Ich eins – du eins. Ist das gerecht?

(Hinweis vorweg, denn scheinbar ist das jetzt nötig: Ich nenne hier die Marken von mehreren Produkten, ich verlinke auch zu den Websites der Firmen, der Information halber. Nicht nur wurde ich hierfür weder angefragt noch bezahlt, im Gegenteil läge mir nichts ferner, als Werbung für diese Produkte zu machen.

Vor kurzem habe ich ein Paar TOMS gekauft. Mit Glitzer. Ich finde die schön und bequem. Dann hatte Frau Drehumdiebolzen bei einem gemeinsamen Ausflug Share-Müsliriegel dabei. Kurz danach sah ich Werbung für Handseife von Share. Alles das gleiche Prinzip. Durch unseren Kauf des Produktes erhalten Menschen in Entwicklungsländern ein artverwandtes Produkt geschenkt. One for one nennen die Firmen das. Klingt super.

Der Gründer von TOMS sah, so die Gründungslegende, in Afrika Kinder ohne Schuhe, die – so schlussfolgerte er – deshalb nicht zur Schule laufen können. Deshalb werden für meine Glitzerschuhe einem afrikanischen Kind Schuhe geschenkt. Dort in lokalen Projekten produzierte etwas einfachere TOMS.

Ähnlich bei SHA:RE – eine Handseife kauft ein Stück Seife. Ein Müsliriegel kauft für einen Tag Nahrungsmittel.

Es gibt ähnliche Ansätze auch mit Binden, Limonade, Brillen, Laptops und anderem .

Aber ist das Konzept auch irgendwie gut für die Menschen in Entwicklungsländern? Ist es berechtigt, dass wir westlichen Konsumenten uns in Gedanken Karma-Punkte gutschreiben, weil wir was „faires“ konsumiert haben? Ich konsumiere, aber das ist guter Konsum. Ich spende ja auch. Ganz ohne Verzicht. Wie großherzig von mir.

Ich habe darüber jetzt einige Wochen rumgedacht und auch etwas recherchiert. Und ich würde sagen: es ist nicht nur relativ wenig nützlich, es könnte sogar schädlich sein. Folgende Gründe bringen mich zu dieser Einschätzung.

1. In-Kind-Spenden* sind paternalistisch.

Es ist ja schön, dass Mr. TOMS entscheidet, dass die Kinder in Afrika Schuhe brauchen. Aber wer ist er, zu sagen „Hey afrikanische Eltern, seht ihr denn nicht, dass euer Kind Schuhe braucht?“ Denkt er, die Leute wären da nicht selbst drauf gekommen? Was könnte der Grund sein, dass das Kind keine Schuhe trägt? Gibt es keine Schuhe? Haben die Eltern keinGeld? Will das Kind keine Schuhe? Braucht es womöglich gar keine? Das ist viel weniger leicht zu beantworten, als es auf den ersten Blick erscheinen mag. Und es wäre ziemlich knorke, sich das mal von jemand vor Ort genau erklären zu lassen, bevor man Schuhe auf die Menschen wirft. Dieser paternalistische Ansatz ist im gesamten Bereich der privaten Entwicklungshilfe sehr weit verbreitet. Kirchengemeinden, Schulprojekte, Vereine von wohlmeinenden herzensguten Menschen, Unternehmen – sehr viele schließen von ihrem Bedürfnisempfinden auf das der Menschen vor Ort. Und so werden Schulhefte, Stifte, Kleidung, Schuhe, Wellbleche, und was noch alles aus westlichen Ländern in Entwicklungsländer gebracht. Und manchmal sind sie eben ebenso nützlich, wie das Feinrippunterhemd, das man ungefragt von Omma mitgebracht bekommt, statt des ersehnten Comicbandes oder des kleinen Beitrags zum Führerschein.

2. In-Kind-Spenden erreichen oft nicht die, die es brauchen.

Es gibt einiges an Forschung dazu, dass – außerhalb von Katastrophenhilfe – Sachspenden oft nicht wie gewünscht zum Einsatz kommen. Hierzu ein anekdotisches Beispiel aus dem großartigen Buch „The White Man’s Burden“ von William Easterly. Er beschreibt verschiedene Ansätze, dafür zu sorgen, dass Babybetten in Malaria-Regionen flächendeckend mit Moskitonetzen ausgestattet werden. In Sambia wurden die Netze einfach umsonst an Ausgabestationen verteilt. Das Ergebnis: Ziemlich viele Babybetten waren immernoch ohne Moskitonetz, etwa 40% der Menschen, die Netze erhalten hatten, nutzten diese nicht zweckgemäß aber es fanden sich an vielen Stellen Moskitonetze in seltsamer Zweckentfremdung, zum fischen, als Einkaufsnetz, zum spielen und zur Fahrradreparatur, viele der Netze tauchten auch auf dem Schwarzmarkt auf. In Malawi gab es ein Projekt, in dem die Moskitonetze verkauft wurden. Und zwar an Mütter, über die Geburtshelferinnen/Kliniken zu einem stark subventionierten Preis von 50ct. Die Hebammen erhalten für das Verkaufen einen Anteil von 9ct. Das Ergebnis: die Moskitonetznutzung an Babybetten in Malawi ist von 8 auf 55% gestiegen.  Weil Mütter die richtige Zielgruppe sind, weil die Hebammen einen Anreiz haben, ihr Lager aufzufüllen und die Netze auch anzubieten und weil man etwas, für das man bezahlt hat, auch einsetzt. Auch eine Studie zu TOMS Shoes zeigt, dass die Schuhe zum Teil gar nicht getragen werden, auch wenn die Tragequote zumindest im evaluierten Projekt relativ hoch war.

Eine andere sehr lesenswerte Geschichte was auch mit Sachspenden passieren kann erzählt das weise, engagierte und insgesamt formidable Fräulein ReadOn: Die Sache mit den Zahnbürsten

3. Die fehlenden Güter sind vielleicht gar nicht das Problem.

Ist es wahrscheinlich, dass es tatsächlich Schuhe sind, die die Kinder brauchen, um die Schule besuchen zu können? Ist es Seife, die die Leute brauchen, um die Hygiene zu verbessern? Es handelt sich bei mangelndem Schulbesuch, Hygienemängeln oder auch Unterernährung (wiederum im Nicht-Katastrophenfall) sehr oft um das Ergebnis eines darunter liegenden systemischen Problems. So ist es z.B. in vielen afrikanischen Ländern so, dass es große Probleme gibt mit Lehrer-Absentismus. Die Lehrer werden derart schlecht bezahlt, dass sie einfach noch einen zweiten Job haben, oder ein Stück Land bewirtschaften. Und wenn dann halt Erntezeit ist, dann kann der Lehrer nicht lehren, weil er ernten muss. Demnach macht es für seine Schüler*innen auch wenig Sinn, in die Schule zu gehen, ob nun mit Schuhen oder ohne. Auch kann es sein, dass die Familien das Schulgeld nicht aufbringen können. Da nützen die Schuhe dann auch nix. Und nichtzuletzt kann auch gut sein, dass es einfach keine Schule in erreichbarer Nähe gibt. Oder dass die Eltern es einfach nicht sinnvoll finden, dass ihr Kind seine Zeit mit Schulbesuch verschwendet. Ähnlich bei mangelnder Hygiene. Oft steckt dahinter mangelndes Wissen um die Notwendigkeit von Hygienemaßnahmen, eine Seife allein bringt da wenig, selbst sauberes Wasser nicht.

4. Das One by One-Prinzip wiegt uns in falscher Sicherheit.

Am kritischsten finde ich jedoch die Wirkung, die solche Produkte bei uns im Westen erzielen. In Entwicklungsländern mögen sie evtl. nicht viel nutzen, der Entwicklungspolitik im Ganzen, wie sie in westlichen Ländern gemacht wird und dem Gedanken einer solidarischen und fairen Verteilung der Ressourcen auf der Welt, wirken sie tatsächlich entgegen. Denn wie wunderbar ist dieses Bild, dass uns da präsentiert wird: Wir wissen haargenau, was den Armen der Welt fehlt – es sind, wer hätte das gedacht, Dinge die man einfach kaufen kann. Und wir können etwas dagegen tun und zwar ganz ohne uns einschränken zu müssen. Ja sogar ohne groß darüber nachdenken zu müssen. Wir machen einfach, was wir eh zu viel tun: kaufen. Und schwupps, ist das Verteilungsproblem, der Hunger, die Armut, der Mangel an Bildung, die Kindersterblichkeit – alles Geschichte. Ja, ich übertreibe, und ja besser was kleines konkretes tun als nichts. ABER es ist fatal uns zu erzählen, wir müssten nicht verzichten, nichts ändern außer der Marke auf unserem Snack oder unseren Schuhen. Es sei genug für alle da und das ohne dass wir was abgeben. So ist es einfach nicht. Das ist einfach eine Lüge. Wenn wir wollen, dass alle auf der Welt genug zum Leben haben, das alle Zugang zu Bildung haben, dass jedes Kind erwachsen werden kann, dass keine Schwangere mehr stirbt, dann müssen wir teilen, uns einschränken, unseren Konsum überdenken. Dann müssen wir nachhaltiger, ressourcenschonender, weniger konsumieren. Konsum ist nicht die Lösung, Konsum ist das Problem.  Uns in wohligem Gefühl zu wiegen, wir würden ja *die richtigen* Sachen kaufen und damit unseren Anteil tun, das verzögert nur die Erkenntnis, dass wir vielleicht einfach gar nicht noch ein paar Schuhe brauchen. Dass wir auch Leitungswasser trinken könnten und das gesparte Geld spenden.

5. It’s the Economy, stupid.

Und damit sind wir auch am Ende meiner Litanei. Denn die Firmen, die das One-by-One-Prinzip nutzen, verkaufen etwas. Sie verkaufen Waren und sie verkaufen ein reines Gewissen. Ablasshandel, quasi. Das One-by-One-Prinzip ist Marketing. Es handelt sich hier um gewinnorientierte Unternehmen, nicht um Non-Profit-Organisationen. Und die Unternehmen *sagen* zwar sie würden die Produkte ethisch einwandfrei, ökologisch und fair produzieren. Aber zertifiziert sind sie (mit Ausnahme des EU-Biosiegels) nicht. Die Firma sharefoods bezieht selbst Rohstoffe aus Entwicklungsländern, ohne z.B. fairtrade zertifiziert zu sein. Es geht vielleicht darum, auch etwas gutes zu tun, in erster Linie geht es aber darum Geld zu verdienen. Im herrschenden kapitalistischen, konsum-orientierten System.

*In-Kind = Sachen spenden

Advertisements

2 Gedanken zu “Ich eins – du eins. Ist das gerecht?

  1. Das ist wieder einmal ein kluger, informativer und nachdenklich machender Artikel. Es stimmt schon, dass das gute Gewissen ein Marketing Aspekt ist. Bei Toms oder anderen Konsumgütern würde ich das auch komplett unterschreiben. Verbrauchsgüter sind aber doch etwas komplett anderes? Einen Müsliriegel muss ich zwar nicht essen, aber wenn, dann doch einen mit Benefit? Und wenn jungen Frauen in afrikanischen Ländern eine Menstruationstasse gespendet wird, damit sie auch während der Periode die Schule besuchen können, ist aus meiner Sicht sicher sinnvoll. Ich glaube, auch in dieser Frage ist der mündige Verbraucher in der Pflicht! Und übrigens ist es für die Erzeuger vor Ort eher von Vorteil nicht fairtrade zertifiziert zu sein, vorausgesetzt, die Abnehmer zahlen faire Preise und achten auf faire Arbeitsbedingungen. Dann bleibt für die Erzeuger oftmals mehr.

    Gefällt mir

    1. Auch bei den Menstrutionstassen ist oft das Hygieneprodukt an sich nicht das Problem, sondern das Stigma, das mit der Mens einher geht. Wenn im Dorf zB eine Isolation während der Mens praktiziert wird. Auch ist die Menstasse hygienisch vielfach zu kompliziert.
      Beim Müsliriegel wäre es nachhaltiger ein regionales Produkt zu essen, als eins dessen Rohstoffe um die halbe Welt geflogen sind. Und es gibt halt außer eines Siegels keine Möglichkeit festzustellen ob faire Löhne/Preise gezahlt werden. Selbstverpflichtungen sind leider nur sehr bedingt glaubwürdig.

      Gefällt mir

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s