Randnotiz der Woche: Venezuela, Hunger, Korruption – es ist kompliziert

In Venezuela gibt es derzeit, im Schatten des Krieges im nahen Osten und der Friedensverhandlungen in Kolumbien eine recht drastische Wirtschaftskrise, die zu erheblichem Hunger und existenzieller Armut geführt hat. Hierüber berichtet das Feature der WDR5-Sendung „Neugier genügt“ vom 23.9.2016, das ich diese Woche irgendwann auf dem Weg zur Arbeit hörte.

Der Radiobeitrag ist wirklich bedrückend und zeigt an einigen Schicksalen sehr anschaulich die wirklich dramatische humanitäre Situation in Venezuela, ich empfehle ihn ausdrücklich. Dennoch war ich nach dem hören auch wütend. Denn obwohl das Format durchaus Raum für eine differenzierte Darstellung hätte, verbleibt der Beitrag seltsam einseitig. Die interviewten betroffenen Menschen verkünden recht einhellig, dass an all der Misere nur der neue sozialistische Präsident Nicolas Maduro schuld sei. Der sei korrupt und quasi der Teufel in Person. Demgegenüber sei unter Hugo Chavez alles super gewesen. Es zeugt vom Erfolg von Hugo Chavez‘ Gleichschaltungspolitik, dass die Menschen in Venezuela das so sehen und vermutlich scheint es im Land selbst tatsächlich so. Aber es wäre schon die Aufgabe eines explizit investigativen Radioformates, das mal kurz, einige Recherchesekunden lang, zu hinterfragen. Gerade und vor allem deswegen, weil Linke auf der ganzen Welt dazu neigen in die Lobhymnen auf Hugo Chavez einzustimmen. Chavez gilt vielen politisch links orientierten, auch vielen heterodoxen Ökonomen als die große Erfolgsgeschichte des Sozialismus. Dabei gilt für Chavez, was auch für alle real existierenden sozialistischen Systeme zuvor galt: Sozialismus funktioniert super, so lang bis das Geld ausgeht. Und Chavez erlebt das halt jetzt nicht mehr, deshalb kann er ungehindert als Heiligenfigur der linken Szene herhalten.

Man verstehe mich nicht falsch, ich finde Kommunismus insgesamt eine dufte Idee. Allein scheinen die Menschen nicht für den Kommunismus gemacht. Zumindest haben sich alle sozialistischen Staaten zu beeindruckenden korrupten menschenfeindlichen Sumpflöchern entwickelt und da macht Venezuela keine Ausnahme. Chavez war zu Beginn tatsächlich sehr erfolgreich, er hat Venezuela zunächst einen Aufschwung beschert, den Hunger reduziert und durch seine antiamerikanische Politik die Sympathie nicht nur seines Volkes sondern auch der Nachbarn gewonnen. Allerdings war es zu der Zeit auch leicht, staatlichen subventionierte Essen und Medikamente bereitzustellen und Unterstützung für die Armen – der Ölpreis war hoch. Irgendwann jedoch traf auch Venezuela verzögert der Effekt der Finanzkrise. Der Ölpreis fiel, der Zugang zu internationalen Krediten wurde durch die Schwierigkeiten anderer Staaten für alle Entwicklungs- und Schwellenländer schwieriger. Die Staatsfinanzen bröckelten, das Wachstum brach ein, die Inflation nahm zu. Der Staat bediente sich am Geldhahn der Zentralbank, was eigentlich nie eine gute Idee ist. An den Folgen dieser Entwicklung krankt Venezuela noch heute, denn echte Alternativen zum Öl gab und gibt es nicht, die hohe Korruption kostete nun plötzlich deutlich mehr als früher, der Staat hatte nicht mehr im Überfluss Ressourcen zu verschenken. Das Ergebnis ist eine Inflation weit im dreistelligen Bereich, ein erheblicher Einbruch des BIP/Kopf und ein deutlicher Anstieg der Armut.

Zweifelsohne ist die venezuelanische Regierung in hohem Maße korrupt, antidemokratisch und der Krise überhaupt nicht gewachsen. Jedoch reicht die Korruption weit in die Zeit Hugo Chavez‘ zurück, , die Geschichten von illegal verkaufter subventionierter Schulmilch und unter Verschluss gehaltenen vom Staat bereits bezahlten Medikamenten, kenne ich schon von Kolleg/innen auf Konferenzen seit ca. 2010 und es wäre schon nicht zu viel verlangt, das in einen Beitrag einzubauen. Oder?

 

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