Humankapital. Oder das missverstandenste Wort der Ökonomie

In der aktuellen, 84., Folge des Mikroökonomen-Podcasts habe ich etwas über das dünne Wissen der deutschen über Wirtschaft erzählt. Als ich den ersten zugehörigen Artikel auf ZEIT online las, begegnete mir ein Satz, der geradezu sinnbildlich für die Wahrnehmung von Wirtschaft im öffentlichen Diskurs stehen könnte:

„Wer die Menschen in einer Volkswirtschaft als „Humankapital“ beschreibt, als sei es das Normalste auf der Welt, der schafft erst einmal Abneigung“

Da möchte ich schreiend im Kreis rennen und den Journalisten, der das schreibt kräftig schütteln. Ehrlich.

Also nun hier exklusiv: Was heißt Humankapital und was heißt es eben nicht?

Fangen wir doch direkt mit dem zweiten Teil der Frage an: Humankapital heißt nicht „Menschen“. Also die Benutzung des Wortes hat nichts, wirklich gar nichts damit zu tun, dass Ökonomen Menschen abwertend entmenschlichend als humanes Kapital bezeichnen würden. Diese Behauptung, die sich wie kaum etwas anderes durch die Berichterstattung über Ökonomie zieht, ist schlicht falsch. Wenn in ökonomischen Theorien ein Begriff genutzt wird, der die Menschen im Produktionsprozess bezeichnet, dann ist dieser Terminus „Arbeitskräfte“. Abgesehen davon werden Menschen an zahllosen Stellen in ökonomischen Theorien betrachtet und keineswegs nur im Zuge der Betrachtung von Produktion. Menschen sind je nach Fokus und Teildisziplin vielleicht auch Konsumenten, Steuerzahler, Versicherte, Kreditnehmer oder -Geber, … die Ökonomie betrachtet letztlich so wie jede Gesellschaftswissenschaft menschliches Verhalten in einem gesellschaftlichen Kontext, hier also im Kontext des Wirtschaftshandelns. Es würde daher auch überhaupt keinen Sinn machen, würden Menschen nur als Ersatzkapital betrachtet.

Was also bezeichnet Humankapital denn dann?

Der Aspekt des Humankapitals fand seinen Eingang in ökonomische Modelle, als offenbar wurde, dass sich allein durch Berücksichtigen der eingesetzten Menge an Kapital und Arbeitskräften nicht erklären ließ, warum manche Volkswirtschaften sehr schnell wachsen, andere nur langsam, wieder andere gar nicht. Ein wichtiger Aspekt um diese Unterschiede in der Produktivität zu erklären, sind die spezifischen Eigenschaften der Arbeitskräfte, genauer das was sie zusätzlich zu ihrer reinen Muskelkraft mitbringen. Und das ist das, was wir als Humankapital bezeichnen. Es ist das was der einzelne Arbeiter deshalb einbringen kann, weil er selbst oder die Gesellschaft in ihn investiert hat. Bildung und Ausbildung. Aber auch sog. Soft Skills. Und auch Gesundheit, Resilienz soweit sie durch Investitionen in Gesundheit zustande kommt.

Das heißt der Aspekt des Humankapitals kommt genau nicht daher, dass Ökonomen Menschen als austauschbare Ware sehen, sondern daher dass sie erkannt haben, dass eine Erhöhung der Einsatzmenge von Arbeit und Kapital allein nicht zu nachhaltigem Wachstum führt. Schätzungen aus den 1990er Jahren haben gezeigt, dass Investitionen in Humankapital vor allem in Form von Grundbildung sowie tertiärer Bildung im Mittel über einen breiten Länderkreis etwa ein Drittel der jeweiligen Wachstumsraten erklären.*

Grafik: positive Korrelation Schuljahre und Wachstumsrate

Quelle: European Central Bank https://www.ecb.europa.eu/press/key/date/2010/html/sp101022.en.html

Ich finde es deshalb sehr ärgerlich, dass gerade dieser Begriff so eklatant fehlinterpretiert wird. Denn gerade aus entwicklungsökonomischer Sicht, kann die Bedeutung von Bildungszugang und guter beruflicher Bildung eigentlich nicht oft genug betont werden. Übrigens ist das Wissen um diesen Begriff echt kein Expertenwissen, es ist Stoff des zweiten Semesters Makroökonomie (spätestens) und lässt sich prima in der Wikipedia nachschlagen. Es ist also echt kein Journalist gezwungen, das falsch zu verwenden.

* Mankiw, G., Romer, D. & Weil, D. (1992): A Contribution to the Empirics of Economic Growth, Quarterly Journal of Economics, hier das PDF und viele folgende Studien

Deprimierendes aus der Hochschullandschaft: der Bundesbericht Wissenschaftlicher Nachwuchs

Im Februar ist der jüngste „Bundesbericht Wissenschaftlicher Nachwuchs“ erschienen. Diese Studie erscheint alle 4 Jahre herausgegeben vom Bundesministerium für Wissenschaft und Forschung, erstellt durch eine Expertengruppe. Der Bericht erfasst in Zahlen die Gruppe der sog. Nachwuchswissenschaftler*innen und geht in Schwerpunktkapiteln auf diejenigen Entwicklungsfelder ein, die gemäß Medienrezeption und Angaben der Gruppe selbst als besonders maßgeblich wahrgenommen werden.

Eine Zusammenfassung in englischer Sprache findet sich in diesem Artikel: Age old problems – Fixing Germany’s academic pipeline
Ich habe den Bericht aus beruflichen Gründen durchgearbeitet und mir sind zwei Dinge ganz besonders aufgefallen, die ich hier mal ohne Anspruch auf Vollständigkeit niederschreibe, und die mich sehr deprimiert haben:

  1. Mit Vollgas vor die Wand

Dass es nicht unbedingt wahrscheinlich ist, Professor*in zu werden, das ist den meisten jungen Wissenschaftler*innen vermutlich in der großen Mehrheit schon zu Beginn der Promotion klar. Das ist auch eigentlich überhaupt nicht weiter schlimm, es ist auch nicht sehr wahrscheinlich Manager*in zu werden. Und auch gar nicht jede*r will das. Weder Manager noch Professor ist allein glückseligmachend für jede und jeden, die irgendwo unten in die jeweilige Organisation einsteigt. Das Problem in der Wissenschaft ist jedoch, dass das gesamte System in seinem Aufbau und vor allem seiner Kommunikation so tut, als sei Professor*in das einzige Karriereziel, dass sich für junge Promovend*innen ergibt. Nun. Ist es nicht. Statistisch gesehen ist es sogar eine ziemliche Kuriosität, wenn am Ende der sog. wissenschaftlichen Qualifikationsphase, die sich aus Promotion und Habilitation zusammensetzt, die Berufung auf eine Lebenszeitprofessur steht. Nur etwa 8% der ehemaligen Promotionsstudierenden wird am Ende Professor*in – mit einer erheblichen Streuung über die Fachgebiete.

Dennoch wird die Professur als der Normweg und jeder andere, sehr viel wahrscheinlichere Weg als „Alternativer Karriereweg“ gesehen. Aus persönlicher Erfahrung kann ich sagen, dass das „alternativ“ im Sprachgebrauch vieler Professor*innen dabei eine erheblich negative Konnotation in Richtung „Verlierer“ hat. Dabei stellt die Promotion in den meisten Fächern durchaus eine solide Basis für eine ganze Reihe anderer Karrierewege dar. Diese sind aber weit überwiegend außerhalb des Wissenschaftssystems angesiedelt. Nur 17% der Promovierten in Deutschland arbeiten heute noch im Sektor Forschung und Entwicklung (öffentlich und privat) – das ist für mich die eigentlich erschreckende Zahl. Wir qualifizieren den weit überwiegenden Teil der jungen Wissenschaftler*innen vollkommen an ihrem zukünftigen Berufsfeld vorbei und verschenken damit erhebliches Potenzial. Im internationalen Vergleich ist diese Quote wirklich unterdurchschnittlich.

Denn im Umkehrschluss muss man dann ja sehen, wer die Forschung und Wissenschaft und akademische Lehre denn macht – in der weit überwiegenden Zahl Promovierende, die befristet beschäftigt und mit unklarer Berufsaussicht vermutlich nicht direkt für Kontinuität im Feld sorgen. Jede*r einigermaßen aufgeweckte Personalentwickler*in würde ob dieser miserablen Verbleibequote die Hände über dem Kopf zusammenschlagen und „Zeter und Mordio“ schreien – soviel totes Kapital. Humankapital. Aber wie könnte dieses Humankapital gebunden werden. Durch die Schaffung weiterer Lebenszeitprofessuren im Beamtenverhältnis? Das ist dann doch ein kostspieliger und ineffizienter Weg. Und, wie ich aus internen Diskussionen hörte „Es kann ja nicht nur Häuptlinge geben“ – will sagen, lauter Könige ohne Reich täten dem dt. Wissenschaftssystem wohl kaum gut. Und ein König ist ein deutscher Professor. Mit kleinem, wohl umzäuntem Königreich, nur sich selbst gegenüber zur Rechenschaft verpflichtet und mit Leibeigenen gesegnet.

Also: lauter Promovierende die nach durchschnittlich 4,5 Jahren die Universität verlassen, ihr Know-How mitnehmen und oft nicht mal mehr woanders sinnvoll einsetzen (ja, ich weiß, ich sitze im Glashaus.) sind kein Garant für Kontinuität und gutes Wissensmanagement und haben auch wenig Anreiz, Forschung zu machen, die ihre Früchte wohl erst nach vielen Jahren tragen wird. Mehr Professuren, dann mit geringerer Mitarbeiterausstattung sind wohl auch nicht das Wahre. Teuer, unflexibel und mit nur geringen Anreizen zur wissenschaftlichen Produktivität ausgestattet. Die Lösung, die Mitte, die Alternative liegt auf der Hand und existiert international in vielen wissenschaftlich erfolgreichen Ländern: DER PROFESSIONELLE WISSENSCHAFTLER. In Deutschland ein Exot, eine Stellenkonstruktion die es nur selten gibt. 93% der wissenschaftlich Beschäftigten an Hochschulen und immerhin 84% derer an außeruniversitären Forschungseinrichtungen sind befristet beschäftigt. Dabei liegt der Anteil der Verträge mit einer Laufzeit von weniger als einem Jahr, allen Bemühungen des WissZeitVG zum Trotz bei etwa 50%. Eine derart hohe Befristungsquote gibt es in keinem anderen Wirtschaftssektor. (die zweithöchste Befristungsquote hat übrigens der öffentliche Dienst außerhalb der Hochschulen) Dass die Lösung ist, mehr Wissenschaftler auf Dauer aber ohne Lebenszeitprofessur zu beschäftigen, wird von vielen Akteuren in der Wissenschaftspolitik gesehen, aber durch die Hochschulen vehement abgelehnt. Ein deutlicher Kurswechsel zeichnet sich nicht ab.

Und die Nachwuchswissenschaftler*innen selbst? Sind irgendwie trotz Kenntnis dieser Fakten naiv bis zweckoptimistisch. Derzeit kommen statistisch gesehen auf eine Neuberufung fünf abgeschlossenen Habilitationen – na wenn das mal keine geradezu naive Grundeinstellung gegenüber der eigenen Perspektivlosigkeit ist, dann weiß ich es auch nicht.

2. Akademische Kinderlosigkeit

Noch viel mehr als die Zahlen zur Befristungsquote und Ausstieg aus der Wissenschaft, hat mich der Abschnitt zur Vereinbarkeit von akademischer Karriere und Familie erschreckt. Denn eigentlich ist der Wissenschaftsberuf im Alltag ein guter Beruf um ihn mit aktiver Elternschaft zu verbinden. Weitgehende Freiheit in der Wahl von Arbeitszeit und Arbeitsort macht es Wissenschaftlern relativ einfach, Elternschaft zu leben. Dennoch ist die akademische _Karriere_ ausgesprochen schlecht mit Elternschaft vereinbar. Mangelnde Planbarkeit der beruflichen Entwicklung trifft altersmäßig exakt auf die eigentlich der Familiengründung entsprechenden Phase im Leben. Aus diesem Grund schieben – so der Bericht – erheblich viele junge Wissenschaftler*innen ihren Kinderwunsch auf. Und zwar für immer.

An sich ist der Kinderwunsch unter kinderlosen Wissenschaftler*innen hoch: 80% der unter 30-jährigen, 70% der 30-40jährigen und 45% der 40-50jährigen Kinderlosen beider Geschlechter geben an, eine Familie gründen zu wollen. Aber sie tun es nicht. Als Gründe werden angegeben:  zu geringe Planungssicherheit, fehlende berufliche Etablierung und finanzielle Unsicherheit. Demgegenüber spielen ein Fokus auf die eigene Karriere und das Fehlen einer stabilen Partnerschaft nur eine untergeordnete Rolle. Und am Ende bleiben Wissenschaftler*innen weit überdurchschnittlich oft kinderlos: die endgültige Kinderlosigkeit ist unter Nachwuchswissenschaftler*innen mit 42% erheblich höher als in der Vergleichsgruppe (gleiche Kohorte, gleicher Bildungsgang bis zum Studienabschluss) mit 25%. Fast doppelt so hohe endgültige Kinderlosigkeit. Wie absolut desaströs! Und dennoch nicht gänzlich unbegründet. Nicht umsonst sind – wie ich – im Wissenschaftsmanagement weit über 50% Frauen tätig, denn wem am Kinderwunsch liegt, oder wer bereits eine Familie hat, für den ist eine wissenschaftliche Laufbahn nur noch dann möglich, wenn der/die Partner/in weitgehend räumlich und zeitlich flexibel ist. Also der Klassiker Prof+Lehrerin… Wer aber eine gleichberechtigte Aufteilung von Care-Arbeit anstrebt oder womöglich zu zweit im Wissenschaftsbetrieb ist – ja da wird es dann schon schwer. Nicht unmöglich, ich kenne durchaus Beispiele, wo auch das geklappt hat – aber sicher nicht ohne ziemlich viel Willen, Frustration, Verhandlungen und oft auch finanziellen Einsatz für Kinderbetreuung außerhalb klassischer Kita-Zeiten.

Tatsächlich, so der Bundesbericht, berichten beide Geschlechter, insb. aber Frauen von einer Diskriminierung aufgrund ihrer Entscheidung für Kinder. So erleben 32% der Frauen seit sie Mütter sind eine geringere Wertschätzung ihrer akademischen Leistungen, 11% eine geringere Förderung durch Vorgesetzte. Und das obwohl junge Wissenschaftler*innen kaum bis gar nicht im Job aussetzen. Die Arbeitszeitunterbrechung bei Elternschaft ist bei Nachwuchswissenschaftlern/innen wesentlich kürzer als im Durchschnitt der Bevölkerung. Frauen unterbrechen zu 58% ihre Erwerbstätigkeit nur für 6 Monate oder kürzer, nur 10% unterbrechen für länger als 1 Jahr, Väter nehmen mehrheitlich nur 1 Monat Elternzeit. Ich finde das sind alles in allem deprimierende Zahlen.

Die Problematik der Vereinbarkeit ist nur eine Facette der immernoch recht schleppenden beruflichen Gleichstellung von Frauen in höheren Positionen des Wissenschaftssystems. Hierzu mache ich in letzter Zeit auch einige interessante Beobachtungen, die reichen aber locker für einen eigenen Blogpost.
Alle Zahlen in diesem Post sind dem Bundesbericht Wissenschaftlicher Nachwuchs 2017 entnommen.

 

Gibt es weibliche Ökonomie?

Schon seit der Existenz dieses Blogs umkreise ich die Frage, ob ich wohl mal etwas über feministische Ökonomik schreiben sollte. Ich bin in dem Thema extrem gespalten und scheue auch ein wenig das dünne Eis. Allerdings tauchen immer wieder so kleine Anlässe auf, die ich nicht einfach wegignorieren will. So zum Beispiel ganz akut die vorletzte Folge des Lila-Podcast in der die Frage anklang, ob eine höhere Repräsentanz von Frauen in Führungsposition auch einen weiblicheren Führungsstil mit sich bringt. (Personal note: I doubt)

Wie ist das also mit den Frauen und der Ökonomie? Machen wir der Einfachheit halber eine Unterteilung in zwei Felder: 1. Die Berücksichtigung von Frauen/Feminismus in der ökonomischen Theorie sowie 2. die Rolle von Frauen in der Ausgestaltung des Wirtschaftslebens  – auch wenn beide Felder nicht ganz klar zu trennen sind.

Man liest im Allgemeinen in Wirtschaftsmedien, Wirtschaftsblogs, Wirtschaftszeitungen usw. wenig über und wenig von Frauen. Viele Ökonominnen finden auch, man lese in wirtschaftswissenschaftlicher Fachliteratur zu wenig über Frauen. Ohnehin liest man in wirtschaftswissenschaftlicher Fachliteratur zu wenig von Frauen, da Frauen unter den Spitzenforschern des Gebietes eher selten sind. Es gibt z.B. noch weniger Frauen, die einen Nobelpreis für Wirtschaftswissenschaften bekommen haben, als in Physik. (Fairerweise sei dazugesagt, dass der Preis in Physik schon erheblich länger vergeben wird als der in Wirtschaft) Es ist also klar, dass die Stimme von Frauen nicht unbedingt prägend in die ökonomische Theorie und ökonomische Analyse eingegangen ist. Dieser Umstand wird in schöner Regelmäßigkeit auch von namhaften Ökonomen kritisiert (bspw. hat der Entwicklungsökonom Owen Barder die Initiative #nomaleonlypanels ins Leben gerufen, die männliche Wissenschaftler dazu auffordert ein Versprechen abzulegen, nicht in reinen Männerpodien zu sprechen und der sich mittlerweile über 1000 Wissenschaftler angeschlossen haben.) Dennoch ist hier noch viel zu tun, denn z.B. der Weltbank stand bisher, ebenso wie der Bank für Internationalen Zahlungsausgleich, der EZB und der Bundesbank noch nie eine Frau vor. Und dass Deutschland im Jahr 2017 erstmals eine Wirtschaftsministerin hat, die auch mehr so aus Verlegenheit ins Amt kam, das ist jetzt auch nicht gerade ruhmreich.

Eine Variante dieses Kritikpunktes wird auch aus der Strömung der sog. feministischen Ökonomik (Link zu Wikipedia, englischsprachig) vorgebracht. Die feministische Ökonomik als tatsächliche Bewegung gibt es vor allem im englischsprachigen Raum. Feministische Ökonomik beschreibt sich selbst als Untergruppierung der sog. heterodoxen Ökonomie und positioniert sich deutlich in Gegensatz zum akademischen Mainstream der Zunft. Die feministische Ökonomik vertritt den Standpunkt, dass die Unterrepräsentanz von Frauen in der ökonomischen Zunft auch zu einer Vernachlässigung weiblicher Sichtweisen und Themen in der ökonomischen Theorie geführt hat. Das Selbstverständnis der feministischen Ökonomik lässt sich sehr schön aus diesem Artikel in der SZ herauslesen. Und gleichzeitig zeigt auch dieser Artikel schon gut auf, welche Bauchschmerzen ich im Bezug auf die feministische Ökonomik habe: Argumente wie „Und wer hat eigentlich Adam Smith den Haushalt gemacht?“ vernachlässigen den wirtschaftshistorischen Hintergrund der Entstehung ökonomischer Theorie und sind daher für mich nur Scheinargumente. (Zudem deutet dieses spezielle Argument auch deutlich auf eine mangelnde Auseinandersetzung mit Adam Smiths Werk hin, denn er hat sich keinesfalls nur mit Produktivität und Kostenrationalisierung beschäftigt, ein Großteil seiner (übrigens auch eher sozialphilosophischen als ökonomischen) Gedanken beschäftigt sich mit der Interaktion von Individuen in der Gesellschaft, der Familie, den Netzwerken, denen ein Mensch angehört und der moralischen Seite des ökonomischen Handelns.) Auch kann die Tatsache, dass es keine Massen von Lehrstühlen und Publikationen speziell für feministische Ökonomik gibt, noch nicht als Indiz gewertet werden, dass keine Auseinandersetzung mit den Themen geschieht. Ich allein kenne persönlich mehrere Ökonominnen und Ökonomen, die sich mit ganz originär solchen Themen in ihrer Forschung beschäftigen, wie etwa die Auswirkung des Familienstatus auf die Gesundheit von Männern und Frauen, die Verteilung der Hoheit über Geld zwischen Mann und Frau im Haushalt oder die Bedeutung des Bildungsabschlusses der Mutter für den sozio-ökonomischen Erfolg der Kinder, auch die Entscheidung über Fertilität und die ökonomischen Auswirkungen sind wirklich breit erforscht. Nur würde niemand dieser Forscherinnen und Forscher sich als feministische/r Ökonom/in verstehen oder selbst vorstellen. Diese Menschen ordnen sich dem inhaltlichen Themenfeld zu, in dem sie arbeiten, also eben Gesundheitsökonomik, Wohlfahrtsökonomik, Bildungsökonomik, etc. Das heißt aber nicht, dass ihre Arbeiten die Frauen außer acht lassen. Gerade als Entwicklungsökonomin fühle ich mich von der These, die Rolle der Frau werde nicht ökonomisch erforscht ganz massiv böse angegangen. In der Entwicklungsökonomik wird schon seit mehr als 20 Jahren sehr intensiv gerade die Rolle der Frau für ökonomische Entwicklung beleuchtet. Die Differenzierung von Datensätzen nach Geschlecht ist Standard (übrigens auch in allen anderen Disziplinen, die mit Individualdaten arbeiten) und Entwicklungsökonomen werden nicht müde zu betonen, dass die Bildung, Alphabetisierung und ökonomische Stärkung von Frauen das entscheidende Moment für die Entwicklung ist. Man kann wirtschaftliche Entwicklung nicht ohne Teilhabe von Frauen denken und das tut auch niemand. Aber natürlich wird deshalb auch nicht jeder Entwicklungsökonom sich der Strömung der feministischen Ökonomik zuordnen. (Und das Journal for feminist economics würde übrigens all die erwähnten Arbeiten auch ablehnen, das aber nur mal am Rande). Und dann finde ich es außerdem grundfalsch, bestimmte Themen wie Pflege, unbezahlte Arbeit, demographische Fragen usw. als Themen der feministischen Ökonomik zu deklarieren und damit ja irgendwie auch als Frauenthemen. Damit tun wir uns doch keinen Gefallen, denn eigentlich wollen wir doch, dass diese Themen als Themen wahrgenommen werden, die alle angehen.

Zuletzt noch ein Wort über die unsägliche Diskussion zum BIP in dem Artikel: Ja, das BIP enthält nur zu einem sehr kleinen Anteil die geleistete unbezahlte Arbeit, und ja, diese Arbeit wird zu einem großen Teil von Frauen geleistet. Aber das BIP enthält auch haufenweise andere Dinge nicht. Schwarzarbeit z.B. Und kriminelle Tätigkeiten. Und nicht-materielle Werte wie Bildung. Das BIP ist einfach nur ein einzelnes und durchaus beschränktes Maß, niemand sagt, das BIP sei das nonplusultra, es ist aber halt das was man unkompliziert, auch bei schlechter Datenlage irgendwie erhoben kriegt. Deshalb wird es oft herangezogen. Das kann man kritisieren, und das wird auch kritisiert, aber ehrlich, da ist Diskriminierung mal zur Abwechslung nicht so sehr das Problem. Damit genug zu Frauen in der Ökonomik.

Nun zur Frage der Beteiligung von Frauen an der Gestaltung der Wirtschaft. Hier und dort hört man aus feministischen Kreisen die These, dass eine größere Rolle von Frauen in Führungspositionen der Wirtschaft zu einer Änderung der Funktionsweise der Wirtschaft an sich führen würde. Also dass Frauen anders führen, anders wirtschaften würden, als Männer. Und – das schwingt implizit mit – dass eine von Frauen geführte Wirtschaft besser, im Sinne von menschenfreundlicher, familienfreundlicher, weniger ellbogenlastig wäre. Well, I doubt. Ich finde es in hohem Maße wichtig, eine gleichwertige Beteiligung von Frauen in allen Ebenen der Gesellschaft zu erreichen. Es ist für mich selbstverständlich, dass die Führungsebene von Wirtschaft und Politik die Breite der Gesellschaft repräsentieren sollte. Dass also genausoviele Frauen wie Männer in die Politik und genausoviele Frauen wie Männer in die Führungsetagen von DAX-Konzernen und auf die Lehrstühle unserer Universitäten gehören. Es sollten aber übrigens auch relativ zum Anteil an der Gesellschaft Homosexuelle vertreten sein, und das ethnische Mischungsverhältnis einer Gesellschaft repräsentiert sein. Niemand sollte aufgrund seines Geschlechtes, seiner sexuellen Orientierung, seiner Religion oder der Herkunft seiner Familie davon ausgeschlossen sein, unsere Wirtschaft und Gesellschaft mitzuprägen. Das teile ich, voll und ganz. ABER. Ich denke nicht, dass eine Frau einen Dax-Konzern anders führen würde als ein Mann. Dass Brokerinnen die Finanzkrise weniger befeuert hätten, als es die Broker taten. Dass Frauen an der Spitze von Geheimdiensten keine bösen Verbrechen anordnen würden. Deshalb, weil jede Frau in einer Spitzenposition auch ein Produkt des jeweiligen Umfeldes ist. Soland DAX-Konzerne gewinnorientiert sind und im z.T. harten Wettbewerb mit anderen Unternehmen weltweit agieren, werden sich als erfolgreiche Leitungen solche Menschen erweisen, die eine gewisse Ellbogenmentalität beweisen. Solange das Finanzsystem vorrangig den schnellen Gewinn belohnt und keinen Anreiz schafft, nachhaltig zu denken, werde solche Menschen in diesem System arbeiten, die auf den schnellen Gewinn aus sind. Solang Geheimdienste die Drecksarbeit für die Regierung machen, werden Menschen beim Geheimdienst arbeiten, die nichts gegen schmutzige Hände haben. Und da ich keinesfalls unterstellen kann und möchte, dass Frauen nicht genauso gut egoistische Arschlöcher sein können wie Männer, kann ich nicht sehen, wie das Geschlecht allein da irgendwas besser machen sollte. Und die Frauen, die wir bisher in Führungspositionen sahen und sehen, wie etwa Christine Lagarde, Margaret Thatcher oder Sheryl Sandberg, bestätigen mich da eher in meiner Meinung.

Der Schlüssel zu einem faireren, gerechteren Wirtschaften liegt in meinen Augen darin, die richtigen Anreize zu setzen. Anreize die nachhaltiges Verhalten belohnen und kurzfristige Gewinnoptimierung bestrafen. Und wo das System das aus sich heraus scheinbar nicht hinkriegt, ist es die Aufgabe der Gesetzgebung dies zu tun sofern es gesellschaftlicher Konsens ist, dass das gewünscht ist. Und damit die Gesetzgebung das tut, müssen wir die richtigen Leute in die richtigen Positionen wählen. Und wenn es da keine richtigen Leute gibt, dann müssen wir es wohl selbst machen. Und zwar Männer und Frauen.

DEAL: Das germanische Dorf gegen das Elsevier-Empire

Wissenschaftsverlag zu sein ist ein ziemlich gutes Geschäftsmodell. Im Wesentlichen ist das so: Wissenschaftlerinnen erforschen durch öffentliche Mittel oder Stifter finanziert Sachen, daraus schreiben sie Artikel, die sie bei Fachjournals einreichen oder je nach Disziplin für die Proceedings renommierter Konferenzen. Dafür bekommen sie von den Zeitschriften/Verlagen nicht nur kein Honorar, sondern oft müssen sie zusätzlich noch etwas für die Einreichung bezahlen. Die Einreichungsgebühren liegen je nach Journal zwischen 50 und 250 $ und sind selbst dann zu berappen, wenn der Artikel sofort vom Editor abgelehnt wird. Dann werden die Artikel begutachtet durch andere Wissenschaftler. Und ja, richtig, die kriegen dafür auch kein Honorar. 1-3 Gutachter schauen auf einen Artikel mehr oder weniger gründlich drauf. Ich z.b. brauche für ein vernünftiges Gutachten zwischen 3 Stunden und 1 Tag je nachdem wie gut ich im Thema bin. Die Gutachten gehen dann an den zuständigen Editor, der entscheidet, ob und wenn ja mit welchen Änderungen der Artikel veröffentlicht wird. Oft werden die Autoren gebeten, auch für ein Lektorat durch Muttersprachler zu sorgen. Auch das natürlich auf eigene Kosten. Dann erscheint der Artikel nach Überarbeitung erstmal als Vorabartikel auf der Website des Journals. Dort ist er dann kostenpflichtig abrufbar, die Autoren dürfen ihn meist in einem kurzen Zeitfenster selbst kostenfrei herunterladen. Das Nutzungsrecht für den Artikel treten sie an den Verlag ab. Irgendwann erscheint der Artikel dann auch gedruckt in der Zeitschrift, das kann aber durchaus mal ein Jahr dauern zwischen Annahme des Artikels und Aufnahme in eine Ausgabe.

Die Zeitschriften werden von den Universitätsbibliotheken und Forschungseinrichtungen abonniert -also wiederum aus öffentlichen Geldern. Manche Wissenschaftsverlage schließen dabei sogenannte Nationallizenzen ab, also Lizenzen, die dem gesamten Verbund der Universitätsbibliotheken zur Verfügung stehen. Andere, insb. die großen drei im Wissenschaftsverlagsbusiness Elsevier, Springer und Wiley, haben in der Vergangenheit viele Zeitschriftentitel nur einzeln mit Bibliotheken verhandelt. Die Abos waren bzw. sind immernoch dann oft so gestaltet, dass auf das Abo der Papierzeitschrift ein Aufschlag zu zahlen ist, wenn die Inhalte auch digital verfügbar sein sollen. Oft werden ansonsten die digitalen Inhalte erst 12 bis 24 Monate nach (!) der Papierzeitschrift für die Abonennten freigeschaltet – was vollkommen absurd ist.

Und um das ganze abzurunden, sind die Preise für die Abos in den letzten Jahren auch noch stets und drastisch gestiegen. Die Wissenschaftsverlage gehören deshalb auch zu den weltweit erfolgreichsten Unternehmen, wie Alex Holcombe bereits vor längerer Zeit mal in seinem Blog zeigte.

Vor dem Hintergrund der oft schlechten Konditionen für Digitalinhalte, stetig steigenden Abonnementpreise und der Einzelverhandlungspolitik der Verlage, hat die Hochschulrektorenkonferenz im ersten Halbjahr 2016 beschlossen, dass die Universitätsbibliotheken von nun an gemeinsam mit den Verlagen über umfangreiche Bündelabos verhandeln sollen. Hierzu wurde die schon vorher gegründete Arbeitsgruppe DEAL beauftragt, die nun für alle Universitätsbibliotheken im Auftrag der HRK mit den Verlagen Gespräche führt. Da für alle Universitätsbibliotheken außer denen des Landes Baden-Württemberg und der ZBW in Kiel zunächst der Vertrag mit Elsevier neu zu verhandeln war, ist Elsevier nun quasi die Probe aufs Exempel. Die seit Mitte 2016 andauernden Gespräche führten zunächst zu keinem nennenswerten Erfolg. Daraufhin haben alle deutschen Bibliotheken außer denen in Baden-Württemberg ihre Abonnements aller Elsevier-Publikationen zum Jahresende 2016 gekündigt. Hiervon erhofft DEAL sich nun endlich Bewegungen in den Verhandlungen. Der Elsevier-Verlag ließ bisher verlauten, dass die von den Bibliotheken geforderten Konditionen vollkommen abwegig seien und die Bibliotheken ja jede Freiheit hätten, ihre bisherigen Verträge zu den vorgeschlagenen Konditionen zu verlängern. Die Bibliotheken sagten „Nein“ und die Verhandlungen wurden auf Anfang 2017 vertagt.

Seit dem 1.1.2017 sind nun also so gut wie alle Wissenschaftler an deutschen Universitäten vom Angebot des Elsevier-Verlags abgeschnitten. Zumindest der direkte Zugriff ist nicht mehr gegeben. Allerdings organisieren die Bibliotheken aus den eingesparten Geldern umfangreiche Fernleihmöglichkeiten über die wenigen Universitäten, die noch Zugriff haben. Ich finde es ziemlich gut, dass die ja doch recht vielen, normalerweise in Konkurrenz stehenden deutschen Universitäten es geschafft haben, sich derart gut zu organisieren und sich David-mäßig gegen den Riesen Elsevier zu stellen. Es bleibt spannend, was nun tatsächlich dadurch erreicht werden kann, aber vielleicht wird dadurch ja auch endlich insgesamt das System der Publikationslandschaft zunehmend hinterfragt, wie z.B. auf wisspub.net andiskutiert wird.

Das Börsenblatt der Buchbranche findet übrigens, die Hochschulbibliotheken stellen Forderungen nach einer Quasi-Verstaatlichung des wissenschaftlichen Publikationswesens… Nun gut… (hier und hier)

Mehr zum Thema Wissenschaftspublikationen auch im englischsprachigen academia-Raum, hier und hier.

Anekdotische Evidenz: Vom Hintertür-Sexismus in den Wirtschaftswissenschaften

Ausgerechnet jetzt, wo ich gar nicht mehr selbst in den Wirtschaftswissenschaften arbeite, kam beruflich eine Diskussion auf, die ich so ähnlich schon vor fast einem Jahr auf meiner Geburtstagsparty mal führte. Nämlich die Frage des Stands der Gleichberechtigung in den Wirtschaftswissenschaften. Lassen wir dabei mal kurz die Quote für DAX-Vorstände außer acht, da will ich erst gar nicht mit anfangen. Bleiben wir mal bei Wiwi als wissenschaftliche Disziplin.

Ich habe da schon länger eine auf anekdotischer Evidenz basierende Privatvermutung. Die besagt, dass gerade in Wiwi Gleichstellung sich oft ins Gegenteil verkehrt, also eher gegen die Frauen als für sie arbeitet. Auf einer Party im letzten Jahr diskutierte ich das mit anwesenden MINT-Menschen und in den letzten Tagen tauchte es in einigen beruflichen Gesprächen unverhofft wieder auf.

Also meine Erfahrung ist etwa diese:

Wirtschaftswissenschaften sind auf dem Papier ein zunächst relativ egalitäres Fach. Im Studium liegt der Anteil der Frauen bei um die 50%, je nach Studiengang auch darüber. Auch bei Doktorandinnen sieht es zumindest noch nicht vollkommen düster aus, hier ist der Frauenanteil zumindest noch bei über 30%, wiederum etwas abhängig vom Standort und den dortigen Schwerpunkten. Darüber kommt dann die gläserne Decke, der Professorinnenanteil ist aber in jüngster Zeit fast bei 20%.* Soweit so gut. Oder eben nicht. Die Tatsache, dass die Anzahl der Professorinnen auch in Wiwi eher überschaubar ist, wird meist großzügig ignoriert zugunsten eines „ist doch alles schick hier bei uns in Sachen Frauenförderung“-Gefühls, dass sich aus dem großen Anteil weiblicher Studierender speist und aus der Feststellung, dass ja im MINT-Bereich alles noch viel mehr im Argen liegt. Und so werden Maßnahmen der Gleichstellung belächelt bis offen als überflüssig dargestellt, oft sogar als Übervorteilung. Und gleichzeitig wird aber zu jeder passenden und unpassenden Gelegenheit betont, dass Frauen es ja ach so toll haben „heutzutage“. Also eine hört Dinge wie „Sie als Frau haben ja besonders gute Chance die Förderung einzuwerben.“ oder „Gerade für junge Frauen sind die Chancen ja nun wirklich exzellent.“ und auch „Wir haben schließlich drei (!!) Professorinnen an der Fakultät, vorbildlich, nicht wahr?“ Dass die angeblich bevorzugte Drittmittelvergabe an Frauen Unsinn ist, kann man z.B. aus DFG-Statistiken recht einfach herausfinden und wo die Chancen für Frauen besonders übermäßig sein sollen, ist mir nicht ganz klar. Denn dem stehen dann sehr viele Erfahrungen eher informeller Situationen gegenüber, wie etwa am Rande von Gremiensitzungen, in Berufungskommissionen oder auch mal auf akademischen Feiern. Wo großen Beschwerden geführt werden über unzumutbare Frauenquote im neuen Hochschulgesetz. Wo offen die weibliche Vertreterin des Mittelbaus während sie dabei steht als „Quotenfrau“ bezeichnet wird. Wo kein Hehl daraus gemacht wird, dass eine als Frau in der Berufungskommission sitzt, damit keine doofen Fragen kommen, wenn der Mann berufen wird, der bereits vor dem Verfahren feststand. Und wo bei der zu diskutierenden Frage, ob eine Kandidatin ohne Auflagen zur Promotion zugelassen wird im jovialen Tonfall nach deren Haarfarbe gefragt wird. Und dann mag eine nicht mehr recht daran glauben, dass einer jungen Frau ja heute alle Tore offen stehen in der akademischen Welt.

Nun ist dies alles, wenn auch nicht meine alleinige Erfahrung, dennoch nur anekdotische Evidenz. Die Wahrnehmung, dass in der Wirtschaftswissenschaft ein eher frauenfeindliches Klima herrscht, das sich aus „bei uns ist eh schon alles paritätisch und trotzdem werden wir durch Quoten und Gleichstellungsmaßnahmen drangsaliert“ speist, ist zunächst ja nur meine und die einiger Kolleginnen. Allerdings scheint dies zumindest nicht standortbezogen zu sein. Inzwischen habe ich doch – meist ungefragt – sehr ähnliche Geschichten von anderen Frauen und anderen Unis gehört. Und mir scheint das tatsächlich eine Frage des Problembewusstseins. Während in MINT-Fächern der Bedarf von Frauenförderung augenfällig ist, nehmen die Wirtschafts- und Sozialwissenschaften diesen nicht wahr, wischen ihn mit einer Handbewegung weg. Und zwar nicht nur alte Professorenherren, sondern auch junge neue Doktorandinnen und auch Professorinnen. Die Wiwi empfindet sich als ganze als egalitäres Fach und anderslautende Erfahrungen werden als persönliche Einzelfälle empfunden. Daher noch einmal deutlich: Ein Professorinnenanteil von 18% ist nicht egalitär. Es ist statistisch wenig wahrscheinlich, dass es so viel weniger geeignete Frauen als Männer gibt, wenn unter den Studiumsabsolventinnen der Anteil der Frauen bei 50% und unter den Promovierenden der Anteil bei 35% liegt. Es mag durchaus sein, dass sich weniger Frauen als Männer auf Professuren bewerben. Auch dass sich weniger Frauen als Männer für eine Promotion in Wiwi entscheiden. Aber dafür gibt es Gründe. Und diese Gründe sollte eine Disziplin, die so wie fast jede akademische Disziplin in diesem Land  eher händeringend akademischen Nachwuchs sucht, nicht einfach im Dunkeln lassen. Die Beweggründe von Frauen, sich gegen eine akademische Karriere zu entscheiden, mögen vielschichtig sein. Individuelle Erfahrungen von Sexismus (auch benevolentem) und Diskriminierung (auch nicht vorsätzlicher) werden sehr wohl hieran einen Anteil haben.

 

*Alle Zahlen für Universitäten in NRW. Quelle: Netzwerk Frauen- und Geschlechterforschung NRW Statistikportal.