Geldpolitik am Rande des Nervenzusammenbruchs

Diese Woche trafen sich die Zentralbank-Chefs zum traditionellen Treffen in Jackson Hole. Da muss ich mich sputen, um diesen schönen Aufhänger zur Fortsetzung des „Geld“-Artikels nicht zu verpassen.

Also nachdem ich letzte Woche ja erläuterte, dass Geld ganz ohne Zentralbanken auch ganz prima funktioniert, kommt ein wenig die Frage auf: Wozu sind denn Zentralbanken da?

Zentralbanken sind die Hüter gesetzlicher Zahlungsmittel und Währungen. Indem ein Staat eine Währung als allgemein anerkanntes Zahlungsmittel einsetzt, übernimmt er auch als Aufgabe, den Wert dieses Zahlungsmittels sicherzustellen.  Das heißt, der Staat garantiert, dass das Zahlungsmittel auch in der Zukunft noch allgemein anerkannt und wertstabil ist. Folglich wird die Absicherung gegen Fälschungen, das Aus-dem-Verkehr ziehen von Fälschungen und die Überwachung des Wertes vom Staat übernommen, wenn es sich beim jeweiligen Geld eben um ein gesetzliches und nicht nur um irgendein Zahlungsmittel handelt. Historisch gesehen war das vor allem die Kontrolle von Münzen. Als dann auch Papiergeld zum staatlichen Zahlungsmittel wurde, entstanden Zentralbanken, zunächst einfach als Ort, wo das Gold, dass die Deckung der Währung darstellte gelagert wurde und Instanz, die im Zweifel den Tausch des Geldes gegen Gold zusicherte. Die Abkehr von Warengeld und Metalldeckung hin zu Fiatgeld brachte neue Aufgaben für die Zentralbanken mit sich. Nun ging es darum, die Geldmenge bereitzustellen, die benötigt wurde, die Banken zu beaufsichtigen oder zu kontrollieren und dafür zu sorgen, dass das Vertrauen in das Zahlungsmittel erhalten blieb.

Das heißt, Zentralbanken sind heute eigentlich in erster Linie Vertrauensinstitute. Sie stehen dafür, dass jemand aufpasst, dass niemand ungebremst das Geld in Umlauf bringt, dass die Banken ihre Rücklageverpflichtung einhalten und somit ihre Zahlungsverpflichtungen einhalten können (Das macht auch die bankenaufsicht, aber das ginge jetzt zu sehr ins Detail). Nach den Erfahrungen der Hyperinflation in Deutschland und der great depression in den USA hat sich gezeigt, dass eine wichtige Komponente von Geldwertstabilität die Kontrolle von Inflation ist. Dabei ist das Ziel nicht Nullinflation sondern moderate Inflation. Und was nun moderate Inflation ist, da hat sich die Ansicht durchaus mit der Zeit geändert. Während in der Nachkriegszeit alles unter 10% schon traumhaft niedrig war, liegt der Zielwert der EZB heute bei leicht unter 2%. In fast allen Industriestaaten ist die Inflation über die Zeit gesunken. Die Frage, warum eine positive Inflation als gut angesehen wird, soll hier zunächst außen vor bleiben. Jedenfalls hat sich die Kontrolle der Inflation als die Hauptaufgabe von Zentralbanken herausgestellt. Die Zentralbanken nutzen dabei einen recht indirekten Weg zur Inflationssteuerung indem sie via Leitzins, also dem Zins zu dem sie den Banken Kredite gewähren, die Geldschöpfung für Banken mehr oder weniger attraktiv machen und damit indirekt auch die Geldhaltung mehr oder weniger attraktiv machen. Hieraus ergibt sich dass die Banken bei hohen Zinsen weniger Kredite bereitstellen, dadurch kann weniger Nachfrage finanziert werden und die Inflation sinkt. Umgekehrt würden Banken bei geringer Inflation den Leitzins senken, dadurch könnten Banken zu sehr geringen Kosten Geld schöpfen und würden entsprechend bereitwillig Kredite vergeben, die für Konsum genutzt die Preise steigen lassen würden.

Dass dieser Mechanismus nicht immer funktioniert haben wir in der Weltfinanzkrise beobachten können, als die Banken trotz niedriger Zinsen keine Kredite vergeben wollten, in diesem Fall haben die Zentralbanken auf diesem klassischen Weg keine Handhabe die Inflation zu beeinflussen. Sie haben andere Wege, die aber weitgehend unerprobt sind und dazu weiter unten mehr. Zunächst: GeldPOLITIK

Inflationskontrolle und Geldwertstabilität klingen ja ziemlich nett und sinnvoll und irgendwie auch eher reaktiv als proaktiv. Inwiefern machen denn nun Zentralbanken Politik?

Seit der Antike war Geld auch immer mit Macht verbunden. Münzrecht war nicht umsonst ein sehr wichtiges Recht. Wer ein eigenes Zahlungsmittel hat, kann unabhängiger wirtschaften und ist im Zweifel nicht von Geldentwertung anderer Währungen betroffen. Aber solang die Geldschaffung direkt einem Herrscher unterstand, konnte dieser auch direkt daraus Finanzierung generieren. Indem er direkt von Banken Geld gegen (in der Regel recht wenig zuverlässige) Wechsel quasi zwangsweise lieh. Indem er ein wenig am Warenwert der Münzen drehte und damit bei der Münzprägung einen Gewinn abschöpfte (der Münzgewinn, den es auch heute noch gibt). Mit dem Übergang zu Papiergeld und nur teilweiser Edelmetalldeckung ergab sich zudem für Staaten die Möglichkeit, sich über Geldschöpfung zu refinanzieren, also einerseits in dem Fall die tatsächliche sprichwörtliche Notenpresse, um den Staat selbst mit Geld zu versorgen, andererseits aber auch die bewusste Erhöhung der Inflation, um eine Entwertung der Staatsschulden zu erreichen. Denn Inflation wirkt sich negativ auf Guthaben, aber positiv auf Schulden aus, diese verlieren ja ihren Wert. Da nur der Staat mittels Geldmenge tatsächlich in der Lage ist, Inflation zu diesem Zweck zu schaffen, spricht man hier auch von Inflationssteuer, weil die Sparer durch einen Wertverlust die Schuldenreduktion der Staatsschulden mitfinanzieren. Diese Strategie wurde in der Geschichte vielfach genutzt und hat immer dann, wenn irgendwann offenkundig war, dass die Zentralbank respektive die jeweilige Regierung im Zweifel nicht in der Lage sein würde, die Zahlungsverpflichtungen zu decken zu Hyperinflation und je nach Rahmenbedingungen auch zu Währungskrisen geführt. Das heißt Geldpolitik wurde in diesem Kontext als Instrument der Regierung genutzt, um diese zu finanzieren.

Es hat sich gleichzeitig auch gezeigt, dass die Geldpolitik über eine Ausweitung der Geldmenge oder eine Senkung der Zinsen auch Einfluss auf die Nachfrage nimmt. Indem sie den Banken die Möglichkeit gibt, günstig Kredite zu vergeben, ermöglicht sie auch die Realisation von geplanten Ausgaben, die mit diesen Krediten finanziert werden sollten und erhöht dadurch indirekt die gesamtwirtschaftliche Nachfrage. D.h. die Geldpolitik nimmt gleichzeitig mit der Inflationssteuerung auch Einfluss auf die Konjunktur. Je nach Ausrichtung der jeweiligen Zentralbank kann diese Konjunktursteuerung ein Hauptziel der Geldpolitik sein, oder nur ein Nebenziel. Die Zentralbank kann mit solchen Maßnahmen fiskalpolitische Maßnahmen der Regierung (Konjunkturprogramme) flankieren, ersetzen oder sogar konterkarieren (bspw. wenn die Regierung gerade ihre Ausgaben einschränkt könnte die Zentralbank dies kompensieren). Damit gewinnt die Zentralbank auf einmal eine wirtschaftpolitisch aktive Rolle. Das kann man nun gut oder schlecht finden. In vielen Staaten untersteht die Zentralbank direkt der Regierung und ihre Politik wird mit der sonstigen Wirtschaftspolitik abgestimmt, so z.B. die Fed in den USA, die Konjunktursteuerung als ein gleichwertiges Ziel neben Inflationssteuerung hat. Im Rahmen des Euroraums hingegen steht, laut EZB-Statuten, die Geldwertstabilität über möglichen weiteren Zielen. Die EZB ist unabhängig und untersteht nicht den europäischen Regierungen, sie kann nicht direkt dazu verpflichtet werden konjunkturell einzugreifen und hat dies in der Vergangenheit auch nur zögerlich getan. Dies war auch schon bei der Deutschen Bundesbank so. Allerdings sind natürlich die Meinungen im EZB-Rat durchaus gespalten, wie stark die EZB dann doch in die Wirtschaftspolitik eingreifen sollte und von Seiten der Regierungen wird auch in durchaus beachtlichem Maße Druck auf die EZB ausgeübt. Aber zwingen kann keiner die EZB.

Zusammengefasst: Geldpolitik kann erheblich als wirtschaftspolitisches Instrument genutzt werden, muss sie aber nicht. Es besteht eigentlich immer ein Anreiz für Regierungen, sich Geldpolitik zu Nutze zu machen, vor allem auch, weil sie – im Gegensatz zu Fiskalpolitik – kurzfristig nichts kostet. Allerdings birgt eine stark proaktive Geldpolitik Risiken, insbesondere weil ein mögliches Konjunkturziel einem Inflationsziel entgegen stehen kann.

Und nun zu den Zentralbankchefs, die sich da in Jackson Hole treffen, um gemeinsam die Haare zu raufen. Denn alles was ich bisher zu Geldpolitik schrieb ist in gewisser Weise überholt. Inflationsraten scheinen derzeit überhaupt kein Thema mehr zu sein, die Inflation ist niedrig wie nie. Eine Deflation steht viel mehr als Gespenst im Raum. Und gleichzeitig scheint der Zins-Kredit-Nachfrage-Mechanismus an seine Grenzen gekommen. Die Zinsen in den Industriestaaten sind niedrig wie nie, trotzdem kommt die Geld- und Kreditnachfrage nicht recht in Gang. Der Spielraum der Zentralbank hat hier eine Untergrenze und diese scheint nun erreicht. Und zwar nicht nur vorübergehend, sondern dauerhaft. An nennenswert höhere Zinsen glaubt niemand mehr so recht. Und das stellt Zentralbanker vor ein Problem. Sie sind handlungsunfähig. Daher stelle ich mir dieses Treffen in Jackson Hole recht aufgeregt vor. Es wurde wohl die ein oder andere recht unkonventionelle Maßnahme diskutiert. Es treffen da wohl auch verschiedene Einschätzungen aufeinander, wie ernst die Situation überhaupt zu sehen ist. 

Welche Maßnahmen den Zentralbanken noch bleiben und warum Deflation schlimm sein könnte – das folgt dann im nächsten Post dieser losen Reihe. Ist hier eh schon wieder viel zu lang alles. 

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