We are all doomed … Was Ökonomen über die Folgen des Brexit wissen (4)

Dies ist ein Reblogging. Der Post erschien ursprünglich auf siebenhundertsachen.wordpress.com am 27.Juli 2016

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Die Fortsetzung dieser Reihe ist durch den Anschlag in Nizza und den Putschversuch in der Türkei etwas ins Hintertreffen gekommen. Der Brexit ist so schnell schon zu News von vorgestern geworden, dass einem ganz schwindelig werden kann. Aber eigentlich war ich noch nicht ganz fertig.

Kaum schreibt man mal einige Tage nicht über den Brexit, schon überschlagen sich auf der Insel die Ereignisse. Ich denke mit Theresa Mays Regierungsumbildung ist recht klar, dass die Kosten des Brexit durch eine breite Belastung der Bevölkerung z.B. durch Mehrwertsteuer oder Abbau von Arbeitnehmerrechten finanziert werden werden.

Aber bleiben wir bei der systematischen Herangehensweise und versuchen mal in die unklare Zukunft zu blicken. Es gibt eine Handvoll Studien, die den Brexit innerhalb des letzten Jahres, also ohne Kenntnis des Abstimmungsergebnisses, simuliert haben. Die Studien kommen zu sehr unterschiedlichen Abschätzungen des Gesamtergebnisses, auch weil sie sehr unterschiedliche Rahmenbedingungen nach dem Austritt unterstellen. Zusätzlich sind langfristige Wirtschaftsprognosen aufgrund der stark interdependenten Struktur der Wirtschaft, der weitgehenden Irrationalität der Marktteilnehmer und der wenig verlässlichen Prognose wichtiger Preise wie etwa des Ölpreises ohnehin mit sehr viel Vorsicht zu genießen. Allerdings sind sich alle einigermaßen seriösen Studien einig, dass sich eine mittel- und langfristige wirtschaftliche Schwächung Großbritanniens und auch ein negativer Effekt für andere EU-Staaten ergibt. Nicht eine Studie findet einen positiven Gesamteffekt. Üblicherweise unterstellen die Studien verschiedene Szenarien in denen sie eine unterschiedlich starke Integration des Vereinigten Königreichs mit dem EU-Binnenmarkt simulieren. Es wird in der Regel davon ausgegangen, dass die Austrittsverhandlungen und damit die unmittelbare Unsicherheit bis ca. 2019 anhalten und sich hieran dann nochmal 2-4 Jahre anschließen in denen Großbritannien neue Handelsabkommen mit der EU und den 58 Ländern, mit denen die EU Handelsabkommen hat, schließen muss. Erst ca. 2023 tritt dann die neue Struktur in Kraft, die meisten Studien simulieren das Endgleichgewicht in 2030. Das ist eine geradezu aberwitzig lange Anpassungsperiode – denn letztlich heißt das: Experten gehen davon aus, dass die dann vermutlich immer noch schlechtere oder zumindest nicht bessere Situation in UK 14 Jahre braucht, um sich zurecht zu ruckeln. Bis dahin ist damit zu rechnen, dass es erstmal sehr viel schlechter ist. 14 Jahre. Das ist länger als Deutschland nach der Wiedervereinigung und Europa nach dem Krieg für den Aufholprozess gebraucht hat. So pessimistisch sind Ökonomen tatsächlich wirklich selten.

Es kursieren in der Presse einige Zahlen wie „der Austritt würde jeden britischen Haushalt pro Jahr 780 Pfund kosten“. Solche Zahlen sind ausgemachter Unsinn. Wir können keine Zahlen in Geldeinheiten prognostizieren. Wir können immer nur sogenannte ceteris paribus-Aussagen treffen. D.h. ein ökonomisches Modell kann an einer Schraube drehen, hier an der Beziehung zur EU, muss aber unterstellen, dass der gesamte Rest des Systems sich nicht ändert oder zumindest entlang einer zusätzlich festgelegten Prognose. Alle Änderungen, die wir ausgeben können sind also relativ zu einem Referenzpfad, den wir aber auch nicht mit Sicherheit kennen. Wir wissen nicht, wo die britische Wirtschaft 2030 stünde, hätte das Referendum nicht stattgefunden, wir werden diesen Pfad auch nicht mehr beobachten können, wir können aber nur sagen um wieviel Prozent sie nun ca. unter diesen Pfad gelangen werden. Ich denke es wird klar, dass konkrete Geldbeträge in diesem Kontext einfach nur als glatte Lügen auszulegen sind. Leider sind konkrete Geldbeträge genau das was sowohl Politiker als auch Medien dringend von Volkswirten haben wollen.

Nun… wo stünden wir also, wenn wir unterstellen, dass die Briten aus der EU aus und dann in ein neues Handelsregime eintreten 2030 gegenüber dem imaginären Business-as-Usual 2030? Einigermaßen zuverlässig wird davon ausgegangen, dass der Verlust in Prozent des Bruttoinlandsprodukts pro Kopf zwischen 1 und 3% pro Jahr über die Jahre 2016-2030 liegen wird und selbst die optimistischeren Studien gehen 2030 noch etwa von zwischen -0,3 und -0,5% des BIP/Kopf aus. Die Simulationen sehen für Irland einen fast ebenso stark negativen Effekt voraus, in eingen Studien gar stärker. Für die anderen EU-Staaten liegen die Verluste bei unter 1% des BIP allerdings eben auch pro Jahr über mindestens die nächsten 14 Jahre. Der EU27-Schnitt liegt je nach Studie zwischen -0,10% und -0,5%, dabei sehen die Studien Deutschland im Mittelfeld bei den Verlusten, hinter Staaten wie Luxemburg und Belgien.

gdp_capita_uk

Ist das wenig oder viel? Für eine ökonomische Langzeitprognose ist das immens. Solche Ergebnisse finden Modellierer nur sehr selten. In der Realität? Das britische BIP pro Kopf ist im Mittel der letzten 50 Jahre um ca 2-3% pro Jahr gewachsen, wie in allen Industriestaaten flacht sich diese Entwicklung ab. Wir reden hier also von gut und gerne einer Halbierung des Wachstums über ungefähr 15 Jahre. Das ist eine wirklich bedenkliche Prognose.

Woher kommt das? Wohin verschwindet denn das Geld? Ganz grob gesagt, gibt es da zwei bis drei wesentliche Punkte.

  1. Investitionsrückgang

Wie sich bereits andeutet, ziehen sich Investoren aus dem UK zurück. Hieraus ergibt sich ein geringerer Kapitalstock, d.h. eine Reduktion der Produktionsmöglichkeiten. Es ist zudem davon auszugehen, dass sich mit internationalen Unternehmen tendenziell die produktivsten Unternehmen zurückziehen, wodurch zusätzlich die Produktivität, auch des verbliebenen Kapitals, geringer ist als zuvor. Dieser Ausfall an Investitionen soll, so die Strategie der Brexit-Kampagne, kompensiert werden, indem die Unternehmenssteuern massiv gesenkt werden, um den Standort für Investoren attraktiver zu machen. Dieser Prozess, neue Investoren, potenziell aus anderen Ländern zu attrahieren, wird allerdings Zeit benötigen und es ist offen, ob eine vollständige Kompensation überhaupt gelingt. Schon jetzt absehbar ist, dass diese Investitions-Strategie definitiv zulasten der ärmeren Haushalte gehen wird, einerseits weil die Kompensation der Ausfälle bei der Unternehmenssteuer mit hoher Wahrscheinlichkeit mittels einer wenig abwälzbaren Steuer wie Mehrwertsteuer oder anderer Konsumsteuern erfolgen wird und andererseits weil auch schon die Rede davon ist, dass eine Abschaffung der europäischen Standards was Arbeitsrecht, Arbeitsschutz, Diskriminierungsschutz und Umweltstandards anbelangt auch dazu beitragen könnte, den Standort für Unternehmen attraktiver zu machen.

2. Handelseinbruch und -struktur

Auf jeden Fall sobald Großbritannien aus dem Binnenmarkt ausscheidet, wird es zu einem erheblichen Einbruch des Handels mit der EU kommen. Sollte die EU ihren Außenzoll auf britische Exporte erheben, würden britische Produkte erheblich teurer werden. Gleichzeitig würden auch europäische Produkte in Großbritannien teurer. Es kann sogar sein, dass ein Teil dieses Effektes sich vorwegnimmt, vor allem im Bereich der importierten Vorprodukte. Firmen schließen in der Regel längerfristige Verträge mit Zulieferern. wenn also ein deutsches Unternehmen bisher britische Vorprodukte verbaut und nicht sicher sein kann, ob diese irgendwann in den nächsten Jahren bezollt werden, dann wird es auch jetzt schon bei Abschluss eines neuen Vertrages einen anderen Zulieferer z.B. aus Spanien oder Portugal suchen, und mit diesem den nächsten Vertrag schließen. Die Importe aus Großbritannien brechen also schon ein, selbst wenn gar nicht klar ist, ob jemals ein Zoll auf britische Produkte erhoben wird.

Bisher macht der Handel mit der EU ca. 40% des britischen Gesamthandels aus. Das ist weniger als z.B. für Deutschland, das über 50% seines Handels mit der EU tätigt, aber es ist ein sehr großer Posten. Diesen Handel müsste die britische Wirtschaft teilweise ersetzen. Entweder indem mehr Import-Substitute heimisch hergestellt werden und mehr heimisch konsumiert würde, oder indem es mehr mit Drittländern handelt. Dies ist nicht ganz trivial möglich. Die Wirtschaft moderner Industriestaaten ist spezialisiert, Großbritannien kann nicht einfach Güter, die es bisher aus Deutschland kauft ab morgen aus Azerbaidjan kaufen. Umgekehrt werden auch die Güter, die Großbritannien exportiert, nicht sofort und ohne Umstellungskosten Abnehmer in Puerto Rico finden. D.h. eine Umstellung des Handels auf andere Partner hat auch eine Umstellung der Struktur des Handels zufolge. Zudem erfordert auch dies Zeit und geht nicht ohne Kosten über die Bühne. Und Anpassungskosten heißt nicht, dass einfach irgendwer irgendwem Geld überweist. Es heißt, dass Unternehmen pleite gehen, die sich auf Produkte für den europäischen Markt spezialisiert hatten und dass neue Unternehmen gegründet werden, die nun andere Dinge für den außereuropäischen Markt produzieren. Und nicht zwangsläufig die gleichen Arbeitskräfte benötigen, die vorher benötigt wurden. Wenn also der neue Brexit-Minister sich hinstellt und in das Internet schreibt, dass Großbritannien ganz bestimmt ohne die Last der Langsamkeit der europäischen Union ganz schnell ganz tolle Handelsbeziehungen mit allen hat, dann ist das dumm, naiv oder eine Lüge.

Und dann gibt es noch ein Sahnehäubchen. Selbst unter der Annahme, dass irgendwann 2025 alle Investoren und alle Handelsbeziehungen wieder etwa vom Umfang den heutigen entsprechen, heißt das noch nicht, dass dann auch genausoviel produziert und genausoviel Einkommen bezahlt wird. Industrieländer handeln und investieren mit anderen Industrieländern in der Regel horizontal, d.h. auf der gleichen Produktionskomplexitätsstufe, vielmals sogar innerhalb ein- und derselben Branche. Großbritannien z.B. handelt mit der EU, insb. mit Deutschland KfZ-Teile. Und zwar in beide Richtungen. Ein Teil der Teile für deutsche wie britische Autos wird in Deutschland hergestellt, ein Teil in Großbritannien und wir tauschen das quasi. Gleiches gilt für fast jedes komplexere Industrieprodukt. Dieser Handel ist deshalb vorteilhaft, weil es Spezialisierungsgewinne gibt, also eine größere Menge kostengünstiger produziert werden kann, wir wissen aber heute auch, dass sich Handel etabliert und Nutzen stiftet weil zusätzlich Vielfalt geschaffen wird und – und das ist hier entscheidend – die Durchschnittsproduktivität der Wirtschaft steigt. Das mit der Vielfalt lassen wir mal kurz weg. Entscheidend ist, von den Unternehmen eines Landes werden sich nur die produktiveren trauen, auch im Ausland anzubieten und nur die produktivsten werden Niederlassungen im Ausland eröffnen können, einfach deshalb, weil die Öffnung zum internationalen Markt eine Vervielfachung der Konkurrenz bedeutet. Dadurch, dass der Handel zu Effizienzgewinnen führt, können dann die ohnehin produktiveren Unternehmen ihren Marktanteil ausdehnen, wodurch insgesamt die Produktivität der Branche steigt. Dieser Mechanismus gilt aber eben vor allem für horizontalen Handel und horizontale Direktinvestitionen, also innerhalb einer Branche und eine Verarbeitungsstufe. Wenn wir das jetzt umkehren und davon ausgehen, das Großbritannien durch eine Abkehr von der EU fast zwangsläufig vermehrt mit Industrie- und Schwellenländern handeln wird mit denen es eben dann vollkommen verschiedene Güter tauschen muss (Kleidung gegen Autos oder so), dann sinkt in den Gütern, die Großbritannien anbietet die Produktivität. Einerseits, wegen des oben beschriebenen Mechanismus über die Konkurrenz und andererseits weil es nicht von Spezialisierungsgewinnen innerhalb seiner Branchen profitiert. Das passiert nicht von heute auf morgen  aber es sorgt dafür dass mittel- bis langfristig der Gewinn aus dem Handel geschmälert wird.

Und dann noch die Vielfalt on top: Es ist inzwischen recht klar erwiesen, dass die Verfügbarkeit von mehr Varianten ein- und desselben Gutes uns glücklicher macht. D.h. wir finden es per se gut, neben deutschen Autos auch noch die Wahl zwischen französischen, britischen, koreanischen und was weiß ich was für Autos zu haben. Durch die Abkehr von einem bisher für die Briten wichtigen Importmarkt, nämlich der EU, werden die Varianten aller Güter, die aus der EU kommen teurer und z.T. vielleicht zu teuer, d.h. die Auswahl sinkt. Das ist zusätzlich zu allem anderen dann auch noch doof.

3. Hysterese

Schon bei Handel und Investitionen wurde klar, dass eine Veränderung der Struktur der Investitionsflüsse und des Handels Großbritannien auch langfristig auf einen niedrigeren Wachstumspfad führen könnte. Ein weiterer Effekt der hier zu nennen ist, ist Hysterese. Ganz kurz gesagt besagt Hysterese, dass in einer Rezession Produktionspotential vernichtet wird, das dann für immer weg ist. Konkreter bezieht der Effekt sich primär auf Arbeitskräfte. Wir beobachten für EU-Länder das Phänomen, das auf jede Rezession ein Anstieg des Anteils der Langzeitarbeitslosen folgt. Der vermutete Mechanismus dahinter ist, dass diejenigen, die ursprünglich aufgrund einer eigentlich vorübergehenden schlechten Konjunktur ihren Job verloren haben, in der darauffolgenden Aufschwungphase nicht in den Arbeitsmarkt zurückfinden, weil sie in einer schneller sich verändernden Arbeitswelt den Anschluss verpassen. Hysterese ist ein umstrittenes Phänomen und scheint länderspezifisch zu sein, ein Nachweis für die USA ist bisher nicht gelungen, für Deutschland haben wir einigermaßen gesicherte Hinweise. Das Konzept lässt sich abgewandelt auch auf Kapital übertragen. In vielen Bereichen werde ich eine einmal stillgelegte Industrieanlage in 5 Jahren nicht mehr gewinnversprechend in Betrieb nehmen können, weil die Technologie sich überholt hat und 5 Jahre kontinuierliche Nachinvestition fehlen. Entsprechend wird die erwartbare tiefe Rezession der nächsten 2-3 Jahre unter Umständen dazu führen, das ein Teil der Arbeitskräfte und des Kapitals auch dauerhaft verloren sind, was einen langfristigen Effekt auf das mögliche Wachstum der britischen Wirtschaft haben dürfte.

Weitere Punkte, die ich nicht näher erläutern möchte wäre der Verlust an Arbeitskräften bei Beschränkung der Migration, der geringere Anschluss an technologische Entwicklungen in den europäischen Ländern und der Effekt auf den Staatshaushalt, der zu einem Rückgang der staatlichen Investitionen und auch der Ausgaben für Sozialsysteme, Bildungssystem und anderes führen könnte.

Damit schließe ich diese Minireihe. Wer weitergehend interessiert ist kann sich die zugrundeliegenden Studien angucken:

siebenhundertsachen

Die Fortsetzung dieser Reihe ist durch den Anschlag in Nizza und den Putschversuch in der Türkei etwas ins Hintertreffen gekommen. Der Brexit ist so schnell schon zu News von vorgestern geworden, dass einem ganz schwindelig werden kann. Aber eigentlich war ich noch nicht ganz fertig.

Kaum schreibt man mal einige Tage nicht über den Brexit, schon überschlagen sich auf der Insel die Ereignisse. Ich denke mit Theresa Mays Regierungsumbildung ist recht klar, dass die Kosten des Brexit durch eine breite Belastung der Bevölkerung z.B. durch Mehrwertsteuer oder Abbau von Arbeitnehmerrechten finanziert werden werden.

Aber bleiben wir bei der systematischen Herangehensweise und versuchen mal in die unklare Zukunft zu blicken. Es gibt eine Handvoll Studien, die den Brexit innerhalb des letzten Jahres, also ohne Kenntnis des Abstimmungsergebnisses, simuliert haben. Die Studien kommen zu sehr unterschiedlichen Abschätzungen des Gesamtergebnisses, auch weil sie sehr unterschiedliche Rahmenbedingungen nach dem Austritt unterstellen. Zusätzlich sind langfristige…

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