Humankapital. Oder das missverstandenste Wort der Ökonomie

In der aktuellen, 84., Folge des Mikroökonomen-Podcasts habe ich etwas über das dünne Wissen der deutschen über Wirtschaft erzählt. Als ich den ersten zugehörigen Artikel auf ZEIT online las, begegnete mir ein Satz, der geradezu sinnbildlich für die Wahrnehmung von Wirtschaft im öffentlichen Diskurs stehen könnte:

„Wer die Menschen in einer Volkswirtschaft als „Humankapital“ beschreibt, als sei es das Normalste auf der Welt, der schafft erst einmal Abneigung“

Da möchte ich schreiend im Kreis rennen und den Journalisten, der das schreibt kräftig schütteln. Ehrlich.

Also nun hier exklusiv: Was heißt Humankapital und was heißt es eben nicht?

Fangen wir doch direkt mit dem zweiten Teil der Frage an: Humankapital heißt nicht „Menschen“. Also die Benutzung des Wortes hat nichts, wirklich gar nichts damit zu tun, dass Ökonomen Menschen abwertend entmenschlichend als humanes Kapital bezeichnen würden. Diese Behauptung, die sich wie kaum etwas anderes durch die Berichterstattung über Ökonomie zieht, ist schlicht falsch. Wenn in ökonomischen Theorien ein Begriff genutzt wird, der die Menschen im Produktionsprozess bezeichnet, dann ist dieser Terminus „Arbeitskräfte“. Abgesehen davon werden Menschen an zahllosen Stellen in ökonomischen Theorien betrachtet und keineswegs nur im Zuge der Betrachtung von Produktion. Menschen sind je nach Fokus und Teildisziplin vielleicht auch Konsumenten, Steuerzahler, Versicherte, Kreditnehmer oder -Geber, … die Ökonomie betrachtet letztlich so wie jede Gesellschaftswissenschaft menschliches Verhalten in einem gesellschaftlichen Kontext, hier also im Kontext des Wirtschaftshandelns. Es würde daher auch überhaupt keinen Sinn machen, würden Menschen nur als Ersatzkapital betrachtet.

Was also bezeichnet Humankapital denn dann?

Der Aspekt des Humankapitals fand seinen Eingang in ökonomische Modelle, als offenbar wurde, dass sich allein durch Berücksichtigen der eingesetzten Menge an Kapital und Arbeitskräften nicht erklären ließ, warum manche Volkswirtschaften sehr schnell wachsen, andere nur langsam, wieder andere gar nicht. Ein wichtiger Aspekt um diese Unterschiede in der Produktivität zu erklären, sind die spezifischen Eigenschaften der Arbeitskräfte, genauer das was sie zusätzlich zu ihrer reinen Muskelkraft mitbringen. Und das ist das, was wir als Humankapital bezeichnen. Es ist das was der einzelne Arbeiter deshalb einbringen kann, weil er selbst oder die Gesellschaft in ihn investiert hat. Bildung und Ausbildung. Aber auch sog. Soft Skills. Und auch Gesundheit, Resilienz soweit sie durch Investitionen in Gesundheit zustande kommt.

Das heißt der Aspekt des Humankapitals kommt genau nicht daher, dass Ökonomen Menschen als austauschbare Ware sehen, sondern daher dass sie erkannt haben, dass eine Erhöhung der Einsatzmenge von Arbeit und Kapital allein nicht zu nachhaltigem Wachstum führt. Schätzungen aus den 1990er Jahren haben gezeigt, dass Investitionen in Humankapital vor allem in Form von Grundbildung sowie tertiärer Bildung im Mittel über einen breiten Länderkreis etwa ein Drittel der jeweiligen Wachstumsraten erklären.*

Grafik: positive Korrelation Schuljahre und Wachstumsrate

Quelle: European Central Bank https://www.ecb.europa.eu/press/key/date/2010/html/sp101022.en.html

Ich finde es deshalb sehr ärgerlich, dass gerade dieser Begriff so eklatant fehlinterpretiert wird. Denn gerade aus entwicklungsökonomischer Sicht, kann die Bedeutung von Bildungszugang und guter beruflicher Bildung eigentlich nicht oft genug betont werden. Übrigens ist das Wissen um diesen Begriff echt kein Expertenwissen, es ist Stoff des zweiten Semesters Makroökonomie (spätestens) und lässt sich prima in der Wikipedia nachschlagen. Es ist also echt kein Journalist gezwungen, das falsch zu verwenden.

* Mankiw, G., Romer, D. & Weil, D. (1992): A Contribution to the Empirics of Economic Growth, Quarterly Journal of Economics, hier das PDF und viele folgende Studien

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Ein Gedanke zu “Humankapital. Oder das missverstandenste Wort der Ökonomie

  1. Ihre Entgegnung auf das Missverständnis des Begriffs Humankapital als Mensch statt als Eigenschaft einer Arbeitskraft kann ich nachvollziehen. Dass der Einsatz einer solchen Größe in ökonomischen Modellen hilfreich und nützlich ist, finde ich einleuchtend.

    Dennoch überkommt mich bei dem Begriff unwillkürlich ein Schauern. Denn der Begriff entkommt nach meinem Eindruck immer wieder der Sphäre ökonomischer Modelle, gerät in andere Bereiche, wo er nichts zu suchen hat, und verleitet dazu, Personen nur noch als Mittel, als Produktionsmittel, und nicht mehr zugleich als Zweck anzusehen.

    Anders als beim Konsumenten, Steuerzahler usw. haben wir es beim Humankapital nicht mehr mit einer Rolle zu tun, hinter der die Person noch 1:1 sichtbar ist, nicht mit einer „gut ausgebildeten Arbeitskraft“, sondern mit einer quantitativen, unpersönlichen, aggregier- und teilbaren Größe eines reinen Produktionsfaktors. Naheliegend ist es dann, über Investitionen in Humankapital nach dem Kriterium maximalen Kapitalwerts zu sprechen. Ist die erwartete Verzinsung einer Investition, in „Gesundheit“ oder „Bildung“ eines solchen Produktionsmittels, negativ – vielleicht, weil es so defekt ist, dass man mit seinem produktiven, wirtschaftlichen Einsatz nicht mehr rechnen kann -, oder jedenfalls marginal schlechter als ein andere Investition, unterlässt man sie aus dieser Perspektive.

    In diesem Gespräch zwischen Gary Becker, Harcourt und Ewald und zeigt sich Becker des verbreiteten Missbrauchs des Humankapitalbegriffs bewusst (S. 23 und 24) :
    http://www.thecarceral.org/cn7_Becker_Ewald_Conversation.pdf

    Zugleich scheint er aber in eben diese Falle zu tappen, indem er nach meinem Eindruck im Folgenden den Begriff „Humankapital“ als Instrument verstanden wissen möchte, das auch zu einem bereicherten Blick auf den Menschen führe. Sicher bereichert es den ökonomischen Blick auf Menschen (als Produktionsfaktor), gleichzeitig verwischt die Grenze zwischen ökonomischen Modellwelt und Menschenbild und es drohen alle diejenigen Menschen und wertvollen Eigenschaften, die eben nicht Träger von Humankapital sind bzw. sein können, aus dem Blickfeld zu geraten.

    Wenn Sie von der entwicklungsökonomischen Bedeutung „von Bildungszugang und guter beruflicher Bildung“ schreiben und man das als Bedeutung der Bildung von Humankapital versteht – dann wäre alles andere bloß ein positiven externer Effekt der Bildung für den Menschen, dessen Humankapital gesteigert wird? Es sollte genau anders herum sein: Die ausreichende Ernährung, Gesundheit und Bildung sollten dazu befähigen, das Leben selbstbestimmt und verantwortungsvoll zu gestalten, was dann u. a. auch bedeutet, den eigenen Unterhalt möglichst selbst zu erwirtschaften. Es darf aber nicht geschehen, *damit* sie/er künftig möglichst viel erwirtschaftet.

    Das alles entkräftet nicht Ihre Kritik am Zeit-Artikel. Im Gegenteil, ökonomische Bildung vereint mit außerökonomischem Problembewusstsein ist vielleicht der Schlüssel, solche Begriffe auf die ökonomische Theorie, wo sie nützlich sind, sinnvoll einzugrenzen.

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