Randnotiz: Kein Kampf um die Spitzenposition im Entwicklungshilfe-Business

Diese Sache stand vor drei Wochen schonmal auf der Randnotiz-Kandidatinnen-Liste, wurde dann verpennt und kam nun von allein wieder hoch. Wie praktisch.

Der Posten des Weltbank-Chefs wird turnusgemäß neu besetzt. Das wird hier in Deutschland erst eine Nachricht sein, wenn die Wahl vollzogen ist. Und vermutlich nicht mal dann, denn es zeichnet sich ab, dass der alte Chef, Kim, auch der neue Chef wird. Weil er der einzige Kandidat ist. Das hat Tradition, aber es regt sich Unmut dagegen. Einerseits weil Kim als Person umstritten ist, sein Führungsstil und seine Performance in den letzten fünf Jahren werden kritisch gesehen. Andererseits ist die Mauschelei, die in der Vergangenheit stets der Besetzung der Spitzenpositionen von IWF und Weltbank vorausging auch einfach weder zeitgemäß noch klug.

Es ist seit der Gründung der internationalen Finanzinstitutionen so abgemacht, dass die Weltbankspitze den US-Amerikanern, die IWF-Spitze den Europäern zusteht. Nur haben sich in der Zwischenzeit die Machtverhältnisse in der Welt verschoben und die US-Zentriertheit der Weltbank führt dazu, dass andere regionale Entwicklungsbanken eigene Wege gehen. Die Weltbank ist bestimmend nicht nur als Geldgeber sondern vor allem auch, was ihren Einfluss auf die Gestaltung lokaler Politik in den Entwicklungsländern anbelangt. Das Nominierungsverfahren für den Chefposten der Weltbank müsste also längst ergebnisoffen, merit-based und transparent gehandhabt werden. Das wurde auch beschlossen. Aber de facto war das Verfahren nun auch wieder nur eine Scharade und das Ergebnis stand bereits zuvor fest. Das ist für eine Institution, die Entwicklungshilfezusagen von Demokratisierung abhängig macht ein wenig peinlich. Dabei hätte es andere geeignete und renommierte Kandidaten gegeben. Insbesondere auch Kandidatinnen. Und einen, der es ganz bestimmt nicht machen will.

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Randnotiz der Woche: Zuckermarkt

Dieses Jahr wird das letzte Mal die Zuckerproduktion der europäischen Zuckermarktordnung unterliegen, danach fallen Ende September 2017 die Zuckerproduktionsquoten weg, d.h. die Ernte 2017 wird schon zu den neuen Regelungen auf den Markt kommen müssen. Um diese Reform gab es sehr sehr großen Streit in der EU und großes Gezetere vor allem von Seiten der großen Zuckerproduzenten Nordzucker und Südzucker, die die Profiteure der Zuckermarktregulierung waren. Dass diese sich scheinbar gut mit der Abschaffung arrangiert haben und der Untergang der Zuckerquoten ansonsten erstaunlich sang- und klanglos vonstatten geht, zeigt diese Meldung aus der Braunschweiger Zeitung.

Journalistisch gesehen ist es natürlich etwas banal nur die Branchenriesen zu Wort kommen zu lassen. Allerdings ist der Artikel in seinem Nachbeten von Lobbyverlautbarungen dann gleich wieder entlarvend.  Denn im Wesentlichen erzählen da Nordzucker und Südzucker, dass sich nicht nur nichts an ihrer Produktionsmenge ändern wird, sondern sie gar planen zu exportieren, was bisher nicht so ohne weiteres möglich war. Das ist schon ziemlich Hohn, denn wenn der Wegfall einer Regulierung den Hauptakteuren des Marktes wenig Sorgen macht und sie sich gar höhere Gewinne versprechen, dann ist der Sinn der Regulierungsmaßnahme doch stark ad absurdum geführt. Denn die europäischen Quotenregelungen im Agrarsektor dienten ja, auf dem Papier und historisch gesehen auch in der Realität dazu, eine Autonomie im Ernährungsbereich zu wahren und dafür zu sorgen, dass heimische Produzenten nicht aus dem Markt gedrängt werden und dann im Fall der Fälle keine heimische Nahrungsmittelproduktion mehr da ist. Wenn nun aber die Produzenten augenscheinlich in der Lage sind, auch ohne die Regulierung am Markt zu bestehen und sogar noch zu exportieren. Nun, dann war die ziemlich teure Maßnahme wohl ziemlich wenig notwendig. Denn teuer ist sie, die Zuckerquote. Sie kostete die europäischen Verbraucher jährlich etwa 6 Milliarden Euro, die sich in Form von Subventionen ziemlich direkt in die Taschen von Nord- und Südzucker und ihren französischen und polnischen Kumpels ergossen.

Jetzt ist der Artikel natürlich da auch unsinnig, denn dass die Giganten im Zuckerbusiness im Zweifel auch bei geringen Preisen würden in der Lage sein, sich am Markt zu halten, das war schon länger klar. Viel fragwürdiger ist, ob man vom Zuckerrübenanbau noch wird leben können. Denn bei geringerem Marktpreis werden die Zuckerfabrikanten den Preis der Rüben drücken. Und das können sie, weil sie Nachfragemonopolisten sind und die Bauern keine Wahl haben, als an sie zu verkaufen.

Besonders wundervoll unsinnig ist natürlich der Satz, dass ausländische Konkurrenz nicht zu befürchten sei, da der Zuckerpreis in der EU ja derzeit unterhalb des Weltmarktpreises liege. Da fragt man sich schon, ob der Pressemensch so dumm ist, oder so dumm tut. Natürlich ist der Zuckerpreis unterhalb des Weltmarktpreises – er ist ja subventioniert genau um unterhalb dem der Konkurrenz zu liegen. Die Subvention wird aus Zöllen auf Importzucker bezahlt (zumindest teilweise), der damit praktischerweise auch teurer erscheint als er ist. In Wirklichkeit jedoch ist Rohrzucker ca 1/3 so teuer in der Produktion wie Rübenzucker und selbst wenn man Transportkosten berücksichtigt, sind Zuckerimporte hoch-konkurrenzfähig, wenn sie dann nicht mehr bezollt und die heimische Produktion nicht mehr subventioniert wird. Wenn Nord- und Südzucker unter den Bedingungen immernoch exportieren werden können, sagt das so einiges über ihre jetzige Gewinnspanne aus, und damit natürlich auch über die Unsinnigkeit der Regulierung in den letzten Jahren bis Jahrzehnten. Und natürlich kann man gegen Rohrzucker sowohl Umwelt- als auch ethische Bedenken haben, keine Frage, aber Rohrzucker bleibt eben die deutlich überlegene Zuckerproduktionstechnologie und auch der Zuckerrübenanbau ist Monokultur deluxe, mit ordentlich Düngereinsatz und die Rübenzuckerproduktion ist extrem energie-intensiv. Wer also ethisch sauber handeln will, kauft Bio-Rohrzucker aus nachhaltiger Pflanzung und fair gehandelt.

Anekdotische Evidenz: Vom Hintertür-Sexismus in den Wirtschaftswissenschaften

Ausgerechnet jetzt, wo ich gar nicht mehr selbst in den Wirtschaftswissenschaften arbeite, kam beruflich eine Diskussion auf, die ich so ähnlich schon vor fast einem Jahr auf meiner Geburtstagsparty mal führte. Nämlich die Frage des Stands der Gleichberechtigung in den Wirtschaftswissenschaften. Lassen wir dabei mal kurz die Quote für DAX-Vorstände außer acht, da will ich erst gar nicht mit anfangen. Bleiben wir mal bei Wiwi als wissenschaftliche Disziplin.

Ich habe da schon länger eine auf anekdotischer Evidenz basierende Privatvermutung. Die besagt, dass gerade in Wiwi Gleichstellung sich oft ins Gegenteil verkehrt, also eher gegen die Frauen als für sie arbeitet. Auf einer Party im letzten Jahr diskutierte ich das mit anwesenden MINT-Menschen und in den letzten Tagen tauchte es in einigen beruflichen Gesprächen unverhofft wieder auf.

Also meine Erfahrung ist etwa diese:

Wirtschaftswissenschaften sind auf dem Papier ein zunächst relativ egalitäres Fach. Im Studium liegt der Anteil der Frauen bei um die 50%, je nach Studiengang auch darüber. Auch bei Doktorandinnen sieht es zumindest noch nicht vollkommen düster aus, hier ist der Frauenanteil zumindest noch bei über 30%, wiederum etwas abhängig vom Standort und den dortigen Schwerpunkten. Darüber kommt dann die gläserne Decke, der Professorinnenanteil ist aber in jüngster Zeit fast bei 20%.* Soweit so gut. Oder eben nicht. Die Tatsache, dass die Anzahl der Professorinnen auch in Wiwi eher überschaubar ist, wird meist großzügig ignoriert zugunsten eines „ist doch alles schick hier bei uns in Sachen Frauenförderung“-Gefühls, dass sich aus dem großen Anteil weiblicher Studierender speist und aus der Feststellung, dass ja im MINT-Bereich alles noch viel mehr im Argen liegt. Und so werden Maßnahmen der Gleichstellung belächelt bis offen als überflüssig dargestellt, oft sogar als Übervorteilung. Und gleichzeitig wird aber zu jeder passenden und unpassenden Gelegenheit betont, dass Frauen es ja ach so toll haben „heutzutage“. Also eine hört Dinge wie „Sie als Frau haben ja besonders gute Chance die Förderung einzuwerben.“ oder „Gerade für junge Frauen sind die Chancen ja nun wirklich exzellent.“ und auch „Wir haben schließlich drei (!!) Professorinnen an der Fakultät, vorbildlich, nicht wahr?“ Dass die angeblich bevorzugte Drittmittelvergabe an Frauen Unsinn ist, kann man z.B. aus DFG-Statistiken recht einfach herausfinden und wo die Chancen für Frauen besonders übermäßig sein sollen, ist mir nicht ganz klar. Denn dem stehen dann sehr viele Erfahrungen eher informeller Situationen gegenüber, wie etwa am Rande von Gremiensitzungen, in Berufungskommissionen oder auch mal auf akademischen Feiern. Wo großen Beschwerden geführt werden über unzumutbare Frauenquote im neuen Hochschulgesetz. Wo offen die weibliche Vertreterin des Mittelbaus während sie dabei steht als „Quotenfrau“ bezeichnet wird. Wo kein Hehl daraus gemacht wird, dass eine als Frau in der Berufungskommission sitzt, damit keine doofen Fragen kommen, wenn der Mann berufen wird, der bereits vor dem Verfahren feststand. Und wo bei der zu diskutierenden Frage, ob eine Kandidatin ohne Auflagen zur Promotion zugelassen wird im jovialen Tonfall nach deren Haarfarbe gefragt wird. Und dann mag eine nicht mehr recht daran glauben, dass einer jungen Frau ja heute alle Tore offen stehen in der akademischen Welt.

Nun ist dies alles, wenn auch nicht meine alleinige Erfahrung, dennoch nur anekdotische Evidenz. Die Wahrnehmung, dass in der Wirtschaftswissenschaft ein eher frauenfeindliches Klima herrscht, das sich aus „bei uns ist eh schon alles paritätisch und trotzdem werden wir durch Quoten und Gleichstellungsmaßnahmen drangsaliert“ speist, ist zunächst ja nur meine und die einiger Kolleginnen. Allerdings scheint dies zumindest nicht standortbezogen zu sein. Inzwischen habe ich doch – meist ungefragt – sehr ähnliche Geschichten von anderen Frauen und anderen Unis gehört. Und mir scheint das tatsächlich eine Frage des Problembewusstseins. Während in MINT-Fächern der Bedarf von Frauenförderung augenfällig ist, nehmen die Wirtschafts- und Sozialwissenschaften diesen nicht wahr, wischen ihn mit einer Handbewegung weg. Und zwar nicht nur alte Professorenherren, sondern auch junge neue Doktorandinnen und auch Professorinnen. Die Wiwi empfindet sich als ganze als egalitäres Fach und anderslautende Erfahrungen werden als persönliche Einzelfälle empfunden. Daher noch einmal deutlich: Ein Professorinnenanteil von 18% ist nicht egalitär. Es ist statistisch wenig wahrscheinlich, dass es so viel weniger geeignete Frauen als Männer gibt, wenn unter den Studiumsabsolventinnen der Anteil der Frauen bei 50% und unter den Promovierenden der Anteil bei 35% liegt. Es mag durchaus sein, dass sich weniger Frauen als Männer auf Professuren bewerben. Auch dass sich weniger Frauen als Männer für eine Promotion in Wiwi entscheiden. Aber dafür gibt es Gründe. Und diese Gründe sollte eine Disziplin, die so wie fast jede akademische Disziplin in diesem Land  eher händeringend akademischen Nachwuchs sucht, nicht einfach im Dunkeln lassen. Die Beweggründe von Frauen, sich gegen eine akademische Karriere zu entscheiden, mögen vielschichtig sein. Individuelle Erfahrungen von Sexismus (auch benevolentem) und Diskriminierung (auch nicht vorsätzlicher) werden sehr wohl hieran einen Anteil haben.

 

*Alle Zahlen für Universitäten in NRW. Quelle: Netzwerk Frauen- und Geschlechterforschung NRW Statistikportal.

Randnotiz der Woche: Gender-Renten-Gap-Kompensation in der Schweiz

Die Schweiz wird in Zukunft die aus dem unerklärten Teil des Gender Pay Gaps sich ergebende Rentenlücke von Frauen aus Steuermitteln kompensieren. Diese Nachricht erfuhr ich nicht in irgendeinem Wirtschaftsteil irgendeiner Zeitung. Sondern in diesem Artikel in Ökonomenstimme.  

Der Artikel selbst hat bei mir für eine gepflegte Portion Wut gesorgt. Die Argumentation „jaaaa, der unerklärte Teil lässt sich ja auf sozioökonomische Faktoren und spezifische Berufs-Erfahrung zurückführen“ ändert ja nix daran, dass offenbar genau die sozioökonomischen Faktoren nachteilig sind, die vor allem Frauen treffen. Und dass Frauen im Mittel weniger Jahre Berufserfahrung mitbringen liegt ja auch nicht daran, dass sie Frauen sind, sondern dass sie Care-Aufgaben übernommen haben oder aufgrund gesellschaftlicher Strukturen, die sich in steuerlichen Anreizen niedergeschlagen haben zugunsten der „Karriere“ ihres Mannes auf Vollzeit-Berufstätigkeit verzichtet haben. 
Und während es bei den heute Berufstätigen natürlich besser wäre das Steuersystem so zu gestalten, dass sich eine äquivalente Verteilung der gemeinsamen Arbeitszeit zwischen den Ehepartnern lohnt und auf eine Veränderung der Gesellschaftsstruktur hinzuwirken, so dass Care-Aufgaben nicht per default Frauen-Aufgaben sind und dass eine erfolgreiche Berufskarriere nicht impliziert, dass ein/e Partner/in „den Rücken frei hält“, so ist das für heutige Rentnerinnen eben keine Option mehr. 
Über Details der Kompensation in der Rente kann da gestritten werden und auch in welchen Fällen eine Kompensation sinnvoll ist, weil der Lohnausfall aufgrund einer gesellschaftlich wünschenswerten Aufgabe da ist. Aber die Lohnlücke, auch die unerklärte, zu nivellieren indem man sagt “ ja die haben halt einfach weniger gearbeitet“ ist etwa so durchdacht wie zu sagen „nein, Krankheiten braucht man nicht behandeln, wenn man weiß welcher Erreger sie auslöst“.

Geldpolitik am Rande des Nervenzusammenbruchs

Diese Woche trafen sich die Zentralbank-Chefs zum traditionellen Treffen in Jackson Hole. Da muss ich mich sputen, um diesen schönen Aufhänger zur Fortsetzung des „Geld“-Artikels nicht zu verpassen.

Also nachdem ich letzte Woche ja erläuterte, dass Geld ganz ohne Zentralbanken auch ganz prima funktioniert, kommt ein wenig die Frage auf: Wozu sind denn Zentralbanken da?

Zentralbanken sind die Hüter gesetzlicher Zahlungsmittel und Währungen. Indem ein Staat eine Währung als allgemein anerkanntes Zahlungsmittel einsetzt, übernimmt er auch als Aufgabe, den Wert dieses Zahlungsmittels sicherzustellen.  Das heißt, der Staat garantiert, dass das Zahlungsmittel auch in der Zukunft noch allgemein anerkannt und wertstabil ist. Folglich wird die Absicherung gegen Fälschungen, das Aus-dem-Verkehr ziehen von Fälschungen und die Überwachung des Wertes vom Staat übernommen, wenn es sich beim jeweiligen Geld eben um ein gesetzliches und nicht nur um irgendein Zahlungsmittel handelt. Historisch gesehen war das vor allem die Kontrolle von Münzen. Als dann auch Papiergeld zum staatlichen Zahlungsmittel wurde, entstanden Zentralbanken, zunächst einfach als Ort, wo das Gold, dass die Deckung der Währung darstellte gelagert wurde und Instanz, die im Zweifel den Tausch des Geldes gegen Gold zusicherte. Die Abkehr von Warengeld und Metalldeckung hin zu Fiatgeld brachte neue Aufgaben für die Zentralbanken mit sich. Nun ging es darum, die Geldmenge bereitzustellen, die benötigt wurde, die Banken zu beaufsichtigen oder zu kontrollieren und dafür zu sorgen, dass das Vertrauen in das Zahlungsmittel erhalten blieb.

Das heißt, Zentralbanken sind heute eigentlich in erster Linie Vertrauensinstitute. Sie stehen dafür, dass jemand aufpasst, dass niemand ungebremst das Geld in Umlauf bringt, dass die Banken ihre Rücklageverpflichtung einhalten und somit ihre Zahlungsverpflichtungen einhalten können (Das macht auch die bankenaufsicht, aber das ginge jetzt zu sehr ins Detail). Nach den Erfahrungen der Hyperinflation in Deutschland und der great depression in den USA hat sich gezeigt, dass eine wichtige Komponente von Geldwertstabilität die Kontrolle von Inflation ist. Dabei ist das Ziel nicht Nullinflation sondern moderate Inflation. Und was nun moderate Inflation ist, da hat sich die Ansicht durchaus mit der Zeit geändert. Während in der Nachkriegszeit alles unter 10% schon traumhaft niedrig war, liegt der Zielwert der EZB heute bei leicht unter 2%. In fast allen Industriestaaten ist die Inflation über die Zeit gesunken. Die Frage, warum eine positive Inflation als gut angesehen wird, soll hier zunächst außen vor bleiben. Jedenfalls hat sich die Kontrolle der Inflation als die Hauptaufgabe von Zentralbanken herausgestellt. Die Zentralbanken nutzen dabei einen recht indirekten Weg zur Inflationssteuerung indem sie via Leitzins, also dem Zins zu dem sie den Banken Kredite gewähren, die Geldschöpfung für Banken mehr oder weniger attraktiv machen und damit indirekt auch die Geldhaltung mehr oder weniger attraktiv machen. Hieraus ergibt sich dass die Banken bei hohen Zinsen weniger Kredite bereitstellen, dadurch kann weniger Nachfrage finanziert werden und die Inflation sinkt. Umgekehrt würden Banken bei geringer Inflation den Leitzins senken, dadurch könnten Banken zu sehr geringen Kosten Geld schöpfen und würden entsprechend bereitwillig Kredite vergeben, die für Konsum genutzt die Preise steigen lassen würden.

Dass dieser Mechanismus nicht immer funktioniert haben wir in der Weltfinanzkrise beobachten können, als die Banken trotz niedriger Zinsen keine Kredite vergeben wollten, in diesem Fall haben die Zentralbanken auf diesem klassischen Weg keine Handhabe die Inflation zu beeinflussen. Sie haben andere Wege, die aber weitgehend unerprobt sind und dazu weiter unten mehr. Zunächst: GeldPOLITIK

Inflationskontrolle und Geldwertstabilität klingen ja ziemlich nett und sinnvoll und irgendwie auch eher reaktiv als proaktiv. Inwiefern machen denn nun Zentralbanken Politik?

Seit der Antike war Geld auch immer mit Macht verbunden. Münzrecht war nicht umsonst ein sehr wichtiges Recht. Wer ein eigenes Zahlungsmittel hat, kann unabhängiger wirtschaften und ist im Zweifel nicht von Geldentwertung anderer Währungen betroffen. Aber solang die Geldschaffung direkt einem Herrscher unterstand, konnte dieser auch direkt daraus Finanzierung generieren. Indem er direkt von Banken Geld gegen (in der Regel recht wenig zuverlässige) Wechsel quasi zwangsweise lieh. Indem er ein wenig am Warenwert der Münzen drehte und damit bei der Münzprägung einen Gewinn abschöpfte (der Münzgewinn, den es auch heute noch gibt). Mit dem Übergang zu Papiergeld und nur teilweiser Edelmetalldeckung ergab sich zudem für Staaten die Möglichkeit, sich über Geldschöpfung zu refinanzieren, also einerseits in dem Fall die tatsächliche sprichwörtliche Notenpresse, um den Staat selbst mit Geld zu versorgen, andererseits aber auch die bewusste Erhöhung der Inflation, um eine Entwertung der Staatsschulden zu erreichen. Denn Inflation wirkt sich negativ auf Guthaben, aber positiv auf Schulden aus, diese verlieren ja ihren Wert. Da nur der Staat mittels Geldmenge tatsächlich in der Lage ist, Inflation zu diesem Zweck zu schaffen, spricht man hier auch von Inflationssteuer, weil die Sparer durch einen Wertverlust die Schuldenreduktion der Staatsschulden mitfinanzieren. Diese Strategie wurde in der Geschichte vielfach genutzt und hat immer dann, wenn irgendwann offenkundig war, dass die Zentralbank respektive die jeweilige Regierung im Zweifel nicht in der Lage sein würde, die Zahlungsverpflichtungen zu decken zu Hyperinflation und je nach Rahmenbedingungen auch zu Währungskrisen geführt. Das heißt Geldpolitik wurde in diesem Kontext als Instrument der Regierung genutzt, um diese zu finanzieren.

Es hat sich gleichzeitig auch gezeigt, dass die Geldpolitik über eine Ausweitung der Geldmenge oder eine Senkung der Zinsen auch Einfluss auf die Nachfrage nimmt. Indem sie den Banken die Möglichkeit gibt, günstig Kredite zu vergeben, ermöglicht sie auch die Realisation von geplanten Ausgaben, die mit diesen Krediten finanziert werden sollten und erhöht dadurch indirekt die gesamtwirtschaftliche Nachfrage. D.h. die Geldpolitik nimmt gleichzeitig mit der Inflationssteuerung auch Einfluss auf die Konjunktur. Je nach Ausrichtung der jeweiligen Zentralbank kann diese Konjunktursteuerung ein Hauptziel der Geldpolitik sein, oder nur ein Nebenziel. Die Zentralbank kann mit solchen Maßnahmen fiskalpolitische Maßnahmen der Regierung (Konjunkturprogramme) flankieren, ersetzen oder sogar konterkarieren (bspw. wenn die Regierung gerade ihre Ausgaben einschränkt könnte die Zentralbank dies kompensieren). Damit gewinnt die Zentralbank auf einmal eine wirtschaftpolitisch aktive Rolle. Das kann man nun gut oder schlecht finden. In vielen Staaten untersteht die Zentralbank direkt der Regierung und ihre Politik wird mit der sonstigen Wirtschaftspolitik abgestimmt, so z.B. die Fed in den USA, die Konjunktursteuerung als ein gleichwertiges Ziel neben Inflationssteuerung hat. Im Rahmen des Euroraums hingegen steht, laut EZB-Statuten, die Geldwertstabilität über möglichen weiteren Zielen. Die EZB ist unabhängig und untersteht nicht den europäischen Regierungen, sie kann nicht direkt dazu verpflichtet werden konjunkturell einzugreifen und hat dies in der Vergangenheit auch nur zögerlich getan. Dies war auch schon bei der Deutschen Bundesbank so. Allerdings sind natürlich die Meinungen im EZB-Rat durchaus gespalten, wie stark die EZB dann doch in die Wirtschaftspolitik eingreifen sollte und von Seiten der Regierungen wird auch in durchaus beachtlichem Maße Druck auf die EZB ausgeübt. Aber zwingen kann keiner die EZB.

Zusammengefasst: Geldpolitik kann erheblich als wirtschaftspolitisches Instrument genutzt werden, muss sie aber nicht. Es besteht eigentlich immer ein Anreiz für Regierungen, sich Geldpolitik zu Nutze zu machen, vor allem auch, weil sie – im Gegensatz zu Fiskalpolitik – kurzfristig nichts kostet. Allerdings birgt eine stark proaktive Geldpolitik Risiken, insbesondere weil ein mögliches Konjunkturziel einem Inflationsziel entgegen stehen kann.

Und nun zu den Zentralbankchefs, die sich da in Jackson Hole treffen, um gemeinsam die Haare zu raufen. Denn alles was ich bisher zu Geldpolitik schrieb ist in gewisser Weise überholt. Inflationsraten scheinen derzeit überhaupt kein Thema mehr zu sein, die Inflation ist niedrig wie nie. Eine Deflation steht viel mehr als Gespenst im Raum. Und gleichzeitig scheint der Zins-Kredit-Nachfrage-Mechanismus an seine Grenzen gekommen. Die Zinsen in den Industriestaaten sind niedrig wie nie, trotzdem kommt die Geld- und Kreditnachfrage nicht recht in Gang. Der Spielraum der Zentralbank hat hier eine Untergrenze und diese scheint nun erreicht. Und zwar nicht nur vorübergehend, sondern dauerhaft. An nennenswert höhere Zinsen glaubt niemand mehr so recht. Und das stellt Zentralbanker vor ein Problem. Sie sind handlungsunfähig. Daher stelle ich mir dieses Treffen in Jackson Hole recht aufgeregt vor. Es wurde wohl die ein oder andere recht unkonventionelle Maßnahme diskutiert. Es treffen da wohl auch verschiedene Einschätzungen aufeinander, wie ernst die Situation überhaupt zu sehen ist. 

Welche Maßnahmen den Zentralbanken noch bleiben und warum Deflation schlimm sein könnte – das folgt dann im nächsten Post dieser losen Reihe. Ist hier eh schon wieder viel zu lang alles.