DEAL: Das germanische Dorf gegen das Elsevier-Empire

Wissenschaftsverlag zu sein ist ein ziemlich gutes Geschäftsmodell. Im Wesentlichen ist das so: Wissenschaftlerinnen erforschen durch öffentliche Mittel oder Stifter finanziert Sachen, daraus schreiben sie Artikel, die sie bei Fachjournals einreichen oder je nach Disziplin für die Proceedings renommierter Konferenzen. Dafür bekommen sie von den Zeitschriften/Verlagen nicht nur kein Honorar, sondern oft müssen sie zusätzlich noch etwas für die Einreichung bezahlen. Die Einreichungsgebühren liegen je nach Journal zwischen 50 und 250 $ und sind selbst dann zu berappen, wenn der Artikel sofort vom Editor abgelehnt wird. Dann werden die Artikel begutachtet durch andere Wissenschaftler. Und ja, richtig, die kriegen dafür auch kein Honorar. 1-3 Gutachter schauen auf einen Artikel mehr oder weniger gründlich drauf. Ich z.b. brauche für ein vernünftiges Gutachten zwischen 3 Stunden und 1 Tag je nachdem wie gut ich im Thema bin. Die Gutachten gehen dann an den zuständigen Editor, der entscheidet, ob und wenn ja mit welchen Änderungen der Artikel veröffentlicht wird. Oft werden die Autoren gebeten, auch für ein Lektorat durch Muttersprachler zu sorgen. Auch das natürlich auf eigene Kosten. Dann erscheint der Artikel nach Überarbeitung erstmal als Vorabartikel auf der Website des Journals. Dort ist er dann kostenpflichtig abrufbar, die Autoren dürfen ihn meist in einem kurzen Zeitfenster selbst kostenfrei herunterladen. Das Nutzungsrecht für den Artikel treten sie an den Verlag ab. Irgendwann erscheint der Artikel dann auch gedruckt in der Zeitschrift, das kann aber durchaus mal ein Jahr dauern zwischen Annahme des Artikels und Aufnahme in eine Ausgabe.

Die Zeitschriften werden von den Universitätsbibliotheken und Forschungseinrichtungen abonniert -also wiederum aus öffentlichen Geldern. Manche Wissenschaftsverlage schließen dabei sogenannte Nationallizenzen ab, also Lizenzen, die dem gesamten Verbund der Universitätsbibliotheken zur Verfügung stehen. Andere, insb. die großen drei im Wissenschaftsverlagsbusiness Elsevier, Springer und Wiley, haben in der Vergangenheit viele Zeitschriftentitel nur einzeln mit Bibliotheken verhandelt. Die Abos waren bzw. sind immernoch dann oft so gestaltet, dass auf das Abo der Papierzeitschrift ein Aufschlag zu zahlen ist, wenn die Inhalte auch digital verfügbar sein sollen. Oft werden ansonsten die digitalen Inhalte erst 12 bis 24 Monate nach (!) der Papierzeitschrift für die Abonennten freigeschaltet – was vollkommen absurd ist.

Und um das ganze abzurunden, sind die Preise für die Abos in den letzten Jahren auch noch stets und drastisch gestiegen. Die Wissenschaftsverlage gehören deshalb auch zu den weltweit erfolgreichsten Unternehmen, wie Alex Holcombe bereits vor längerer Zeit mal in seinem Blog zeigte.

Vor dem Hintergrund der oft schlechten Konditionen für Digitalinhalte, stetig steigenden Abonnementpreise und der Einzelverhandlungspolitik der Verlage, hat die Hochschulrektorenkonferenz im ersten Halbjahr 2016 beschlossen, dass die Universitätsbibliotheken von nun an gemeinsam mit den Verlagen über umfangreiche Bündelabos verhandeln sollen. Hierzu wurde die schon vorher gegründete Arbeitsgruppe DEAL beauftragt, die nun für alle Universitätsbibliotheken im Auftrag der HRK mit den Verlagen Gespräche führt. Da für alle Universitätsbibliotheken außer denen des Landes Baden-Württemberg und der ZBW in Kiel zunächst der Vertrag mit Elsevier neu zu verhandeln war, ist Elsevier nun quasi die Probe aufs Exempel. Die seit Mitte 2016 andauernden Gespräche führten zunächst zu keinem nennenswerten Erfolg. Daraufhin haben alle deutschen Bibliotheken außer denen in Baden-Württemberg ihre Abonnements aller Elsevier-Publikationen zum Jahresende 2016 gekündigt. Hiervon erhofft DEAL sich nun endlich Bewegungen in den Verhandlungen. Der Elsevier-Verlag ließ bisher verlauten, dass die von den Bibliotheken geforderten Konditionen vollkommen abwegig seien und die Bibliotheken ja jede Freiheit hätten, ihre bisherigen Verträge zu den vorgeschlagenen Konditionen zu verlängern. Die Bibliotheken sagten „Nein“ und die Verhandlungen wurden auf Anfang 2017 vertagt.

Seit dem 1.1.2017 sind nun also so gut wie alle Wissenschaftler an deutschen Universitäten vom Angebot des Elsevier-Verlags abgeschnitten. Zumindest der direkte Zugriff ist nicht mehr gegeben. Allerdings organisieren die Bibliotheken aus den eingesparten Geldern umfangreiche Fernleihmöglichkeiten über die wenigen Universitäten, die noch Zugriff haben. Ich finde es ziemlich gut, dass die ja doch recht vielen, normalerweise in Konkurrenz stehenden deutschen Universitäten es geschafft haben, sich derart gut zu organisieren und sich David-mäßig gegen den Riesen Elsevier zu stellen. Es bleibt spannend, was nun tatsächlich dadurch erreicht werden kann, aber vielleicht wird dadurch ja auch endlich insgesamt das System der Publikationslandschaft zunehmend hinterfragt, wie z.B. auf wisspub.net andiskutiert wird.

Das Börsenblatt der Buchbranche findet übrigens, die Hochschulbibliotheken stellen Forderungen nach einer Quasi-Verstaatlichung des wissenschaftlichen Publikationswesens… Nun gut… (hier und hier)

Mehr zum Thema Wissenschaftspublikationen auch im englischsprachigen academia-Raum, hier und hier.

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2 Gedanken zu “DEAL: Das germanische Dorf gegen das Elsevier-Empire

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