Anekdotische Evidenz: Vom Hintertür-Sexismus in den Wirtschaftswissenschaften

Ausgerechnet jetzt, wo ich gar nicht mehr selbst in den Wirtschaftswissenschaften arbeite, kam beruflich eine Diskussion auf, die ich so ähnlich schon vor fast einem Jahr auf meiner Geburtstagsparty mal führte. Nämlich die Frage des Stands der Gleichberechtigung in den Wirtschaftswissenschaften. Lassen wir dabei mal kurz die Quote für DAX-Vorstände außer acht, da will ich erst gar nicht mit anfangen. Bleiben wir mal bei Wiwi als wissenschaftliche Disziplin.

Ich habe da schon länger eine auf anekdotischer Evidenz basierende Privatvermutung. Die besagt, dass gerade in Wiwi Gleichstellung sich oft ins Gegenteil verkehrt, also eher gegen die Frauen als für sie arbeitet. Auf einer Party im letzten Jahr diskutierte ich das mit anwesenden MINT-Menschen und in den letzten Tagen tauchte es in einigen beruflichen Gesprächen unverhofft wieder auf.

Also meine Erfahrung ist etwa diese:

Wirtschaftswissenschaften sind auf dem Papier ein zunächst relativ egalitäres Fach. Im Studium liegt der Anteil der Frauen bei um die 50%, je nach Studiengang auch darüber. Auch bei Doktorandinnen sieht es zumindest noch nicht vollkommen düster aus, hier ist der Frauenanteil zumindest noch bei über 30%, wiederum etwas abhängig vom Standort und den dortigen Schwerpunkten. Darüber kommt dann die gläserne Decke, der Professorinnenanteil ist aber in jüngster Zeit fast bei 20%.* Soweit so gut. Oder eben nicht. Die Tatsache, dass die Anzahl der Professorinnen auch in Wiwi eher überschaubar ist, wird meist großzügig ignoriert zugunsten eines „ist doch alles schick hier bei uns in Sachen Frauenförderung“-Gefühls, dass sich aus dem großen Anteil weiblicher Studierender speist und aus der Feststellung, dass ja im MINT-Bereich alles noch viel mehr im Argen liegt. Und so werden Maßnahmen der Gleichstellung belächelt bis offen als überflüssig dargestellt, oft sogar als Übervorteilung. Und gleichzeitig wird aber zu jeder passenden und unpassenden Gelegenheit betont, dass Frauen es ja ach so toll haben „heutzutage“. Also eine hört Dinge wie „Sie als Frau haben ja besonders gute Chance die Förderung einzuwerben.“ oder „Gerade für junge Frauen sind die Chancen ja nun wirklich exzellent.“ und auch „Wir haben schließlich drei (!!) Professorinnen an der Fakultät, vorbildlich, nicht wahr?“ Dass die angeblich bevorzugte Drittmittelvergabe an Frauen Unsinn ist, kann man z.B. aus DFG-Statistiken recht einfach herausfinden und wo die Chancen für Frauen besonders übermäßig sein sollen, ist mir nicht ganz klar. Denn dem stehen dann sehr viele Erfahrungen eher informeller Situationen gegenüber, wie etwa am Rande von Gremiensitzungen, in Berufungskommissionen oder auch mal auf akademischen Feiern. Wo großen Beschwerden geführt werden über unzumutbare Frauenquote im neuen Hochschulgesetz. Wo offen die weibliche Vertreterin des Mittelbaus während sie dabei steht als „Quotenfrau“ bezeichnet wird. Wo kein Hehl daraus gemacht wird, dass eine als Frau in der Berufungskommission sitzt, damit keine doofen Fragen kommen, wenn der Mann berufen wird, der bereits vor dem Verfahren feststand. Und wo bei der zu diskutierenden Frage, ob eine Kandidatin ohne Auflagen zur Promotion zugelassen wird im jovialen Tonfall nach deren Haarfarbe gefragt wird. Und dann mag eine nicht mehr recht daran glauben, dass einer jungen Frau ja heute alle Tore offen stehen in der akademischen Welt.

Nun ist dies alles, wenn auch nicht meine alleinige Erfahrung, dennoch nur anekdotische Evidenz. Die Wahrnehmung, dass in der Wirtschaftswissenschaft ein eher frauenfeindliches Klima herrscht, das sich aus „bei uns ist eh schon alles paritätisch und trotzdem werden wir durch Quoten und Gleichstellungsmaßnahmen drangsaliert“ speist, ist zunächst ja nur meine und die einiger Kolleginnen. Allerdings scheint dies zumindest nicht standortbezogen zu sein. Inzwischen habe ich doch – meist ungefragt – sehr ähnliche Geschichten von anderen Frauen und anderen Unis gehört. Und mir scheint das tatsächlich eine Frage des Problembewusstseins. Während in MINT-Fächern der Bedarf von Frauenförderung augenfällig ist, nehmen die Wirtschafts- und Sozialwissenschaften diesen nicht wahr, wischen ihn mit einer Handbewegung weg. Und zwar nicht nur alte Professorenherren, sondern auch junge neue Doktorandinnen und auch Professorinnen. Die Wiwi empfindet sich als ganze als egalitäres Fach und anderslautende Erfahrungen werden als persönliche Einzelfälle empfunden. Daher noch einmal deutlich: Ein Professorinnenanteil von 18% ist nicht egalitär. Es ist statistisch wenig wahrscheinlich, dass es so viel weniger geeignete Frauen als Männer gibt, wenn unter den Studiumsabsolventinnen der Anteil der Frauen bei 50% und unter den Promovierenden der Anteil bei 35% liegt. Es mag durchaus sein, dass sich weniger Frauen als Männer auf Professuren bewerben. Auch dass sich weniger Frauen als Männer für eine Promotion in Wiwi entscheiden. Aber dafür gibt es Gründe. Und diese Gründe sollte eine Disziplin, die so wie fast jede akademische Disziplin in diesem Land  eher händeringend akademischen Nachwuchs sucht, nicht einfach im Dunkeln lassen. Die Beweggründe von Frauen, sich gegen eine akademische Karriere zu entscheiden, mögen vielschichtig sein. Individuelle Erfahrungen von Sexismus (auch benevolentem) und Diskriminierung (auch nicht vorsätzlicher) werden sehr wohl hieran einen Anteil haben.

 

*Alle Zahlen für Universitäten in NRW. Quelle: Netzwerk Frauen- und Geschlechterforschung NRW Statistikportal.

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