Randnotiz der Woche: Entwicklungshilfe auf Aktien

Die britische Hilfsorganisationen „Save the children“ kooperiert mit einem Pharmakonzern, der in den USA verurteilt wurde, weil er Ärzte bestochen hatte, Kindern nicht zugelassene Psychopharmaka zu verschreiben. Dieser doch recht zynische Zusammenhang ist der Aufhänger für ein WDR 5 Feature zur Verquickung von Entwicklungshilfeorganisationen und Konzernen. 

Der Beitrag stellt auf anschauliche Weise dar, dass sich große NGOs letztlich gar nicht so sehr von großen Konzernen unterscheiden und dass Konzerne via Stiftungen und NGOs erheblich Einfluss auf Entwicklungspolitik haben, sowohl in den Entwicklungsländern selbst, als auch auf der Ebene von supranationalen Organisationen wie der WTO.

Für mich war vieles davon nicht direkt neu, ich bin aber ja auch ziemlich vom Fach im Entwicklungshilfethema. Entscheidender allerdings: ich finde es auch per se überhaupt null komma null überraschend. Unternehmen engagieren sich nicht aus purer Selbstlosigkeit sozial? Was? Wer hätte das gedacht?! NGOs, die sich unter anderem für Kindergesundheit einsetzen finden Pharmakonzerne eigentlich ganz dufte Partner? Ja wie kann das denn sein?

Im Ernst. Ich finde es weder überraschend noch verwerflich, dass Unternehmen soziales Engagement mit Gewinnabsicht machen. Es sind schließlich Unternehmen. Es ist deren Aufgabe Gewinn zu machen. Es ist übrigens auch total verständlich und rational, dass NGOs diese Hilfe mit Kusshand nehmen. Denn Geld ist Geld und Impfstoff ist Impfstoff und Medikament gegen Malaria ist Medikament gegen Malaria. Die wollen Kindern helfen. Da ist es denen egal, dass das Unternehmen sich über die gute Publicity green washt, Hauptsache es rabattiert den Polio-Impfstoff. 

Natürlich kann man es trotzdem bedenklich finden, wenn Konzernstiftungen die Entwicklungspolitik steuern. Wenn Stiftungen die amerikanische Weltsicht gratis zur Hilfe mit verteilen. Wenn ein großer Softdrinkkonzern Schulen sponsort in Ländern in denen tausende jährlich an Diabetes sterben. Nur ist es weder die Aufgabe von Unternehmen noch von NGOs  dies zu ändern. Das ist die verdammte Aufgabe von Staaten. Es ist die Aufgabe von Staaten dafür zu sorgen, dass ihre supranationalen Organisationen keine Lobby-Klüngel-Kaffee-Klatsche sind. Es ist die Aufgabe von Staaten dafür zu sorgen, dass gemeinnützige Organisationen keine Konzerninteressen vertreten. Und es wäre die verdammte Pflicht der westlichen Industriestaaten, ausreichend Mittel zur Verfügung zu stellen, dass Gesundheitswesen und Schulsystem in den Entwicklungsländern, an denen wir uns jahrhundertelang bereichert haben, nicht von Unternehmensgaben abhängig sind. Aber es ist halt viel praktischer, sich das Entwicklungshilfebudget zu sparen und die Entwicklungshilfe Bill Gates, Bono, Angelina Jolie, Nestlé, Coca Cola und Pharmakonzernen zu überlassen. 

WDR 5 Neugier genügt – Das Feature: Entwicklungsorganisationen und das Geld der Konzerne (Link führt zum MP3)

Leserinnen fragen, Milchmädchen antwortet: Globale Ungleichheit

Heute schon wieder eine Antwort auf eine Leserinnenfrage, diesmal von @Vrouwelin, die mich auf Twitter fragte, was ich vom neuen Buch von Anthony Atkinson halte, bzw. von einem DerFreitag-Artikel über das Buch. Ich antwortete auf Twitter, dass ich das Buch nicht gelesen hätte, es aber schwierig fände, die Umsetzbarkeit der Thesen für ein Land zu berechnen, wenn wir in einer globalisierten Welt leben. Ich ergänzte zudem, dass ich es immer etwas schwierig finde, wenn in westlichen Ländern davon die Rede ist, dass die Ungleichheit zugenommen habe, wobei außer acht gelassen würde, dass die weltweite Ungleichheit abgenommen hat. Meine These war wörtlich: „Ich habe auch immer Probleme damit, wenn steigende Ungleichheit für Industrieländer diagnostiziert wird ohne zu beachten, dass die gefühlt größere Gleichheit in den 60ern mit weltweit größerer Ungleichheit einher ging. Viele linke Ökonomen lassen Entwicklungsländer außer acht. Das ist fatal, falsch und heute auch (zum Glück) nicht mehr realitätskompatibel.“ @Vrouwelin bat mich daraufhin um Literaturtipps zum Thema und dem möchte ich hiermit nachkommen. Da das vermutlich noch mehr Leute interessiert hier auf dem Blog anstatt per Twitter-Mention.

Zunächst nochmal vorab: Ich hab das Buch von Atkinson nicht gelesen. Aber Atkinson ist prinzipiell ein Mann von ökonomischem Verstand und es kann sehr gut sein, dass was in dem Buch steht Hand und Fuß hat. Es gäbe ganz sicher Dinge, die mutige Politiker umsetzen könnten, um die Einkommensschere in den westlichen Industrieländern zu verringern. Allerdings schlägt Atkinson unter anderem eine deutliche Erhöhung des Spitzensteuersatzes vor. Ob das gerecht ist sei dahingestellt (denn zumindest in Deutschland zahlen nicht nur Millionäre den Spitzensteuersatz), vor allem aber ist es in meinen Augen nicht umsetzbar. Nicht in einem einzelnen Land innerhalb einer Welt, die deutlich geringere Kapitalverkehrsbeschränkungen hat als vor 25 Jahren und in der Steuerflucht nach wie vor mehr als einfach möglich ist. Das war mein Spontankritikpunkt. Mein Grund-Ablehnungsgefühl rührt aber viel mehr daher, dass ich halt im Herzen Entwicklungsökonomin bin. Und Atkinson ist eben Sozialstaats-Spezialist. Er betrachtet den bröckelnden Sozialstaat in Westeuropa, so wie Piketty das kapitalistische System in den Industriestaaten betrachtet. Und Atkinson argumentiert, so zumindest der Artikel im Freitag, den ich ansonsten reichlich unspezifisch finde, dass die Entsozialstaatlichung in den 1980er Jahren Fahrt aufgenommen habe und man zum Zustand davor zurückmüsse. Und da muss ich ganz klar sagen: Dass es bei uns in den 60er und 70er Jahren ziemlich wirtschaftlich rosig und gefühlt gerechter zuging, das lag nicht nur an der deutlich sozialeren Marktwirtschaft. Es lag auch daran, dass nur ein sehr viel kleinerer und homogenerer Teil der Welt am globalen Einkommen teilhatte. Dass heute die sog. Arbeiterjobs wegfallen und schlecht bezahlt werden hat ziemlich viel damit zu tun, dass diese Jobs jetzt in anderen Teilen der Welt dazu beitragen dort das Einkommen zu erhöhen. Dabei läuft nicht alles rosig, gar keine Frage. Dennoch haben heute viel mehr Staaten nennenswert an Handel und Produktion teil. Und das hat auch zu Verringerung der Armut geführt, nicht nur in China. Auch in Bangladesh, in der Türkei, in Rumänien und Südafrika. Es gibt Gewinner und Verlierer, die Details sind kompliziert. Aber es bleibt: Ein Teil dessen, was wir hier gefühlt verloren haben, das haben nicht die bösen Kapitalisten, sondern das haben die Armen der Welt, die jetzt etwas weniger arm sind. Natürlich, long way to go, reich ist dadurch in Bangladesh noch lang nicht jeder, aber es geht irgendwie aufwärts. Was stimmt ist, dass die Armen in den Industrieländern mehr abgegeben haben, als die Reichen (die haben nix abgegeben). Dies nur zur Einordnung meiner Reflexabwehrhaltung. Nun zu Hintergrund-Lesestoff zur Einkommensverteilung weltweit (ohne Anspruch auf Vollständigkeit):

Die Diagnose,  dass die Ungleichheit in der Welt abgenommen hat, findet sich sehr akribisch belegt in diesem Aufsatz von Xavier Sala-i-Martin. Das Paper ist von 2002, die verwendeten Maße wurden aber für das vielfach neu aufgelegte Standardlehrbuch von Sala-i-Martin jeweils aktualisiert und bleiben, meiner Kenntnis nach, bis in die neuste Auflage von der Aussage her gleich.

Wer Zugriff zu wissenschaftlichem Content hinter hohen Paywalls (hier Wiley) hat, kann mit Hilfe dieser Datenbank auch selbst die Standardmaße für Ungleichheit über die Zeit berechnen und vergleichen.

Dass in den meisten westlichen Industriestaaten die Ungleichheit zugenommen hat, hat Atkinson sich natürlich nicht ausgedacht, das ist gut belegt, z.B. hier. Allerdings ist es auch hier kompliziert, denn die Heterogenität zwischen den Industrieländern ist dann doch erheblich.

Etwas weniger euphorisch (will sagen etwas weniger neoklassisch und wachstumsfokussiert) als Sala-i-Martin kommt auch dieser Aufsatz zu dem Schluss, dass zumindest einige Staaten im weltweiten Vergleich aufholen konnten, der Fokus hier liegt aber darauf, dass innerhalb der einzelnen Staaten und Regionen der Welt die Ungleichheit zunimmt.

Schauen wir auf Deutschland, zeigt dieser Artikel deutlich: Hier bei uns kann von einer steigenden Ungleichheit ab 1980 kaum die Rede sein, die deutsche Ungleichheit ist vorrangig in der Wiedervereinigung begründet.  Außerdem ist der Titel des Papers einfach so schön literarisch. Verbunden auch dieser Artikel, der Deutschland und die USA vergleicht.

Und wer nach all diesen Zahlen dann auch ein wenig die Gründe für Erfolg und Misserfolg in Sachen armutsreduzierendes Wachstum erlesen will, der könnte einen Blick in das ein oder andere Buch oder Paper von Daron Acemoglu werfen (insb. „Why nations fail“ sowie diesen kleinen feinen Seitenhieb gegen Thomas Piketty), die Fallstudien im Entwicklungsökonomik-Standardlehrbuch „Economic Development“ von Todaro/Smith lesen, oder „The Tyranny of Experts“ und „The Elusive Quest for Growth“ von William Easterly. Einen ganz kleinen Einstieg bietet z.B. auch dieser TEDx-Talk von James Robinson (dem Co-Autor von Acemoglu), der ein sehr guter Redner ist.

Hinweis: der Großteil der verlinkten Quellen ist auf englisch, das tut mir leid, denn ich versuche sonst deutsche Quellen zu verwenden, wenn möglich. Leider ist Entwicklungsökonomik aber ein Feld, das in Deutschland nahezu unsichtbar ist, die Bücher sind allerdings z.T. auch in deutscher Übersetzung erschienen. Leider befindet sich ein Großteil der Paper hinter den Paywalls von Wissenschaftsverlagen, wo ich konnte, habe ich Working Paper Versionen verlinkt, mit etwas googlen finden sich solche vielleicht auch noch für die anderen Paper.

 

Leser fragen – Milchmädchen antwortet: Lebensmittelverschwendung einfach sein lassen?

Mich haben seit Beginn dieses Projektes einige Leser/-innenfragen erreicht, die allesamt sehr interessant, aber auch sehr komplex sind. Weil die Recherche sich z.T. etwas zieht, habe ich bisher noch keine beantwortet. Aber jetzt beginne ich einfach mal, mit einer Frage von Lars: „Laut FAO (2011) landet in den Industrieländern etwas weniger als die Hälfte der Lebensmittel, die es in der food supply chain zu LEH und Verbraucher schaffen, im Müll. Was passiert (hypothetisch) mit den globalen Lebensmittelmärkten, wenn das nicht mehr passiert, sondern wir nur noch die Sachen produzieren, die wir auch tatsächlich verbrauchen? Welche Auswirkungen hätte das vor allem auf die Lebensmittelmärkte in den Schwellenländern?“

Die Antwort ist eine für ökonomische Fragen sehr typische: es kommt darauf an.

Tatsächlich ist das ganze quasi nicht erforscht. Ich habe eine einzige empirische Studie [*] gefunden, die sich der Frage widmet. In dieser Studie findet sich eine leichte Reduktion von Wasserverbrauch und CO2-Emissionen, die aber beide nicht in allen Szenarien signifikant sind, ein signifikanter aber kleiner Reduktionseffekt auf die bewirtschaftete Fläche. Der Effekt auf Armut und Unterernährung ist über die Szenarien der Studie unterschiedlich, es wäre sowohl denkbar, dass die Unterernährung abnimmt, als auch dass sie zunimmt. Die Studie nutzt übrigens ein Simulationsmodell und entsprechend viel Unsicherheit enthalten die Ergebnisse. Ein paar weitere Publikationen widmen sich der Lebensmittelverschwendung in den Entwicklungs- und Schwellenländern selbst. Denn hier ist es tatsächlich ein valider Ansatz, Unterernährung zu reduzieren, indem die Lebensmittelverluste reduziert werden, die durch unzureichende Kühlmöglichkeiten, unsachgemäße Lagerung, Verluste beim Transport usw. entstehen. Aber zurück zur Frage, was passiert, wenn wir hier in den westlichen Industrieländern mit Lebensmitteln weniger verschwenderisch umgehen.

Wenn ich das ganze – ohne Zahlen zu haben – mal durchdenke, also so rein mit ökonomischer Logik, dann ergibt sich etwa folgende Wirkungskette: Global gesehen bedeutet ein Rückgang der Lebensmittelverschwendung eine gesunkene Nachfrage nach Lebensmitteln. Dadurch sinkt der Preis, das Angebot ist höher als die Nachfrage, in Reaktion wird das Angebot auch gesenkt werden müssen (sonst werfen einfach die Anbieter statt der Konsumenten die Ware weg und es wäre nix gewonnen). Das verringerte Angebot führt zu weniger Nutzung agrarer Ressourcen, damit weniger bewirtschaftete Landflächen, weniger Wasserverbrauch, weniger CO2-Emissionen. Durch den geringeren Preis wird Nahrung bezahlbarer, das erklärt – hauptsächlich – den Effekt auf die Unterernährung, die wohl zurückgeht.

Allerdings kann es sein, dass diese Effekte etwas disaggregierter betrachtet klein ausfallen oder nicht nennenswert zugunsten der Entwicklungsländer. Denn – und jetzt kommt der „es kommt darauf an“-Teil: der größte Teil des Lebensmittelmülls in Industrieländern sind verderbliche Güter – Obst, Gemüse, Salat, Milchprodukte, Fleisch. Diese werden nicht zwangsläufig am Weltmarkt gehandelt, sondern vielfach regional, also z.B. innereuropäisch.

In der Kategorie Obst und Gemüse decken wir das meiste, was wir konsumieren innereuropäisch, evtl. unter Einbeziehung von Nordafrika. Maximal beim Obst entsteht ein nennenswerter Effekt auf dem Weltmarkt. D.h. u.U. profitieren zwar die Konsumenten hier in den Industrieländern von günstigeren Preisen, aber nicht die in Entwicklungsländern, denn die kaufen ihr Gemüse und ihren Salat nicht am selben Markt. Hinzu kommt, dass die Kalorienbilanz dieser Produkte nicht sehr groß ist, d.h. spottbilliger holländischer Salat und spanische Tomaten machen afrikanische Kinder auch nicht satt.

Bei Milchprodukten wird schon eher ein Schuh draus, denn ein geringerer Milchpreis am europäischen Markt wird den Milchpulverpreis weltweit drücken und Milchpulver ist aus Welternährungssicht sehr wichtig. Ergo, sparen wir Milchprodukte hat das schon eher einen weltweiten Effekt. Und zwar würde es dann einen positiven Effekt auf die Welternährungssituation haben. Auch der Umwelteffekt dürfte positiv sein, da die CO2-Bilanz von Kühen ja eher so geht so ist.

Am deutlichsten wäre der Effekt vermutlich, würde Fleisch eingespart. Denn obwohl Fleisch auch weitgehend regionale, separierte Märkte hat, hat die Fleischproduktion eine erhebliche Auswirkung auf den Weltmarkt für Mais und Getreide, weil diese als Futtermittel importiert werden. Gleichzeitig (das ist inzwischen wohl Allgemeinwissen) ist Fleisch ein sehr ineffizientes Nahrungsmittel, da es ein Vielfaches seines Gewichtes in Futter benötigt und massiv zum CO2-Ausstoß beiträgt. Das heißt, sparen wir bei uns ein wenig Fleisch, wird dadurch sehr viel Futter und CO2 eingespart, der Mais- und Getreidepreis sinkt, diese sind wichtige Grundnahrungsmittel und können sehr viel günstiger gekauft werden. Sehr gut für Welternährung und Klima.

Ein weiterer Aspekt, den es zu bedenken gilt, ist, dass natürlich bei gesunkenen Lebensmittel-Preisen auch irgendwessen Einkommen zurückgeht. Die Wertschöpfung bei Lebensmitteln fällt im Großteil bei Verarbeitung und Verpackung und Verkauf an. Das heißt, dass bei Bauern und lebensmittelverarbeitender Industrie das Einkommen zurückgeht, das führt latent zu einer eher armutsverstärkenden Umverteilung. Hier schließt sich ein wenig der Kreis zum Zuckermarkt-Artikel von vor einigen Wochen: Würde durch geringere Nachfrage nach Lebensmitteln der Lebensmittelpreis sinken, dann wird das vermutlich die Lebensmittelhandelsketten und großen Player im Lebensmittelimport wenig tangieren, da sie sich sehr viel schwächeren Zulieferern gegenübersehen und so den Preisdruck im Zweifel nach unten weitergeben könnten. Dadurch würden die Löhne in der Agrarproduktion sinken, dort also, wo die Löhne ohnehin sehr niedrig sind.

Zusammenfassend: Für die globalen Ressourcen ist es eindeutig gut, Lebensmittel einzusparen. Positiv für die Bevölkerung von Entwicklungs- und Schwellenländern wäre es vor allem dann, wenn Milch und Fleisch gespart würde.

Weiterführende Links:

Reducing food waste is good for economy and climate

Foodwaste within the supply chain and the potential for change by 2050

Randnotiz der Woche: Venezuela, Hunger, Korruption – es ist kompliziert

In Venezuela gibt es derzeit, im Schatten des Krieges im nahen Osten und der Friedensverhandlungen in Kolumbien eine recht drastische Wirtschaftskrise, die zu erheblichem Hunger und existenzieller Armut geführt hat. Hierüber berichtet das Feature der WDR5-Sendung „Neugier genügt“ vom 23.9.2016, das ich diese Woche irgendwann auf dem Weg zur Arbeit hörte.

Der Radiobeitrag ist wirklich bedrückend und zeigt an einigen Schicksalen sehr anschaulich die wirklich dramatische humanitäre Situation in Venezuela, ich empfehle ihn ausdrücklich. Dennoch war ich nach dem hören auch wütend. Denn obwohl das Format durchaus Raum für eine differenzierte Darstellung hätte, verbleibt der Beitrag seltsam einseitig. Die interviewten betroffenen Menschen verkünden recht einhellig, dass an all der Misere nur der neue sozialistische Präsident Nicolas Maduro schuld sei. Der sei korrupt und quasi der Teufel in Person. Demgegenüber sei unter Hugo Chavez alles super gewesen. Es zeugt vom Erfolg von Hugo Chavez‘ Gleichschaltungspolitik, dass die Menschen in Venezuela das so sehen und vermutlich scheint es im Land selbst tatsächlich so. Aber es wäre schon die Aufgabe eines explizit investigativen Radioformates, das mal kurz, einige Recherchesekunden lang, zu hinterfragen. Gerade und vor allem deswegen, weil Linke auf der ganzen Welt dazu neigen in die Lobhymnen auf Hugo Chavez einzustimmen. Chavez gilt vielen politisch links orientierten, auch vielen heterodoxen Ökonomen als die große Erfolgsgeschichte des Sozialismus. Dabei gilt für Chavez, was auch für alle real existierenden sozialistischen Systeme zuvor galt: Sozialismus funktioniert super, so lang bis das Geld ausgeht. Und Chavez erlebt das halt jetzt nicht mehr, deshalb kann er ungehindert als Heiligenfigur der linken Szene herhalten.

Man verstehe mich nicht falsch, ich finde Kommunismus insgesamt eine dufte Idee. Allein scheinen die Menschen nicht für den Kommunismus gemacht. Zumindest haben sich alle sozialistischen Staaten zu beeindruckenden korrupten menschenfeindlichen Sumpflöchern entwickelt und da macht Venezuela keine Ausnahme. Chavez war zu Beginn tatsächlich sehr erfolgreich, er hat Venezuela zunächst einen Aufschwung beschert, den Hunger reduziert und durch seine antiamerikanische Politik die Sympathie nicht nur seines Volkes sondern auch der Nachbarn gewonnen. Allerdings war es zu der Zeit auch leicht, staatlichen subventionierte Essen und Medikamente bereitzustellen und Unterstützung für die Armen – der Ölpreis war hoch. Irgendwann jedoch traf auch Venezuela verzögert der Effekt der Finanzkrise. Der Ölpreis fiel, der Zugang zu internationalen Krediten wurde durch die Schwierigkeiten anderer Staaten für alle Entwicklungs- und Schwellenländer schwieriger. Die Staatsfinanzen bröckelten, das Wachstum brach ein, die Inflation nahm zu. Der Staat bediente sich am Geldhahn der Zentralbank, was eigentlich nie eine gute Idee ist. An den Folgen dieser Entwicklung krankt Venezuela noch heute, denn echte Alternativen zum Öl gab und gibt es nicht, die hohe Korruption kostete nun plötzlich deutlich mehr als früher, der Staat hatte nicht mehr im Überfluss Ressourcen zu verschenken. Das Ergebnis ist eine Inflation weit im dreistelligen Bereich, ein erheblicher Einbruch des BIP/Kopf und ein deutlicher Anstieg der Armut.

Zweifelsohne ist die venezuelanische Regierung in hohem Maße korrupt, antidemokratisch und der Krise überhaupt nicht gewachsen. Jedoch reicht die Korruption weit in die Zeit Hugo Chavez‘ zurück, , die Geschichten von illegal verkaufter subventionierter Schulmilch und unter Verschluss gehaltenen vom Staat bereits bezahlten Medikamenten, kenne ich schon von Kolleg/innen auf Konferenzen seit ca. 2010 und es wäre schon nicht zu viel verlangt, das in einen Beitrag einzubauen. Oder?

 

Randnotiz: Kein Kampf um die Spitzenposition im Entwicklungshilfe-Business

Diese Sache stand vor drei Wochen schonmal auf der Randnotiz-Kandidatinnen-Liste, wurde dann verpennt und kam nun von allein wieder hoch. Wie praktisch.

Der Posten des Weltbank-Chefs wird turnusgemäß neu besetzt. Das wird hier in Deutschland erst eine Nachricht sein, wenn die Wahl vollzogen ist. Und vermutlich nicht mal dann, denn es zeichnet sich ab, dass der alte Chef, Kim, auch der neue Chef wird. Weil er der einzige Kandidat ist. Das hat Tradition, aber es regt sich Unmut dagegen. Einerseits weil Kim als Person umstritten ist, sein Führungsstil und seine Performance in den letzten fünf Jahren werden kritisch gesehen. Andererseits ist die Mauschelei, die in der Vergangenheit stets der Besetzung der Spitzenpositionen von IWF und Weltbank vorausging auch einfach weder zeitgemäß noch klug.

Es ist seit der Gründung der internationalen Finanzinstitutionen so abgemacht, dass die Weltbankspitze den US-Amerikanern, die IWF-Spitze den Europäern zusteht. Nur haben sich in der Zwischenzeit die Machtverhältnisse in der Welt verschoben und die US-Zentriertheit der Weltbank führt dazu, dass andere regionale Entwicklungsbanken eigene Wege gehen. Die Weltbank ist bestimmend nicht nur als Geldgeber sondern vor allem auch, was ihren Einfluss auf die Gestaltung lokaler Politik in den Entwicklungsländern anbelangt. Das Nominierungsverfahren für den Chefposten der Weltbank müsste also längst ergebnisoffen, merit-based und transparent gehandhabt werden. Das wurde auch beschlossen. Aber de facto war das Verfahren nun auch wieder nur eine Scharade und das Ergebnis stand bereits zuvor fest. Das ist für eine Institution, die Entwicklungshilfezusagen von Demokratisierung abhängig macht ein wenig peinlich. Dabei hätte es andere geeignete und renommierte Kandidaten gegeben. Insbesondere auch Kandidatinnen. Und einen, der es ganz bestimmt nicht machen will.

Randnotiz der Woche: Zuckermarkt

Dieses Jahr wird das letzte Mal die Zuckerproduktion der europäischen Zuckermarktordnung unterliegen, danach fallen Ende September 2017 die Zuckerproduktionsquoten weg, d.h. die Ernte 2017 wird schon zu den neuen Regelungen auf den Markt kommen müssen. Um diese Reform gab es sehr sehr großen Streit in der EU und großes Gezetere vor allem von Seiten der großen Zuckerproduzenten Nordzucker und Südzucker, die die Profiteure der Zuckermarktregulierung waren. Dass diese sich scheinbar gut mit der Abschaffung arrangiert haben und der Untergang der Zuckerquoten ansonsten erstaunlich sang- und klanglos vonstatten geht, zeigt diese Meldung aus der Braunschweiger Zeitung.

Journalistisch gesehen ist es natürlich etwas banal nur die Branchenriesen zu Wort kommen zu lassen. Allerdings ist der Artikel in seinem Nachbeten von Lobbyverlautbarungen dann gleich wieder entlarvend.  Denn im Wesentlichen erzählen da Nordzucker und Südzucker, dass sich nicht nur nichts an ihrer Produktionsmenge ändern wird, sondern sie gar planen zu exportieren, was bisher nicht so ohne weiteres möglich war. Das ist schon ziemlich Hohn, denn wenn der Wegfall einer Regulierung den Hauptakteuren des Marktes wenig Sorgen macht und sie sich gar höhere Gewinne versprechen, dann ist der Sinn der Regulierungsmaßnahme doch stark ad absurdum geführt. Denn die europäischen Quotenregelungen im Agrarsektor dienten ja, auf dem Papier und historisch gesehen auch in der Realität dazu, eine Autonomie im Ernährungsbereich zu wahren und dafür zu sorgen, dass heimische Produzenten nicht aus dem Markt gedrängt werden und dann im Fall der Fälle keine heimische Nahrungsmittelproduktion mehr da ist. Wenn nun aber die Produzenten augenscheinlich in der Lage sind, auch ohne die Regulierung am Markt zu bestehen und sogar noch zu exportieren. Nun, dann war die ziemlich teure Maßnahme wohl ziemlich wenig notwendig. Denn teuer ist sie, die Zuckerquote. Sie kostete die europäischen Verbraucher jährlich etwa 6 Milliarden Euro, die sich in Form von Subventionen ziemlich direkt in die Taschen von Nord- und Südzucker und ihren französischen und polnischen Kumpels ergossen.

Jetzt ist der Artikel natürlich da auch unsinnig, denn dass die Giganten im Zuckerbusiness im Zweifel auch bei geringen Preisen würden in der Lage sein, sich am Markt zu halten, das war schon länger klar. Viel fragwürdiger ist, ob man vom Zuckerrübenanbau noch wird leben können. Denn bei geringerem Marktpreis werden die Zuckerfabrikanten den Preis der Rüben drücken. Und das können sie, weil sie Nachfragemonopolisten sind und die Bauern keine Wahl haben, als an sie zu verkaufen.

Besonders wundervoll unsinnig ist natürlich der Satz, dass ausländische Konkurrenz nicht zu befürchten sei, da der Zuckerpreis in der EU ja derzeit unterhalb des Weltmarktpreises liege. Da fragt man sich schon, ob der Pressemensch so dumm ist, oder so dumm tut. Natürlich ist der Zuckerpreis unterhalb des Weltmarktpreises – er ist ja subventioniert genau um unterhalb dem der Konkurrenz zu liegen. Die Subvention wird aus Zöllen auf Importzucker bezahlt (zumindest teilweise), der damit praktischerweise auch teurer erscheint als er ist. In Wirklichkeit jedoch ist Rohrzucker ca 1/3 so teuer in der Produktion wie Rübenzucker und selbst wenn man Transportkosten berücksichtigt, sind Zuckerimporte hoch-konkurrenzfähig, wenn sie dann nicht mehr bezollt und die heimische Produktion nicht mehr subventioniert wird. Wenn Nord- und Südzucker unter den Bedingungen immernoch exportieren werden können, sagt das so einiges über ihre jetzige Gewinnspanne aus, und damit natürlich auch über die Unsinnigkeit der Regulierung in den letzten Jahren bis Jahrzehnten. Und natürlich kann man gegen Rohrzucker sowohl Umwelt- als auch ethische Bedenken haben, keine Frage, aber Rohrzucker bleibt eben die deutlich überlegene Zuckerproduktionstechnologie und auch der Zuckerrübenanbau ist Monokultur deluxe, mit ordentlich Düngereinsatz und die Rübenzuckerproduktion ist extrem energie-intensiv. Wer also ethisch sauber handeln will, kauft Bio-Rohrzucker aus nachhaltiger Pflanzung und fair gehandelt.

Anekdotische Evidenz: Vom Hintertür-Sexismus in den Wirtschaftswissenschaften

Ausgerechnet jetzt, wo ich gar nicht mehr selbst in den Wirtschaftswissenschaften arbeite, kam beruflich eine Diskussion auf, die ich so ähnlich schon vor fast einem Jahr auf meiner Geburtstagsparty mal führte. Nämlich die Frage des Stands der Gleichberechtigung in den Wirtschaftswissenschaften. Lassen wir dabei mal kurz die Quote für DAX-Vorstände außer acht, da will ich erst gar nicht mit anfangen. Bleiben wir mal bei Wiwi als wissenschaftliche Disziplin.

Ich habe da schon länger eine auf anekdotischer Evidenz basierende Privatvermutung. Die besagt, dass gerade in Wiwi Gleichstellung sich oft ins Gegenteil verkehrt, also eher gegen die Frauen als für sie arbeitet. Auf einer Party im letzten Jahr diskutierte ich das mit anwesenden MINT-Menschen und in den letzten Tagen tauchte es in einigen beruflichen Gesprächen unverhofft wieder auf.

Also meine Erfahrung ist etwa diese:

Wirtschaftswissenschaften sind auf dem Papier ein zunächst relativ egalitäres Fach. Im Studium liegt der Anteil der Frauen bei um die 50%, je nach Studiengang auch darüber. Auch bei Doktorandinnen sieht es zumindest noch nicht vollkommen düster aus, hier ist der Frauenanteil zumindest noch bei über 30%, wiederum etwas abhängig vom Standort und den dortigen Schwerpunkten. Darüber kommt dann die gläserne Decke, der Professorinnenanteil ist aber in jüngster Zeit fast bei 20%.* Soweit so gut. Oder eben nicht. Die Tatsache, dass die Anzahl der Professorinnen auch in Wiwi eher überschaubar ist, wird meist großzügig ignoriert zugunsten eines „ist doch alles schick hier bei uns in Sachen Frauenförderung“-Gefühls, dass sich aus dem großen Anteil weiblicher Studierender speist und aus der Feststellung, dass ja im MINT-Bereich alles noch viel mehr im Argen liegt. Und so werden Maßnahmen der Gleichstellung belächelt bis offen als überflüssig dargestellt, oft sogar als Übervorteilung. Und gleichzeitig wird aber zu jeder passenden und unpassenden Gelegenheit betont, dass Frauen es ja ach so toll haben „heutzutage“. Also eine hört Dinge wie „Sie als Frau haben ja besonders gute Chance die Förderung einzuwerben.“ oder „Gerade für junge Frauen sind die Chancen ja nun wirklich exzellent.“ und auch „Wir haben schließlich drei (!!) Professorinnen an der Fakultät, vorbildlich, nicht wahr?“ Dass die angeblich bevorzugte Drittmittelvergabe an Frauen Unsinn ist, kann man z.B. aus DFG-Statistiken recht einfach herausfinden und wo die Chancen für Frauen besonders übermäßig sein sollen, ist mir nicht ganz klar. Denn dem stehen dann sehr viele Erfahrungen eher informeller Situationen gegenüber, wie etwa am Rande von Gremiensitzungen, in Berufungskommissionen oder auch mal auf akademischen Feiern. Wo großen Beschwerden geführt werden über unzumutbare Frauenquote im neuen Hochschulgesetz. Wo offen die weibliche Vertreterin des Mittelbaus während sie dabei steht als „Quotenfrau“ bezeichnet wird. Wo kein Hehl daraus gemacht wird, dass eine als Frau in der Berufungskommission sitzt, damit keine doofen Fragen kommen, wenn der Mann berufen wird, der bereits vor dem Verfahren feststand. Und wo bei der zu diskutierenden Frage, ob eine Kandidatin ohne Auflagen zur Promotion zugelassen wird im jovialen Tonfall nach deren Haarfarbe gefragt wird. Und dann mag eine nicht mehr recht daran glauben, dass einer jungen Frau ja heute alle Tore offen stehen in der akademischen Welt.

Nun ist dies alles, wenn auch nicht meine alleinige Erfahrung, dennoch nur anekdotische Evidenz. Die Wahrnehmung, dass in der Wirtschaftswissenschaft ein eher frauenfeindliches Klima herrscht, das sich aus „bei uns ist eh schon alles paritätisch und trotzdem werden wir durch Quoten und Gleichstellungsmaßnahmen drangsaliert“ speist, ist zunächst ja nur meine und die einiger Kolleginnen. Allerdings scheint dies zumindest nicht standortbezogen zu sein. Inzwischen habe ich doch – meist ungefragt – sehr ähnliche Geschichten von anderen Frauen und anderen Unis gehört. Und mir scheint das tatsächlich eine Frage des Problembewusstseins. Während in MINT-Fächern der Bedarf von Frauenförderung augenfällig ist, nehmen die Wirtschafts- und Sozialwissenschaften diesen nicht wahr, wischen ihn mit einer Handbewegung weg. Und zwar nicht nur alte Professorenherren, sondern auch junge neue Doktorandinnen und auch Professorinnen. Die Wiwi empfindet sich als ganze als egalitäres Fach und anderslautende Erfahrungen werden als persönliche Einzelfälle empfunden. Daher noch einmal deutlich: Ein Professorinnenanteil von 18% ist nicht egalitär. Es ist statistisch wenig wahrscheinlich, dass es so viel weniger geeignete Frauen als Männer gibt, wenn unter den Studiumsabsolventinnen der Anteil der Frauen bei 50% und unter den Promovierenden der Anteil bei 35% liegt. Es mag durchaus sein, dass sich weniger Frauen als Männer auf Professuren bewerben. Auch dass sich weniger Frauen als Männer für eine Promotion in Wiwi entscheiden. Aber dafür gibt es Gründe. Und diese Gründe sollte eine Disziplin, die so wie fast jede akademische Disziplin in diesem Land  eher händeringend akademischen Nachwuchs sucht, nicht einfach im Dunkeln lassen. Die Beweggründe von Frauen, sich gegen eine akademische Karriere zu entscheiden, mögen vielschichtig sein. Individuelle Erfahrungen von Sexismus (auch benevolentem) und Diskriminierung (auch nicht vorsätzlicher) werden sehr wohl hieran einen Anteil haben.

 

*Alle Zahlen für Universitäten in NRW. Quelle: Netzwerk Frauen- und Geschlechterforschung NRW Statistikportal.

Randnotiz der Woche: Gender-Renten-Gap-Kompensation in der Schweiz

Die Schweiz wird in Zukunft die aus dem unerklärten Teil des Gender Pay Gaps sich ergebende Rentenlücke von Frauen aus Steuermitteln kompensieren. Diese Nachricht erfuhr ich nicht in irgendeinem Wirtschaftsteil irgendeiner Zeitung. Sondern in diesem Artikel in Ökonomenstimme.  

Der Artikel selbst hat bei mir für eine gepflegte Portion Wut gesorgt. Die Argumentation „jaaaa, der unerklärte Teil lässt sich ja auf sozioökonomische Faktoren und spezifische Berufs-Erfahrung zurückführen“ ändert ja nix daran, dass offenbar genau die sozioökonomischen Faktoren nachteilig sind, die vor allem Frauen treffen. Und dass Frauen im Mittel weniger Jahre Berufserfahrung mitbringen liegt ja auch nicht daran, dass sie Frauen sind, sondern dass sie Care-Aufgaben übernommen haben oder aufgrund gesellschaftlicher Strukturen, die sich in steuerlichen Anreizen niedergeschlagen haben zugunsten der „Karriere“ ihres Mannes auf Vollzeit-Berufstätigkeit verzichtet haben. 
Und während es bei den heute Berufstätigen natürlich besser wäre das Steuersystem so zu gestalten, dass sich eine äquivalente Verteilung der gemeinsamen Arbeitszeit zwischen den Ehepartnern lohnt und auf eine Veränderung der Gesellschaftsstruktur hinzuwirken, so dass Care-Aufgaben nicht per default Frauen-Aufgaben sind und dass eine erfolgreiche Berufskarriere nicht impliziert, dass ein/e Partner/in „den Rücken frei hält“, so ist das für heutige Rentnerinnen eben keine Option mehr. 
Über Details der Kompensation in der Rente kann da gestritten werden und auch in welchen Fällen eine Kompensation sinnvoll ist, weil der Lohnausfall aufgrund einer gesellschaftlich wünschenswerten Aufgabe da ist. Aber die Lohnlücke, auch die unerklärte, zu nivellieren indem man sagt “ ja die haben halt einfach weniger gearbeitet“ ist etwa so durchdacht wie zu sagen „nein, Krankheiten braucht man nicht behandeln, wenn man weiß welcher Erreger sie auslöst“.

Geldpolitik am Rande des Nervenzusammenbruchs

Diese Woche trafen sich die Zentralbank-Chefs zum traditionellen Treffen in Jackson Hole. Da muss ich mich sputen, um diesen schönen Aufhänger zur Fortsetzung des „Geld“-Artikels nicht zu verpassen.

Also nachdem ich letzte Woche ja erläuterte, dass Geld ganz ohne Zentralbanken auch ganz prima funktioniert, kommt ein wenig die Frage auf: Wozu sind denn Zentralbanken da?

Zentralbanken sind die Hüter gesetzlicher Zahlungsmittel und Währungen. Indem ein Staat eine Währung als allgemein anerkanntes Zahlungsmittel einsetzt, übernimmt er auch als Aufgabe, den Wert dieses Zahlungsmittels sicherzustellen.  Das heißt, der Staat garantiert, dass das Zahlungsmittel auch in der Zukunft noch allgemein anerkannt und wertstabil ist. Folglich wird die Absicherung gegen Fälschungen, das Aus-dem-Verkehr ziehen von Fälschungen und die Überwachung des Wertes vom Staat übernommen, wenn es sich beim jeweiligen Geld eben um ein gesetzliches und nicht nur um irgendein Zahlungsmittel handelt. Historisch gesehen war das vor allem die Kontrolle von Münzen. Als dann auch Papiergeld zum staatlichen Zahlungsmittel wurde, entstanden Zentralbanken, zunächst einfach als Ort, wo das Gold, dass die Deckung der Währung darstellte gelagert wurde und Instanz, die im Zweifel den Tausch des Geldes gegen Gold zusicherte. Die Abkehr von Warengeld und Metalldeckung hin zu Fiatgeld brachte neue Aufgaben für die Zentralbanken mit sich. Nun ging es darum, die Geldmenge bereitzustellen, die benötigt wurde, die Banken zu beaufsichtigen oder zu kontrollieren und dafür zu sorgen, dass das Vertrauen in das Zahlungsmittel erhalten blieb.

Das heißt, Zentralbanken sind heute eigentlich in erster Linie Vertrauensinstitute. Sie stehen dafür, dass jemand aufpasst, dass niemand ungebremst das Geld in Umlauf bringt, dass die Banken ihre Rücklageverpflichtung einhalten und somit ihre Zahlungsverpflichtungen einhalten können (Das macht auch die bankenaufsicht, aber das ginge jetzt zu sehr ins Detail). Nach den Erfahrungen der Hyperinflation in Deutschland und der great depression in den USA hat sich gezeigt, dass eine wichtige Komponente von Geldwertstabilität die Kontrolle von Inflation ist. Dabei ist das Ziel nicht Nullinflation sondern moderate Inflation. Und was nun moderate Inflation ist, da hat sich die Ansicht durchaus mit der Zeit geändert. Während in der Nachkriegszeit alles unter 10% schon traumhaft niedrig war, liegt der Zielwert der EZB heute bei leicht unter 2%. In fast allen Industriestaaten ist die Inflation über die Zeit gesunken. Die Frage, warum eine positive Inflation als gut angesehen wird, soll hier zunächst außen vor bleiben. Jedenfalls hat sich die Kontrolle der Inflation als die Hauptaufgabe von Zentralbanken herausgestellt. Die Zentralbanken nutzen dabei einen recht indirekten Weg zur Inflationssteuerung indem sie via Leitzins, also dem Zins zu dem sie den Banken Kredite gewähren, die Geldschöpfung für Banken mehr oder weniger attraktiv machen und damit indirekt auch die Geldhaltung mehr oder weniger attraktiv machen. Hieraus ergibt sich dass die Banken bei hohen Zinsen weniger Kredite bereitstellen, dadurch kann weniger Nachfrage finanziert werden und die Inflation sinkt. Umgekehrt würden Banken bei geringer Inflation den Leitzins senken, dadurch könnten Banken zu sehr geringen Kosten Geld schöpfen und würden entsprechend bereitwillig Kredite vergeben, die für Konsum genutzt die Preise steigen lassen würden.

Dass dieser Mechanismus nicht immer funktioniert haben wir in der Weltfinanzkrise beobachten können, als die Banken trotz niedriger Zinsen keine Kredite vergeben wollten, in diesem Fall haben die Zentralbanken auf diesem klassischen Weg keine Handhabe die Inflation zu beeinflussen. Sie haben andere Wege, die aber weitgehend unerprobt sind und dazu weiter unten mehr. Zunächst: GeldPOLITIK

Inflationskontrolle und Geldwertstabilität klingen ja ziemlich nett und sinnvoll und irgendwie auch eher reaktiv als proaktiv. Inwiefern machen denn nun Zentralbanken Politik?

Seit der Antike war Geld auch immer mit Macht verbunden. Münzrecht war nicht umsonst ein sehr wichtiges Recht. Wer ein eigenes Zahlungsmittel hat, kann unabhängiger wirtschaften und ist im Zweifel nicht von Geldentwertung anderer Währungen betroffen. Aber solang die Geldschaffung direkt einem Herrscher unterstand, konnte dieser auch direkt daraus Finanzierung generieren. Indem er direkt von Banken Geld gegen (in der Regel recht wenig zuverlässige) Wechsel quasi zwangsweise lieh. Indem er ein wenig am Warenwert der Münzen drehte und damit bei der Münzprägung einen Gewinn abschöpfte (der Münzgewinn, den es auch heute noch gibt). Mit dem Übergang zu Papiergeld und nur teilweiser Edelmetalldeckung ergab sich zudem für Staaten die Möglichkeit, sich über Geldschöpfung zu refinanzieren, also einerseits in dem Fall die tatsächliche sprichwörtliche Notenpresse, um den Staat selbst mit Geld zu versorgen, andererseits aber auch die bewusste Erhöhung der Inflation, um eine Entwertung der Staatsschulden zu erreichen. Denn Inflation wirkt sich negativ auf Guthaben, aber positiv auf Schulden aus, diese verlieren ja ihren Wert. Da nur der Staat mittels Geldmenge tatsächlich in der Lage ist, Inflation zu diesem Zweck zu schaffen, spricht man hier auch von Inflationssteuer, weil die Sparer durch einen Wertverlust die Schuldenreduktion der Staatsschulden mitfinanzieren. Diese Strategie wurde in der Geschichte vielfach genutzt und hat immer dann, wenn irgendwann offenkundig war, dass die Zentralbank respektive die jeweilige Regierung im Zweifel nicht in der Lage sein würde, die Zahlungsverpflichtungen zu decken zu Hyperinflation und je nach Rahmenbedingungen auch zu Währungskrisen geführt. Das heißt Geldpolitik wurde in diesem Kontext als Instrument der Regierung genutzt, um diese zu finanzieren.

Es hat sich gleichzeitig auch gezeigt, dass die Geldpolitik über eine Ausweitung der Geldmenge oder eine Senkung der Zinsen auch Einfluss auf die Nachfrage nimmt. Indem sie den Banken die Möglichkeit gibt, günstig Kredite zu vergeben, ermöglicht sie auch die Realisation von geplanten Ausgaben, die mit diesen Krediten finanziert werden sollten und erhöht dadurch indirekt die gesamtwirtschaftliche Nachfrage. D.h. die Geldpolitik nimmt gleichzeitig mit der Inflationssteuerung auch Einfluss auf die Konjunktur. Je nach Ausrichtung der jeweiligen Zentralbank kann diese Konjunktursteuerung ein Hauptziel der Geldpolitik sein, oder nur ein Nebenziel. Die Zentralbank kann mit solchen Maßnahmen fiskalpolitische Maßnahmen der Regierung (Konjunkturprogramme) flankieren, ersetzen oder sogar konterkarieren (bspw. wenn die Regierung gerade ihre Ausgaben einschränkt könnte die Zentralbank dies kompensieren). Damit gewinnt die Zentralbank auf einmal eine wirtschaftpolitisch aktive Rolle. Das kann man nun gut oder schlecht finden. In vielen Staaten untersteht die Zentralbank direkt der Regierung und ihre Politik wird mit der sonstigen Wirtschaftspolitik abgestimmt, so z.B. die Fed in den USA, die Konjunktursteuerung als ein gleichwertiges Ziel neben Inflationssteuerung hat. Im Rahmen des Euroraums hingegen steht, laut EZB-Statuten, die Geldwertstabilität über möglichen weiteren Zielen. Die EZB ist unabhängig und untersteht nicht den europäischen Regierungen, sie kann nicht direkt dazu verpflichtet werden konjunkturell einzugreifen und hat dies in der Vergangenheit auch nur zögerlich getan. Dies war auch schon bei der Deutschen Bundesbank so. Allerdings sind natürlich die Meinungen im EZB-Rat durchaus gespalten, wie stark die EZB dann doch in die Wirtschaftspolitik eingreifen sollte und von Seiten der Regierungen wird auch in durchaus beachtlichem Maße Druck auf die EZB ausgeübt. Aber zwingen kann keiner die EZB.

Zusammengefasst: Geldpolitik kann erheblich als wirtschaftspolitisches Instrument genutzt werden, muss sie aber nicht. Es besteht eigentlich immer ein Anreiz für Regierungen, sich Geldpolitik zu Nutze zu machen, vor allem auch, weil sie – im Gegensatz zu Fiskalpolitik – kurzfristig nichts kostet. Allerdings birgt eine stark proaktive Geldpolitik Risiken, insbesondere weil ein mögliches Konjunkturziel einem Inflationsziel entgegen stehen kann.

Und nun zu den Zentralbankchefs, die sich da in Jackson Hole treffen, um gemeinsam die Haare zu raufen. Denn alles was ich bisher zu Geldpolitik schrieb ist in gewisser Weise überholt. Inflationsraten scheinen derzeit überhaupt kein Thema mehr zu sein, die Inflation ist niedrig wie nie. Eine Deflation steht viel mehr als Gespenst im Raum. Und gleichzeitig scheint der Zins-Kredit-Nachfrage-Mechanismus an seine Grenzen gekommen. Die Zinsen in den Industriestaaten sind niedrig wie nie, trotzdem kommt die Geld- und Kreditnachfrage nicht recht in Gang. Der Spielraum der Zentralbank hat hier eine Untergrenze und diese scheint nun erreicht. Und zwar nicht nur vorübergehend, sondern dauerhaft. An nennenswert höhere Zinsen glaubt niemand mehr so recht. Und das stellt Zentralbanker vor ein Problem. Sie sind handlungsunfähig. Daher stelle ich mir dieses Treffen in Jackson Hole recht aufgeregt vor. Es wurde wohl die ein oder andere recht unkonventionelle Maßnahme diskutiert. Es treffen da wohl auch verschiedene Einschätzungen aufeinander, wie ernst die Situation überhaupt zu sehen ist. 

Welche Maßnahmen den Zentralbanken noch bleiben und warum Deflation schlimm sein könnte – das folgt dann im nächsten Post dieser losen Reihe. Ist hier eh schon wieder viel zu lang alles. 

Randnotiz der Woche: Afrikanische Kinder

By 2030, 40% of the world’s poorest will be African children

Hiermit bekommt dieses Blog eine erste regelmäßige Rubrik. Sie wird Randnotiz heißen und immer sonntags erscheinen. Und sie wird jeweils eine kleine Meldung aufgreifen, die in den Wirtschaftsmeldungen der Woche beinahe untergegangen wäre. Das wird dann hoffentlich einen kleinen Lichtfleck in wenig beleuchtete Ecken des ökonomischen Feldes werfen und sorgt gleichzeitig dafür, dass ich nicht immer nur Posts von vielen tausend Wörtern verfasse.

Diese Woche etwas aus der Entwicklungsökonomik. In der oben verlinkten Meldung von Reuters Africa, die sich auf einen Studie des Overseas Development Institute London bezieht, wird berichtet, dass prognostiziert im Jahr 2030 40% der extrem Armen der Welt Kinder in Afrika sein werden. Das Jahr 2030 ist das Jahr für das die Weltgemeinde sich eigentlich in ihren Global Goals vorgenommen hat, dass es gar keine extreme Armut mehr geben soll. Scheint bisher noch nicht absehbar, meint das ODI. Extrem arm ist, wer weniger als 1,90$ pro Tag zur Verfügung hat.

Die Meldung ist zahlentechnisch etwas verwirrend, einmal ist von 40 % plus, mal von 40% der armen die Rede. Dann taucht noch die Zahl 88% auf, das ist der Anteil der extrem armen Kinder, der in Afrika wohnt. Und schließlich wird auch noch gesagt, dass 1 von 5 Kindern in Afrika arm ist. Da möchte man die Redakteurin zur Raison rufen. Als müsste man 20 Zahlen nennen, wo doch jede einzelne davon schrecklich genug ist. Denn Tatsache ist: die Abschaffung der extremen Armut ist noch längst nicht ausgemacht und bei allen Fortschritten, die Afrika gemacht hat, hat extreme Armut mehr denn je ein afrikanisches Gesicht.

Der Artikel reißt auch an, was das ODI als Lösung vorschlägt: Bildung und Gesundheitsversorgung für Frauen. Zurecht. Denn in der Entwicklungsökonomik wird – ganz im Gegenteil zu anderen Subdisziplinen – sehr deutlich, völlig selbstverständlich und schon seit vielen Jahren die spezifische Rolle von Frauen bei der wirtschaftlichen Entwicklung erforscht. Und es gilt als ziemlich gesichert, dass Mädchen, die die Schule besucht haben später heiraten, weniger Kinder bekommen, dass diese Kinder wiederum gesünder sind, mit höherer Wahrscheinlichkeit das Kleinkindalter überleben, selbst mehr Bildung genießen und mit sehr viel geringerer Wahrscheinlichkeit arm sein werden. Auch ist es sehr effektiv, Mädchen und Frauen auszubilden und ihnen so zu ermöglichen selbst zum Haushaltseinkommen beizutragen und somit auch auf finanzielle Entscheidungen Einfluss zu gewinnen. Denn Frauen in Entwicklungsländern investieren zukunftsgerichteter und nachhaltiger. In Afrika heiratet immer noch jedes 10. Mädchen vor seinen 15. Geburtstag, jedes 4 von 10 vor dem 18. Da ist noch wirklich viel zu tun. 

Als ich das erste Mal in Sambia war, war ich über Ostern in einer sehr ländlichen Gemeinde untergebracht, der dortige Pfarrer hat mich in den 3 Tagen in etliche Schulen und Jugendprojekte gezerrt, mich vor junge Mädchen im Mittelschulalter gestellt und gesagt: „Look at this young woman, she is a university teacher.“ Das war mir ein wenig peinlich, bis zwei Mädchen mich ansprachen und wissen wollten, wie man denn wohl university teacher wird. Und als ich erklärte, dass man dafür studieren muss, sagte die eine zur anderen: „See, it makes sense to finish school, you can become a university teacher and travel to other countries.“

Der Reuters-Artikel unterschlägt auch die Quelle. Aber ich habe euch die Studie gefunden, hier ist sie.