Zwischenruf*: Leseempfehlung ZBW-Wirtschaftsthema-Reihe

Als ich gerade auf twitter das aktuelle „Wirtschaftsthema“ der ZBW weiterempfahl, fiel mir auf, dass ich die Reihe generell empfehlen könnte und dies tue ich hiermit:

Die Zentralbibliothek für Wirtschaftswissenschaften veröffentlicht im monatlichen Rhythmus eine Leseliste/kuratierte Materialsammlung zu aktuellen Wirtschaftsthemen auf ihrer Website. Dort werden dann zu gerade diskutierten wirtschaftlichen Themen ökonomische wissenschaftliche Beiträge zusammengestellt. Die Themen in letzter Zeit waren z.b. Bedingungsloses Grundeinkommen (Dez), Kinderarmut (Nov), Brexit (Juni) oder TTIP (April). Die Zusammenstellung umfasst meist ein breites Meinungsspektrum, die Mehrheit der Quellen sind Arbeitspapiere in deutscher Sprache, die frei zugänglich sind und das ganze wird gerahmt von einer kurzen Einführung und einer Tweet-Sammlung zum Thema (was jetzt meist nicht besonders erhellend ist, aber wohl dokumentieren soll, dass es sich tatsächlich um aktuell diskutierte Themen handelt.) Ich habe diese Materialsammlungen oft an Studierende empfohlen und möchte diese ausdrückliche Empfehlung auch hier weitergeben, denn man findet dort (noch ) gut lesbares aber eben nicht medial aufbereitetes Expertenwissen in einem Umfang den man dann nebenbei in dem einen Monat auch noch bewältigen kann.

Außerdem ist die zbw ganz generell eine tolle Einrichtung, die das studieren und forschen in den Wirtschaftswissenschaften ganz erheblich erleichtert und die eins der schönsten Bibliotheksgebäude an einer der schönsten Stellen von Deutschland hat.

*Die Kategorie „Zwischenruf“ ist hiermit neu geschaffen für kurze Texte, die mir schnell mal so einfallen und die nicht im Entwurfsordner verschimmeln sollen.

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Exkurs: Alles Frustwähler?

Ich erlaube mir heute mal ein Abschweifen vom eng ökonomisch gefassten zum politischen. Denn als Mensch mit akademischem Hintergrund, grüner Sozialisation und linker Affinität kommt man ja derzeit nicht umhin, sich zu fragen, warum zum Henker scheinbar viele Millionen Menschen, Mehrheiten gar, Parteien, Stömungen und Personen wählen oder unterstützen, die vollkommen offensichtlich lügen, zündeln, Hass und Naziparolen verbreiten. Allerlei durchaus plausible Erklärungen wurden schon angeboten, ich kann hier zunächst mal viel Unverständnis und wenig neues bieten. Ob jetzt zwangsläufig ein weiterer – zumal mutmaßlich rein kommentierender – Blogpost von mir da zwangsläufig nötig ist, wage ich nicht zu sagen. Aber ich dachte halt so drüber nach und berichtete versehentlich auf Twitter davon und jetzt sitze ich hier.

Es gibt ja ein paar Erzählungen und Lesarten, wer denn da eigentlich warum auf einmal rechte Arschlöcher wählt, flächendeckend und allerorten. Sind es die abgehängten, die in unserer modernen Gesellschaft kein Bein mehr an den Boden bekommen, die Unterschicht, die einen Sündenbock sucht? Nein, sagen die Wahlergebnisse in den USA und in Westdeutschen Bundesländern – diese Erzählung funktioniert maximal für Ostdeutschland und Nordfrankreich. Aha, dann sind es die weißen Männer, die sich um ihr Altenteil sorgen und die Angst vor Frauen, Gleichberechtigung und Schwulen haben. Auch nicht so ganz, denn da wären die ganzen weißen Frauen, die Trump wählten. Und die nicht unerheblich vielen jungen Frauen, die sich mit antifeministischen Parolen fesch als moderne Nazi-Bräute im Internet inszenieren. Und letztlich sind es ja nicht nur die 20% (wenn es hoch kommt) Nazis, die diese Bewegungen zu einem Phänomen, einer riesigen Populismusmaschinerie, einer scheinbar nicht zu stoppenden Macht werden lassen. Sondern auch all die, die nicht wählen gehen anstatt ihre Stimmen Hillary Clinton, der SPD oder wem auch immer geben. All diejenigen, die zwar nicht rechts sind, aber denen es zu egal ist, dass unsere Gesellschaft sich ganz erheblich Richtung rechts neigt. Und die vielleicht hier und da stumm nicken, wenn Horst Seehofer von Obergrenzen phantasiert, Donald Trump gegen das Establishment wettert oder Birgit Kelle von Genderwahn fabuliert. Wie immer macht erst der gemeine Mitläufer den Extremisten zur Mehrheit.

Also wer ist denn jetzt schuld verdammt? Irgendwen muss man doch von der Klippe schubsen können und dann ist schon alles wieder gut. Tja – bad news – diese Lösung wird nicht gehen. Denn  Trump, Le Pen, Johnson, Farage, Petry, Höcke, Gauland und wie sie alle heißen, sind nur das Symptom und keineswegs der Auslöser, sie haben nur schlau ein riesiges Vakuum ausgemacht, das sich leicht mit Populismus füllen ließ und dies zur rechten Zeit genutzt.

Weder sind knapp 50% der Amerikaner und Briten Nazis noch rund 30% der Deutschen, Niederländer und Franzosen. Aber 30-50% der Menschen in unseren ach so aufgeklärten und fortschrittlichen Demokratien finden, dass lügende Nazis besser sind als das restliche politische Personal. Denn was eint all diese Menschen? Maßlos erlebte Machtlosigkeit, vollkommene erlebte Irrelevanz dessen, was sie als das vermeintliche Volk wollen und das ungute Gefühl irgendwie verarscht zu werden von „denen da oben“. Das Gefühl von Politikern nicht repräsentiert sondern belogen zu werden.

Und ganz ehrlich, Hand aufs Herz, teilen wir das nicht alle? Ich glaube doch auch, dass die allermeisten Politiker von Lobbyisten gesteuerte Berufslügner sind. Politiker, denen ich bedenkenlos attestieren würde, dass sie meine Interessen als Bürgerin ernst nehmen kann ich an einer Hand abzählen. Der Unterschied ist nur, dass ich mir einbilde etwas großes ganzes dahinter zu sehen, dass ich denke, ich verstehe was da gespielt wird, kenne die Alternativen und halte sie für schlimmer. Das und der unverwüstliche Glaube an den europäischen Geist, die tiefe Überzeugung, dass Europa wie wir es heute kennen das beste ist, was wir bisher politisch hatten und dass es das zu erhalten gilt. Und so gehe ich wählen und stimme dabei in der Regel für Parteien, die auch eine realistische Chance haben in das jeweilige Parlament zu kommen.

Aber wem diese Überzeugung fehlt, aus welchen Gründen auch immer, für den bleibt also nur das Gefühl, dass irgendwie “ die da oben“ nicht in seinem Sinne agieren und ihm auch ohnehin nur Mist erzählen. Und das ist noch kein Grund, eine Nazipartei oder einen irren Milliardär zu wählen. Aber die Frage ist halt, wen denn sonst?

Ich beobachte in meiner Filterblase online und offline schon seit einigen Monaten etwas, das ich hier mal „Merkel-Fatalismus“ nennen möchte. Also dass prinzipiell der CDU weit abgeneigte Menschen Dinge von sich geben wie „dass ich mal sagen würde, dass Angela Merkel was richtig macht…“ oder auch (wie ich selbst nun schon mindestens dreimal tweetete) „Wer außer Merkel soll den Job denn machen?“ Es wabert nun irgendwie recht deutlich herum, dass sich die politische Landschaft so weit auf die Person Merkel verengt hat, die nun da steht als europaweit einzige Stimme der Vernunft bei gleichzeitig vollkommener Profillosigkeit. War das zum Ende der Ära Kohl auch so ?  – ich bin zu jung um mich da ganz genau dran zu erinnern. Ist es zwangsläufig, dass lange stetige Bestimmung der Politik durch eine Person mit unterschiedlichen Randfiguren zu einer deutlichen Verarmung an Inhalten führt? Ich weiß es nicht. Vielleicht ist es auch eher so, dass sich in den letzten 10 Jahren die inhaltsleeren Politiker besonders erfolgreich durchsetzen konnten, weil sie eine schöne Blaupause für alles hergaben.

Warum auch immer – Tatsache ist, das Parteien-Spektrum sieht von rechts nach – ähm – links etwa so aus: Nazis, Horst Seehofer, DIE MITTE, russland-verherrlichende abgehobene links-tümelnde Grenz-Nazis, also Sahra Wagenknecht. Und in DER MITTE (die neuerdings, so entnahm ich verschiedenen Fotos von CDU-Veranstaltungen, qua Proklamation die CDU ist) tummeln sich alle differenzlosen Nasen wie Gabriel, Kretschmann und Co hinter der alles überstrahlenden vernünftigen, ruhigen, seriösen und Kontinuität versprechenden Frau Merkel. Tja.

Da Horst Seehofer nur in Bayern zur Wahl steht, bleibt also für jeden, der von DER MITTE irgendwie die Nase voll hat, weil er sich nicht mittig fühlt, nicht mittig ist oder Mitte generell scheiße findet nur die Wahl zwischen Nazis und der LINKEN. Und dass letztgenannte eine politische Heimat für irgendwen darstellen der a) links denkt und sich eine linkere Ausrichtung der Politik wünscht oder b) sich vom Kapitalismus abgehängt fühlt, ist beides stark  anzuzweifeln. Ich habe den Eindruck, die Linke verherrlicht über die Maßen den erwiesenermaßen nicht-zielführenden sowjetischen Kommunismus und hängt irgendwie dem Irrglauben an, das heutige Russland sei immernoch irgendwie sozialistisch oder zumindest weniger kapitalistisch als Europa. Und zusätzlich führt sie zu 95% realitätsferne, für die Wähler wenig relevante, Scheindebatten und macht nicht-finanzierbare Vorschläge, die denen der AfD oder der Piraten in Sachen Nonsense in nix nachstehen.

Was wären also wählbare Alternativen für alle, die sich von „denen da oben“ belogen fühlen? Und für alle, die sich eine zukunftsorientierte, mutige, pro-europäische, visionäre Politik wünschen? Und für alle, die sich eine linkere oder liberalere, eine weltoffenere Politik wünschen? Keine da, oder?

Keine Linke, die den Namen verdient, die eine aufgeklärte und moderne linke Politik vertritt, die die internationale Tradition der Linken behält aber das Sowjet-Geschwurbel ablegt, die erkennt, dass wir heute nicht mehr lokal denken und agieren dürfen, wenn wir von Gerechtigkeit reden, sondern dass wir in unser aller Interesse weltweite Gerechtigkeit in den Blick nehmen müssen.

Keine ernstzunehmende liberale Partei, die sich für Bürgerrechte einsetzt, eine humanistische Alternative präsentiert anstatt sich als Autofahrer- und Vermögenssteuerfreiheitspartei zu gerieren, wie es die FDP leider tut.

Keine sozialdemokratische Partei, die sich für sozialpolitische Nachhaltigkeit, gleiche Chancen für von der Gesellschaft abgehängte, Bildung und demokratische Teilhabe einsetzt anstatt für die aussterbenden ehemaligen Kernzielgruppen Arbeiter und Rentner nur die Pfründe zu verwalten und an der Kohle festzuhalten.

Keine ökologische Partei, die sich für Frieden und eine moderne, aufgeklärte und bunte Gesellschaft einsetzt anstatt die neuerdings vermögenden und bequem gewordenen Ex-Umweltbewegten in ihrer Komfortzone in Sicherheit zu wiegen.

Und auch keine konservative Partei, die für konservative Werte einsteht ohne dabei ein menschenfeindliches Weltbild zu propagieren. Die von mir aus christlich agiert und argumentiert. Die eine Heimat für diejenigen bietet, die mit den Veränderungen in der Gesellschaft nicht Schritt halten wollen oder können und das ohne dazu Ausländer, Homosexuelle und Andersdenkende als Sündenböcke zu brauchen.

Und diese Diagnose gilt keinesfalls nur für Deutschland. Sie gilt in sehr ähnlicher Weise auch für Frankreich, das ich etwas genauer beobachte. Und in den Zwei-Parteien-Demokratien von England und Amerika um so mehr, denn dort gibt es ja nicht mal die Geister der ehemals breiteren Parteienlandschaft, die in Deutschland, Frankreich, Benelux noch herumschwirren.

Also, wen schubsen wir jetzt von der Klippe, damit wir das Populismus-Problem los sind?