Leser fragen – Milchmädchen antwortet: Lebensmittelverschwendung einfach sein lassen?

Mich haben seit Beginn dieses Projektes einige Leser/-innenfragen erreicht, die allesamt sehr interessant, aber auch sehr komplex sind. Weil die Recherche sich z.T. etwas zieht, habe ich bisher noch keine beantwortet. Aber jetzt beginne ich einfach mal, mit einer Frage von Lars: „Laut FAO (2011) landet in den Industrieländern etwas weniger als die Hälfte der Lebensmittel, die es in der food supply chain zu LEH und Verbraucher schaffen, im Müll. Was passiert (hypothetisch) mit den globalen Lebensmittelmärkten, wenn das nicht mehr passiert, sondern wir nur noch die Sachen produzieren, die wir auch tatsächlich verbrauchen? Welche Auswirkungen hätte das vor allem auf die Lebensmittelmärkte in den Schwellenländern?“

Die Antwort ist eine für ökonomische Fragen sehr typische: es kommt darauf an.

Tatsächlich ist das ganze quasi nicht erforscht. Ich habe eine einzige empirische Studie [*] gefunden, die sich der Frage widmet. In dieser Studie findet sich eine leichte Reduktion von Wasserverbrauch und CO2-Emissionen, die aber beide nicht in allen Szenarien signifikant sind, ein signifikanter aber kleiner Reduktionseffekt auf die bewirtschaftete Fläche. Der Effekt auf Armut und Unterernährung ist über die Szenarien der Studie unterschiedlich, es wäre sowohl denkbar, dass die Unterernährung abnimmt, als auch dass sie zunimmt. Die Studie nutzt übrigens ein Simulationsmodell und entsprechend viel Unsicherheit enthalten die Ergebnisse. Ein paar weitere Publikationen widmen sich der Lebensmittelverschwendung in den Entwicklungs- und Schwellenländern selbst. Denn hier ist es tatsächlich ein valider Ansatz, Unterernährung zu reduzieren, indem die Lebensmittelverluste reduziert werden, die durch unzureichende Kühlmöglichkeiten, unsachgemäße Lagerung, Verluste beim Transport usw. entstehen. Aber zurück zur Frage, was passiert, wenn wir hier in den westlichen Industrieländern mit Lebensmitteln weniger verschwenderisch umgehen.

Wenn ich das ganze – ohne Zahlen zu haben – mal durchdenke, also so rein mit ökonomischer Logik, dann ergibt sich etwa folgende Wirkungskette: Global gesehen bedeutet ein Rückgang der Lebensmittelverschwendung eine gesunkene Nachfrage nach Lebensmitteln. Dadurch sinkt der Preis, das Angebot ist höher als die Nachfrage, in Reaktion wird das Angebot auch gesenkt werden müssen (sonst werfen einfach die Anbieter statt der Konsumenten die Ware weg und es wäre nix gewonnen). Das verringerte Angebot führt zu weniger Nutzung agrarer Ressourcen, damit weniger bewirtschaftete Landflächen, weniger Wasserverbrauch, weniger CO2-Emissionen. Durch den geringeren Preis wird Nahrung bezahlbarer, das erklärt – hauptsächlich – den Effekt auf die Unterernährung, die wohl zurückgeht.

Allerdings kann es sein, dass diese Effekte etwas disaggregierter betrachtet klein ausfallen oder nicht nennenswert zugunsten der Entwicklungsländer. Denn – und jetzt kommt der „es kommt darauf an“-Teil: der größte Teil des Lebensmittelmülls in Industrieländern sind verderbliche Güter – Obst, Gemüse, Salat, Milchprodukte, Fleisch. Diese werden nicht zwangsläufig am Weltmarkt gehandelt, sondern vielfach regional, also z.B. innereuropäisch.

In der Kategorie Obst und Gemüse decken wir das meiste, was wir konsumieren innereuropäisch, evtl. unter Einbeziehung von Nordafrika. Maximal beim Obst entsteht ein nennenswerter Effekt auf dem Weltmarkt. D.h. u.U. profitieren zwar die Konsumenten hier in den Industrieländern von günstigeren Preisen, aber nicht die in Entwicklungsländern, denn die kaufen ihr Gemüse und ihren Salat nicht am selben Markt. Hinzu kommt, dass die Kalorienbilanz dieser Produkte nicht sehr groß ist, d.h. spottbilliger holländischer Salat und spanische Tomaten machen afrikanische Kinder auch nicht satt.

Bei Milchprodukten wird schon eher ein Schuh draus, denn ein geringerer Milchpreis am europäischen Markt wird den Milchpulverpreis weltweit drücken und Milchpulver ist aus Welternährungssicht sehr wichtig. Ergo, sparen wir Milchprodukte hat das schon eher einen weltweiten Effekt. Und zwar würde es dann einen positiven Effekt auf die Welternährungssituation haben. Auch der Umwelteffekt dürfte positiv sein, da die CO2-Bilanz von Kühen ja eher so geht so ist.

Am deutlichsten wäre der Effekt vermutlich, würde Fleisch eingespart. Denn obwohl Fleisch auch weitgehend regionale, separierte Märkte hat, hat die Fleischproduktion eine erhebliche Auswirkung auf den Weltmarkt für Mais und Getreide, weil diese als Futtermittel importiert werden. Gleichzeitig (das ist inzwischen wohl Allgemeinwissen) ist Fleisch ein sehr ineffizientes Nahrungsmittel, da es ein Vielfaches seines Gewichtes in Futter benötigt und massiv zum CO2-Ausstoß beiträgt. Das heißt, sparen wir bei uns ein wenig Fleisch, wird dadurch sehr viel Futter und CO2 eingespart, der Mais- und Getreidepreis sinkt, diese sind wichtige Grundnahrungsmittel und können sehr viel günstiger gekauft werden. Sehr gut für Welternährung und Klima.

Ein weiterer Aspekt, den es zu bedenken gilt, ist, dass natürlich bei gesunkenen Lebensmittel-Preisen auch irgendwessen Einkommen zurückgeht. Die Wertschöpfung bei Lebensmitteln fällt im Großteil bei Verarbeitung und Verpackung und Verkauf an. Das heißt, dass bei Bauern und lebensmittelverarbeitender Industrie das Einkommen zurückgeht, das führt latent zu einer eher armutsverstärkenden Umverteilung. Hier schließt sich ein wenig der Kreis zum Zuckermarkt-Artikel von vor einigen Wochen: Würde durch geringere Nachfrage nach Lebensmitteln der Lebensmittelpreis sinken, dann wird das vermutlich die Lebensmittelhandelsketten und großen Player im Lebensmittelimport wenig tangieren, da sie sich sehr viel schwächeren Zulieferern gegenübersehen und so den Preisdruck im Zweifel nach unten weitergeben könnten. Dadurch würden die Löhne in der Agrarproduktion sinken, dort also, wo die Löhne ohnehin sehr niedrig sind.

Zusammenfassend: Für die globalen Ressourcen ist es eindeutig gut, Lebensmittel einzusparen. Positiv für die Bevölkerung von Entwicklungs- und Schwellenländern wäre es vor allem dann, wenn Milch und Fleisch gespart würde.

Weiterführende Links:

Reducing food waste is good for economy and climate

Foodwaste within the supply chain and the potential for change by 2050

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