Leser fragen, Milchmädchen antwortet: Arbeitskampf 4.0

Schon ganz zu Beginn dieses Blogs fragte mich mein treuer Leser F.: “ Warum gibt es keine „richtigen“ Streiks mehr? Warum wird, wenn überhaupt, nur noch in quasi-monopolistischen Märkten gestreikt (Bahnstreik, Fluglotsenstreik etc.)? Und: Sind Fälle wie der derzeitige Heckmeck von VW mit seinen „Zulieferern“ der „neue“ Arbeitskampf?“

Sozialökonomik ist relativ weit entfernt von meinem Kerngebiet und daher habe ich zwar einiges zu dieser Frage recherchiert, aber sie ein wenig auf die lange Bank geschoben. Ich ließ einige perfekte Aufhänger wie etwa den Streik der Piloten der Lufthansa und eurowings links liegen. Aber ich muss dann jetzt doch mal „zusammenschreiben“, wird ja auch alles nicht besser. Ich erlaube mir allerdings eine etwas weiter gefasste Antwort, indem ich ganz allgemein modernes Gewerkschaftshandeln, Mitbestimmung und modernen Arbeitskampf zusammenfasse.

Zunächst mal: es stimmt nicht, dass heute weniger gestreikt wird. Im Gegenteil. Es wird sogar öfter und mehr gestreikt. Dennoch würde ich die Auffassung teilen, dass Streiks nicht mehr so bestimmend und deterministisch zur Arbeitswelt gehören. Aus den 80ern und 90ern erinnert man sich an monatelange Metaller-Streiks, sowas gibt es kaum noch. Stattdessen dominieren in der öffentlichen Wahrnehmung die Streiks im Verkehrswesen wie bei den Lokführern und den Piloten. Und das sind jeweils Streiks die selten in der Hauptsache um Tarifeinigung gehen.

Was steckt also dahinter?

Einerseits ganz simpel: der Strukturwandel. Der Anteil der Beschäftigten in Branchen mit traditionell hohem Streikpotential wie Metallindustrie, Automobilbranche, Bergbau ist einfach deutlich zurückgegangen. Es gibt den „Arbeiter“ einfach nicht mehr ganz so ausgeprägt (so stereotyp gab es ihn vermutlich nie, aber ihr versteht mich, oder?) und weit verbreitet. Die Dienstleistungsbranche hat im Beschäftigtenanteil erheblich zugelegt und wird auch bestreikt, aber der Grad der Gewerkschaftsorganisation ist hier geringer, teilweise ist das mit dem Streikrecht oder -willen auch schwierig, wie etwa in Teilen des öffentlichen Dienstes, bei den Erzieherinnen und in der Pflege. Auch gibt es hier weniger Flächentarifverträge, so dass auch einfach nicht immer die große Medienwirksamkeit möglich ist.

Dann kommt hinzu, dass Zeitarbeiter*innen in der Regel nicht an Arbeitskämpfen teilnehmen (können). Zwar sind sie, theoretisch, von Verdi repräsentiert, aber wer sich schon für nächsten Monat um seinen Job sorgen muss, kommt eher nicht auf die Idee zu streiken. Das federt dann wiederum die Effektivität von Streiks ab, denn da der Anteil der Zeitarbeiter*innen steigt, sind eben dann auch immernoch viele da, die weiter arbeiten. Und das in der Regel zu schlechteren Bedingungen und mit deutlich weniger Freiheiten. Auch alle in sog. irregulären Arbeitsverhältnissen, also 400-Euro-Jobs, Kurzzeitverträge, Werkverträge, Praktikanten und Werkstudenten werden sich eher nicht an Streiks beteiligen. Sie sind nicht von dem was da verhandelt wird betroffen und wollen Chancen auf eine Übernahme nicht aufs Spiel setzen. Auch der Anteil dieser Beschäftigungsverhältnisse nimmt stetig zu. 

Hinzu kommt, dass die Globalisierung den großen Unternehmen eine zeitweise Kompensation durch ausländische Standorte erlaubt – das geht zwar nicht ewig und auch je nach Spezialisierung der einzelnen Standorte gar nicht, es kann sogar sein, dass ein Ausfall an einem Standort zu weltweiten Engpässen führt, aber manchmal mag das mit reinspielen.

Ich habe aber zudem auch den Eindruck, den F. auch äußert, dass der klassische Arbeitskampf sich einfach überlebt hat. Das liegt, in meinen Augen daran, dass die Gewerkschaften den Anschluss an die Entwicklungen auf dem modernen Arbeitsmarkt verloren haben. In meiner Wahrnehmung haben die Gewerkschaften, genau wie übrigens die SPD, lang auf ein ziemlich krankes Pferd gesetzt. In der Blüte des Industriestandortes Deutschland, waren Gewerkschaften in der „Arbeiterschicht“ allgegenwärtig. Es gab Arbeitersportvereine, Arbeiterzeitungen, Arbeiterwandervereine und Konsumgenossenschaften. Eine grundsätzliche ideologische Prägung war damit sehr viel selbstverständlicher. Diese Entwicklung hat sich abgeschwächt und schleichend aber kontinuierlich waren die Gewerkschaften bloß noch auf ihre Rolle in Tarifkonflikten beschränkt, die „Arbeiterkultur“ insgesamt hingegen verblasste. Wer mag sich heute noch gern als „Arbeiter“ bezeichnen? Man ist evtl. mit dem Betrieb identifiziert („Opelaner“ fallen einem hier im Ruhrgebiet da ein), aber mit der ganzen sog. Klasse? Mag denn überhaupt noch wer, möglicherweise gar mit Stolz, von der Arbeiterklasse sprechen? Das klingt dann doch arg angestaubt und würde selbst bei der Linkspartei niemand mehr in den Mund nehmen. Ohne diese Identifikation ist aber auch der Gewerkschaftsbeitritt nicht mehr so naheliegend, die Streikbeteiligung nicht mehr so zwingend. Auch dachten oder denken Gewerkschaften eben viele Formen der Beschäftigung kaum mit. Zeitarbeiter*innen werden eher als Feinde denn als Klientel verstanden. Auch sind die Gewerkschaften lange Zeit vehemente Gegner jeder Form von Globalisierung gewesen und haben nicht gesehen, dass ein Einsatz für hohe Arbeitsstandards auch im Ausland vielleicht zielführender gewesen wäre um die Auslagerung von Arbeitsplätzen zu verhindern, als das sympathisieren mit Zöllen und Einfuhrbeschränkungen. Und Freelancer, Clickworker, … werden ohnehin von den Gewerkschaften weder gesehen noch vertreten, weil einfach auch die Verhandlungsformate ggü. dieser Form der kurzfristigen Beschäftigung dinosaurieresk daherkommen und kaum angemessen sind. So hat sich ein Teil des heutigen Proletariats (um mal bewusst diesen Begriff zu wählen) von der Welt der Gewerkschaften und des Arbeitskampfes so weit entfernt, dass diese Klientel wohl auch kaum noch zu erschließen ist.

Durch die Verbandelung mit der SPD, die sich auch in den letzten 15 Jahren nicht direkt um die Rechte der ärmeren und armen Schichten verdient gemacht hat, sondern ebenfalls an der Stammkundschaft festhielt, die heute dann eher Rentner sind und gleichzeitig mit der Agenda 2010 viele lang gediente Wähler verprellte, haben sich die Gewerkschaften wohl zusätzlich ins Abseits befördert.

So finden heute Lohnfindungen oft individuell und außerhalb der Reichweite von Betriebsräten und Gewerkschaften statt und den Gewerkschaften stirbt die Mitgliedschaft davon. Derweil sind diejenigen Streiks, die es dann doch zu bundesweiter Berühmtheit schaffen oft eben keine Tarifkonflikte. Sondern Machtkämpfe zwischen Spartengewerkschaften um das Verhandlungs- und Repräsentationsrecht, wie etwa bei den letzten Lokführerstreiks und auch bei Teilen der Pilotenstreiks oder um Arbeitsbedingungen wie bei Amazon. Diese Streiks sind dann zwar öffentlichkeitswirksam, aber teilweise der Öffentlichkeit schwer zu vermitteln, denn es geht eben um komplexeres als „mehr Lohn“. Und diese Streiks betrafen dann auch stets Märkte, wo tatsächlich ein Umdisponieren für die Arbeitgeber schwierig ist (Piloten, Fluglotsen, Lokführer) – denn nur in solchen Konstellationen lässt sich überhaupt noch ausreichend Drohpotential entfalten.

Deutschland liegt im europäischen Vergleich übrigens ziemlich weit hinten was die Ausfalltage anbelangt, das ist aber keine neue Entwicklung, sondern war schon immer so.

 

 

 

 

 

 

 

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2 Gedanken zu “Leser fragen, Milchmädchen antwortet: Arbeitskampf 4.0

  1. Mein Eindruck ist, dass (neben dem im Text genannten) seit einigen Jahren auf beiden Seiten ziemlich pragmatisch gedacht wird. Das alte Ritual, zunächst Maximalforderungen aufzustellen und sich dann, nach drei Wochen Streik, in der Mitte zu treffen, hatte ja seit langem nur noch den Sinn, seinen Mitgliedern die eigene Bedeutung zu signalisieren. Vielleicht sind die Mitglieder der Arbeitgeber- und Arbeitnehmerverbände heute einfach weniger radikal als früher.

    Dazu mag kommen, dass in einigen Branchen (z.B. Kohle) die Unternehmer und die Arbeiter im gleichen Schützengraben hocken, um die Angriffe der Öko-Öffentlichkeit abzuwehren. Früher kannte man das nur von Mitarbeitern der Atomkraftwerke.

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