Bloggen gegen die Bequemlichkeit: Wieviel CO2 kaufe ich denn?

Dieser Blogpost ist Teil einer Reihe, die ich auf meinen beiden Blogs führe. Sie heißt „Bloggen gegen die Bequemlichkeit“ und ich versuche hier, Sachen zu recherchieren oder erklären, die mir und meinen Leser*innen helfen, die Welt besser zu machen. Das kann den Bereich Wirtschaft betreffen, so wie heute. Oder eher den Bereich Gesellschaft, z.B. wenn es darum geht, wie wir unsere Demokratie schützen und erhalten. Die Posts erscheinen dann im jeweils ‚passenderen‘ Blog und werden ggf. ge-cross-postet. Gern würde ich in dieser Reihe auch Gastbeiträge veröffentlichen oder andere verlinken, die sich auch zum Thema ‚Was kann ich besser machen?‘ Gedanken machen wollen oder aus ihrer Perspektive berichten.

Im Ausgangspost Anfang der Woche habe ich eine Reihe von Sachen aufgezählt, die ich schon zu beachten versuch, um etwas gegen den Klimawandel beizutragen. Dazu zählt unter anderem „Kein Flugobst kaufen“. Das machen wir jetzt im zweiten Jahr relativ erfolgreich. Wir kaufen Südfrüchte nur in Ausnahmefällen (Bananen sind das einzige was hier noch regelmäßig in dieser Kategorie gekauft wird) und alles Obst und Gemüse, das prinzipiell in der Saison in Europa wachsen würde  nicht außerhalb der Saison. Auch auf meiner Liste „wenig Flugreisen“, genauer waren wir dieses Jahr zum ersten Mal seit 6 Jahren mit dem Flugzeug im Urlaub, ich war allerdings in der Zeit auf zwei Dienstreisen in Übersee. Als ich jüngst meinen CO2-Fußabdruck berechnete (da gibt es diverse Internetseiten für, die zu erstaunlich unterschiedlichen Ergebnissen kommen),  fiel mir auf, dass relativ viel nach Heizung, Strom und Transport und relativ wenig nach Konsum gefragt wird für die Berechnung und ich begann zu überlegen, wieviel CO2 wohl in meinem Konsum steckt und wo man da was drehen könnte. Das kann ich nun natürlich hier nicht alles zusammenstellen, aber ich möchte einige Punkte rausgreifen.

Heute erstmal: Lebensmittel

Hier wähnte ich mich ja ziemlich vorbildlich mit meinem Flugobst-Boykott. Tatsächlich sind verderbliche Lebensmittel, die mit dem Flugzeug transportiert werden ziemliche CO2-Hammer. Eine Traube, die in Deutschland in der Saison produziert wird, erzeugt unter 50 Gramm CO2, eine Traube, die aus Chile importiert wird demgegenüber 7400 Gramm. (Quelle: hier) Aber – ja es gibt ein dickes Aber – geflogene Lebensmittel machen nur einen verschwindend geringen Anteil an unserem Lebensmittelverbrauch aus, ich fand in verschiedenen Quellen Zahlen zwischen 3 und 5%. Und manche Südfrüchte, z.B. Bananen werden gar nicht geflogen, sondern mit dem Schiff transportiert, das ist viel weniger schlimm.

Also alles gut bei den Lebensmitteln? Nein. Sehr viel mehr als Flugobst konsumieren wir nämlich Obst und Gemüse aus dem Gewächshaus. Und das ist leider gar nicht viel besser als eingeflogenes Obst und Gemüse. Sogar manchmal schlechter. Eine Gewächshaustomate außerhalb der Saison verbraucht mehr CO2 als eine Tomate, die von den Kanaren geflogen gekommen ist (9300g ggü 7200g je kg). Und 10mal mehr als eine Freilandtomate aus Spanien, die mit dem LKW gekommen ist (600g/kg). Selbst ohne Beheizung ist eine Gewächshaustomate aus der Region (2000g/kg) schlimmer, als eine Freilandtomate aus Spanien, das hat mich sehr überrascht. Es gewinnt allerdings die Bio-Freilandtomate in der Saison. (Quelle: hier)

Aber selbst die Gewächshaustomate und die chilenische Traube losen ziemlich ab gegenüber Klimakiller Nr. 1 bei den Lebensmitteln: tierische Produkte. Vegetarismus! Ha! Ja, dachte ich so. Also ja, Rind ist ziemlich sehr schlimm. Aber schlimmer ist: Butter. Mist. Dann erst kommt Rind. Und dann schon direkt Käse. Vor Schwein und Geflügel. (Quelle: hier) Hmtja. Also Vegetarismus ist gut, aber zu viel Butter sollte es dann auch nicht sein. Also vegan leben? Ok, aber Soja ist auch nicht immer so super und Mandelmilch kann auch schlecht sein für die Ökobilanz und Zucker, don’t get me started… Und Kaffee, also Kaffee ist auch nicht zu verachten und rangiert etwa gleichauf mit Milch und Joghurt. Aber auch da wieder eine Überraschung: Das kommt gar nicht daher, dass der Kaffee weit reist, der kommt mit dem Schiff, in sehr großen Mengen, das ist relativ unproblematisch. Kaffee ist CO2-intensiv weil in seiner Produktion sehr viel Dünger und Pflanzenschutzmittel (bis ca. 50% des CO2-Abdrucks) eingesetzt werden und, weil wir Strom verbrauchen (je nach Zubereitungsart bis 45% des CO2-Abdrucks) um ihn zuzubereiten. Am schlimmsten ist da natürlich, immer nur einzelne Tassen zuzubereiten, weil sehr wenig energieeffizient und absolut des Teufels sind Kapseln. Ganz besonders, wenn sie aus Plastik sind, weil mehr Energie fürs Recycling draufgeht als bei Aluminium.

Also: es ist kompliziert.

Festzuhalten ist: regional ist top, aber nur in der Saison. Europäisch ist ok, wenn nicht aus dem Gewächshaus. Übersee ist schlimm, außer es kommt mit dem Schiff. Butter ist des Teufels aber zum Glück isst man davon gar nicht so viel. Fleisch ist echt nicht gut für’s Klima, aber Käse ist auch nicht besser.

Und, die für mich sehr interessante Erkenntnis: Der Transport fällt eigentlich nur ins Gewicht, wenn das Gut geflogen wird. Ansonsten überwiegt die Produktion sowie Verpackung und Vermarktung bei weitem den Transport. Dünger, Bewässerung, Kühlung, Beheizung, gedruckte Werbung, Plastik außen rum alles viel schlimmer als quer durch Deutschland mit dem LKW. Ja, so hab ich auch geguckt.

Morgen also in den Biomarkt (denn ja, Bio ist im Vergleich immer besser bei allen Lebensmitteln) aber dann da nicht nur nix geflogenes, sondern auch nur Freiland und saisonal kaufen. Und lose. In eigenen Beuteln, denn Papier ist ja auch nicht das gelbe vom Ei.

Und wenn ihr das verdaut habt, erzähle ich von T-Shirts. Demnächst.

 

Nachtrag Tomaten: In dieser Studie (klick) des IFEU finden sich zu den Tomaten abweichende Ergebnisse, nach denen spanische Tomaten und niederländische Tomaten etwa gleich auf sind. Und bei Mitberücksichtigung von Wasser als Ressource wird es dann schlecht für die spanische Tomate.

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9 Gedanken zu “Bloggen gegen die Bequemlichkeit: Wieviel CO2 kaufe ich denn?

  1. Zum Glück habe ich auch im Winter Gemüse im Garten. Allerdings macht man sich auch zu viele Gedanken. Wenn ich nämlich sehe, wie die Leute mit dem Flugzeug durch die Gegend jetten (mal eben ein Wochenende nach… beruflich mal eben für nen halben Tag nach..), kann ich meinen Kühlschrank offen stehen lassen, mein Auto Tag und Nacht laufen lassen und jeden Tag 2kg Bananen essen und hab trotzdem noch ne bessere Ökobilanz (sogar mit Wegwerfwindeln für zwei Kinder!)! Wie kann es sein, dass in dem Bereich so wenig Bewusstsein und Billigpreise erlaubt sind?

    Vielen Dank, für deine neue Reihe! Ich bin gespannt, welche Themen du noch aufgreifst!

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  2. Es ist schwierig. Wie so vieles …

    CO2-mäßig richtig relevant sind: Transport (Auto, FLUG) und (oft unterschätzt) Wohnen. Du kannst essen, was du willst, aber wenn du auf 140qm wohnst statt auf 100qm, holst du das nie wieder raus. Bio? Regional? Wird in der Gesamtrechnung völlig egal.

    Und bei Plastik ist es ebenfalls schwierig. Plastik, das in einer lokalen, modernen Müllverbrennungsanlage mit Kraftwärmekopplung verbrannt wird, ist in der Gesamtrechnung gar nicht so schlecht, weil Plastik alle möglichen Verpackungsformen erlaubt und im Vergleich zu anderen Verpackungen leicht, durchsichtig, flexibel ist. Und das, was Plastik mehr an CO2 in der Herstellung braucht, holt es beim Transport wieder auf. (Spül mal eine Woche deinen Plastikmüll (damit keine Reste drin sind) und wiege den Gelben Sack. Dann bekommst du ein Gefühl dafür, wieviel Mineralöl in dem Sack steckt. Und dann denk beim nächsten Mal an der Tanke daran und rechnen den 60-Liter-Tank in „Gelbe-Sack“-Wochen um.

    Ich überspitze jetzt mal etwas: Über Plastikverpackungen und Biogemüse muss man sich erst Gedanken machen, wenn man die Wohnung über Solarkollektoren heizt und das E-Auto mit eigenen Solarzellen lädt. Aber lass dich jetzt bloß nicht von mir bremsen … Mein Biohändler (leider jetzt zu) hatte auch immer nur (relativ) regionales Gemüse (wenn es das gab) und achtete auch auf „Nix aus dem Treibhaus“. Fand das sehr begrüßenswert. (nur: wenn du mit dem Auto dahin fährst, ist das alles schon wieder egal …)

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  3. Und selbst bei Verkehr ist die Wahl ja oft ein Luxusproblem. Aktuelles Beispiel: Dortmund-Berlin am Montagmorgen bei relativ kurzfristiger Buchung Zug 207€, Flug 70€. Sowas darf einfach nicht sein. Da muss man schon sehr Idealist sein. Und wenn das (wie auf der Strecke ja hauptsächlich) Dienstreisende sind, dann kann man es direkt vergessen. Da müsste der Staat via Gebühren und Steuern eingreifen, aber die Preispolitik der Bahn, dass beliebte Strecken derart teurer sind ist halt auch vollkommen entgegen dem gesellschaftlichen Klimaziele.

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  4. Schöner umfangreicher Artikel. Vielen Dank! Da fällt mir in Anlehnung an N. Semsrott nur ein:
    „Ein gutes Gewissen ist nur ein Mangel an Information.“

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  5. Jetzt bin ich grad über einen sehr passenden Artikel gestolpert. Vergleich Kauf vor Ort und online.
    https://www.wastenomore.de/2018/03/01/online-handel-vs-traditioneller-handel/?utm_content=buffer0fafc&utm_medium=social&utm_source=twitter.com&utm_campaign=buffer

    Ansonsten noch ein Tip zu Milchprodukten – die haben ein Molkereizeichen drauf – ein kleiner Kreis mit Buchstaben und Zahlen drin. Die Buchstaben stehen für das Land bzw. Bundesland, die Zahlen für die jeweilige Molkerei. Wobei Molkerei in grenznahen Gebieten trotzdem tschechische oder polnische Milch sein kann, leider. Finde ich aber trotzdem ein sehr gutes Mittel um Produkte zumindest relativ regional kaufen zu können.

    LG
    Martina

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