssen. Menschen lassen keinen Test machen, weil sie nicht bei der Arbeit ausfallen wollen. Oder weil sie nicht dafür verantwortlich sein wollen, wenn ihre ganze Abteilung in Quarantäne muss. Selbsttests sind für die Hersteller nicht lohnend, weil sie nach Impfstoff nicht mehr absetzbar sein werden. Also auch hier sind kreative und neue Wege nötig. Teststationen, mobile Testteams, Selbsttests auf Rezept oder einfach vom Gesundheitsamt ausgegeben. Das Problem ist lösbar, mit Entschlossenheit und Geld.

Neue Produktions- und Handelsstrukturen! Wir brauchen medizinische Schutzausstattung, Masken, am besten mindestens FFP2 für alle und in rauen Mengen, wir brauchen Desinfektionsmittel. Viel. Viele Laborchemikalien. Selbsttests. Antikörpertests. Und möglicherweise neue Medikamente und irgendwann Impfstoffe. Es war bisher nicht lohnend diese Dinge in ausreichender Menge und hierzulande zu produzieren. Es birgt Kosten, die Produktion umzustellen. Es ist vermutlich teurer diese Sachen hier zu produzieren. Es bedarf dafür finanzieller Anreize oder Sicherheiten für die Unternehmen, die das können. Abnahmegarantien, Preisgarantien, Förderung, vergünstigte Kredite. Die derzeit stark gestörten Lieferketten müssen sich möglicherweise ganz neu finden. Anders wieder aufgebaut werden, denn das selbe Umstellen der Wirtschaft auf Pandemie-Bedarf passiert ja auch in anderen Ländern. Das alles braucht Zeit, aber vor allem auch die Bereitschaft, die Situation als neues Benchmark zu verstehen. Nicht zu erwarten, dass man einfach abwartet und ab nächste Woche wieder weiter macht wie bisher. Sondern dass man auf das nächste Jahr mal plant, mit den geänderten Verhältnissen umzugehen. Und naja. Wenn man schonmal dabei ist, macht man manches vielleicht dann für immer anders. Hier kann der Staat begleiten und helfen. Aber ohne die nötige Bereitschaft zur Veränderung wird hier nicht viel passieren.

Konzepte für Distanzlernen! Schüler*innen sind gerade sehr suboptimal betreut, lernen weitgehend allein, bearbeiten Aufgaben, die sie an Lehrer*innen schicken, die weitgehend abwesend und unresponsive sind. Feedback und Austausch bleiben auf der Strecke. Interaktion unmöglich. Aber ist ein Wiederbeginn des Präsenzunterrichts unter Maßgabe von Abstand und Hygiene wirklich die Lösung? Pause wie Hofgang im Gefängnis, drölfzigmal am Tag in die Händewaschschlange, Einzeltische mit Abstand und Frontalunterricht? Das soll dann zu produktivem Lernen führen? Wohl nicht, was? Aber genauso wie Abstand am Arbeitsplatz wird auch Abstand in der Schule das new normal werden müssen. Entsprechend muss das ganze digital ergänzt und neu gedacht werden. Kleinere Lerngruppen, die nicht durch Lehrer*innen seuchentechnisch verbunden werden. Echte mediendidaktische Konzepte, die erlauben, die wenigen unter Distanz möglichen Präsenzstunden sinnvoll zu nutzen. Das braucht Zeit, und Geld, und Entschlossenheit. Aber auch das ist möglich! Die Hochschulen machen dieses Semester da einen großen Sprung ins kalte Wasser. Auch die Schulen müssen da mitziehen. Es wird auch in der Schule kein back to normal geben.

Gesellschaftliches Leben! Wir sind soziale Wesen, wir wollen interagieren. Aber wir brauchen dafür neue Räume und Formen. Gastronomie mit großen Außenflächen. Breite Spazier- und Radwege. Open Air Kino. Von mir aus Geisterspiele mit virtuell vernetztem Stammtisch. Online-Treffen. Manche Städte machen es vor, manche Gastronomen denken da schon weiter. Bieten Tische in Gewächshäusern oder Parks an. Bibliothek to go. Open Air Gottesdienst. Seien wir kreativ. Machen wir möglich, dass wir uns begegnen.

Und am Ende können wir vielleicht, hoffentlich, womöglich, nächstes Jahr wieder sorgloser in den Sommer gehen. Aber müssen dabei weniger Zeit auf Dienstreisen und in Meetings absitzen, haben uns daran gewöhnt auch weit weg wohnende Freunde regelmäßig virtuell zu sehen, können den öffentlichen Raum mehr für Begegnung und weniger für Verkehr nutzen und ermöglichen Kindern ein zeitgemäßes lernen. Man wird doch noch hoffen dürfen, oder BDI?

* Wir haben in Deutschland zu keinem Zeitpunkt einen Lockdown gehabt. Wir haben Geschäfte, Restaurants, Hotels, Schulen und Kindergärten geschlossen. Kein Industrieunternehmen, keine Bank und keine Versicherung wurde qua Dekret geschlossen.

Komplexe Komplexitäten um COVID-19

Seit am Donnerstag die Zwischenergebnisse der sog. Heinsberg-Studie vorgestellt wurden und der Autor, Prof. Hendrik Streeck, bei Lanz zu Gast war und auch direkt zu Publikum über seine Zwischenergebnisse sprach, werden viele Bedenken und Bauchschmerzen dazu auf Twitter geäußert. Zurecht, wie ich finde, denn als Wissenschaftlerin macht mich vieles am Drumrum dieser Studie mehr als stutzig. Ich bin nun keine Virologin oder Epidemologin, nicht mal Medizinerin. Aber vielleicht ist auch gerade der Blick aus einer politiknahen Wissenschaft wie der VWL hier richtig. Denn mir scheint, ein Teil des Problems ist hier (wie es auch lange beim Klimawandel war), dass die besonderen Dynamiken der Politik normalerweise wenig Überschneidung mit den beteiligten Wissenschaften wie Medizin hier hat. Ich bin ja die erste, die fordert, VWL müsse sich ihrer politischen Verantwortung mehr bewusst sein und die politische und gesellschaftliche Dimension wirtschaftlicher Aktivität einbeziehen. Allerdings scheint mir, dass die nun beratenden Virologen (warum eigentlich nicht vor allem Epidemologen?) dies noch viel weniger antizipieren, dass ihre Erkenntnisse gesellschaftliche, politische und wirtschaftliche Konsequenzen haben und sie sich deshalb in ihrer Kommunikation gewahr sein müssen, dass zwangsläufig ein Praxistransfer erfolgen wird, der eigentlich aus wissenschaftlicher Sicht noch nicht angebracht ist. Und nun: Auftritt Prof. Streeck und wissenschaftliche Bauchschmerzen.

1. Repräsentativität

Die sog. Heinsberg-Studie sei repräsentativ hieß es an verschiedener Stelle, schon in Artikeln, die dazu vor letzten Donnerstag in großen Medien erschienen sind. Der Name suggeriert auf jeden Fall, dass die Studie sich mit dem gesamten Kreis Heinsberg beschäftigt. Aber ist sie repräsentativ und wofür? Klingt ja schick, aber was ist das denn mit der Repräsentativität? Wir sind das vor allem von Wahlumfragen gewöhnt, dass da von repräsentativen Stichproben gesprochen wird und so liegt es nahe, zu erwarten, dass diese Studie irgendwie repräsentativ für Deutschland sei. Nun das ist sie nicht. Sie ist, so die bisherige Kommunikation repräsentativ für Gangelt. Dass man das nicht deutlich sagt, mag bedeuten, dass man mehr Wissen über Statistik in Politik und Bevölkerung unterstellt, als da ist. Oder dass man bewusst mehr Aussagekraft suggeriert als da ist.

Denn: wenn aus einer Untersuchung einer Stichprobe (hier etwa 1000 Personen aus 400 Haushalten in Heinsberg-Gangelt, davon bisher nur 590 aus 200 Haushalten analysiert) Rückschlüsse auf die Grundgesamtheit (Alle Deutschen? Alle Menschen in NRW? Alle Heinsberger?) gezogen werden sollen, dann muss die Stichprobe in etwa die gleiche Verteilung aller relevanten Einflussgrößen (hier: Alter, Geschlecht, Vorerkrankungen, Soziale Interaktion, Bewegungsschema, Exposition zu COVID-19-Infizierten und weitere Faktoren…) aufweisen, wie die Grundgesamtheit. Das ist in zufälligen Stichproben nur bei sehr großen Stichproben oder mehrfachen Erhebungen zu realisieren. Wenn eine Kompletterhebung ebenfalls ausscheidet (das wäre alle Leute testen) dann muss die Stichprobe repräsentativ sein. Und zwar für das, was man untersuchen will. D.h. Es müssen darin prozentual die gleichen Alters- und Geschlechtsverteilungen, Erkrankungsmuster, Mobilitäten und Sozialkontakte usw. vertreten sein, wie in der Grundgesamtheit. Und deshalb macht der Punkt hier einen Riesenunterschied! Denn niemand würde davon ausgehen, dass Gangelt im Durchschnitt Deutschland ist. Gangelt ist auf dem Land, in Westdeutschland, es gab hier sehr früh eine COVID-Erkrankung und es gab Karneval. Die Leute in Gangelt sind mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit nichtmal genau so zusammengesetzt wie Heinsberg, ganz sicher nicht wie NRW und schon gar nicht wie Deutschland. Und es macht möglicherweise auch keinen Sinn zu versuchen, die Prävalenz von COVID 19 repräsentativ für ganz Deutschland zu erheben. Besser wäre wahrscheinlich auf der Ebene, auf der Maßnahmen getroffen werden müssen oder auf der die medizinischen Kapazitäten sinnvoll geteilt werden können. Also Landkreis, Regierungsbezirk, Land. Wieviele Leute in Gangelt möglicherweise COVID-19 hatten ist aus politischer Sicht überhaupt nicht maßgeblich. Es ist aber aus medizinischer Sicht spannend, weil es ein Hotspot war und man viel über Ansteckungsketten lernen kann. Aber das muss man dann halt auch so kommunizieren. Gangelt wurde für diese Studie vor allem deshalb ausgewählt, weil man hier überhaupt schon viele wieder gesundete vermuten kann und weil man ausgehend von einem einzigen erkrankten Paar Infektionsketten rekonstruieren könnte. Nicht deshalb, weil ganz NRW ist wie Gangelt. Es wird aber jetzt so dargestellt und das ist gefährlich.

2. Genauigkeit, Unsicherheit, Übergenauigkeit

Kommuniziert wurden zwei Zahlen: eine vermutete Immunität in der Bevölkerung von Gangelt von 15% und eine vermutete Lethalität von 0,39%. Beides wurde als extrem positiv geschildert. Wenn 15% (in Gangelt) schon COVID-19 hatten, dann fehlen uns ja „Nur noch“ 45%-55% zur Herdenimmunität (in Gangelt) und wenn dabei die Lethalität so weit unterhalb der derzeitigen Angaben des RKI liegen, dann ist doch alles halb so wild (in Gangelt), oder?

Es gibt ernsthafte Zweifel an dieser Auslegung. Einerseits weil das kommunizieren von *einer einzelnen* Zahl aus statistischer Sicht hochgradig unlauter ist. Wenn ich nicht jeden einzelnen Gangelter getestet hab, ist die Immunität wenn überhaupt nur in der Stichprobe 15% und für die Grundgesamtheit nur eine Schätzung. Zudem ist der Antikörpertest nicht genau. Er produziert sog. Falsch positive und falsch negative Ergebnisse. Der Test scheint sogar relativ stark ungenau zu sein (verglichen mit dem was ich aus volkswirtschaftlicher Statistik als zuverlässige Methoden einordnen würde) aber das ist nicht mein Fachgebiet, dazu gab es in den Medien bereits Beispielrechnung und auch, wie das üblicherweise durch zusätzliche Diagnostik abgesichert wird. Wir wissen aber nicht, ob das in der Studie (schon) gemacht wurde. Was ich aber sicher sagen kann: Kein Test ist zu 100% genau und folglich ist jedes Ergebnis für eine Stichprobe unsicher. Man kann dem Rechnung tragen, indem man z.B. einen Korridor angibt in dem unter Berücksichtigung der Wahrscheinlichkeit von false positives mit einer bestimmten Wahrscheinlichkeit (sagen wir 95% oder 99%) die wahre Prävalenz liegt. Das hätte ich hier erwartet. Dass man sagt, die Immunität liegt (in Gangelt!) irgendwo zwischen X% und Y%. Dass das hier nicht passiert ist kann m.E. verschiedene wenig schöne Gründe haben: 1. Die Streubreite ist so groß, dass das Ergebnis jede Aussagekraft verliert (z.B. Zwischen 2 und 50% oder so) 2. Es gibt zu wenig (ausgewertete) Beobachtungen oder darunter zu wenig positive Ergebnisse um sinnvoll eine statistische Korrektur vorzunehmen. Für diese These spricht, dass bisher noch nicht alle Daten berücksichtigt sind, der Test wiederum recht ungenau ist und dass auch darüber geschwiegen wird ob das Clustering innerhalb von Haushalten bereinigt wurde (denn man darf eigentlich nur unabhängige Beobachtungen aufnehmen, nicht solche, die sich untereinander beeinflussen). 3. Es wurde politisch oder durch die mediale Beratung darauf gedrungen *genau einen* Wert zu nennen – wegen der besseren Verkaufbarkeit. Wie gesagt – alles sehr unschöne Optionen.

Und die zweite Zahl: 0,37% ? Da hätte ich von meinem Doktorvater oder jedem beliebigen Referee für auf den Deckel gekriegt, die zu kommunizieren. Wer kann den Unterschied zwischen 0,37% (also 0,0037) und 0,4% (also 0,004) fassen? Genau – niemand. Aber 0,37% wirkt doch gleich enorm viel genauer, hm? Und ist es möglich, diese Genauigkeit überhaupt zu liefern? Nein! Denn zur Berechnung dieser Zahl muss man die andere Zahl, die der Erkrankten genau kennen, was man nicht tut wegen siehe oben. Wie kommt man auf die Zahl? a) man berechnet für die Stichprobe von 1000 bzw. derzeit 590 Leuten, die man alle getestet und ausgewertet hat wieviele davon (wahrscheinlich) erkrankt waren und wieviele davon gestorben sind – Hä? Moment? Die kann man ja jetzt nicht mehr in der Stichprobe finden – geht also nicht. Außerdem wären 0,37% von 590= 2,3 Tote… das erscheint unwahrscheinlich wegen des zu 1/3 verstorbenen. Was also wahrscheinlich gemacht wurde ist: ausgehend von ungefähr 15% Erkrankten in der Stichprobe (wir wissen, genau kann man das ja nicht wissen denn siehe oben) auf die Bevölkerung von Gangelt rückgerechnet (weil ist ja repräsentativ, darf man) in Gangelt waren dann (vielleicht) 15% der 11634 Einwohner positiv, also vielleicht ungefähr 1745,1 Leute und davon sind 7 gestorben, das sind 0,401%. Und ja, q.e.d mit der heute auf Wikipedia angegeben Einwohnerzahl kann ich die 0,37 schon nicht berechnen. Also wie wahrscheinlich ist genau 0,37% die echte wirkliche Lethalität? GENAU! Macht keinen Unterschied denkt ihr? Tja. Nicht auf die knapp 12.000 Leute in Gangelt. Aber jetzt berechnet mal 0,01% von 82 Millionen Deutschen… das wären dann 8200 Tote hin oder her… schwupp hat es schon 3/4 von Gangelt nicht geschafft weil jemand sich zu genau auf eine Zahl festgelegt hat. Klingt seriös, oder?

3. Vorveröffentlichung von ungeprüften Ergebnissen

Eigentlich basiert Wissenschaft auf kollegialer Prüfung. Wenn ich wissenschaftliche Ergebnisse publiziere, dann werden sie von Kollegen gelesen und kommentiert, geprüft. In der Regel durch ein sog. Peer Review Verfahren, also durch Gutachter. Zumindest aber wird mein Vortrag und ein Arbeitspapier mit einer Dokumentation der Methode und der Ergebnisse im Internet verfügbar sein und jeder der es liest kann dazu Stellung beziehen und auf Fehler aufmerksam machen. Hier wurde mündlich über ein Zwischenergebnis berichtet, ohne eine Dokumentation, eine Schriftform und weitgehend ohne Fachöffentlichkeit. Das ist wirklich merkwürdig als Vorgehen. Der Grund dafür sei die Dringlichkeit der politischen Entscheidung. Das ist ein sehr merkwürdiger Grund, denn gerade wenn die Erkenntnisse Grundlage politischer Entscheidungen sein sollen (was sie, siehe oben vielleicht besser nicht sein sollten weil sie vielleicht gar nicht so aussagekräftig sind) müssten sie doch doppelt und dreifach abgesichert werden. Auch hier liegt also der Verdacht nahe, dass bewusst der Prüfung aus dem Weg gegangen wurde oder politisch oder durch die mediale Beratung auf eine zu frühe Publikation unverlässlicher Ergebnisse gedrungen wurde….

In Summe bin ich also nicht sehr angetan, dass diese Studie jetzt scheinbar die Basis für politische Entscheidungen darstellt, denn Prof. Streeck ist ja auch im Corona Expertenrat der NRW-Landesregierung.

Wenn kein Markt da ist: the tragedy of the commons

Wieso bestehen eigentlich Ökonomen in der breiten Mehrheit darauf, dass es einen Preis und einen Markt für CO2 geben muss?

Der Entstehung der Klimakrise liegt im Kern ein Problem zugrunde, das wir schon so lang kennen, dass es einen sehr altertümlichen Namen hat: die Tragik der Allmende oder englisch the tragedy of the commons.

Der Begriff geht auf den britischen Wirtschaftswissenschaftler William Forster Lloyd zurück, der zu Beginn des 19. Jh Überlegungen zur Bevölkerungskontrolle anstellte. Der deutsche Name bezieht sich auf das im Mittelalter gebräuchliche Wirtschaftsprinzip der Allmende.

Die Allmende, bzw . das commons war das Stück Land, das die Bewohner eines Dorfes von der Krone zur freien Bewirtschaftung zur Verfügung gestellt bekamen und in aller Regel gemeinsam als Weide- und Forstland nutzten. Das funktionierte gut, solang genug Land zur Verfügung stand, so dass es sich regenerieren konnte und nicht erschöpfte. Es geschah jedoch leider nicht selten, dass die Allmende vom Landherrn immer weiter verkleinert wurde, bis sie nicht mehr reichte um alle Tiere zu nähren oder allen Haushalten Holz zu liefern ohne sich zu erschöpfen. In dieser Situation bestand natürlich für jeden einzelnen ein Anreiz, zu versuchen möglichst als erster seine Tiere zu weiden oder als erster Holz zu schlagen, auf dass die eigene Familie keinen Mangel leidet. Dadurch wurde natürlich das Land um so mehr überbeansprucht, wurde immer kärger und konnte die Familien immer weniger versorgen. Wikipedia behauptet sogar, dass die Beschneidung der Allmenden ein wesentlicher Grund für die Bauernkriege war.

Bereits im 18. Jahrhundert entwickelte sich eine ganze Literatur zum Allmendeproblem, die es auf größere Zusammenhänge übertrug. Besonders bekannt sind darunter die Thesen von Robert Malthus, der stark für Geburtenkontrolle plädierte weil er davon ausging, dass Wohlstand zu Kinderreichtum und damit direkt zur Verarmung und Verelendung führen müsse, da ja die verfügbare Nahrungsmenge durch die Ressource Land begrenzt war. Wie wir wissen, hatte Malthus Unrecht. Hauptsächlich weil wir gar nicht immer mehr Kinder bekommen, kaum dass wir genug zu essen haben.

Tatsächlich können wir viele (potenzielle) Allmende-Tragödien identifizieren. Immer da wo alle freien ungeregelten Zugang zu einer Ressource haben, die sich jedoch erschöpfen kann. Zuerst natürlich Weidegrund und Holz, dann Fisch- und Wildbestände, mit der Industrialisierung sauberes Wasser und unvermülltes und nicht-kontaminiertes Land. Schließlich die Ozonschicht und die Atmosphäre. Wer schonmal gesehen hat, wie grandios fehlgeleitet öffentliche Bauvorhaben laufen, merkt schnell dass öffentliche Gelder scheinbar auch ein Allmendeproblem haben. Natürlich alle öffentlich bereitgestellten Güter wie Straßen, Bildungseinrichtungen, öffentliche Gebäude. Jedes öffentliche Klo demonstriert das Problem anschaulich und eindringlich.

Je allgemeiner der Zugang, je stärker man selbst dadurch profitieren kann durch sein Verhalten der Allgemeinheit zu schaden und je begrenzter die Ressource, desto schlimmer (man denke an das einzige funktionierende Klo im ICE).

Viele dieser Allmendeprobleme haben wir in westlichen Industriestaaten gelöst, es ist eine ganz wesentliche Aufgabe eines Staates genau solche Probleme zu regeln und wenn’s gut läuft gelingt das. Z.B. Regelt der Staat in Deutschland ziemlich ok, dass nicht einfach irgendwo womöglich giftiger Müll rumliegt. Durch Verbote, Kontrollen und Strafen. Auch die Abnutzung von Straßen regelt der Staat, durch Geschwindigkeitsbegrenzung, Kontrollen und Strafen. Der Zugang zu Bildungseinrichtungen wird beschränkt oder zumindest kanalisiert. Jagen und abholzen regeln wir ebenfalls ganz effizient durch staatliche Bewirtschaftung bzw. Lizenzvergabe und – ja genau – Kontrollen und Strafen. Das mit den Klos… ja gut – vielleicht nicht wichtig genug.

Problematisch wird das ganze in Fällen wo es entweder keine übergeordnete Einheit gibt, die das ganze regeln könnte oder diese übergeordnete Einheit die Regelungen nicht durchsetzen kann. Das ist insbesondere der Fall, wenn Regeln nicht akzeptiert werden, kein Mandat zur Durchsetzung gegeben ist oder keine sinnvolle Kontrolle möglich. Et voilà: CO2-Emissionen. Die Sache mit dem Klima ist ja: die Ressource Luftverschmutzung war sehr lange sehr im Übermaß verfügbar, sie ist ein öffentliches Gut, man kann den Zugang kaum beschränken, alle auf der Welt können sie gleichermaßen nutzen, es ist extrem schwer nachzuvollziehen, wer was davon verbraucht, es gibt keine global anerkannte Einheit, die den Zugang regelt und es gibt nichtmal eindeutige Regelungen, die es durchzusetzen gäbe. Gleichzeitig ist es derzeit so sehr Teil unseres Wirtschaftssystem, die Ressource zu nutzen und zu erschöpfen, dass es extrem gewinnbringend ist, keine Rücksicht auf die Allgemeinheit zu nehmen.

Und hier kommt der Marktgedanke ins Spiel. Wo Verbote, Kontrollen und Strafen nicht durchsetzbar sind, so der Gedanke, kann es vielleicht eine gute Idee sein, aus dem öffentlichen Gut, ein nicht-öffentliches zu machen, indem man ein Zertifikat braucht und einen Preis zahlen muss. Auf einmal ist es nicht mehr lohnend, der Allgemeinheit zu schaden, solang der Preis nur hoch genug ist. Am besten so hoch wie der verursachte Schaden. Damit wird die Verursachung von Schaden selbst eine relevante Kostenstelle in der Kalkulation und das Allmendeproblem ist ausgeschaltet. Natürlich nur, wenn das Gut wirklich überall dadurch beschränkt wird und ich nicht eine Parallelallmende aufsuchen und fröhlich weitermachen kann wie bisher.

Dass die Idee, geschäftlichen Verlust an schädigendes Verhalten zu koppeln zum Erfolg führen kann, kann man an diesem kleinen aber feinen Beispiel eines sehr speziellen Allmendeproblems sehen. Nur leider hinkt die Analogie an zwei entscheidenden Stellen: 1. Die Verknüpfung von schädlichem Verhalten und daraus resultierendem Produkt ist leider beim Klima nicht immer so leicht wie bei den Hummern mit den Kerben. 2. Selbst wenn: es scheint den Hummerkonsumenten entschieden mehr daran gelegen, die Hummerpopulation zu erhalten, als es den Konsumenten der westlichen Industrienationen daran gelegen ist, ihre Lebensgrundlage zu erhalten. Anders sind die Verkaufszahlen von SUV jedenfalls kaum zu erklären.

Economics 101: Wertschöpfung

Manchmal laufen Twitter-Diskussionen ja irgendwie aus der Zeichenbegrenzung heraus. So heute geschehen. Eigentlich drehte sich die Diskussion um einen Artikel zum Gender Pay Gap im FAZIT-Blog, der darauf abzielt, den durch Berufswahl zu erklärenden Teil des Gender Pay Gaps auseinander zu nehmen. Und sich mit der Frage beschäftigt, ob es frauentypische Berufswahl gibt.

Hier kam die Frage auf, warum denn eigentlich ausgerechnet die frauentypischen Berufe schlecht bezahlt werden, und wieso es denn nun die Lösung sein soll, dass alle Frauen in MINT-Berufe gehen, um die Gehaltslücke zu schließen.

Meine These aus der Hüfte dazu war

Hierzu erhielt ich die Antwort von @GabiausS

 

Und daraufhin entspann sich eine lange Diskussion darum, warum die Wertschöpfung im Care-Bereich geringer sein sollte als im Bereich anderer Dienstleistungen, es wurde richtig gefragt, warum z.B. in der Wissenschaft, die ja auch keinen direkten Mehrwert im Sinne von Gewinn abwirft, die gezahlten Gehälter wesentlich besser sind und das sogar obwohl es ein Überangebot an Wissenschaftler*innen gibt, während es einen Mangel an Pflegekräften gibt.

Nun. Ich möchte das hier kurz mal definitorisch aufdröseln, obwohl – so glaube ich – alle Beteiligten in der Diskussion am Ende prinzipiell das gleiche meinen.

Buchhalterisch bezeichnet die Wertschöpfung in der Produktion eines Endproduktes, den Anteil am Gesamterlös des Endproduktes, der auf den Einsatz von Arbeit und Kapital entfällt. Das heißt: Gesamterlös des Endproduktes abzüglich aller Kosten für Vorprodukte und Abschreibungen = Wertschöpfung. Diese stellt dann den Kuchen, der auf Entlohnung der Arbeitskräfte und des Kapitals aufgeteilt wird. In vielen Branchen drehen sich Tarifverhandlungen in erster Linie darum, wie der Kuchen anteilig auf Arbetitnehmer und Arbeitgeber (=Kapitaleigner) aufgeteilt wird. Also wieviel des geschaffenen Mehrwertes die Arbeitnehmer als Gehalt erhalten und wieviel als Gewinn an den oder die Eigentümer ausgeschüttet wird. Diese Frage spielt in den von uns diskutierten Care-Berufen, also in den Bereichen Kranken- und Altenpflege und Kinderbetreuung eine weitgehend untergeordnete Rolle und ebenso im ebenfalls genannten Bereich der Wissenschaft. Warum? Weil es sich weitgehend um nicht-gewinnorientierte Bereiche handelt. Ganz stimmt das natürlich nicht, der Bereich der häuslichen Pflege, die gesamte niedergelassene Ärzteschaft und auch niedergelassene Therapeuten und Hebammen arbeiten privatwirtschaftlich. Allerdings ist dennoch Bereicherung der Eigner von Pflegediensten, Physiotherapiepraxen oder auch Altenheimen zulasten ihrer Angestellten ein eher nicht so weit verbreitetes Phänomen und zwar genau deshalb, weil der zu verteilende Kuchen, also die Wertschöpfung, ohnehin eher gering ist. Und zwar geringer sowohl als im öffentlichen Sektor (Wissenschaft, Verwaltung, Politik) als auch erst recht im privaten Dienstleistungsbereich.

Was?? Soll das heißen, eine Pflegekraft, Erzieherin oder Hebamme trägt weniger Wert bei, als ein Finanzbeamter, eine Wissenschaftlerin, ein Hotline-Mitarbeiter oder eine Bankangestellte? Tja. Buchhalterisch ja. Weil Care ganz offenbar weniger Erlös erwirtschaftet als Investmentbanking und – und das verwundert zunächst – auch als Lehre und Forschung. Warum ist das so?

Betrachten wir es zunächst nüchtern, lassen wir also außer acht, wie der gesellschaftliche Beitrag dieser Berufe ist und wieviel sie wert sein *sollten*. Zunächst mal nur gucken, wie diese Märkte funktionieren, dann überlegen warum und was daran zu ändern wäre.

Es ist hier dienlich erstmal zu unterscheiden in Sektoren die prinzipiell in irgendeiner Form die öffentliche Hand als Nachfrager haben und solche, die vollständig im privaten Bereich agieren. Denn im Bereich der vollständig nicht-regulierten Dienstleistungen, da wird vermutlich tatsächlich das gesamte Gehalt aller Beschäftigten, die eine Dienstleistung produzieren etwa dem entsprechen, was sie an Wert zu dieser Dienstleistung beitragen. Der Wert er Dienstleistung wird beeinflusst davon, wie hoch die Nachfrage danach ist und wie stark die Konkurrenz zwischen den Anbietern der Dienstleistung. D.h. zum Beispiel ein Fonds-Manager bewegt sich in einem Markt mit einer recht hohen Nachfrage aber ob ein Unternehmen einen Aufschlag auf seine Kosten als Gewinn realisieren kann, hängt davon ab ob es unter vollständiger Konkurrenz agiert. In diesem Fall wird das Kalkül des Unternehmens so aussehen: Es wird die Dienstleistung in dem Markt anbieten, wenn es gerade Nullgewinn erzielt, das heißt wenn der Einsatz an Material und Vorprodukten plus der Einsatz an Gehältern plus Abschreibungen und Rücklagen für Investitionen genau dem Erlös entspricht, den es erwirtschaftet. Liegt der Marktpreis darunter, kann das Unternehmen natürlich versuchen seine Kosten, evtl. auch die Arbeitskosten, zu senken oder es scheidet aus dem Markt aus. In sehr vielen Fällen wird aber der private Markt ein Oligopol sein oder eine Situation monopolistischer Konkurrenz, d.h. es gibt nur wenige Anbieter oder jeder Anbieter hat eine leicht andere Produktvariante und dadurch keinen wirklich perfekten Konkurrenten. In diesen Fällen kann ein privater Anbieter sein Kalkulation so vornehmen, dass er einen Preis realisiert, der sich als Kosten (inkl. Arbeitskosten) plus einen Gewinnaufschlag ergibt. Und dieser Fall heißt dann eben auch, dass ein Unternehmen wenn es teurere aber z.B. bessere Arbeitnehmer einstellt, dies in den Preis weitergeben kann, ohne dadurch aus dem Markt auszuscheiden.

In den diskutierten Bereichen Pflege und Wissenschaft ist das aber sehr grundsätzlich anders. Fangen wir mit Care an. Hier ist es fast durchgängig so organisiert, dass private oder halb-staatliche Anbieter die Dienstleistung produzieren, aber diese zu festen Sätzen abgeben müssen. Diese Sätze werden entweder direkt von der öffentlichen Hand vorgegeben (Kinderbetreuung) oder durch das Gesamtbudget der Kranken- und Pflegeversicherung letztlich determiniert und dann eben gemäß Tarifkatalog und Umrechnungsfaktoren in Sätze für jede einzelne Pflege- und Therapieleistung übertragen. Dabei haben zwar die Anbieter theoretisch via Verband eine Aushandlungsmöglichkeit, am Ende ist der Verhandlungsspielraum aber marginal, weil das Gesamtbudget feststeht und weil es eben letztlich nur einen Nachfrager gibt – der einzige Ausweg nicht von der Kranken- oder Pflegeversicherung den Preis der Dienstleistung diktiert zu bekommen, ist nur noch privat anzubieten und hierfür ist der Markt für private Pflegeleistungen offenbar nicht groß genug. Entsprechend sind Anbieter von Care-Dienstleistungen auf jeden Fall Preisnehmer. Und sie erhalten eben einen sehr geringen Preis für ihre Dienstleistung. Der Erlös, z.B. für den privaten Pflegedienst ergibt sich dann eben als Anzahl der Patienten mal Pauschale und hieraus ergibt sich dann nach Abzug der Kosten für Benzin, Verbrauchsmaterial und Räumlichkeiten die Wertschöpfung. Diese verteilt sich dann wiederum auf Gehälter der Pflegekräfte und Ertrag für den Eigentümer des Pflegedienstes. Und da die Fallpauschalen gering sind, ist der Erlös gering und deshalb sind die Gehälter (und auch die zu erwirtschaftenden Gewinne) gering. Das heißt der Satz oben aus dem BWL-Studium stimmt sachlich. Zur Bewertung kommen wir, wie gesagt, später.

Erst noch die Wissenschaft. Ein direkter Vergleich mit der Pflege ist etwas haarig, weil die Anbieter der Dienstleistung ‚Forschung und Lehre‘ zwar nominell auch unabhängige Einrichtungen (Forschungsinstitute und Universitäten sind), aber ein Großteil der Wissenschaftler *innen Landesangestellte und diese wiederum tariflich bezahlt werden, der Tarif gilt aber nicht *nur* für Wissenschaftler*innen. Das macht das ganze etwas hinkend. Aber der Grundgedanke, dass die Wertschöpfung buchhalterisch im Bereich der Wissenschaft höher sein muss, wenn die Gehälter dort ja höher sind, stimmt. Es funktioniert etwa so: auch hier ist am Ende der Staat der Nachfrager. Er legt das Gesamtbudget fest allerdings über verschiedene indirekte Wege, hauptsächlich über die Grundfinanzierung der Universitäten durch die Bundesländer, die Drittmittelfinanzierung durch Forschungsförderung der Länder, des Bundes und der EU, sowie über die indirekte Finanzierung der Forschung durch Finanzierung der Forschungsgesellschaften und der DFG. (Das Ganze ist durchaus komplexer als hier stark verkürzt dargestellt, dies sei mir an dieser Stelle hier verziehen). Sowohl im Rahmen der Grundfinanzierung als auch im Rahmen von Projektfinanzierung wird dabei *direkt* berücksichtigt wieviele Personen eine bestimmte Dienstleistung erbringen und in welcher Tarifstufe diese bezahlt werden – das schafft schonmal etwas weniger Druck auf die Gehälter, denn zumindest rechnerisch ist damit klar festgelegt, dass ein bestimmtes Gehalt auf jeden Fall gezahlt werden kann. Zusätzlich ist es aber eben so, dass für die Dienstleistung ‚Lehre und Forschung‘ insgesamt ein größeres Budget durch die öffentliche Hand zur Vefügung gestellt wird, als für die Dienstleistung ‚Pflege‘ oder ‚Kinderbetreuung‘. Dadurch ist der Kuchen nach Abzug der Kosten im Bereich der Wissenschaft eben größer, die Wertschöpfung liegt höher und es können höhere Gehälter gezahlt werden. Nebenbei sei angemerkt, dass hier aber zusätzlich tatsächlich gar keine Gewinne gemacht werden – das macht vermutlich schon auch etwas aus. Der feine Unterschied, dass in der Budgetkalkulation für wissenschaftliche Finanzierung den Gehältern Rechnung getragen wird, während dies in der Kalkulation der Pflegepauschalen nur sehr indirekt geschieht sei hier durchaus angemerkt – ich glaube, das hat einen gesellschaftspolitischen Hintergrund.

Halten wir aber zunächst fest: eine Dienstleistung kann noch so super produktiv erbracht werden und auch einen hohen (immateriellen, gesellschaftlichen, whatever) Wert haben. Wenn dafür kein hoher Preis gezahlt wird, hat sie eine geringe Wertschöpfung (es wird nur wenig Wert abgeschöpft) und die Arbeitnehmer*innen, die sie erbringen, aber auch die Kapitaleigner, die sie anbieten, werden gering entlohnt werden.

Nun also der Kern: Warum ist das so? Ist es gesellschaftlich richtig und ethisch korrekt, als öffentliche Hand zu unterstellen, dass Wissenschaft, Schulbildung und auch Verwaltung mehr wert sind als Kinderbetreuung, Alten- und Krankenpflege? Wohl kaum. Dennoch erfahren die Bereiche eine unterschiedliche Wert*schätzung*, die sich dann am Ende in ganz nüchtern betrachtet auch unterschiedlicher Wert*schöpfung* niederschlägt.

Hierzu zwei Thesen.

Einerseits erfahren die Care-Dienstleistungen eine geringe Wertschätzung, weil es sich dabei um Dienstleistungen handelt, die vor noch gar nicht so langer Zeit gar nicht monetarisiert wurden. Pflege und Kinderbetreuung fand unentlohnt zuhause und in Klöstern und karitativen Einrichtungen (dort durch Freiwillige sowie Ordensfrauen) statt. Das heißt in der Wahrnehmung der Gesellschaft, sind diese Dienstleistungen *eigentlich* umsonst und müssen nun unverschämterweise doch irgendwie bezahlt werden. Hiermit verbunden ist die Tatsache, dass diese Dienstleistungen traditionell von Frauen (zuhause und im Orden) erbracht wurden, oft sogar zusätzlich zu einer beruflichen Tätigkeit im formellen Arbeitsmarkt. Denn auch wenn gar nicht so sehr dahinter stünde dass ‚Frauenarbeit nix wert ist‘, was ich gar nicht per se unterstellen möchte, so läuft es etwa so ab, denke ich: Durch den demographischen Wandel können Care-Dienstleistungen schon seit einigen Jahrzehnten nicht mehr vollständig und heute nahezu kaum noch zuhause privat erbracht werden. Weil es sich aber zuhause eher um Frauenarbeit handelte, ergreifen nun, da diese Dienstleistungen mehr und mehr zu Berufen wurden, immernoch vor allem Frauen diese Berufe. Weil wir eben Rollenbilder reproduzieren, unsere Hirne sind entsetzlich langsam darin, sich veränderten gesellschaftlichen Wahrheiten anzupassen, da gehen schon mal ein paar Generationen ins Land. Der Beginn dieser Entwicklung liegt weit im letzten Jahrhundert, vermutlich mindestens in der Nachkriegszeit. Zu dieser Zeit waren Frauen aber eben selten Hauptverdienerinnen, sondern oft Zuverdienerinnen. Das heißt die ursprünglich kostenlose Dienstleistung konnte ohne großen Schaden relativ gering entlohnt werden, da die niedrigen Gehälter ja keine Familien unterhalten, sondern nur ein bisschen das Familieneinkommen ergänzen sollten (auch gab es nach wie vor zunächst auch noch relativ viele Ordensfrauen in diesem Bereich – das kann man heute noch schön in Entwicklungsländern beobachten). Das heißt auch mit Monetarisierung des Care-Bereichs war es lange gesellschaftlich akzeptabel, den Bereich schlecht zu bezahlen. Erst mit starkem Wachsen des Bedarfs durch die alternde Gesellschaft, deutlich mehr allein verdienenden Frauen und -nichtzuletzt- einem steigenden Anteil von Männern in diesen Berufen, fällt diese deutlich zu geringe Wertschätzung nun auf. Und diese Erkenntnis übersetzt sich bisher aber nicht in entsprechend höhere Budgetierung, höhere Beitragssätze oder steuerliche Ko-Finanzierung, die zu einer ebenfalls erhöhten Wert*schöpfung* beitragen könnten.

Die zweite These wird nicht jedem gefallen, denn sie unterstreicht die Bedeutung von Konkurrenz. Denn: es gibt keine zwischen-staatliche Konkurrenz um das beste Pflege- und Gesundheitssystem. Eher im Gegenteil, sonst kommen nachher noch Leute von woanders und wollen neben unserem Sozialsystem (sic) auch noch unser Gesundheitssystem fluten. Wo kämen wir denn da hin? Es gibt aber durchaus zwischen-staatliche Konkurrenz um guten wissenschaftlichen Output. Wissenschaft bringt zwar oft gar keinen und sicher keinen unmittelbaren gesellschaftlichen Nutzen, sie gilt aber als zukunftsrelevant für den Standort, weil die Hoffnung besteht einen Teil der wissenschaftlichen Erkenntnisse irgendwann zu marktreifen Produkten werden zu lassen, die dann hier und nur hier produziert werden. Innovation Made in Germany! Pflege hingegen, verspricht nicht, irgendwann in Zukunft einen Markt zu bedienen. Sie hat einen gesellschaftlichen Nutzen, dieser ist sogar unmittelbar. Sie trägt vermutlich auch indirekt zur Produktivität des Landes und auf jeden Fall im besten Fall zur Wohlfahrt bei. Aber sie verspricht keinen Wettbewerbsvorteil im Standortwettbewerb. Und also entscheidet sich der Staat in Anbetracht knapper Ressourcen, diese auf den Bereich zu werfen, wo er Vorteile gegenüber anderen Staaten zu erwirtschaften hofft.

Und wie drehen wir das jetzt, ohne auf die Wende in den Köpfen nochmal 100 Jahre zu warten?

p.s.

Weil mir der Grundtenor des FAZIT-Textes nicht wirklich schmeckt, hier ein anderer Blickwinkel auf das gleiche Thema.

 

 

Economics 101: Was ist das BIP und wofür brauchen wir das?

Zum Jahreswechsel werden ja gern mal Wachstumsprognosen veröffentlicht. Den Anfang machen hier in Deutschland die Gemeinschaftsprognose der Wirtschaftsforschungsinstitute, es folgt das Jahresgutachten des Sachverständigenrates. Aus beiden durchaus dicken Publikationen wird medial oft fast nur die Erwartung über das BIP-Wachstum verwertet. Jüngst retweetete ich eine Grafik der Wachstumsraten für 2018 im internationalen Vergleich vom economist. Auch hier ein starker Fokus auf das BIP.

Die Frage folgt dann oft auf dem Fuße und bietet sich ja auch an: Warum ist denn BIP-Wachstum wichtig.

Nun. Diese Frage ist gewissermaßen eine Glaubensfrage und ich werde die verschiedenen Glaubensrichtungen vielleicht mal bei Gelegenheit aufdröseln. Aber vor die kritische Auseinandersetzung gehört das Handwerkszeug. Deshalb erstmal: was ist das BIP, wofür ist das gut, was wächst da überhaupt und wer hat da was von?

Beginnen wir mit der Definition: Das Bruttoinlandsprodukt misst den Wert aller Waren und Dienstleistungen, die auf dem Gebiet eines Landes im Bemessungszeitraum produziert wurden.

Klingt einfach? Der Teufel steckt im Detail.

Bei der Erhebung des Wertes aller produzierten Güter und Dienstleistungen darf nämlich nichts doppelt gezählt werden. Wenn also ein Vorprodukt in den Wert eines Endproduktes eingeht würde es zweimal gerechnet. Um diesem Problem Rechnung zu tragen, wird das BIP auf vier verschiedene Weisen erhoben:

1. Als Wert aller zum Endverbrauch produzierten Waren

2. Als Wert der auf allen Produktionsstufen geschaffenen Mehrwerte

3. Als Summe der in der Produktion ausgeschütteten Einkommen

4. Als Summe aller verschiedenen Nachfragekomponenten

Theoretisch müssen all diese Berechnungen zum gleichen Ergebnis führen, denn:

In der Praxis gibt es zwischen den Erhebungsarten natürlich erhebliche Abweichungen, denn die verschiedenen Statistiken werden an vollkommen unterschiedlichen Stellen erhoben und sind überhaupt nicht konsistent.

Nun haben wir damit bisher nur das sog. nominale BIP, also der Wert der produzierten Güter. Wachstumsabschätzungen auf Basis dieses Maßes sind insofern nicht sehr gehaltvoll, da der Wert der produzierten Güter steigen kann durch a) eine Erhöhung der Menge oder b) eine Erhöhung der Preise. Daher wird zudem das reale BIP berechnet, das um die Preisentwicklung bereinigt wird. Auf Basis dieses Maßes kann dann eine Abschätzung gemacht werden, ob eine Volkswirtschaft im Bemessungszeitraum mehr produziert hat als im Referenzzeitraum. Hat eine Volkswirtschaft bei gleichem Einsatz von Arbeit und Kapital mehr produziert, so ist sie produktiver geworden.

Um einen Vergleich über Länder oder auch über die Zeit mit einem längeren Horizont anstellen zu können, wird das BIP außerdem i.d.R. in Pro-Kopf-Zahlen umgerechnet. Denn natürlich macht es wenig Sinn zu vergleichen, ob die Handvoll Einwohner von San Marino genauso viel produziert haben, wie die über 80 Millionen Deutschen.*

Ja und warum wollen wir das wissen?

Das Bruttoinlandsprodukt wird heute oft als Wohlfahrtsmaß interpretiert und als zentrale politische Zielgröße verstanden. Betrachtet man seine Geschichte, ist die Verwendung dieses Maßes eher der beschränkten Datenverfügbarkeit und dem Mangel an messbaren Alternativen geschuldet. Die ökonomischen Vorreiter der volkswirtschaftlichen Gesamtrechnung waren eigentlich an einem Maß für das Volkseinkommen interessiert. Dieses hätte, so der (etwas zu kurz gegriffene) Gedanke, die Wohlfahrt des Landes abgebildet. Allerdings gab es hier große Hürden. Für ein aggregiertes Einkommensmaß hätten die Unternehmer die Arbeitslöhne und Arbeitsstunden, sowie ihren eigenen Kapitalertrag an eine statistische Erfassungsstelle melden müssen. Das wollten diese nicht, aus Sorge, das könne die Gewerkschaften auf den Plan rufen. Das Erfragen des Produktionswertes bot weniger politischen Zündstoff. Und enthielt ja – siehe oben – die gewünschte Information mit.

Während Ökonomen ein Wohlfahrtsmaß im Sinn hatten, ging es Politikern bei der Entwicklung der volkswirtschaftlichen Gesamtrechnung um eine zuverlässige Abschätzung der Steuerbasis. Nicht umsonst steht die Etablierung der statistischen Erfassung der wirtschaftlichen Leistung in Großbritannien und den USA im zeitlichen Zusammenhang mit der Beteiligung an Kriegen und diente damit zur Abschätzung der mobilisierbaren Mittel zur Kriegsfinanzierung. Immernoch stellt die Prognose des BIP eine wesentliche Komponente der Steuerschätzung dar.

In Deutschland wurde die Erfassung des Bruttoinlandsprodukts im Rahmen des Marshall Plans eingeführt, um ein Erfolgsmaß für den Plan zu haben. Auf dieser historischen Bedeutung als Finanzierbarkeitsmaß bzw. Erfolgsmaß fußt auch die heutige Verwendung des BIP als eine der wirtschaftspolitischen Zielgrößen. Längst sind jedoch weitere hinzugekommen: Arbeitslosigkeit, Inflation, Staatsverschuldung, Rentenniveau, Nettoexporte, Geldwertstabilität – um nur einige zu nennen. Die Politik ist, auch wenn es medial oft so klingt, nicht allein auf das BIP konzentriert. Zumal das BIP nicht direkt politisch beeinflussbar ist und auch indirekt andere Zielgrößen sehr viel eher politisch zu managen sind.

Als Wohlstandsmaß hat das BIP durchaus seine Schwächen. Es beinhaltet keinerlei Aussage über die Verteilung/Gerechtigkeit. Auch korreliert es zwar mit der Zufriedenheit, aber nicht 1:1.** Selbst wenn nur die finanzielle Situation eines Landes über die Wohlfahrt entscheiden würde, was nachweislich nicht so ist, so fehlen dem BIP gerade auch langfristigere Aspekte wie die Vermögensentwicklung, das Niveau der sozialen Sicherung, die Nachhaltigkeit mit der dieses Produktionsniveau aufrecht erhalten werden könnte.

Auch als Maß für die wirtschaftliche Leistungsfähigkeit eines Landes ist das BIP umstritten. So geht vieles, was durchaus einen Wert für die Wohlfahrt hat nicht in das BIP ein, alles nämlich, was umsonst bereitgestellt wird – Care Arbeit, Ehrenamt, kostenlose Dienstleistungen. Gerade für Entwicklungsländer ist das Maß unperfekt, weil dort das Ausmaß der Subsistenzwirtschaft hoch ist und diese, wie alle Teile der Schattenwirtschaft, nicht mit erfasst wird (das gleiche Problem weisen in diesen Ländern auch die Arbeitslosen-Statistiken auf). Dies bedeutet, dass das BIP schlecht dazu geeignet ist, die wirtschaftliche Leistungsfähigkeit eines Landes zu messen, es misst genau genommen nur die durch Steuern und Abgaben erreichbaren Teile der wirtschaftlichen Leistung. Denn was nicht bezahlt wird, wird auch nicht besteuert.

Trotz dieser Schwächen ist das Bruttoinlandsprodukt als Maß wichtig. Einerseits weil es umfassend ist, andererseits weil wir kein besseres haben, das sich trivial erheben ließe (nicht dass die BIP-Erhebung wirklich in der Praxis trivial wäre, aber sie ist zumindest möglich). Und vor allem, weil es international und über die Zeit vergleichbar ist. Niemand behauptet, das BIP sollte die einzige Zielgröße sein, es ist hierzu weder gedacht noch geeignet. Aber ohne die Erhebung des BIP stünde der Staat auch ohne Planungsmöglichkeiten dar – das genügt vermutlich schon als Legitimation.

 

*Dies übrigens eine der Schwächen des zugehörigen Wikipedia-Artikels, den ich hier aus gutem Grund nicht verlinke, weil er wirklich extrem unsauber und wenig neutral geschrieben ist, hier findet sich eine Grafik die die Länder nach dem BIP vergleicht: Und huch, Überraschung, die USA produzieren ja viel mehr als Luxemburg, WER HÄTTE DAS GEDACHT?!

** Wikipedia-Artikel-Schwäche Nr. 2: Niemand behauptet, das BIP diene der Wohlfahrtsmessung, dennoch zählt der Artikel unter ‚Alternative Maße‘ drölfzig Maße auf, die versuchen Wohlfahrt zu messen sowie einige, die versuchen, die Funktionalität von Staaten zu messen.

 

Flexible Ausgestaltung der Arbeit – ein paar Überlegungen

Ich bin derzeit im Mutterschutz und meine Arbeitgeberin sucht eine Vertretung für meine Elternzeit. Aufgrund verschiedener Umstände ist sie damit eher spät dran, so dass ich höchstens 10 Monate von 12 (inkl Mutterschutz) vertreten werden werde. Das ist für alle Beteiligten sehr ärgerlich, weil ich mein Aufgabengebiet weitgehend allein bearbeite. Somit bleibt derzeit Arbeit liegen und meine Vertretung wird sich ohne meine Unterstützung einarbeiten müssen. Ich habe ein bisschen gegrübelt, wie sich das hätte verhindern lassen können und bin darüber zu Überlegungen zur Gestaltung von modernen Arbeitsplätzen ganz allgemein gekommen:

Viele Elternteile, Väter wie Mütter, sehen sich heute in der Situation, das sie gern weiter einem verantwortlichen Job nachgehen würden, auch wenn sie – kleine – Kinder haben, ihnen aber recht klar gesagt wird: in Teilzeit geht das nicht. Ich kenne Menschen, bei denen selbst eine Reduktion auf 80% der Arbeitszeit dazu geführt hätte, dass ihnen Führungsverantwortung wieder entzogen worden wäre. Mütter werden oft -widerrechtlich – vor die Wahl gestellt 50% in einer weniger interessanten Aufgabe oder 100% im alten Job. Andere Lösungen wie etwa 65 oder 75% stehen nicht zur Debatte. Auch eine Elternzeit von mehr als zwei Monaten gilt in vielen Fällen als Garant für Nachteile im Job im Nachgang. Nachteile, die Frauen mehrheitlich dann in Kauf nehmen und die Männer mehrheitlich dazu zu bewegen scheinen, dann eben nur kurz in Elternzeit zu gehen.

Das Bedürfnis, die Wochenarbeitszeit zu reduzieren oder längere Auszeiten nehmen zu können ist aber keinesfalls auf Eltern beschränkt. Eine moderne Arbeitsumgebung sollte jeder/m Arbeitnehmer/in möglich machen, selbst Herr/in über seine/ihre Aufteilung von Arbeit und Freizeit zu sein. 

Die absehbare stärkere Automatisierung und zunehmende Digitalisierung legt außerdem nahe, dass wir zukünftig eher ein Überangebot an Arbeitskraft haben werden und dass die Arbeit noch weniger als bisher zwangsläufig ab einer festen Arbeitsstätte wird stattfinden müssen. Eine Flexibilisierung der Arbeitszeit und des Arbeitsortes würde also auch im Sinne der Arbeitgeber und des gesellschaftlichen Friedens sein.

Wie aber sollte das vonstatten gehen, wenn ja offenbar der/die einzelne so unverzichtbar ist  oder die Arbeitsabläufe so unflexibel, dass außer den Varianten „Mehr als Vollzeit, am besten immer am festen Arbeitsplatz“ und „50% an 5 Tagen a 4 Stunden und nur bei Zuarbeit, keinesfalls mit Verantwortung“ keine Ausgestaltung denkbar ist? 

Ich glaube, das Problem hängt viel damit zusammen, wie wir Arbeit und Aufgaben organisieren. Denn tatsächlich, dass ich jetzt nicht im Büro bin führt dazu, dass meine Arbeit nicht gemacht wird. Dass ich in einen Job mit Verantwortung werde zurückkehren können, auch in Teilzeit, habe ich dem Umstand zu verdanken, dass ich im öffentlichen Dienst tätig bin und dass meine Vorgesetzten mich außerordentlich zu schätzen wissen. Ich kenne auch im direkten Umfeld im öffentlichen Dienst Frauen, denen nach der Rückkehr aus der Elternzeit eine zugesagte Beförderung versagt wurde, selbst bei Rückkehr in 100%. Auch bei meinem Mann wird die Elternzeit dazu führen, dass seine Arbeit nicht adäquat fortgeführt werden wird. Für uns beide wird das bedeuten, dass wir einerseits in der Elternzeit nicht 100% raus sein werden, sondern mal schnell Mails checken, ein kurzes Telefonat und ähnliches werden vermutlich sein müssen, um unser „Hoheitswissen“ abzurufen. 

Wie könnte das besser laufen?

Ich denke, wir müssen Arbeitsplätze und Aufgabengebiete flexibler, komplementärer, weniger monolithisch sehen. Als ich meine Stelle angetreten bin, war sie mit 100% ausgeschrieben und wurde mit mir zu 75% besetzt. Obwohl ich angeboten hatte, sie auch 50-50 mit einer zweiten Person zu teilen. Es war meiner Arbeitgeberin lieber, dass ich in 30 Stunden die Arbeit von 40 Stunden mache als die Aufgaben sinnvoll auf zwei Arbeitsplätze zu verteilen, die sich ergänzen. Das führte natürlich zu erheblichem Stress für mich und gleichzeitig dazu, dass jetzt eben auch eine Lücke entsteht, die so nicht da wäre, wären wir zu zweit. Das Gedankenspiel funktioniert aber auch für 100% Stellen. Wenn ein Mitarbeiter mit einem speziellen Aufgabengebiet aufgrund von Elternzeit, Krankheit, Sabbatical ausfällt, ist seine Arbeit vakant, eine Vertretung muss mühsam eingearbeitet werden, der Übergang ist ruckelig, ein Wiedereinstieg nur unflexibel und in exakt den selben Konditionen oder gar nicht möglich. Weil wir Personen und Aufgabengebiete deckungsgleich denken. Person A macht Aufgabe X, Person B macht Aufgabe Y usw. Was wäre aber nun, hätten A und B gemeinsam X und Y verantwortet. Dann könnte einer von beiden die Vertretung des anderen problemlos einarbeiten und ggf auch kurzfristig vertreten. Das Wissen um beide Aufgaben wäre zumindest passiv verfügbar, es würde immernoch die zeitliche Kapazität, nicht jedoch das Know-How fehlen. 

Natürlich, es gäbe Abstimmungsbedarf. Das muss man einkalkulieren. Es müsste manchmal womöglich mehr gesprochen werden. Aber vielleicht gewinnt man so gleichzeitig auch verschiedene Perspektiven auf ein Problem, entdeckt evtl. Fehler früher. Und womöglich, wie krass wäre das denn, hätte man gleich zwei motivierte und engagierte Mitarbeitende. 

Kann man ja mal drüber nachdenken. Meine Arbeitgeberin wird das müssen. Denn ich kehre zunächst mit 50% zurück, in ein dann womöglich sogar gewachsenes Aufgabengebiet, mit (Personal-)Verantwortung in dem ich glücklicherweise gut und schlecht zu ersetzen bin. Und ich teile das dann auch echt gern, allein machen will ich es aber nicht. Liegt dann halt an den Chefinnen und Chefs, ob sie mir eher eine/n Assistent/in oder eine/n Kollegin/en an die Seite stellen, nicht?

Deprimierendes aus der Hochschullandschaft: der Bundesbericht Wissenschaftlicher Nachwuchs

Im Februar ist der jüngste „Bundesbericht Wissenschaftlicher Nachwuchs“ erschienen. Diese Studie erscheint alle 4 Jahre herausgegeben vom Bundesministerium für Wissenschaft und Forschung, erstellt durch eine Expertengruppe. Der Bericht erfasst in Zahlen die Gruppe der sog. Nachwuchswissenschaftler*innen und geht in Schwerpunktkapiteln auf diejenigen Entwicklungsfelder ein, die gemäß Medienrezeption und Angaben der Gruppe selbst als besonders maßgeblich wahrgenommen werden.

Eine Zusammenfassung in englischer Sprache findet sich in diesem Artikel: Age old problems – Fixing Germany’s academic pipeline
Ich habe den Bericht aus beruflichen Gründen durchgearbeitet und mir sind zwei Dinge ganz besonders aufgefallen, die ich hier mal ohne Anspruch auf Vollständigkeit niederschreibe, und die mich sehr deprimiert haben:

  1. Mit Vollgas vor die Wand

Dass es nicht unbedingt wahrscheinlich ist, Professor*in zu werden, das ist den meisten jungen Wissenschaftler*innen vermutlich in der großen Mehrheit schon zu Beginn der Promotion klar. Das ist auch eigentlich überhaupt nicht weiter schlimm, es ist auch nicht sehr wahrscheinlich Manager*in zu werden. Und auch gar nicht jede*r will das. Weder Manager noch Professor ist allein glückseligmachend für jede und jeden, die irgendwo unten in die jeweilige Organisation einsteigt. Das Problem in der Wissenschaft ist jedoch, dass das gesamte System in seinem Aufbau und vor allem seiner Kommunikation so tut, als sei Professor*in das einzige Karriereziel, dass sich für junge Promovend*innen ergibt. Nun. Ist es nicht. Statistisch gesehen ist es sogar eine ziemliche Kuriosität, wenn am Ende der sog. wissenschaftlichen Qualifikationsphase, die sich aus Promotion und Habilitation zusammensetzt, die Berufung auf eine Lebenszeitprofessur steht. Nur etwa 8% der ehemaligen Promotionsstudierenden wird am Ende Professor*in – mit einer erheblichen Streuung über die Fachgebiete.

Dennoch wird die Professur als der Normweg und jeder andere, sehr viel wahrscheinlichere Weg als „Alternativer Karriereweg“ gesehen. Aus persönlicher Erfahrung kann ich sagen, dass das „alternativ“ im Sprachgebrauch vieler Professor*innen dabei eine erheblich negative Konnotation in Richtung „Verlierer“ hat. Dabei stellt die Promotion in den meisten Fächern durchaus eine solide Basis für eine ganze Reihe anderer Karrierewege dar. Diese sind aber weit überwiegend außerhalb des Wissenschaftssystems angesiedelt. Nur 17% der Promovierten in Deutschland arbeiten heute noch im Sektor Forschung und Entwicklung (öffentlich und privat) – das ist für mich die eigentlich erschreckende Zahl. Wir qualifizieren den weit überwiegenden Teil der jungen Wissenschaftler*innen vollkommen an ihrem zukünftigen Berufsfeld vorbei und verschenken damit erhebliches Potenzial. Im internationalen Vergleich ist diese Quote wirklich unterdurchschnittlich.

Denn im Umkehrschluss muss man dann ja sehen, wer die Forschung und Wissenschaft und akademische Lehre denn macht – in der weit überwiegenden Zahl Promovierende, die befristet beschäftigt und mit unklarer Berufsaussicht vermutlich nicht direkt für Kontinuität im Feld sorgen. Jede*r einigermaßen aufgeweckte Personalentwickler*in würde ob dieser miserablen Verbleibequote die Hände über dem Kopf zusammenschlagen und „Zeter und Mordio“ schreien – soviel totes Kapital. Humankapital. Aber wie könnte dieses Humankapital gebunden werden. Durch die Schaffung weiterer Lebenszeitprofessuren im Beamtenverhältnis? Das ist dann doch ein kostspieliger und ineffizienter Weg. Und, wie ich aus internen Diskussionen hörte „Es kann ja nicht nur Häuptlinge geben“ – will sagen, lauter Könige ohne Reich täten dem dt. Wissenschaftssystem wohl kaum gut. Und ein König ist ein deutscher Professor. Mit kleinem, wohl umzäuntem Königreich, nur sich selbst gegenüber zur Rechenschaft verpflichtet und mit Leibeigenen gesegnet.

Also: lauter Promovierende die nach durchschnittlich 4,5 Jahren die Universität verlassen, ihr Know-How mitnehmen und oft nicht mal mehr woanders sinnvoll einsetzen (ja, ich weiß, ich sitze im Glashaus.) sind kein Garant für Kontinuität und gutes Wissensmanagement und haben auch wenig Anreiz, Forschung zu machen, die ihre Früchte wohl erst nach vielen Jahren tragen wird. Mehr Professuren, dann mit geringerer Mitarbeiterausstattung sind wohl auch nicht das Wahre. Teuer, unflexibel und mit nur geringen Anreizen zur wissenschaftlichen Produktivität ausgestattet. Die Lösung, die Mitte, die Alternative liegt auf der Hand und existiert international in vielen wissenschaftlich erfolgreichen Ländern: DER PROFESSIONELLE WISSENSCHAFTLER. In Deutschland ein Exot, eine Stellenkonstruktion die es nur selten gibt. 93% der wissenschaftlich Beschäftigten an Hochschulen und immerhin 84% derer an außeruniversitären Forschungseinrichtungen sind befristet beschäftigt. Dabei liegt der Anteil der Verträge mit einer Laufzeit von weniger als einem Jahr, allen Bemühungen des WissZeitVG zum Trotz bei etwa 50%. Eine derart hohe Befristungsquote gibt es in keinem anderen Wirtschaftssektor. (die zweithöchste Befristungsquote hat übrigens der öffentliche Dienst außerhalb der Hochschulen) Dass die Lösung ist, mehr Wissenschaftler auf Dauer aber ohne Lebenszeitprofessur zu beschäftigen, wird von vielen Akteuren in der Wissenschaftspolitik gesehen, aber durch die Hochschulen vehement abgelehnt. Ein deutlicher Kurswechsel zeichnet sich nicht ab.

Und die Nachwuchswissenschaftler*innen selbst? Sind irgendwie trotz Kenntnis dieser Fakten naiv bis zweckoptimistisch. Derzeit kommen statistisch gesehen auf eine Neuberufung fünf abgeschlossenen Habilitationen – na wenn das mal keine geradezu naive Grundeinstellung gegenüber der eigenen Perspektivlosigkeit ist, dann weiß ich es auch nicht.

2. Akademische Kinderlosigkeit

Noch viel mehr als die Zahlen zur Befristungsquote und Ausstieg aus der Wissenschaft, hat mich der Abschnitt zur Vereinbarkeit von akademischer Karriere und Familie erschreckt. Denn eigentlich ist der Wissenschaftsberuf im Alltag ein guter Beruf um ihn mit aktiver Elternschaft zu verbinden. Weitgehende Freiheit in der Wahl von Arbeitszeit und Arbeitsort macht es Wissenschaftlern relativ einfach, Elternschaft zu leben. Dennoch ist die akademische _Karriere_ ausgesprochen schlecht mit Elternschaft vereinbar. Mangelnde Planbarkeit der beruflichen Entwicklung trifft altersmäßig exakt auf die eigentlich der Familiengründung entsprechenden Phase im Leben. Aus diesem Grund schieben – so der Bericht – erheblich viele junge Wissenschaftler*innen ihren Kinderwunsch auf. Und zwar für immer.

An sich ist der Kinderwunsch unter kinderlosen Wissenschaftler*innen hoch: 80% der unter 30-jährigen, 70% der 30-40jährigen und 45% der 40-50jährigen Kinderlosen beider Geschlechter geben an, eine Familie gründen zu wollen. Aber sie tun es nicht. Als Gründe werden angegeben:  zu geringe Planungssicherheit, fehlende berufliche Etablierung und finanzielle Unsicherheit. Demgegenüber spielen ein Fokus auf die eigene Karriere und das Fehlen einer stabilen Partnerschaft nur eine untergeordnete Rolle. Und am Ende bleiben Wissenschaftler*innen weit überdurchschnittlich oft kinderlos: die endgültige Kinderlosigkeit ist unter Nachwuchswissenschaftler*innen mit 42% erheblich höher als in der Vergleichsgruppe (gleiche Kohorte, gleicher Bildungsgang bis zum Studienabschluss) mit 25%. Fast doppelt so hohe endgültige Kinderlosigkeit. Wie absolut desaströs! Und dennoch nicht gänzlich unbegründet. Nicht umsonst sind – wie ich – im Wissenschaftsmanagement weit über 50% Frauen tätig, denn wem am Kinderwunsch liegt, oder wer bereits eine Familie hat, für den ist eine wissenschaftliche Laufbahn nur noch dann möglich, wenn der/die Partner/in weitgehend räumlich und zeitlich flexibel ist. Also der Klassiker Prof+Lehrerin… Wer aber eine gleichberechtigte Aufteilung von Care-Arbeit anstrebt oder womöglich zu zweit im Wissenschaftsbetrieb ist – ja da wird es dann schon schwer. Nicht unmöglich, ich kenne durchaus Beispiele, wo auch das geklappt hat – aber sicher nicht ohne ziemlich viel Willen, Frustration, Verhandlungen und oft auch finanziellen Einsatz für Kinderbetreuung außerhalb klassischer Kita-Zeiten.

Tatsächlich, so der Bundesbericht, berichten beide Geschlechter, insb. aber Frauen von einer Diskriminierung aufgrund ihrer Entscheidung für Kinder. So erleben 32% der Frauen seit sie Mütter sind eine geringere Wertschätzung ihrer akademischen Leistungen, 11% eine geringere Förderung durch Vorgesetzte. Und das obwohl junge Wissenschaftler*innen kaum bis gar nicht im Job aussetzen. Die Arbeitszeitunterbrechung bei Elternschaft ist bei Nachwuchswissenschaftlern/innen wesentlich kürzer als im Durchschnitt der Bevölkerung. Frauen unterbrechen zu 58% ihre Erwerbstätigkeit nur für 6 Monate oder kürzer, nur 10% unterbrechen für länger als 1 Jahr, Väter nehmen mehrheitlich nur 1 Monat Elternzeit. Ich finde das sind alles in allem deprimierende Zahlen.

Die Problematik der Vereinbarkeit ist nur eine Facette der immernoch recht schleppenden beruflichen Gleichstellung von Frauen in höheren Positionen des Wissenschaftssystems. Hierzu mache ich in letzter Zeit auch einige interessante Beobachtungen, die reichen aber locker für einen eigenen Blogpost.
Alle Zahlen in diesem Post sind dem Bundesbericht Wissenschaftlicher Nachwuchs 2017 entnommen.

 

Schwarzarbeit in deutschen Haushalten – wiesu denn bluß?

Das IW hat vor zwei Wochen eine Studie zur Schwarzarbeit in deutschen Haushalten vorgelegt, die breit in der Presse rezipiert wurde (hier, hier, hier). Die Studie kommt zu dem wenig überraschenden Ergebnis, dass mindestens 75% der Haushaltshilfen in Deutschland nicht angemeldet sind. Und das trotz relativ einfachem Anmeldeverfahren für haushaltsnahe Dienstleistungen, Absetzbarkeit und und und. Dadurch entgeht dem Staat sehr viel Geld. Relativ schwammig verbleibt die Studie zu den Gründen dieses Phänomens. Bzw. werden Gründe genannt, diese sind aber scheinbar teilweise nur gemutmaßt nicht erforscht worden: im Großen und ganzen sei das Beschäftigen einer nicht angemeldeten Putzhilfe quasi das schweizer Bankkonto des kleinen Mannes. Und der Staat müsse daran arbeiten, dass Schwarzarbeit nicht als Kavaliersdelikt gelte. Es gäbe gar kein Unrechtsbewusstsein. Ich habe insgesamt die eine oder andere Anfrage zur Methodik der Studie. Die Abschätzung des Anteils der schwarz Beschäftigten Haushaltshilfen wird geschätzt basierend auf der sehr großen Differenz zwischen den Angaben über „beschäftigen Sie eine Haushaltshilfe?“im sozioökonomischen Panel (SOEP) sowie der Zahl der Minijobber und regulär Beschäftigten in Privathaushalten aus der Statistik der Bundesagentur für Arbeit. Dies vernachlässigt in meinen Augen 1. dass eine als Minijobberin angemeldete Haushaltshilfe in mehreren Haushalten tätig sein kann und oft wird (bei Mindestlohn und 4 Std/Woche verdiente sie nämlich nur ca. 200€ in einem einzelnen Haushalt) – auch ist mir 2. undurchsichtig wie Selbstständige und Beschäftigte bei Putzdienstleistern hier berücksichtigt sind, denn diese Arbeiten ja sowohl in Privathaushalten als auch in Firmen und das wird sicher nicht disaggregiert erfasst. Des Weiteren werden alle folgenden Auswertungen zu Akzeptanz, Sonstigem Beschäftigungsstatus, Gründen usw. basierend auf einer europäischen Befragung ausgewertet. Die einerseits alle Branchen (also auch das erheblich Schwarzarbeits-durchsetztere Baugewerbe) und andererseits alle EU-Länder umfasst. Und so bin ich doch skeptisch, dass man davon so einfach auf die Situation der Haushaltshilfen rückschließen kann. Und schließlich: die Studie schreibt zwar viel über Gründe, die zitierte Datenlage ist aber dünn und stützt nur teilweise die genannten Gründe (kein Unrechtsbewusstsein, geringere Kosten).

Nun. Das mit dem Unrechtsbewusstsein mag stimmen. Ich bin dann doch auch hin und wieder erstaunt, dass man bspw. in einem Raum voll Lehrer etliche findet, die nichts dabei finden, ihre Putzfrau schwarz zu beschäftigen, obwohl sie selbst aus Steuergeldern finanziert werden. Allerdings wird in der Studie selbst eine Umfrage zitiert nach der mindestens 2/3 der Deutschen Schwarzarbeit im Haushalt für nicht tragbar halten.

Was mir am allerdeutlichsten fehlt und als einzige Möglichkeit erscheint, das Problem anzugehen und sinnvolle Politikempfehlungen abgeben zu können ist eine Befragung von Haushalten und Putzhilfen, die folgende Fragrn klärt:

– Hat der Haushalt versucht eine legale Putzhilfe zu finden?

– Geschieht die Nicht-Anmeldung auf Wunsch der Haushaltshilfe oder des Haushaltes?

– Hat die Haushaltshilfe mehr als einen Putzjob?

– Hat die Haushaltshilfe noch einen Hauptjob?

Denn bevor man mit Schweizer Bankkonten vergleicht, sollte man sich den Markt mal genauer anschauen. Ich habe natürlich auch keine Erhebung gemacht, aber mir scheint es so, dass es für die Kategorie „Haushaltshilfe abhängig beschäftigt im Privathaushalt“ eigentlich kaum Angebot gibt. Es gibt schwarz arbeitende Puttzfrauen, die einen Stundensatz von 10-12 € die Stunde nehmen aber selbst wenn man die Sozialversicherungskosten noch oben drauf legen würde nicht bereit wären, angemeldet zu arbeiten. Dann gibt es wenige selbstständig tätige Putzhilfen. Und Dienstleister, die 16-20€/Std plus Anfahrt nehmen, oft sehr stark fluktuierendes Personal schicken und diesem dann aber nur den Mindestlohn zahlen und somit einen ca. 100% Aufschlag auf das Gehalt der Putzfrau einstreichen. Ich kenne viele Familien die sehr intensiv versucht haben, eine Haushaltshilfe zu finden, die als Minijobberin arbeiten will und keine gefunden haben.

Warum nur wollen denn die Haushaltshilfen schwarz arbeiten? Dazu sagt die Studie wenig. Für Schwarzarbeit insgesamt wird angegeben: keinen anderen regulären Job gefunden, das machen doch alle so und es profitieren doch beide davon. Ich halte das nicht für trivial auf die Haushaltshilfen übertragbar. Vielmehr ist die Realität doch: die meisten gehen entweder zusätzlich zu einem Hauptjob oder zusätzlich zu einem anderen 400€ Job putzen. Und sie haben mehr als einen Haushalt als Arbeitgeber. Das bedeutet, entweder müssen sie jeden Monat akribisch darauf achten in Summe nicht über 400€ Verdienst zu kommen, oder falls Sie darüber kommen oder noch einen anderen 400€-Job haben, müssen sie die Einnahmen versteuern und dann eine Steuererklärung machen, um vermutlich einen großen Teil der Steuern zurückzubekommen. Wir reden hier aber von Menschen, die so wenig mit dem Geld über die Runden kommen, dass sie zusätzlich noch putzen gehen. Da wiegen die Argumente „bezahlter Urlaub“, „Unfallversicherung“ und „soziale Absicherung“ sehr viel weniger als der Euro direkt in der Tasche und kurz danach an der Supermarktkasse. Da ist die Aussicht auf  eine evtl. Steuerrückerstattung nach gemachter Steuererklärung exakt nichts wert wenn ab dem 20. das Geld zum Essen kaufen knapp wird. Und da ist das exakte Plänen der aufsummierten Monatseinnahmen vielleicht auch einfach schon zu viel. Da hilft wenig, dass es für Haushalte sehr einfach ist, eine Haushaltshilfe anzumelden und von der Steuer abzusetzen, wenn dieses Ansinnen einfach an der Realität der Haushaltshilfe vorbei geht. Und wer dann nicht doppelt so viel für einen Dienstleister zahlen will, der beißt halt in den sauren Apfel.

Was wäre in diesem Szenario also die Politikempfehlung? Dafür sorgen, dass man in der Regel von einem Job leben kann. Für Geringverdiener den zweiten Job unbürokratischer machen. Beratung zu Zweit- und Nebenjobs anbieten. Vermittlung anbieten.

 

Gibt es weibliche Ökonomie?

Schon seit der Existenz dieses Blogs umkreise ich die Frage, ob ich wohl mal etwas über feministische Ökonomik schreiben sollte. Ich bin in dem Thema extrem gespalten und scheue auch ein wenig das dünne Eis. Allerdings tauchen immer wieder so kleine Anlässe auf, die ich nicht einfach wegignorieren will. So zum Beispiel ganz akut die vorletzte Folge des Lila-Podcast in der die Frage anklang, ob eine höhere Repräsentanz von Frauen in Führungsposition auch einen weiblicheren Führungsstil mit sich bringt. (Personal note: I doubt)

Wie ist das also mit den Frauen und der Ökonomie? Machen wir der Einfachheit halber eine Unterteilung in zwei Felder: 1. Die Berücksichtigung von Frauen/Feminismus in der ökonomischen Theorie sowie 2. die Rolle von Frauen in der Ausgestaltung des Wirtschaftslebens  – auch wenn beide Felder nicht ganz klar zu trennen sind.

Man liest im Allgemeinen in Wirtschaftsmedien, Wirtschaftsblogs, Wirtschaftszeitungen usw. wenig über und wenig von Frauen. Viele Ökonominnen finden auch, man lese in wirtschaftswissenschaftlicher Fachliteratur zu wenig über Frauen. Ohnehin liest man in wirtschaftswissenschaftlicher Fachliteratur zu wenig von Frauen, da Frauen unter den Spitzenforschern des Gebietes eher selten sind. Es gibt z.B. noch weniger Frauen, die einen Nobelpreis für Wirtschaftswissenschaften bekommen haben, als in Physik. (Fairerweise sei dazugesagt, dass der Preis in Physik schon erheblich länger vergeben wird als der in Wirtschaft) Es ist also klar, dass die Stimme von Frauen nicht unbedingt prägend in die ökonomische Theorie und ökonomische Analyse eingegangen ist. Dieser Umstand wird in schöner Regelmäßigkeit auch von namhaften Ökonomen kritisiert (bspw. hat der Entwicklungsökonom Owen Barder die Initiative #nomaleonlypanels ins Leben gerufen, die männliche Wissenschaftler dazu auffordert ein Versprechen abzulegen, nicht in reinen Männerpodien zu sprechen und der sich mittlerweile über 1000 Wissenschaftler angeschlossen haben.) Dennoch ist hier noch viel zu tun, denn z.B. der Weltbank stand bisher, ebenso wie der Bank für Internationalen Zahlungsausgleich, der EZB und der Bundesbank noch nie eine Frau vor. Und dass Deutschland im Jahr 2017 erstmals eine Wirtschaftsministerin hat, die auch mehr so aus Verlegenheit ins Amt kam, das ist jetzt auch nicht gerade ruhmreich.

Eine Variante dieses Kritikpunktes wird auch aus der Strömung der sog. feministischen Ökonomik (Link zu Wikipedia, englischsprachig) vorgebracht. Die feministische Ökonomik als tatsächliche Bewegung gibt es vor allem im englischsprachigen Raum. Feministische Ökonomik beschreibt sich selbst als Untergruppierung der sog. heterodoxen Ökonomie und positioniert sich deutlich in Gegensatz zum akademischen Mainstream der Zunft. Die feministische Ökonomik vertritt den Standpunkt, dass die Unterrepräsentanz von Frauen in der ökonomischen Zunft auch zu einer Vernachlässigung weiblicher Sichtweisen und Themen in der ökonomischen Theorie geführt hat. Das Selbstverständnis der feministischen Ökonomik lässt sich sehr schön aus diesem Artikel in der SZ herauslesen. Und gleichzeitig zeigt auch dieser Artikel schon gut auf, welche Bauchschmerzen ich im Bezug auf die feministische Ökonomik habe: Argumente wie „Und wer hat eigentlich Adam Smith den Haushalt gemacht?“ vernachlässigen den wirtschaftshistorischen Hintergrund der Entstehung ökonomischer Theorie und sind daher für mich nur Scheinargumente. (Zudem deutet dieses spezielle Argument auch deutlich auf eine mangelnde Auseinandersetzung mit Adam Smiths Werk hin, denn er hat sich keinesfalls nur mit Produktivität und Kostenrationalisierung beschäftigt, ein Großteil seiner (übrigens auch eher sozialphilosophischen als ökonomischen) Gedanken beschäftigt sich mit der Interaktion von Individuen in der Gesellschaft, der Familie, den Netzwerken, denen ein Mensch angehört und der moralischen Seite des ökonomischen Handelns.) Auch kann die Tatsache, dass es keine Massen von Lehrstühlen und Publikationen speziell für feministische Ökonomik gibt, noch nicht als Indiz gewertet werden, dass keine Auseinandersetzung mit den Themen geschieht. Ich allein kenne persönlich mehrere Ökonominnen und Ökonomen, die sich mit ganz originär solchen Themen in ihrer Forschung beschäftigen, wie etwa die Auswirkung des Familienstatus auf die Gesundheit von Männern und Frauen, die Verteilung der Hoheit über Geld zwischen Mann und Frau im Haushalt oder die Bedeutung des Bildungsabschlusses der Mutter für den sozio-ökonomischen Erfolg der Kinder, auch die Entscheidung über Fertilität und die ökonomischen Auswirkungen sind wirklich breit erforscht. Nur würde niemand dieser Forscherinnen und Forscher sich als feministische/r Ökonom/in verstehen oder selbst vorstellen. Diese Menschen ordnen sich dem inhaltlichen Themenfeld zu, in dem sie arbeiten, also eben Gesundheitsökonomik, Wohlfahrtsökonomik, Bildungsökonomik, etc. Das heißt aber nicht, dass ihre Arbeiten die Frauen außer acht lassen. Gerade als Entwicklungsökonomin fühle ich mich von der These, die Rolle der Frau werde nicht ökonomisch erforscht ganz massiv böse angegangen. In der Entwicklungsökonomik wird schon seit mehr als 20 Jahren sehr intensiv gerade die Rolle der Frau für ökonomische Entwicklung beleuchtet. Die Differenzierung von Datensätzen nach Geschlecht ist Standard (übrigens auch in allen anderen Disziplinen, die mit Individualdaten arbeiten) und Entwicklungsökonomen werden nicht müde zu betonen, dass die Bildung, Alphabetisierung und ökonomische Stärkung von Frauen das entscheidende Moment für die Entwicklung ist. Man kann wirtschaftliche Entwicklung nicht ohne Teilhabe von Frauen denken und das tut auch niemand. Aber natürlich wird deshalb auch nicht jeder Entwicklungsökonom sich der Strömung der feministischen Ökonomik zuordnen. (Und das Journal for feminist economics würde übrigens all die erwähnten Arbeiten auch ablehnen, das aber nur mal am Rande). Und dann finde ich es außerdem grundfalsch, bestimmte Themen wie Pflege, unbezahlte Arbeit, demographische Fragen usw. als Themen der feministischen Ökonomik zu deklarieren und damit ja irgendwie auch als Frauenthemen. Damit tun wir uns doch keinen Gefallen, denn eigentlich wollen wir doch, dass diese Themen als Themen wahrgenommen werden, die alle angehen.

Zuletzt noch ein Wort über die unsägliche Diskussion zum BIP in dem Artikel: Ja, das BIP enthält nur zu einem sehr kleinen Anteil die geleistete unbezahlte Arbeit, und ja, diese Arbeit wird zu einem großen Teil von Frauen geleistet. Aber das BIP enthält auch haufenweise andere Dinge nicht. Schwarzarbeit z.B. Und kriminelle Tätigkeiten. Und nicht-materielle Werte wie Bildung. Das BIP ist einfach nur ein einzelnes und durchaus beschränktes Maß, niemand sagt, das BIP sei das nonplusultra, es ist aber halt das was man unkompliziert, auch bei schlechter Datenlage irgendwie erhoben kriegt. Deshalb wird es oft herangezogen. Das kann man kritisieren, und das wird auch kritisiert, aber ehrlich, da ist Diskriminierung mal zur Abwechslung nicht so sehr das Problem. Damit genug zu Frauen in der Ökonomik.

Nun zur Frage der Beteiligung von Frauen an der Gestaltung der Wirtschaft. Hier und dort hört man aus feministischen Kreisen die These, dass eine größere Rolle von Frauen in Führungspositionen der Wirtschaft zu einer Änderung der Funktionsweise der Wirtschaft an sich führen würde. Also dass Frauen anders führen, anders wirtschaften würden, als Männer. Und – das schwingt implizit mit – dass eine von Frauen geführte Wirtschaft besser, im Sinne von menschenfreundlicher, familienfreundlicher, weniger ellbogenlastig wäre. Well, I doubt. Ich finde es in hohem Maße wichtig, eine gleichwertige Beteiligung von Frauen in allen Ebenen der Gesellschaft zu erreichen. Es ist für mich selbstverständlich, dass die Führungsebene von Wirtschaft und Politik die Breite der Gesellschaft repräsentieren sollte. Dass also genausoviele Frauen wie Männer in die Politik und genausoviele Frauen wie Männer in die Führungsetagen von DAX-Konzernen und auf die Lehrstühle unserer Universitäten gehören. Es sollten aber übrigens auch relativ zum Anteil an der Gesellschaft Homosexuelle vertreten sein, und das ethnische Mischungsverhältnis einer Gesellschaft repräsentiert sein. Niemand sollte aufgrund seines Geschlechtes, seiner sexuellen Orientierung, seiner Religion oder der Herkunft seiner Familie davon ausgeschlossen sein, unsere Wirtschaft und Gesellschaft mitzuprägen. Das teile ich, voll und ganz. ABER. Ich denke nicht, dass eine Frau einen Dax-Konzern anders führen würde als ein Mann. Dass Brokerinnen die Finanzkrise weniger befeuert hätten, als es die Broker taten. Dass Frauen an der Spitze von Geheimdiensten keine bösen Verbrechen anordnen würden. Deshalb, weil jede Frau in einer Spitzenposition auch ein Produkt des jeweiligen Umfeldes ist. Soland DAX-Konzerne gewinnorientiert sind und im z.T. harten Wettbewerb mit anderen Unternehmen weltweit agieren, werden sich als erfolgreiche Leitungen solche Menschen erweisen, die eine gewisse Ellbogenmentalität beweisen. Solange das Finanzsystem vorrangig den schnellen Gewinn belohnt und keinen Anreiz schafft, nachhaltig zu denken, werde solche Menschen in diesem System arbeiten, die auf den schnellen Gewinn aus sind. Solang Geheimdienste die Drecksarbeit für die Regierung machen, werden Menschen beim Geheimdienst arbeiten, die nichts gegen schmutzige Hände haben. Und da ich keinesfalls unterstellen kann und möchte, dass Frauen nicht genauso gut egoistische Arschlöcher sein können wie Männer, kann ich nicht sehen, wie das Geschlecht allein da irgendwas besser machen sollte. Und die Frauen, die wir bisher in Führungspositionen sahen und sehen, wie etwa Christine Lagarde, Margaret Thatcher oder Sheryl Sandberg, bestätigen mich da eher in meiner Meinung.

Der Schlüssel zu einem faireren, gerechteren Wirtschaften liegt in meinen Augen darin, die richtigen Anreize zu setzen. Anreize die nachhaltiges Verhalten belohnen und kurzfristige Gewinnoptimierung bestrafen. Und wo das System das aus sich heraus scheinbar nicht hinkriegt, ist es die Aufgabe der Gesetzgebung dies zu tun sofern es gesellschaftlicher Konsens ist, dass das gewünscht ist. Und damit die Gesetzgebung das tut, müssen wir die richtigen Leute in die richtigen Positionen wählen. Und wenn es da keine richtigen Leute gibt, dann müssen wir es wohl selbst machen. Und zwar Männer und Frauen.

Exkurs: Alles Frustwähler?

Ich erlaube mir heute mal ein Abschweifen vom eng ökonomisch gefassten zum politischen. Denn als Mensch mit akademischem Hintergrund, grüner Sozialisation und linker Affinität kommt man ja derzeit nicht umhin, sich zu fragen, warum zum Henker scheinbar viele Millionen Menschen, Mehrheiten gar, Parteien, Stömungen und Personen wählen oder unterstützen, die vollkommen offensichtlich lügen, zündeln, Hass und Naziparolen verbreiten. Allerlei durchaus plausible Erklärungen wurden schon angeboten, ich kann hier zunächst mal viel Unverständnis und wenig neues bieten. Ob jetzt zwangsläufig ein weiterer – zumal mutmaßlich rein kommentierender – Blogpost von mir da zwangsläufig nötig ist, wage ich nicht zu sagen. Aber ich dachte halt so drüber nach und berichtete versehentlich auf Twitter davon und jetzt sitze ich hier.

Es gibt ja ein paar Erzählungen und Lesarten, wer denn da eigentlich warum auf einmal rechte Arschlöcher wählt, flächendeckend und allerorten. Sind es die abgehängten, die in unserer modernen Gesellschaft kein Bein mehr an den Boden bekommen, die Unterschicht, die einen Sündenbock sucht? Nein, sagen die Wahlergebnisse in den USA und in Westdeutschen Bundesländern – diese Erzählung funktioniert maximal für Ostdeutschland und Nordfrankreich. Aha, dann sind es die weißen Männer, die sich um ihr Altenteil sorgen und die Angst vor Frauen, Gleichberechtigung und Schwulen haben. Auch nicht so ganz, denn da wären die ganzen weißen Frauen, die Trump wählten. Und die nicht unerheblich vielen jungen Frauen, die sich mit antifeministischen Parolen fesch als moderne Nazi-Bräute im Internet inszenieren. Und letztlich sind es ja nicht nur die 20% (wenn es hoch kommt) Nazis, die diese Bewegungen zu einem Phänomen, einer riesigen Populismusmaschinerie, einer scheinbar nicht zu stoppenden Macht werden lassen. Sondern auch all die, die nicht wählen gehen anstatt ihre Stimmen Hillary Clinton, der SPD oder wem auch immer geben. All diejenigen, die zwar nicht rechts sind, aber denen es zu egal ist, dass unsere Gesellschaft sich ganz erheblich Richtung rechts neigt. Und die vielleicht hier und da stumm nicken, wenn Horst Seehofer von Obergrenzen phantasiert, Donald Trump gegen das Establishment wettert oder Birgit Kelle von Genderwahn fabuliert. Wie immer macht erst der gemeine Mitläufer den Extremisten zur Mehrheit.

Also wer ist denn jetzt schuld verdammt? Irgendwen muss man doch von der Klippe schubsen können und dann ist schon alles wieder gut. Tja – bad news – diese Lösung wird nicht gehen. Denn  Trump, Le Pen, Johnson, Farage, Petry, Höcke, Gauland und wie sie alle heißen, sind nur das Symptom und keineswegs der Auslöser, sie haben nur schlau ein riesiges Vakuum ausgemacht, das sich leicht mit Populismus füllen ließ und dies zur rechten Zeit genutzt.

Weder sind knapp 50% der Amerikaner und Briten Nazis noch rund 30% der Deutschen, Niederländer und Franzosen. Aber 30-50% der Menschen in unseren ach so aufgeklärten und fortschrittlichen Demokratien finden, dass lügende Nazis besser sind als das restliche politische Personal. Denn was eint all diese Menschen? Maßlos erlebte Machtlosigkeit, vollkommene erlebte Irrelevanz dessen, was sie als das vermeintliche Volk wollen und das ungute Gefühl irgendwie verarscht zu werden von „denen da oben“. Das Gefühl von Politikern nicht repräsentiert sondern belogen zu werden.

Und ganz ehrlich, Hand aufs Herz, teilen wir das nicht alle? Ich glaube doch auch, dass die allermeisten Politiker von Lobbyisten gesteuerte Berufslügner sind. Politiker, denen ich bedenkenlos attestieren würde, dass sie meine Interessen als Bürgerin ernst nehmen kann ich an einer Hand abzählen. Der Unterschied ist nur, dass ich mir einbilde etwas großes ganzes dahinter zu sehen, dass ich denke, ich verstehe was da gespielt wird, kenne die Alternativen und halte sie für schlimmer. Das und der unverwüstliche Glaube an den europäischen Geist, die tiefe Überzeugung, dass Europa wie wir es heute kennen das beste ist, was wir bisher politisch hatten und dass es das zu erhalten gilt. Und so gehe ich wählen und stimme dabei in der Regel für Parteien, die auch eine realistische Chance haben in das jeweilige Parlament zu kommen.

Aber wem diese Überzeugung fehlt, aus welchen Gründen auch immer, für den bleibt also nur das Gefühl, dass irgendwie “ die da oben“ nicht in seinem Sinne agieren und ihm auch ohnehin nur Mist erzählen. Und das ist noch kein Grund, eine Nazipartei oder einen irren Milliardär zu wählen. Aber die Frage ist halt, wen denn sonst?

Ich beobachte in meiner Filterblase online und offline schon seit einigen Monaten etwas, das ich hier mal „Merkel-Fatalismus“ nennen möchte. Also dass prinzipiell der CDU weit abgeneigte Menschen Dinge von sich geben wie „dass ich mal sagen würde, dass Angela Merkel was richtig macht…“ oder auch (wie ich selbst nun schon mindestens dreimal tweetete) „Wer außer Merkel soll den Job denn machen?“ Es wabert nun irgendwie recht deutlich herum, dass sich die politische Landschaft so weit auf die Person Merkel verengt hat, die nun da steht als europaweit einzige Stimme der Vernunft bei gleichzeitig vollkommener Profillosigkeit. War das zum Ende der Ära Kohl auch so ?  – ich bin zu jung um mich da ganz genau dran zu erinnern. Ist es zwangsläufig, dass lange stetige Bestimmung der Politik durch eine Person mit unterschiedlichen Randfiguren zu einer deutlichen Verarmung an Inhalten führt? Ich weiß es nicht. Vielleicht ist es auch eher so, dass sich in den letzten 10 Jahren die inhaltsleeren Politiker besonders erfolgreich durchsetzen konnten, weil sie eine schöne Blaupause für alles hergaben.

Warum auch immer – Tatsache ist, das Parteien-Spektrum sieht von rechts nach – ähm – links etwa so aus: Nazis, Horst Seehofer, DIE MITTE, russland-verherrlichende abgehobene links-tümelnde Grenz-Nazis, also Sahra Wagenknecht. Und in DER MITTE (die neuerdings, so entnahm ich verschiedenen Fotos von CDU-Veranstaltungen, qua Proklamation die CDU ist) tummeln sich alle differenzlosen Nasen wie Gabriel, Kretschmann und Co hinter der alles überstrahlenden vernünftigen, ruhigen, seriösen und Kontinuität versprechenden Frau Merkel. Tja.

Da Horst Seehofer nur in Bayern zur Wahl steht, bleibt also für jeden, der von DER MITTE irgendwie die Nase voll hat, weil er sich nicht mittig fühlt, nicht mittig ist oder Mitte generell scheiße findet nur die Wahl zwischen Nazis und der LINKEN. Und dass letztgenannte eine politische Heimat für irgendwen darstellen der a) links denkt und sich eine linkere Ausrichtung der Politik wünscht oder b) sich vom Kapitalismus abgehängt fühlt, ist beides stark  anzuzweifeln. Ich habe den Eindruck, die Linke verherrlicht über die Maßen den erwiesenermaßen nicht-zielführenden sowjetischen Kommunismus und hängt irgendwie dem Irrglauben an, das heutige Russland sei immernoch irgendwie sozialistisch oder zumindest weniger kapitalistisch als Europa. Und zusätzlich führt sie zu 95% realitätsferne, für die Wähler wenig relevante, Scheindebatten und macht nicht-finanzierbare Vorschläge, die denen der AfD oder der Piraten in Sachen Nonsense in nix nachstehen.

Was wären also wählbare Alternativen für alle, die sich von „denen da oben“ belogen fühlen? Und für alle, die sich eine zukunftsorientierte, mutige, pro-europäische, visionäre Politik wünschen? Und für alle, die sich eine linkere oder liberalere, eine weltoffenere Politik wünschen? Keine da, oder?

Keine Linke, die den Namen verdient, die eine aufgeklärte und moderne linke Politik vertritt, die die internationale Tradition der Linken behält aber das Sowjet-Geschwurbel ablegt, die erkennt, dass wir heute nicht mehr lokal denken und agieren dürfen, wenn wir von Gerechtigkeit reden, sondern dass wir in unser aller Interesse weltweite Gerechtigkeit in den Blick nehmen müssen.

Keine ernstzunehmende liberale Partei, die sich für Bürgerrechte einsetzt, eine humanistische Alternative präsentiert anstatt sich als Autofahrer- und Vermögenssteuerfreiheitspartei zu gerieren, wie es die FDP leider tut.

Keine sozialdemokratische Partei, die sich für sozialpolitische Nachhaltigkeit, gleiche Chancen für von der Gesellschaft abgehängte, Bildung und demokratische Teilhabe einsetzt anstatt für die aussterbenden ehemaligen Kernzielgruppen Arbeiter und Rentner nur die Pfründe zu verwalten und an der Kohle festzuhalten.

Keine ökologische Partei, die sich für Frieden und eine moderne, aufgeklärte und bunte Gesellschaft einsetzt anstatt die neuerdings vermögenden und bequem gewordenen Ex-Umweltbewegten in ihrer Komfortzone in Sicherheit zu wiegen.

Und auch keine konservative Partei, die für konservative Werte einsteht ohne dabei ein menschenfeindliches Weltbild zu propagieren. Die von mir aus christlich agiert und argumentiert. Die eine Heimat für diejenigen bietet, die mit den Veränderungen in der Gesellschaft nicht Schritt halten wollen oder können und das ohne dazu Ausländer, Homosexuelle und Andersdenkende als Sündenböcke zu brauchen.

Und diese Diagnose gilt keinesfalls nur für Deutschland. Sie gilt in sehr ähnlicher Weise auch für Frankreich, das ich etwas genauer beobachte. Und in den Zwei-Parteien-Demokratien von England und Amerika um so mehr, denn dort gibt es ja nicht mal die Geister der ehemals breiteren Parteienlandschaft, die in Deutschland, Frankreich, Benelux noch herumschwirren.

Also, wen schubsen wir jetzt von der Klippe, damit wir das Populismus-Problem los sind?